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GEWERBE'MUSEUM BERN
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UM SORGFALT UNO PROMPTE
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DEKORATIVE KUNST
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Buch- und Kunstdruckerei A. Bruckmann, München.
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HERAUSGEBER: H. BRUCKMANN
MÜNCHEN UND J. MEIER-GRAEFE
PARIS # • • # BAND !•••#•••
VERLAGSANSTALT
F. BRUCKMANN A-G.
MÜNCHEN # 1898 #
' ^^H'X (I) ßii-r^
ALLE RECHTE VORBEHALTEN
VERZEICHNIS DER ARTIKEL
Seite
Ausstellungen, Moderne kunstgewerbliche 2S
Beleuchtungskörper, Moderne 4
Berichtigungen 239
Beschläge und Griffe 57
Bierbaum, O. J., Altvenezianische Druckstöcke 21
Künstlerische Vorsatzpapiere 1 1 1
Bing, S., Wohin treiben wir? I i
p ,» ,1 ,, 11 • 68
in 173
Bonnier, Louis. C. Gardelle 215
Cobden-Sanderson, T. J 152
Dammouse, Albert. E. Garnier 78
D6mocratisation du Luxe, La. F. Schumacher 212
Denkmalbauten von Bruno Schmitz, Deutsche. P. Wall6 193
Destr6e, O. G., Die Schmuckkünstler Belgiens: Georges Lemmen 105
Druckstöcke, Altvenezianische. O. J. Bierbaum 21
Empfindung in der angewandten Kunst 257
Endell, A. Formenschönheit und dekorative Kunst. I. Die Freude an der Form 75
Formenschönheit und dekorative Kunst. I. Die Freude an der Form. A. Endell 75
Gardelle, C., Moderne Kunst in der französischen Architektur: L Das Pariser Haus 177
„ „ „ M IL Der Architekt Louis Bonnier... 215
Garnier, E., Albert Dammouse 78
Gedanken 280
Glasfenster, Farbige 160
Grabmalskunst. F. Schumacher 129
Innendekoration, Belgische 199
Jubiläumsausstellung in London, Die. H. Muthesius 208
Korrespondenzen 42, 83, 133. 185, 225, 260
Künstlerischer Unterricht für Handwerker in England. H. Muthe$ius iS
Lemmen, G. Moderne Teppiche 97
Lemmen, Georges. G. O. Destr^e 105
Lichtwark, Alfred, Der praktische Zweck 24
Meissner Porzellan, Neues. P. Schumann 221
Mitte frei! H. Schmidkunz 80
Muthesius, H., Künstlerischer Unterricht für Handwerker in England 15
„ Die Jubiläums-Ausstellung in London 208
Nyrop, C.. Die Königliche Porzellanfabrik in Kopenhagen 145
Pariser Haus, Das. C. Gardelle 177
Pit, A., Der holländische Bildhauer Zyl 72
Plakate, Deutsche 211
Porzellanfabrik in Kopenhagen, Die königliche. C. Nyrop X45
Rat für Dilettanten 77
Resultat des Preisausschreibens des I. Heftes 207
Schmidkunz, H., Mitte frei! 80
Schumacher, F., Grabmalskunst 129
„ „ La D6mocratisation du Luxe 212
Schumann, P., Neues Meissner Porzellan 221
Seite
Teppiche, Moderne. G. Lemmen 97
Tervueren, Die Kolonialausstellung. H. van de Velde 38
Van de Velde, H. Die Kolonialausstellung Tervueren 38
Vorsatzpapiere, Künstlerische. O. J. Bierbaum 1 1 1
Voysey, C. F. A 241
Wall^, P., Deutsche Denkmalbauten von Bruno Schmitz 193
Wettbewerbe. 14. 184
Wohin treiben wir? I — III. S. Bing i, 68, 173
Zweck, Der praktische. Alfred Lichtwark 24
Zyl, Der holländische Bildhauer. A. Pit 72
VERZEICHNIS DER ILLUSTRATIONEN
Seite
Anker-Kyster. Vorsatzpapiere 124, 125, 129
Ashbee, C. R. Beschläge 68, 70, 71
Bastard, Marc-Auguste. Vorsatzpapiere 126
Batteux, V. Elektr. Tischlampe 209
Baudot, A. de. Architektur 179, 181
Baxter, A. H. Entwürfe 85, 86, 87
Behrens, P. Entwürfe für Schmuck, Beschläge,
Vorsatzpapiere 46, 58, 126, 228
Benson, S. Beleuchtungskörper 4, 6, 7
Berlage, H. B. Architektur 74
Berlepsch, H. E. von. Beleuchtungskörper, Be-
schläge i4i 71
Birmingham Guild, The. Beleuchtungskörper 4, 6,
16, 17
Boberg, F. Architektur 3^ 32, 33. 237
Boberg-Scholander, Anna. Vase 236
Böcklin, A. Karton für ein Glasfenster 165
Bonnier, L. Architektur etc 28—31, 215—221
Brangwyn, Frank. Teppiche 98, 100, loi, 105
Burne-Jones, Sir E. Glasfenster etc. 49> i59i 160,
162, 163
Christiansen, H. Entwürfe für Glasfenster 170,
173. 173
Cobden-Sanderson, T. J. Bucheinbände 154, 155,
156, 157, 158
Colenbrander. Teppiche 99
Cronier, O. Teppiche 102
Croon, Miss. Beschläge 69
Dalpayrat und Lesbros. Keramik 238
Dammouse, Albert. Vasen 78, 79, 80, 81
Daum Fröres. Gläser 37
Dawson, Miss. Zeichnung 88
De Bazel. Vorsatzpapiere 122
Dijsselhof. Vorsatzpapier 121
Druckstöcke, Altvenezianische 21—27
Du Bois, Paul. Zinndekoration 52
Dugdale, T. C Vignette 79, 82
Eckmann, O. Elektr. Lampen, Ornamente,
Teppiche etc. 5, 13, 20, 94, 95, 101, 127, 230, 231
Elfenbeinsaal 38
Ellwood, G. M. Klavierverzierung 83
Seite
Endell, A. Friese, Beschläge, Möbel etc. i, 4, 21,
41, 44, 57, 60, 76, 77, 226, 227, 229
Engelbrecht, K. Glasfenster 170, 172
Evaldre, R. Glasfenster 52, 169, 171, 174
Finch, A. W. Keramik 53
Friling, H. Ornamente 96
Gardelle, C. Beschläge 67
Geyger, E. M. Metallgegenstände 50, 51
Grasset, E. Glasfenster 176
Grimstone. Cretonmuster 89
Gschwend, K. Elektr. Tischlampe 208
Guild and School of Handicraft, London. Be-
leuchtungskörper 9, 10, 19
Halnon, J. Standuhr 83
Hankar, P. Architektur 39, 62, 63, 64
Heider, von. Keramik 90, 91
Heine, Th. Th. Plakat 210
Hesse, R. Glasfenster 176
Hiroshige. Holzschnitt 137
Hob6. Architektur 41
Hokusai. Holzschnitt 136
Japanische Papiere von der Firma R. Wagner,
Berlin 116
Image, Selwyn. Glasfenster 161
Jorrand, A. Teppiche 102
Kemp, Miss. Tischläufer 85
Kögel, L. Panele und Möbel 185, 186
Koepping, K. Gläser 42
Krog, Arnold. Porzellan 147, h8
Lacombe, L. Holzschnitzerei 92, 93
Lamiral. Beschläge 65 67
Lammert, E. Vorsatzpapier 128
L'Art Nouveau. Teppiche etc. 66, 98, 100, loi, 105
Lemmen, G. Beschläge, Vignetten, Teppiche,
Vorsatzpapiere etc. 61, 97, 103— 11 1, 113— 115,
128, 129, 133, 135, 136, 137, 143, 177
Lesbros. Keramik 238
Leven, H. Elektr. Tischlampe 209
Liisberg, C. Porzellan 148, 150
Seite
Majorelle. Ausstellungstisch 37
Maison Fontaine. Beschläge 67, 77
Möbius, P. Architekturen etc 334, 235
Morris, W. Teppich, Glasfenster i, 190, 191
Mortensen, C. Porzellan 149
Neureuther, Chr. Vorsatzpapier 127
Newill, Mary. Glasfenster 164
Nieuwenkamp, W. O. J. Zeichnung 141
Obrist, H. Vorhang, Beschllge 44t 57> 59
Oppolzer, E. von. Elektr. Tischlampe 207, 208
Pissarro, L. Vorsatzpapier 118
Pluniet,Ch. Architekturen, Möbeln 180, 182, 183, 233
Porzellan, Meissner 222, 223, 224, 225
Porzellanarbeiten, Dänische 145- i47> i49< 151— ^ 53
Powell & Sons, J. Beleuchtungskörper 10, 16, 19
Rasmussen, K. Vorsatzpapier 120
Rathbone. Beleuchtungskörper, Beschläge 8, 17, 70
Ricketts, Ch. Vorsatzpapier 116
Riemerschmid, R. Beschlag 66
Rohde, G. Porzellan i53
Roller, A. Plakat 213
Roth, M. Glasfenster 175
Roussel, K. X. Glasfenster i77
Rysselberghe, Th. van. Beleuchtungskörper,
Wohnungseinrichtung 20, 206
Sattler, J. Zeichnungen 13S, 140, 142
Serrurier-Bovy, G. Architekturen etc. 40. 199--202,
239
Schmitz, B. Denkmalbauten 193—198
Schmuz-BaudisSj T. Keramik 46
Schumacher, F. Grabdenkmäler etc. 130—133, 189
Seite
Schwind, M. von. Glasfenster 166, 167
Shepherd, E. C 86
Strahtmann, C. Ornament 45
Stuck, F. Vorsatzpapier 126
Thielen. Architektur 34, 35
Tiffany, L. C. Lampen, Ziergläser 11, 12, 90
Töpferwaren, Thüringer 89
Toulouse-Lautrec, H. de. Plakat 92
Toyokuni. Holzschnitt 137
Tscharmann, H. Architektur 36
Turbayne, A. A. Vorsatzpapier 119
Ule, C. Glasfenster 168, 175
Unger, H. Plakate 211, 212, 214
Ussing, St. Porzellan 149, 153
Vallotton, F. Papiermesser etc 134, 135
Van de Velde, H. Vorsatzpapier, Wohnungs-
einrichtungen etc 8, 39, 116, 203—205
Vaudremer, E. Architektur 178
Veldheer, J. G. Zeichnung 139
Vorsatzpapiere, Altdänische 123—125
Voysey, C. F. A. Entwürfe für Architekturen
etc. etc 241—246, 248—280
Vuillard, P. Glasfenster 177
Waldron, Miss. Ex-libris 87
Weiss, E. R. Vorsatzpapiere 112, 117 — 119
Wilhelm, G. Wandbrunnen 47
Wilson, H. Beleuchtungskörper 3, 15, 18
Wright, A. G. Wandfliesen 84
Yeiri. Holzschnitt 138
Zyl. Skulpturen 72-75
BÜCHERBESPRECHUNGEN
Seite
Architekt, Der (»Die Wagnerschule«). (Wien, A. Schroll & Co.) 279
Blumenkultus — Wilde Blumen von A. Lichtwark. (Dresden, G. Kühtmann) 140
Danse, La, von G. Vuillier. (Paris, Hachette & Co.) 278
Evangile de TEnfance de N. S. J. C. (Paris, Armand Colin & Co.) 277
Festdekoration in Wort und Bild, Die, von E. Bischoff und Franz Sales Meyer. (Leipzig, E. A.
Seemann) 191
Flachomamente, Moderne, von H. Friling. I. Serie (Berlin, Bruno Hessiing) 95
Formen, Neue, von O. Eckmann. (Berlin, Max Spielmeyer) 94
Haip bürg— Niedersachsen von A. Lichtwark. (Dresden, G. Kühtmann) 140
Kultur der rheinischen Städte, Die, von Boos. (Berlin, J. A. Stargardt) 138
Modelli d'Arte Decorativa Italiana von Alfred Melani. (Milano, U. Hoepli) 280
Morris, William: His Art, His Writings and His Public Life von Aymer Vallance (London, G.Bell&Sons) 189
Oude HoUandsche Sieden aan de Zuidersee (Haarlem, De Erven F. Bohn) 138
Peinture Fran^aise du IX. Sidcle ä la Fin du XVI., La, von Paul Mantz (Soci6t6 Fran9aise d'Editions
d'Art, Paris) 278
Petite Ville, La, von Jean Lorrain (Paris, Henry May) '. . . . 278
Scönes et £pisodes de THistoire d'Allemagne (Paris, Armand Colin & Co.) 278
A. ES-DEU.. Wanilfrin
WOHIN TREIBEN WIR?
VON
S. BING
Um unseren mil so glänzender Vergangenheit Zeil ruhiger, sieliger Enlwickhmgen zur Welt,
gesegneten gewerbliclien Künsten neue Lehens- Fast nie gab es in der Geschicitle, die sie
quellen zu erschHessen, die dem end-
gfdligen Verfall vorbeugen konnten,
war Eines nÖlig. Zuerst musslen
die Augen wieder sehen lernen und
die riesige Gefahr offenbar werden,
die in der beschaulichen Trägheit
lag, mil der man auf dem Erbe der
Vergangenheit schlummerte, die ruhig
zusah, wie eine Generalion der anderen
folgte, ohne eine Spur ihrer Eigen-
art zu Iiinlerlassefi.
Soweit sind wir heute bereits. Ein
neuer Wind weht über jene Kunst,
die den Schmuck des Heims zum
Zweck hal, ein Früblingswind pfeift
selbst in die verschlafensten Winkel
und rüttelt die lieben, alten Traditionen,
dass sie bedenklich zu wackeln an-
fangen. Aber wenn sich überall neue
Keime regen, niemand weiss bisher,
was sie bringen werden. Wird es
eine Renaissance sein, die mil neuen
Säften die alten Wurzeln zur BlÜte
treibt oder spriessl etwas ganz Neues
direkt aus der Erde heraus, das allem
Vorhergegangenen widerspricht und
in seiner tollen Oberhast vielleicht
weit über das Ziel schiesst?
Da liegt die Gefahr des Problems.
Der Moment ist entscheidend. Selten
hat es einen kritischeren in der Kunst-
geschichtegegeben. Die Lage erfordert
also ruhiges Wägen. Die Bewegung,
deren Entstehen wir beiwohnen, wird
fruchtbringend oder verhängnisvoll
für die Sache, der sie dienen will, je
nachdem sie der Laune des Zufalls,
der Caprice der mehr und weniger
guten Einfälle — oder dem konse-
quenten Ernst logischer, gesander
Gesetze überlassen wird.
WelcherCodex enthält diese Gesetze?
Wo stecken die Elemente jener Logik?
UnsereVorfahren imGewerbe waren
glückliche Leute. Sie kamen in einer w. Morris, waitppidi .nt wnodpwJtfr..
DEKORATIVE KVSST. ItEFT t. 1 1
WOHIN TREIBEN WIR?
machten, einen plötzlichen Stillstand, nie
daher einen plötzlichen Aufbruch in uoll-
kommen neue Gefilde. Jeder Künstler trag
in unbewusstem Communismus mit seinem
Werk zum Heil der Gesamtkanst seiner Epoche
bei; das Ergebnis eines Tages kam zu dem
des folgenden, verband und differenzierte sich
durch tausend Verschiedenheiten, deren Gesamt-
heit im Laufe der Zeit die entscheidenden Ver-
änderungen Dollbrachte.
Eines Tages wird diese gerade Linie plölz-
lich abgebrochen oder vielmehr sie läuft aus,
versiegt an Entkräflung. Und merkwürdig,
genau im selben Moment öffnet sich eine neue
Ära voll riesiger, nie geahnter Fortschritte für
alle übrigen Gebiete menschlicher Thatkrafl.
Während sich alles verändert, während auf
allen Gebieten des praktischen Lebens Ent-
wicklungen gleich Revolutionen ausbrechen,
während Erfindungen aller Art die Wissen-
schaft, die Industrie, den Handel völlig um-
gestalten und überall neue ungeahnte Arbeits-
gebiete entstehen, während Malerei, Musik,
Litteratur die höchsten Gipfel ersteigen, bleibt
die Wohnung, der Raum, in dem all das Neue
erdacht wird, vollständig unverändert, und die
tausend Dinge, die uns räumlich am nächsten
sind, werden allein von dieser mächtigen
Zeitströmung ausgeschlossen.
Nun stehen wir am Ende dieses ungeheuer-
lichen Jahrhunderts, und endlich tritt uns die
ängstliche Frage auf die Lippen, wie man
das abgerissene Ende der Tradition wieder
festbinden, mit welchen Mitteln man aus diesem
gewohnten Einerlei der intimsten Dinge, das
uns plötzlich als krasser Anachronismus in
die Augen springt, herauszukommen vermag.
Man muss zugestehen, dass diese Entdeckung
schon eine Weile hinter uns liegt; schon seit
geraumer Zeit spielen diese Ideen und haben
thatkräftige, cwbeitsame Jünger gefunden, die
bereits die Theorie in die Praxis übersetzt und
tausend Dinge geschaffen haben, um die alten
Irrtümer zu ersetzen.
Die skeptische Frage stellt sich ein, warum
diese Spanne von Jahren seit dem bewussten
Erwachen noch nicht genügt hat, um eine
reiche Ernte von greifbaren Resultaten zu
reifen, warum die neue so offenbar unwider-
stehliche Richtung noch nicht auf der ganzen
Linie gesiegt hat, warum wir noch nicht
einmal absolute, bestimmte Fingerzeige besitzen,
die uns den Weg, den die Entwicklung
nehmen wird, mit Sicherheit vorzeichnen.
Unzweifelhaft müssen versteckt liegende
Gründe die Anstrengungen niederhalten. Diese
gilt es zu finden. Das einzige Mittel, die
Zukunft zu ergründen, ist, sich über die Ver-
gangenheit klar zu werden. Suchen wir die
schädlichen Elemente und sehen wir, ob sie
unschädlich zu machen sind. Man wird dem
richtigen Wege nahe kommen, wenn man
weiss, welche Wege falsch sind.
Der erste Protest gegen die gänzliche Ver-
nachlässigung der dekorativen Künste ging,
vor nunmehr bald einem halben Jahrhundert,
von England aus, und RVSKIS w<ir sein
Prophet. RuSKiS's empfindsame Dichterseele
litt unter der Hässlichkeit, die ihm auf Schritt
und Tritt den Blick vergiftete, und der Ver-
gleich seiner Zeit mit den glänzenden Stil-
epochen demütigte ihn. Grosses Vermögen,
ein lebhafter Bethätigungstrieb und eine ganz
unabhängige soziale Stellung, die ihm erlaubte,
seine Zeit nach seinem Willen zu verbringen,
bestimmten ihn zum Vorarbeiter an dem neuen
Werke des Heils. Er besass die rechte Kampfes-
lust, in seiner Feder eine glänzende Waffe,
in der Gewalt seiner Rede unwiderstehliche
Cberzeugungskunst. Damit zog er von Stadt
zu Stadt, von Land zu Land, überall predigend ;
die Nächte schrieb er. Er Hess sich zum
Kunstprofessor an der Universität von Oxford
ernennen, gründete Zeichenschulen, hielt selber
Unterricht, gab grosse Summen für neue
Museen, errichtete mitten im Lande Fabriken,
wo mit der Hand Stoffe gewebt und die für
den * Homespun* bestimmte Wolle gemacht
wurde, die dem Stoff die Güte alter Zeiten
wiedergab. Sein Erfolg war sofort beispiellos.
Man riss sich um seine Bücher, um jede neue
Broschüre, und mancher, der nur zur Hälfte
seine Prinzipien begriff, wurde darum nicht
weniger sein warmer Anhänger.
Eines half ihm vor allem. Er fand Menschen,
begeistert wie er, die Künstler waren und sofort
seine Ideen praktisch in die Künste und Gewerbe
übertrugen, so DANTE G. ROSSETTI, Madox
Brown, Birne Jones, Walter Grane, so
William Morris.
Alle diese Künstler waren mit RUSKIN über-
zeugt, dass nur in der Vergangenheit eine
reine Schönheitsharmonie, ein tief ideales
Kunstschaffen zu finden sei. Und darin hatten
sie recht.
Aber sie alle erblickten infolgedessen das
Heil ihrer Zeit nur in der Rückkehr zu den
Wegen der Alten, in einer individuellen Nach-
ahmung ihrer grossen Vorgänger, ohne sich
um den Unterschied der Zeiten zu bekümmern.
Und darin hatten sie unrecht.
Denn gerade was die grossen Kunstepochen
immer besitzen, das ist die vollkommene Har-
monie zwischen dem Geist einer Zeit und ihren
Werken, die fein reagierende Schöpfungskraft,
die die Kunstform ändert, sobald sich das in-
WOHIN TREIBEN WIR?
letlektueUe Leben der Völker ändert. Wenn einer
der grossen Alten heute zurückkäme, er würde
der Jüngsten einer sein und das Ideal, dem
er früher gedient, das damals der Zeit, heute
nicht mehr der unsrigen entspricht, weit von
sich werfen. Das Typische an den Grossen
ist ihre Eroberungskraft. Sie sind immer
Umstürzler.
RVSKIN flüchtete aus Hass gegen die Gegen-
wart in die Vergangenheit und er wollte seine
ganze Mitwelt mitnehmen. Er predigte, dass
jeder Mensch, selbst der Ärmste, in seinem
Haus einen Hauch von Kunst haben müsse,
and dabei uerschloss er durch seine Theorie,
durch die Absperrung aller modernen Hilfs-
mittel die einzige materielle Möglichkeit, seinen
Wunsch zu verwirklichen. Er hätte am liebsten
die Eisenbahnen abgeschafft, weil sie die
Schönheil der Landschaft gefährden.
Die Träumereien seiner Malerfreunde illu-
sirierten diese Tendenz in glänzender Form und
führten immer weiter fernab von der Gegen-
wart zurück in die heroischen Zeiten. Aber
das Heldentum dieser Zeiten vermag nicht
der Gegenwart Jugendfrische zu geben, und
die Stärke der Zeit, in deren Erinnerung man
schwelgte, hat nichts von der Gedankenblässe,
die in den Bildern RossETTl's und der anderen
schlummert.
William Morris wurde die gewerbliche
Essenz dieser Kunst. Er setzte seine uner-
schöpfliche Gestaltungskraft, seine ganze, schier
unbegreifliche Energie ein zur Popularisierung
der Gedanken seines Freundes RUSKIN. Er
wurde der grosse Reformator des englischen
Hauses und alles dessen, was den dekorativen
Künsten gehört. Fenstermalereien, Stoffe,
Tapeten, Mobilien, Keramik, Buchgewerbe,
alles umfassle er mit gleicher künstlerischer
Liehe, alles wurde von ihm zu einer harmoni-
schen Gesamtheil geeint, einfach und ge-
diegen, künstlerisch und in allen Teilen stets
streng der Art der verarbeiteten Materialien
entsprechend.
Morris ist der Erwecker. Ihm, dem jüngst
verstorbenen, verdankt die moderne gewerb-
liche Bewegung den Ansloss, und es bedurfte
eines Mannes seiner Art, um dem Sloss fort-
wirkende Kraft zu geben.
Aber seine grosse Schöpfung trägt den
Stempel der Kunst, der sie entsprang : siets ist
es die Vergangenheit, die durch Morris
schöpferisch wirkte. Und der Archaismus
seiner Werke hält unsere Zeit ab, sie als ihre
wahren Kinder zu grossen.
Durch ganz Europa ging ein Schrei des
Entzückens, als England mit seiner Schöpfung
hervortrat. Noch ist sein Echo in allen Ländern
WILSON fSrtlr 10)
zu vernehmen. Aber in England selbst scheint es
stiller geworden zu sein; dem schönen Ansturm
ist nicht der breite starke Fortschritt gefolgt.
Ein Moment des Slillslandes ist eingetreten,
England seufzt unter der Macht seiner Er-
innerungen. Das Mobiliar scheint in einer loten,
engen Formel, die nichts anderes als ein er-
weiterter Queen -Anne -Stil und, wenn man
weiter sieht, ein Abkömmling der flämischen
Renaissance ist, zu versinken. Wohl drängt ein
kräftiger künstlerischer Wille in bedeutenden
Schülern von Morris, in erster Linie VoYSEY
u. a. zum Fortschritt. Ob er aber genügt?
Wenn England für die Zukunft dleFührung
derBewegung erobern will, muss ein neuerWind
sich hinter seine erschlafften Segel setzen.
(Ein zweiler Aufsalz folgt.)
-4, ENDELL, Wandfrir.
MODERNE BELEUCHTUNGSKÖRPER
Bei der Lampe eryiebl sich die Neuerung
in gewerblicher Hinsicht von selbst. Schwieriger
ist, den Stuhl, den Tisch durch neue Formen
zu ersetzen; wir haben von den Allen vor-
zügliches, von dem Empire und der Queen-
Anne-Epoche einfaches, brauchbares Mobiliar
geerbt, und die physischen Bedürfnisse, die
hier mitsprechen, haben sich zwar modifiziert,
aber niclil so entscheidend verändert, dass dem
Laien die Notwendigkeit neuer Formen aus
anderen als ästhetischen Gründen ohne weiteres
in die Augen springt. Anders in der Be-
teuchtungsfra^e. Die Entwicklung, die sich
in unserem Jahrhundert von der Öllampe zum
Gas, vom Gas zur Elektrizität vollzogen hat,
bat eine Welt zwischen früher und jetzt ge-
legt: zwischen der Öllampe unserer Grossoäler
und einer Glühlampe ist kein geringerer Unter-
schied als zwischen der Postkutsche und dem
Eisenbahnwagen. Die in der Entstehung wie
in der Äusserung vollkommen veränderte Licht-
materie musste notwendig neue Formen für
die Träger des Lichts mit sich bringen. Das
Bassin der Öllampe musste sich bei der
Petroleumlampe wesentlich vergrössern, was
wiederum eine solidere Konstruktion der Lampe
nötig machte. Eine vollständige Umgestaltung
des Beleucblungswesens trat aber erst ein, als
man die Verwertung des
Gases gelernt hatte. Erst
das Gas, das eine Leitung
der Materie von einem im
Hause gelegenen Zentrum
aus mit sich brachte, machte
die Lampe zu einem voll-
berechtigten Rtückderlnnen-
dekoration, indem es die An-
lage fester Beleuchtungs-
punkte durch Kronleuchter,
Wandarme etc. nicht nur
erleichterte, sondern ratio-
nellerweise auch notwendig
machte. Die Erfindung der
Elektrizität erweiterte die-
selbe Tendenz bis ins Un-
begrenzte. Während die
offene Gasflamme sich in re-
GUiLD spektvoUer hntfernung von
der Wand zu hallen hatte, dringt das ge-
schlossene elektrische Licht überall hin und
macht Beleuchtungswirkungen möglich, an
die früher nicht zu denken war.
Trotz des ungeheuren Aufschwungs der
Gas- und elektrischen Beleuchtung ist die
Petroleumlampe noch nicht verdrängt und
zwar mit
Recht. Wäh-
rend Gas und
Elektrizität
immer den
besten Stoff
für die stabile
Beleuchtung
liefern wer-
den, bleibtdas
Petroleum ein
praktischer
Körper fürdie
mobile
Lampe, so
sehrauchGas s. iienson
und Elektri-
zität auch dieses Gebiet umstreiten. So
kommt es, dass wir den drei verschiedenen
Materien entsprecliend drei verschiedene mobile
Lampenarten besitzen; bei der Petroleumlampe
ist das Bassin die natürticlie Hauptsache, die
die Form der Lampe bestimmt, bei dem Gas
das Rohr, bei der elektrischen Lampe der Draht.
So einfach diese Bestimmung erscheint, die
Industrie entschliesst sich nur langsam, ihr
zu folgen, und es gehört heute noch zu den
Seltenheilen, Lampen zu finden, die nach
.diesem selbstverständlichen Prinzip konstruiert
sind. Zum Teil trägt hieran der allgemeine
Verfall des Gewerbes Schuld, der Brauch,
alte Stilformen für neue Bedürfnisse zu ver-
wenden; zum Teil auch ökonomische Gründe,
der Wunsch, einmal vorhandene Modelle aus-
zunutzen und sich der notwendigen Neuerung
nur durch eine praktische äusserliche An-
passung zu entziehen. Es giebt Träger für
elektrische Lampen, die früher mit Gas und
noch früher mit Petroleum bedient wurden.
Auch sträubt sich ein unklares Luxusbedürfnis
immer noch gegen die sachliche Darstellung
OTTO ECKMANN GnrfzI. gaehOtit
MODERNE BELEUCHTUNGSKÖRPER
^
THE BIRMINGHAM GÜILD
des Nützlichen, man zieht noch immer im
grossen Publikum eine möglichst unsinnige
Renaissancefigur, deren Mund sich zu einer
Gasflamme erweitert, einem einfachen Gas-
arme vor, der nicht mehr sein will, als er ist.
Natürlicheruieise waren England and Ame-
rika, die Länder, in denen die neue gewerb-
liche Bewegung geboren wurde, auch auf dem
Gebiete des Beleuchlungswesetis die ersten
künstlerischen Neuerer. Es half ihnen ihre
Priorität in der rein praktischen Frage. Das
elektrische Licht fand zuerst in Amerika, wo
es entdeckt wurde, Verbreitung, und mit
amerikanischer Geschwindigkeit die spezifische
praktische Ausnutzung, die ihm zukam. Man
hatte schon vorher in amerikanischen Bureaus
die besten, weil praktischsten, branchbarsten
Gaslampen. Der Wunsch des Amerikaners
und Engländers, in seinem Geschäft Jeden an-
sachlichen Zierat zu vermeiden, wohl aber,
den einfachen Nützlichkeilsformen möglichst
gediegenes Aussehen zu geben, verbesserte die
rein materielle Seite; man bevorzugte so viel
wie möglich das blanke Messing, das bei uns als
»cuivrepoli* fast ein Luxusmetallgeworden war;
der Londoner Benson machte auf dieser Basis
den ersten Schrill in die neue Ästhetikder Lampe.
Bbnson's Einfluss auf die ganze neue Be-
wegung ist unschätzbar. Er wagte in einer
Zeit, als man in der gedankenlosen Nachbildung
alter Stile schwelgte, dem Publikum Melall-
gegenslände zu bieten, die teurer als die gang-
bare Ware und trolzdem frei von jedem Prunk,
ja in älterem Sinne jedes Schmuckes bar
waren. Er mutete seinen Kunden zu, sich
Lampen in ihre Salons zu hängen, die sich
anscheinend nur wenig von den Lichllrägern
unterschieden, die die Bureaus des reichen
Kaufmanns erleuchteten, der gewohnt war,
in seinem Hause ganz das Gegenteil von dem,
was ihn in seinem Kabinett umgab, zu finden.
Benson setzte zuerst die Thorheit ins Licht,
die zwischen dem Mann der Arbeit und dem
der Ruhe prinzipiell unterscheidet und ver-
langt, dass man in Renaissanceräumen ver-
gisst, was man in vier nackten Wänden ge-
arbeitet hat. Er deckte als einer der ersten
die Notwendigkeit auf, dass der Luxus, der
das Leben verschönt, das Notwendige zu er-
gänzen, aber nicht zu verunstalten habe; er
fand, dass der Mann der Praxis, der Kauf-
mann, der Techniker, kurz, der moderne Er-
werbsmensch, der mil sachlichen Argumenten
zu rechnen gewohnt ist, in seinem Hause nicht
durch die grelle Unsachlich keil, wie sie in arran-
gierten Renaissance- oder Rokoko-Gaslampen
steckt, zu einer unbewusslen Verleugnung seiner
Persönlichkeit gezwungen werden dürfe.
MODERNE BELEUCHTUNGSKÖRPER
BENSONhatden Aas-
gangspunkt fi'ir die mo-
derne Lampe gegeben,
den Anfang. Man hat
längst Besseres, aber
man wird nie etwas
Gates finden, das sich
prinzipiell von dem
s. «f.vso» praklischenSlandpunkl
enifernf, den er ange-
geben hat. Darum zählt
sein Wirken in der Geschichte der modernen
Lampe, ja es ist unentbehrlich und wichtiger
als manche sehr viel ästhetischere Folge-
erscheinungen. Er wollte in erster Linie
gute Lampen machen, Dinge, die unverhüllt
ihrem richtigen Zuxckdienen, under zog es vor,
lieber auf den Schmuck zu verzichten als die
Zweckdienlichkeit im mindesten zu schädigen.
Er zeigt im Gasarm die einfachste Form : das
Rohr, das zur Lampe auswächst. Er befestigt
das Rohr mit einer einfachen, hübsch gedrehten
Scheibe an der Wand and nimmt als Lampen-
schirm oder Glocke die Form und das Material,
die dem Zweck am besten entsprechen. Der
ästhetische Werl schlupft fast wider Willen
hinein. Er liegt in einer ganz feinen,
scheinbar willkürlichen, in V"
höchst berechneten Riegung
die eine graziöse, elegante Li
in der Zasammenstimmung
polierten Messings mit der
Stoffs, der in den Schirm
ist, oder der Glas färbe dei
Glocke, zu der ihm J. PoWE
and ähnliche tüchtige moc
fabriken das Material liefet
in Nuancen. In der Pein
Benson's ist scheinbar alle
straktion geopfert, und doch
ganz darin, die Grazie, die i
guten amerikanischen Riegel
die sich von selbst zu er-
geben scheint, wenn der
Zweck in idealer Weise er-
reicht ist, und die durch eine
Kleinigkeit gefördert, durch
eine Kleinigkeit zerstört wer-
den kann. In den Trägern
der elektrischen Lampen
wird das schmückende Rei-
werk am leichtesten moti-
viert. Die Schnur, die den
Stromdraht enthält, muss
irgendwie geleitet werden,
sei es wie bei Wandlampen
über ganz einfache, aus
der Wandbefestigang ent- s. bbnson
wickelte Stützpunkte, die sich aus sich
schneidenden Linien ergeben, oder über ein
einfaches RIattmotiv oder endlich durch ge-
ringelte Melallstäbe, eine höchst glückliche Er-
findung.
Wir haben die ganz einfachen Formen Ben-
son's nicht wiedergegeben, weil sie durch l'Art
Nouveau in Paris, den Hohenzollern Razar u. a.
genügend bekannt geworden sind und sich
schwer so reproduzieren lassen, dass ihr ganz
verschwiegener Reiz im Bilde erscheint; wir be-
schränken uns auf ein paar der neuesten Mo-
delle, unter denen die Abbildung aufS. 6 rechts
die einen gleichzeitig nach oben und nbch unten
Licht gebenden
Kronleuchter zeigt,
dieses Arrange-
ments wegen Inter-
esse verdient. Die
besten Benson's
sin dimmer die ganz
einfachen, ohne je-
den Zierat andobne
jede Komplikation,
und zwar sowohl s. benson
in Messing wie in
Eisen — die eisernen sind vielleicht noch
' ■ I. Sobald Renson deutlich
ken versucht, verliert er die
ide Sicherheit. Manche seiner
ünnen ' Metallblätfer, die er
unter die Lampen ausbreitet,
as Auge mit ihren scharfen,
Umrissen, an denen man
bleiben meint. Dieser Fehler
erwähnten Kronleuchter, der
e, am Rande sanft umgebogene
lachung trägt, vermieden,
cht gleichwertige , nur zu-
ckliche Variation des Ren-
en Genres vertritt die in erster
trch ihre köstlichen Gläser be-
rühmte, oben erwähnte
Londoner Firma J. Powell
& Sons, bei der zu oft der
spielerische Gtascharakter
die Lampe bestimmt.
Ganz bewusst lehnen sich
die Belgier VAN DE VeldE,
HoRTA und Rysselberghe
an das RENSON' sehe Prinzip
an. Gerade sie, denen die
Einfachheit Evangelium ist,
musste Renson beeinflassen.
Aber es ist eben nur das
Prinzip, das sie herüber-
genommen haben und das
sie herübernehmen mussten.
MODERNE BELEUCHTUNGSKÖRPER
da man sich nicIU
gegen eine Sache
zu uerschliessen
vermag, die man
als vollkommen
erkannt hat. Im
Gewerbe hat die
Originalität ein
anderes Gesetz als
in der reinen
Kunst; hier hat
der Eigendünkel,
der durchaus et-
was Neues schaf-
fen will und der
aus der modernen
Malerei diese
Speisekarle von
Sensations-
haschereien ge-
macht hat, sich
unier Umständen
wichtigeren Fak-
toren zu fügen.
Die Belgier stre-
ben nach En-
sembles, in denen
der Beleuchtungs-
körper nur ein
Faktor unter vie-
- H. VAN üE VELDE len anderen ist.
Man kann ihn
daher kaum für sich allein betrachten;
immerhin wird man auch hier die reine,
gediegene und wohl überlegte Eleganz, die
jedes Werk VAN DE Velde's auszeichnet, die
mehr bizarre Note HORTA's, des bedeutendsten
Architekten Belgiens, die einfache Vornehmheit
HysselbergHE' scher Gegenstände erkennen.
Das wirkliche Verständnis für diese Sachen
wird aas unseren Spezialaufsätzen aber die er-
wähnten Künstler mit Reproduktionen ihrer
Zimmereinrichtungen heruorgehen.
Alle die bisher betrachteten Lampen sind
Gusswerk. An Qualität des Gusses ist Benson
unerreicht; YAN DE Velde gelingt es erst jetzt,
ihm auch in dieser rein technischen Frage bei-
zukommen. Zweifellos liegt in der Reinheit
des Stoffes ein unenlbehrticlter Reiz dieser
einfachen Sachen. — Was sonst in England
und anderen Ländern an bemerkenswerten
Lampen gemacht wird, ist fast ausschliesslich
Handarbeit and zwar entweder getriebene oder
Schmiedearbeit. Das beeinträchtigt die rein ge-
werbliche Bedeutung der folgenden Arbeiten.
Der wohlthäiige Einfluss Benson's ist nur
durch die Massenfabrikation, die er betreibt,
möglich geworden; wir leben im Zeitalter der
Maschinen, und es ist kein geringes Verdienst
Benson's, bewiesen zu haben, dass man auch
mit den ganz modernen Mitteln der Massen-
herstellung künstlerische Werte geben kann.
Zweifellos kann das Streben des modernen Ge-
werbes nicht dahin gehen, Dinge herzustellen,
die nur mit der Hand gefertigt werden können.
Die Amerikaner haben die Maschine auch
für andere Gebiete in dieser ausgezeichneten
Weise ausgenutzt, in Europa ist in dieser
Hinsicht Benson meines Wissens noch immer
der einzige.
Gleich einfach aber natürlich durch das
getriebene Material überlegen scheinen mir die
Lampen der Birmingham Guild, die trotz des
Vorhergangs Benson's erreicht haben, selbst
im Einfachsten durchaus unabhängige Modelle
zu schaffen. Bei ihnen liegt der ganze Reiz in
der scheinbar anwesentlichsten Einzelheil.
Wie die kleinen Schmiedestücke gezeichnet
und aufeinandergenietet sind, die einfache und
doch immer elegante Komposition der tragenden
Linien, das vorzügliche Material — alles das
giebt zusammen ausgezeichnete Gesamtwir-
kungen, die dem Liebhaber einfacher Art
wertuoll sind.
Rathbone in Liverpool folgt denselben ge-
sunden Prinzipien. Seine getriebenen Leuchter
und Lampen sind wahre Muster einer glück-
lichenVereinigung von Geschmack und Solidität.
Einen sehr wesentlichen Fortschritt in ästhe-
tischer Hinsicht verdankt das Beleuchtungs-
wesen der ersten modernen englischen Gilde,
The Guild of Handicraft in iMudon, deren
liöchsl verdienstvoller Gründer und Leiter
RATHBONE
MODERNE BELEUCHTUNGSKÖRPER
THE GUILD AND SCUOOL OF HANDICRAFT. LONDON
DEKORATIVE KUNST. HEFT t. 9 *
MODERNE BELEUCHTUNGSKÖRPER
/. POWELL A SONS
ASHBEE eine Reibe oorzüglicber Beleuchtungs-
körper entworfen hat, die in dieser Guild
unter seiner Aufsicht ausgeführt worden sind.
ASHBEE ist die Verschönerung des einfach
Nützlichen gelungen; er benCdzl die grosse
Geschicklichkeit seiner Leute für gel rieben e
Sachen. Aber er missbrauchl sie nicht für
Überflüssige Zwecke. Sein bestes Werk ist
der einfache Stern (nebenstehende Figur), der
fünf elektrische Lampen Irägl, und hinter jeder
von ihnen ein getriebenes, schön geformtes
Kupfer-Oval, das das Licht zurückwirft. In
Figur S. 9 oben rechts stattet er die an der
Wand befestigte Fläche vorteilhaft aus, lässt
sie aber überall do ganz glatt, wo das Metall
zu reflektieren vermag. Sehr geschickt ver-
bindet er Eisen mit Kupfer und bevorzugt
das erstere zu den beanspruchteren Teilen,
während das Kupfer immer für die Flächen
benutzt wird. In der Stilisierung sucht er sich
immer mehr von der landläufigen moderni-
sierten Gotik zu entfernen und trachtet nach
einfacheren, immer mehr rein ornamentalen
Entwürfen, In Figur S. 9 unten links hat
er die allromanische Form der Gürtelkrone
erneuert, die sich gerade ihrer Ketten wegen
für die Leitungsart der elektrischen Lampen
eignet.
H. Wilson in London hat diesen Typus
für seine Kirchenlampen noch erweitert und
benutzt die Form auch für Flurlampen, für
die sie besonders deswegen geeignet erscheint,
weil sie die zuweilen unschön grosse Ent-
fernung zwischen Plafond und Lichtquelle
durch die Unterbrechungen der getriebenen
Schmuckstücke verkürzt.
In allen diesen gelungenen Arbeiten kann
man mehr oder weniger eine Erweiterung ■
des BENSON'schen Prinzips erblicken. Auf
ganz anderem Boden steht Lovis C. Tiffany in
New York. Bekanntlich ist die amerikanische
dekorative Bewegung und in erster Linie die
Glaskunst LA FargE's und TiffanY's stark
von älteren orientalischen Arbeilen beeinpusst.
TlFFANY hat verstanden, auf dieser für Europa
fast neuen, weil unbekannten Basis eine voll-
kommen originell angewandte Kunst zu ent-
wickeln. Das grosse Haus, das er in New
York gegründet hat und das heute fast alle
gewerblichen Zweige umfasst, fing mit dem
Glase an, und das Glas ist seine beste künst-
lerische Äasserungsart geblieben. Eine Unzahl
von Nachahmungen hat das Genre über die
ganze Welt verbreitet; das amerikanische
Glas ist zum festen Betriebsmaterial für alle
besseren modernen Glasereien des Kontinents
geworden. Nur die Vase, das in einem Stück
geschaffene Glasobjekt ist TiFFANY ziemlich
allein geblieben, wenigstens bat die Nach-
ahmung nicht annähernd die Güte des Ori-
ginals erreicht. Kein Wunder, dass die Lampen
TiFFANY's diese Entwicklung verraten. Sie
sind in erster Linie Glasapplikationen und ibr
gewerblicher Wert bestimmt sich nach der
Art dieser Verwendung. Die ersten Beteuch-
THE r.riLn & SCnOOL OF H.^NDICR.tFT. LONnt
MODERNE BELEUCHTUNGSKÖRPER
L. C TIFFANY, SEW yOKK
lungskörper waren ganz vom Orient beein-
flusste Glaskombinationen, sehr häufig Spiele-
reien einer glücklichen Phantasie, im ganzen
mehr Luxusgegenstände als Lampen. Das
Berliner Geuterbemuseum besitzt die besten
Modelle dieser ersten Zeit und Lessing hat
sie in einem Aufsatz der WESTERMANN'schen
Monatshefte vom Oktober i89i, auf den hier
nachdrücklich verwiesen sei, wiedergegeben.
Seit ihrer Herstellung ist eine Reihe von
Jahren verflossen, die TiFFANY nicht unbenutzt
gelassen hat. Wir bringen eine Anzahl Pe-
troleumlampen, ausgestellt in dem Salon
rART NOUYEAU in Paris, die den grossen
Fortschritt deutlich verraten. Es ist nicht
schwer, in ihnen die Vase zu erkennen, ihren
wesentlichsten Bestandteil, dem die Lampe
augenscheinlich ihre Entstehung verdankt.
Aber wenn diese Entstehungsweise, die Vor-
herrschaft des Mittels aber den Zweck des
Werkes, gewerblich nicht gerechtfertigt ist,
so kann man doch nicht leugnen, dass das
Resultat in vielen Fällen gelungen ist, und es
ist ein gesunder Zug, der TiFFANY trieb, seinen
kostbaren Vasen eine nützliche Verwendung
zu geben. Das Material ist so solid, dass es
das Metall zu ersetzen vermag, dazu ist die
Montierung in Bronce oder Silber zweckent-
sprechend entworfen. Nur fällt die Bevor-
zugung rein indischer oder Empire-Motive
auf. Wozu orientalische Perlenkettchen und
Zierate, wozu die Kranzgewinde des Em-
pires? Eine ganz einfache Montierung in
einem der Farbe nach entsprechenden Metall
würde zuweilen den Mangel eines primären
gewerblichen Standpunktes verdecken und nach
unseren Begriffen die Schönheit des Glases
mehr zur Geltung bringen. Manchmal tritt
auch der Charakter der Vase über das ge-
hörige Mass in den Vordergrund. Sobald der
Petroleumbehälter eine Höhe von fast einem
Meter erreicht, ist es schwer möglich, die
rechte Proportion für den eigentlichen Be-
leuchlungskörper zu geben. Ausserdem wird
die Lampe fast untransportabel und macht
den Eindruck eines Kolosses, der nur selten
richtig im Zimmer plaziert tverden kann.
Die glänzende künstlerische Wirkung des
Glases, die so packend eben nur bei einer
gewissen Grösse der Vase möglich ist, vermag
nicht über die monströse Vorstellung eines
mit dem entsprechenden Quantum Petroleum
gefüllten Behälters hinweg zu helfen. Denn
dass tbatsächlich nicht der ganze Hohlraum
mit Petroleum gefüllt wird, sondern nur ein
verhältnismässig äusserst geringer Teil, der
durch das be-
kannte ver-
steckte
Becken, das
man bei un-
seren meisten
{Hänge-
lampen für
Petroleum
findet, abge-
grenzt wird,
ist ein Aus-
kunftsmitlei,
das als Vor-
spiegelung
P falscher
Thalsachen
der Ästhetik
des Gewerbes
widerspricht.
Diese klei-
nen Einwen-
dungen ver-
l mögen die
'grosse Be-
deutung der L. C. TIFFASY, SEW YORK
MODERNE BELEUCHTUNGSKÖRPER
Lampen
TiFFANY's
[nicbi zu
schmälern.
Sie Hegt vor
allem in der
Möglichkeit
einer schö-
nen Pracht-
wirkung
izung des ge-
Gebrauchs-
in den bisher
n Modellen
Kreits erreicht
• in den zii-
noch weiter
g werden wird.
Deutschland ist an der
Schöpfung moderner Be-
V. BERLEPSCH leuclitungskörper bisher
nur gering beteiligt. Die
grossen Geschäfte Berlins beschränken sich
auf rastloses Nachahmen amerikanischer und
englischer Modelle. Die Arbeit ist zuweilen
gut, zugleich billiger als die ausländische Ware,
manchmal wagt man auch eine kleine Modi-
fikation, indem man nicht einem, sondern
mehreren Modellen zugleich entlehnt, aber
irgend ein neuschöpferischer Zug ist bisher
noch nicht zu entdecken und das fällt bei
der grossen Bedeutung, die in Berlin und
anderen deutschen Grossslädten der Beleuch-
tangsfrage zugewiesen wird, doppelt auf.
Neuerdings haben sich in München einige
moderne Künstler mit Handarbeiten der Frage
zugewendet, an ihrer Spitze Otto Eckmann,
der bereits mit seinen ersten Versuclien auch
auf diesem Gebiete Erfolg gehabt hat. Wir
bilden eine Anzahl seiner Leuchter ab, die
alle den Vorzug gefälliger Formen und vor
allem der unbedingten Unabhängigkeit von
anderen Modellen besitzen. Die Grundkom-
posilion ist immer verständig und einfach;
in dem Schmuck wird man leicht einen Nieder-
schlag der Vorliebe ECKMANN's für einfache
Natur, namentlich Blaltmotiot entdecken, die
in allen seinen übrigen Arbeiten zu finden ist.
Er hat nichl umsonst seil Jahren an der
zeichnerischen Ausbildung seiner zweifellos
hohen dekorativen Begabung gearbeitet. Jeden-
falls scheint Eckmann am meisten für die
Frage befähigt, und zwar glaube ich nicht
nur an seine Bedeutung vor dem deutschen
Urteil, das Arbeiten wie die vorhandenen mit
grössler Freude begrüssen sollte, sondern auch
vor der internationalen Kritik; ich bin über-
zeugt, dass Eckmann auch den Engländern
z. B. Anregung geben könnte. Die technisch
vorzügliche Ausfüheung und den Verkauf
dieser Lampen hat die Münchner Firma
Jos. Zimmermann & Co. übernommen.
Nicht so gelungen sind VON Berlepsch's
Leuchter; wir geben nur ein ganz einfaches
Modell wieder, das uns am besten gefällt, weil
es von der gefährlichen Tendenz, die deutsche
Renaissance zu naturalisieren, frei ist, die man
bei den übrigen findet. Der nationale Gesichts-
winkel, der dabei mitspricht, ist sicher warm
zu verteidigen, nur vergisst V. BerlepscH,
dass in erster Linie das steht, was unsere
Zeit von einem Beleuchtungskörper verlangt;
dass es sich vor allem darum handelt, moderne
Ansprüche an den Gebrauchswert zu befriedigen,
und dass die Form nicht irgend eiiitem Stil,
sondern in erster Linie der solchen Bedürf-
nissen Rechnung tragenden Konstruktion zu
folgen hat.
Wir verzichten auf ein wichtiges Gebiet der
modernen Beleuchtungsfrage, auf Ensemble-
Licht Wirkungen, wie sie in den Strassen-,
Theater- und anderen Beleuchtungen angestrebt
werden, einzugehen. In dem Aufsatz über die
Ausstellungen wird bei der Besprechung der Cen-
tralhalle in der Hamburger Gartenbau-Ausstel-
lung und an anderen Stellen diese höchst
wichtige Frage gestreift, in der bis zu ge-
wissem Grade die Zukunft liegt, die den Be-
leuchtungskörper immer mehr als einen Teil
der Innen- und Aussendekoration behandeln
wird, der, allein betrachtet, seine Bedeutung
verliert.
Wir hoffen, dass unsere Darlegungen den
Erfolg unseres unten folgenden Preisaus-
schreibens erleichtern werden, und nicht nur
die Künstler, sondern auch die modernem
Geschmack zugänglichen Architekten und
Handwerker zur Beteiligung anregen. Denn
die Lampe ist wie jeder Gebrauchsgegenstand
in erster Linie eine Konstruktion, die nur von
sachlich nachdenkenden Köpfen gelöst werden
kann. Die Jurg wird daher die praktische
Bedealnng zum massgebendsten Faktor ihrer
Entscheidung machen. — f —
WETTBEWERB für den Entwurf
einer modernen transportablen,
elektrischen Tischlampe.
I. Preis WO Mark.
II. Preis 50 Mark,
III. Preis 20 Mark.
Die näheren Bedingungen sind auf der
zweiten Unischlagseile dieses Heftes abge-
druckt.
A. ESDELL, Wandfrits
KÜNSTLERISCHER UNTERRICHT
FÜR HANDWERKER IN ENGLAND
VON
H. MUTHESIUS
Es sind in diesem Jahre gerade 60 Jahre
verflossen, seitdem in England die erste Kunsl-
gewerbescbule gegründet wurde; man halle
also mit dem Jubiläum der Königin zugleich
das 60jährige Bestehen des englischen Kunsl-
geiverbeunterrichls feiern können. Von der
Mille der fünfziger Jahre ab siebt dieser
Cnlerrichl in fast ausschliesslicher Abhängig-
keil imn dem Soulh Kensington-Museum. Die
Gründung dieses Instituts war bekanntlich ein
Ergebnis der auf der ersten englischen Ge-
werbe-Ausstellung gesammelten ungünstigen
Erfahrungen. Man war sich darüber einig,
dass zur Hebung des darniederliegenden Hand-
werks irgend etwas geschehen müsse und schuf
t8,'i3 das Department of Science and Art zur
Unterstützung des technischen und kunstge-
werblichen Unterrichtes. Im Jahre 1857
bezog dieses seinen Stammsitz in South Ken-
sington.
Alle Welt weiss jetzt, was man dieser Grün-
dung zu verdanken hat. Sie hat den Samen
eines bessern Geschmacks über ganz England
ausgestreut, sie hat einen geordneten Zeichen-
unterricht ins Leben gerufen und in der
Metropole eine kunstgewerbliche Sammlung
allerersten Ranges geschaffen. Aber noch mehr,
sie ist vorbildlich für das Festland geworden,
und das ist gewiss ein Triumph für ein
Land, das so arm an Kunstüberlieferungen
ist wie England. Wer heule eine Geschichte
der modernen Renaissance des Kunstgewerbes
schreiben wollte, hätte mit der Gründung des
South Kensington-Museums zu beginnen.
Seine Verdienste sind denn auch genugsam
hervorgehoben worden, und man ist sieb der
grossen Kulturaufgabe, die es erfüllt hat, uoll-
ständig bewussf. Trotzdem sind in neuerer
Zeil Zweifel aufgetaucht, ob es nicht seine
Mission, den Untergrund für ein allgemeines
Kunstverständnis zu schaffen, nunmehr erfüllt
habe, und ob man nicht zu einem Kunst-
unlerricbt übergehen solle, der auf einer in-
timeren, verliefteren Auffassung des Wesens
der Kunst beruht. Als man um die Mitte
dieses Jahrhunderts anfing, die traurige Nieder-
lage unseres Gewerbes zu begreifen, sah man
den Weg zu einer Besserung in einer Art
Übertragung der Kunst auf das Handwerk.
Unter beiden Begriffen stellte man sich ge-
trennte Gebiete vor, aus ihrer gedanklieben Ver-
einigung entstand das Wort 'Kunstgewerbe'.
Fangen wir nicht heule bereits an, ans leise
gegen den Gebrauch dieses Wortes zu sträubew^
Sehen wir nicht, wie in diesem Worte, auch
ein Üoppelwesen in den Erzeugnissen dieser
Kunsige Werbezeit, wo ein Zusammenwirken
von Künstler und Handwerker nötig war, um
sie hervorzubringen 9
In den besten Zeiten hatte der Handwerker
die Schöpfung seiner Arbeiten allein in der
KÜNSTLERISCHER UNTERRICHT FÜR HANDWERKER IN ENGLAND
Hand. Er
erhob
keineswegs
den An-
spruch, ein
Künstler zn
sein, aber
seine schaf-
fende Hand
wurde von
einem Ge-
schmacke
geleitet, der
des besten
Künstlers
würdig ge-
wesen wäre.
Allerdings
dienten ihm
häufig die
Blätter
grosser
j. POWELL £ SONS Meister als
Anhalt.
Indessen erschöpften die^e nie die Einzel-
heiten werkmässiger Ausführung, and es
blieb dem Handwerker überlassen, die dort
gegebenen Gedanken seinem Material und
seinem besonderen Zwecke anzupassen, wenn
er es nicht vorzog, ganz nach eigenem Ent-
würfe zu arbeiten.
Den Handwerker wieder zu dieser Art von
selbständiger, man mochte sagen, schöpferi-
scher Thätigkeit zu erziehen, das ist das Ziel
einer Reihe von Handwerkerschulen, die in
England in neuester Zeit entstanden sind.
Diese stehen meist nicht im Zusammenhange
mit dem South Kensingion-Museum, sondern
bedeuten einen neuen Ausgang auf neuer
Grundlage. Bevor ich auf diese Schulen näher
eingehe, ist es nötig, die eigentümlichen, für
den Uneingeweihten schwer verständlichen Ver-
hältnisse in dem technischen Schulwesen Eng-
lands etwas näher ins Auge zu fassen.
Bekanntlich giebt es hier ausser den Volks-
schulen keinerlei staatliche Lehranstalten. So
liegt auch der technische und kunstgewerb-
liche Unterricht ganz und gar in Privat-
händen. Die Einwirkung des South Kensing-
ton-Museums auf diese konnte daher nur
indirekt sein. Im allgemeinen verwendet dieses
Institut die etwa 15 Millionen Mark, die ihm
staatlich zur Förderung des Kunst- und Ge-
werbeunterrichts zur Verfügung gestellt sind,
auf folgende Weise: 1. es bildet Zeichen-
lehrer aus in der unter seiner unmittelbaren
Leitung stehenden Schule des South Kensing-
ton-Maseams (diese Schule hiess bis zum
Herbst vorigen JahresNATIONALARTTRAimNG
SCHOOL, hat aber jetzt den mehr versprechenden
Titel Royal College of Art erhallen);
2. es unterhält und vergrössert sein eigenes, das
Bethnal Green-Museum, sowie die Museen in
Dublin and in Edinburgh ; 3. es veranstaltet
Wanderausstellungen aus dem Bestände dtts
ersteren in kleineren Museen und Kunstschulen
im Lande; i. es unterstützt technische und
Kunstschulen , die sich die höhere Erzieh-
ung von Handwerkern zur Aufgabe machen,
hebt den Zeichenunterricht in Volks- und
Fortbildungsschalen und unterstützt und leitet
Schulen für Zeichenlehrer; 5. es hält jähr-
liche Prüfungen ab und verteilt nach ihrem
Ausfall Medaillen, Preise, Freistellen und Reise-
prämien. Die Unterstützung der Schulen ge-
schah frülier ausschliesslich und geschieht auch
jetzt noch hauptsächlich nach dem in England
auch bei anderen Schulen beliebten Paymenl
bg resulf 'System, d. h. nach dem Erfolg des
Unterrichts. Um diesen festzustellen, haben die
Schalen alljährlich im Sommer Zeichnungen
ihrer Schüler nach London zu senden, welche
daselbst von einer besonderen Prüfungskom-
mission zensiert werden. Die mechanische
TUE BIRUINGHAU CÜILD
KÜNSTLERISCHER UNTERRICHT FÜR HANDWERKER IN ENGtANb
Auffassung, die in England in Bezug auf
Prüfungen und den Unterricht herrscht, der oft
lediglich das Ziel zu haben scheint, zu diesen
Prüfungen vorzubereiten, ist bekannt und uon
deutschen Schul-
männern oft be-
lächelt worden. Ein
Lächeln nötigen
uns auch Be-
stimmungen wie
die folgenden ab:
"An Unterstützung
wird gewährt: 3 £
für jede Zensur
Vorzüglich, 2 £ für
jede erster Klasse
und i £ für jede
zweiter Klasse.*
Ein lediglich auf
Prüfungsergeb-
nisse gerichtetes
Lehrziel, da* ja an
sich schon, auch
in der verhältnis-
mässig harmloses-
ten Form, so ge-
fährlich für den
Unterricht ist, wird
absurd, wenn man
Zensuren mit
BATRBONB f,a„„ ßgi^g ^_
zahlt. Und hierin
liegt denn auch schon eine bedenkliche Seite
des Wirkens des South Kensington-Muteums.
Wie in allen Wettbewerben, die von Kom-
missionen beurteilt werden, feiert die Durch-
schnittsware Triumphe. Technische Glätte
siegt über Originalität, das allgemein Ein-
wandfreie über die individuelle Leistung.
Auch noch ein anderer Vorwarf wird häufig
gegen das Sgstem erhoben : man findet in
ihm ein Cbermass dessen, was man in Eng-
land allgemein red tape, den Geist des grünen
•Tisches nennt. Selbstuersländlickgiehtesfärden
Lehrgang der Anstalten , die Unterstützung
vom South Kensington-Museum gemessen, ge-
wisse Beschränkungen. Man macht diesen
Vorschriften den Vorwarf, mehr auf Nach-
ahmungen als auf Entwicklung selbständiger
Gedanken abzuzielen and dass der glatten
■Zeichnung grössere Beachtung geschenkt
würde, als- dem Inhalte des Entwurfes.
Neuerdings werden übrigens bessernde Ein-
flüsse deutlich bemerkbar. Schon die vor-
jährige grosse Ausstellung von Schülerarbeiten
zeigte, und die diesjährige wird es vielleicht
noch deutlicher beweisen, dass man von jetzt an
die ihm gemachten Vorwürfe einzuschränken
DEKORATIVE KUNST. HEFT 1. ^
hat. Übrigens haben sich auch frSher'sehön
anter den vom South Kensingten beeinflusslen
Schulen solche mit ausgezeichneten Leistungeil
befunden, ' wie beispielsweise die Kuhstachule
von Birmingham. Die grosse Bedeutung der
Einrichtung des Soüth Kensin^ton- Museums
geht aus der amtlichen Angabe hervor, dass
im Mzten Jahre 2 iOOOOO Schüler unter ihrem
mehr oder weniger direkten Einfluss künstleri-
schen Unterricht genossen haben.
Seit einer Reihe von Jahren hat nun in
England eine lebhafte Strömung aus einer
andern Richtung eingesetzt, die einen neuen
und sehr wirkungsvollen Anstoss zur Erweite-
rung des technischen IJnterriehIa gegeben hat:
Die Ursache dazu ist eine rein äusserliche,
sie ist hauptsächlich auf den deutschen Wett-
bewerb im Welthandel zurückzuführen. Mit B* *
sorgnis hatte man das Aufblähen des deutschen
Handels und Gewerbes beobachtet und die
Überzeugung gewonnen, dass man etwas Ihun
müsse, um diesem gefährlichen Wettbewerb
entgegenzutreten. Dieser Einsicht entsprang}
wie bekannt, zunächst das Waren- Urspruhgs-
gesetz, wonach alle in England eingeführten
Waren den Ort ihrer Herkunft tragen müssen-.
Bekanntlich sucht man sich Jetzt des Gesetzes
auf irgend eine anständige Weise wieder zu
entledigen, da man eingesehen hat, dass es
für die deutschen Waren mehr eine Anpreisung
als eine Brandmarkung, die es sein sollle,
bedeutet. Eine weitere Folge war die Ein-
richtung eines neuen Systems von Gewerbe-
echaien. Denn man war sich darüber einig-,
dass unsere Erfolge auf dem Wellmarkte von
unserer bessern Schulbildung herrührten. Mit
dem Schlägivort *Made in Germangi ver-
band sich bald das Schlagwort * Technici l
Edueationt. Man kann jetzt keine tnglische
Zeitung in die Hand nehmen, ohne auf beide
iu stossen. Unter dem letzteren Begriff oer-
I
TUE aiiaitftG«iSt GVtLD ■'■
KÜNSTLERISCHER UNTERRICHT FÜR HAl^DWERKER IN ENGLAND
sieht man übrigens in England jede Art Hand-
fertigkeits-, gewerblichen und kaufmännischen
Unterrichts.
Darch Parlamentsbeschluss sind vor einigen
Jahren die Grafschaftsoermaltungen ermächtigt
worden, einen beliebigen Teil ihrer Einkünfte
aus der Wein- und Biersteaer auf die Unter-
stützung des technischen Unterrichts zu ver-
wenden. Hiervon wird ausgiebig Gebrauch
gemacht. Nicht nar ist eine ungemein grosse
Anzahl bestehender Gewerbeschalen darch
diesen Zuflass vergrössert und erweitert worden,
sondern es sind auch eine ganze Reihe neuer
Schulen entstanden. Einzelne Grafschafts-
verwaltungen, unier diesen die Londoner (dem
Londoner Grafschaftsrat untersteht die Ver-
waltung des gesamten Stadtgebietes mit
alleiniger Ausnahme der nur 31000 Ein-
wohner zählenden City; das Grafschaftsgebiet
London zählt -t'/s Millionen Einwohner), haben
diesem Gebiete ihr ganz besonderes Interesse zu-
gewandt and die auf technische Erziehung zu
verwendenden Gelder von Jahr zu Jahr erhöht.
Für das laufende Haushaltsjahr sind vom
Londoner Grafschaflsrat allein drei Millionen
Mark hierfür ausgeworfen.
Diese Beiträge sind es jedoch nicht allein,
die dem technischen Unterrichte neuerdings
zugeführt worden sind. In diesem Lande, das
in einer jahrhundertelangen ungetrübten politi-
schen Entwicklung Reichtümer auf Reichtümer
gehäuft hat, fehlt das Geld stets am wenigsten.
Kein Land der Welt ist so reich an von Aliers
her bestehenden wohlhabenden Korporationen,
reichbedachten Gesellschaften und mit Pfründen
wohlausgerüsteten Stiftungen. Jn London be-
stehen noch vom Mittelalter her die alten
Handwerker gilden, die zwar nur noch in ver-
einzelten Fällen mit der Ausübung gesetzlicher
Rechte betraut sind, dagegen fast durchweg
sich im Besitz ausserordentlich hoher Einkünfte
aus ererbtem Grundbesitz and alten Vermächt-
nissen befinden. Die wohlhabendste Gilde, die
der Krämer, hat i'li Millionen Mark Jahres-
einkommen, 15 der bestehenden 89 Gilden
haben aber 200000 Mark jährlich zu ver-
brauchen. Ein Teil dieser angeheuren Summen
ist nun zwar stets za gemeinnützigen Zwecken
verwendet worden, jedoch spielten in dem Ver-
brauch des Hauptteiles derselben Diners und
Feste eine recht grosse Rolle, und die öffent-
liche Aufmerksamkeit war schon lange auf
die sonderbare Art des Verbrauches gerichtet.
Man benutzte daher gern das öffentliche Ver-
langen nach Verbesserang des technischen
Unterrichts, um sich durch Spendungen für
die neuen Zwecke vor dem Vorwurfe der Ver-
geudung za schützen. Auf diese Weise ist ein
Unterrichtsapparat ähnlich dem des South
Kensingion- Museums entstanden, an dessen
Unterhaltung die vereinigten Gilden einen sehr
wesentlichen Anteil haben, nämlich das ClTY
AND GuiLDs OF LONDON Institute. Es unter-
hält in London drei eigene technische Schulen,
veranstaltet technische Prüfungen im ganzen
Lande, erteilt Ausweise über die Ergebnisse,
gewährt Freistellen, Reiseprämien a. s. w.
Hiermit ist die Verwendung der Handwerker-
gilden für technischen Unterricht noch nicht
erschöpft. Die Goldschmiede unterhalten eine
eigene handwerkliche Kunstschule, die Tischler-
gilde besitzt die TraDBS TRAINING SCHOOL
und unterstützt in sehr wesentlichem Umfange
die Zeichenklassen am ÜNIVBRSITY COLLEGE
und KiNG's College. Die Tuchhändler ge-
währen die Mittel für die Führung der tech-
nischen Unterrichtsklassen in People'S Pa-
LACE. Eine ganze Reihe anderer mehr indirekter
Unterstützungen technischer Unterrichtsbestre-
bungen bestehen ausserdem noch.
EineHaapteigentümlichkeit aller technischen
Schulen Englands ist die bevorzugte Pflege des
Abendunterrichts. Sonntagsanterricht findet
in England nirgends statt. Die Stunden von
6 bis 9 Uhr abends sind die eigentlichen
Schulstunden. Ein grosser Teil der Schulen
KÜNSTLERISCHER UNTERRICHT FÜR HANDWERKER IN ENGLAND
hat überhaupt keinen Tages-
unterricht und wer z. B. Archi-
tekturklassen in England be-
suchen will, ist fast ausschliess-
lich auf den Abend angewiesen,
ünsre Auffassung, dass wir für
unsre fachliche Ausbildung eine
Reihe von Jahren ganz und gar
der Schule widmen müssen, ist
eben für den Engländer ganz
unverständlich. Er lernt prak-
tisch and betrachtet Schulbesuch
höchstens als eine Ergänzung
des in der praktischen Lehrzeit
Erworbenen. Eine Schule muss
ausserdem mit Stipendien, Prä-
mien, Studienpreisen u. dergl.
reich ausgestattet sein, so dass
für erfolgreiches Studium so-
gleich greifbare Lorbeeren win-
ken. Eine Schule ohne solche
Anziehungsmittel ist in Eng-
land nicht denkbar. In den
Prospekten spielt ihre Aafzäh-
The GuOd and lung eine erste Rolle,
^n^cnfi '" •'*" *"*"'*" technischen Scha-
len nun hat die künstlerische Er-
ziehung des Handwerkers naturgemäss nur eine
mehr oder weniger untergeordnete, übrigens
sehr verschiedenartige Bedeutung. Einige legen
grosses, andere geringeres Gewicht auf den
Kanstanterricht. Viel hängt natürlich auch von
der Zufälligkeit der gerade vorhandenen Lehrer
ab. Die Kunstabteilung des South West LON-
DON POLITECHNIC steht unter der Oberleitung
des Professors Herkomer und wird daher in
dessen Kunstauffassung geleitet. Als sehr gute
Schulen gelten das GOLDSMlTlts INSTITUTE
und die Schulen des CiTY Af"
GuiLDS OF London INSTITUTE.
Auf ganz neuer Grundlage i
nun der Londoner Grafschaflsr
mit den von ihm abhängendi
Schulen vorgegangen, and zw*
ganz besonders für die Kunsla
teilangen. Die Fürsorge für dies
Gebiet ist zwei Künstlern anue,
deren Ruf allein schon einen .
in Aussicht stellen musste, üb
auch über die Richtung, in u
die Schulen geleitet werden, nii
Zweifel lässt. Es ist der Bild-
hauer Framfton und der
Architekt LeTHABY, beide
Künstler, die mitten in der
neuen engüschen Kunstbewe-
gang sUihen. Nach itiren
Ideen ist der Lehrplan aller j. powell a sons
'l9
der Handwerkerschulen festgesetzt, die sich
durch Bezüge von Unlerstützangsgeldern unter
den Einfluss der Grafschaftsverwaltung begeben
haben. Ihrer sind augenblicklich nicht wemiger
als 98. Um aber für die Ausführung ihrer
Ideen ein ganz freies Feld zu haben, hat sich
die Stadt entschlossen, eine eigene Kunstschule
für Handwerker einzurichten. Auf diese Weise
istimHerbsivorigenJahresdieCENTRALScHOOL
OF Artsand Grafts in Regentstreet entstanden.
Sie hat jetzt das erste Schuljahr hinler sich
und bereits in diesem lebhaften Zuspruch zu
verzeichnen. Die Schule verdient einer gelegent-
lichen besonderen Betrachtung, hier seien nur
einige der Grundsätze aufgeführt, die ihrer
Leitung zu Grunde liegen. Die Schäler sind
durchweg Lehrlinge, die den Tag aber ihrem
Gewerbe obliegen, Amateure und Dilettanten
sind vom Besuch ausgeschlossen. Der Unter-
richt erfolgt derart, dass auf strenger Grund-
lage jedes besonderen Handwerks die künstleri-
sche Handhabung desselben, and zwar unmittel-
bar an praktischen Beispielen, gelehrt wird.
Man legt nicht soviel Gewicht auf abstraktes
Zeichnen, als auf das Eindringen des Schülers
in den Geist und die Technik seines besonderen
Handwerks. Der Silberschmied hat beispiels-
weise einen Pokal nicht nur zu entwerfen,
sondern auch zu treiben und bis zur letzten
Verfeinerung durchzubilden, ebenso wird der
Glasmaler, der Buchbinder u. s. w. unterrichtet.
Jeder Schüler wird nach seiner Eigenart be-
handelt, wobei besonderes Gewicht auf die Ver-
wertung seiner eigenen künstlerischen Gedanken
gelegt wird, so primitiv diese auch im Anfange
sein mögen. Man betont das Natarstudiam
an Stelle der Nachahmung alter Vorbilder,
Alle Lehrlinge werden auf die Wichtigkeit
des Zeichnens nach dem lebenden
Modell hingewiesen, and man sucht
zu erreichen, dass diese Klassen von
allen Schülern besucht werden.
Man verzichtet auf technisch glatte
and vollendet ausgearbeitete Zeich-
nungen, wenn nur das Wesent-
liche der Sache, sei es auch in
zenhafter Form, klar wiedergegeben
Das Endziel der Erziehung ist
nfalls, dem Schüler den Weg zu
r künstlerisch selbständigen Behand-
1 seines Handwerks zu eröffnen,
ihm die Grenzen seines Mate-
rials zu Bewasstsein zu führen
und ihn in Stand zu setzen,
eigene Gedanken in seinen
Arbeiten za verkörpern.
Der Unterricht findet aliends
.statt und das Schulgeld ist
KÜNSTLERISCHER UNTERRICHT FÜR HANDXTERKER IN ENGLAND
auf ein Mindest-
mass beachtänkt.
Lehrlinge unter
21 Jahren wer-
den, falls sie nicht
mehr als 15Schil-
linge wöchentlich
verdienen, frei zu-
gelassen, im übri-
gen beträgt das
Schulgeld
wöchentlich nur
2,50 Mk., hierfür
wird alles Arbeits-
malefial von
Seiten der Schale
geliefert.
Wer die Schul-
räume in Regent
SIreäl betritt, wird
sogleich von dem
künstlerischen
. B. RYSSELBERGHE Geiste, der in
ihnen entfallet ist,
für sie' eingenommen. Die Wände zieren .
graphische Blätter aus den besten Zeilen
dieser Kunstübung. DOrers Holzschnitte
and Kupferstiche, japanische Farbendrucke,
alte Miniaturen wechseln mit MORRlä Buch-
drücken, Wiedergaben von Handzeichnangen
and alten Bachillostrationen. Die Zimmer
für die einzelnen Fachklassen sind mit Aus-
stellungsschränken aasgestattet, in ■ denen
kleine Mustersammlungen von Erzeugnissen
des betreffenden Handwerkes ausgestellt sind.
Es sind Fachklassen vorhanden für alle mit
der Baukunst zusammenhängenden Gewerbe,
für Tapeten- und Stoffzeichner, Möbeltischler,
Glasmaler, Bronzegiesaer, die verschiedenen
Metallbearbeitangsgewerbe , Emaille - Arbeiter,
Juweliere, Goldschmiede, Buchbinder, Holz-
schneider and andere graphische Gewerbe.
■Besondere Beachtung verdient eine Klasse für
farbige Holzschnitte (auf Grundlage der japa-
nischen Arbeiten) and eine im Entstehen be-
griffene Klasse für Stickerei.
Auf ähnlicher, wenn auch nicht so breiler
Grandlage beruhen eine ganze Reihe, von
kleineren, meist Privatschulen, in denen aber
meistens nur einzelne Gebiete gelehrt werden,
und die daher nalurgemäsa diesen Gebieten
ein intensiveres Interesse widmen können. Sie
unterscheiden sich jedoch wesentlich von den
oben betrachteten Schalen dadurch, dass sie
meist von Amateuren besucht werden.
Auf rein handwerklicher Grundlage beruht
dagegen ein Insiitat, dessen Erzeugnisse auf
der' letzten Art& and Crafts-Ausstellung-
Bewunderung erregten : die GbiLD A ND Sc/IOOL
ÖF HandicräFT, eine unter der Leitung des
Architekten C. R. ASHBEE stehenden Vereinigung
von ausübenden Handwerksmeistern. Mit den
Werkstätten war früher eine Abendschale ver-
banden, jetzt findet jedoch nur ein direkter
Lehrlingsunterricht statt. Die Thätigkeit der
Gilde erstreckt sich auf Möbel, allerhand ge-
triebene Metallarbeiten und Gold- und Silbier-
SchmUck. Man verfolgt das Ziel, neue, zum
mindesten nicht mit den alten identische, ein-
fache Formen zu entwickeln bei strehgster
Beobachtung der Bedingungen des Materials.
Ebenso gesunde, vielleicht noch strengere
Grundsätze verfolgt die Birmingham Guitd
of Handicraft in Birmingham, die dieselben
Handwerke umfasst. Diese Gilden sind nichts
weiter als geschäftliche Privalvereinlgungen,
aber es steckt in ihnen eine Quelle wichtigster
und gesündester Beeinflussungen.
Aach C. R. ASHBEE gehört zu den Männern
der neuen dekorativen Bewegung in England.
Das Herz ■ der letzteren ist eine Vereinigung,
die sich- Art Workers' Guild nennt. Künstler
mit wohlbekannten Namen sitzen dort auf der-
selben Bank mit dem Kupfertreiber oder Weber,
aber man nimmt in den engen Zirkel nie-
mand auf, dessen Werke nicht strengen An-
forderungen genügen. Eine im höchsten Sinne
künstlerische Auffassung des gesamten Hand-
werks ist das Ziel dieser Leute. Sie wollen das
I.^ben von unten auf wieder künstlerisch
durchdringen und das Handwerk beleben,
indem sie den Handwerker stark genug machen,
selbst wieder schaffen zu können.
■ OTTO ECKMAmi
I. ESDELL, Wandfrla
ALTVENEZIANISCHE DRUCKSTÖCKE
VON
O. J. BIERBAUM
Die schöne SladI Venedig birgt eine grosse
Gefahr in sich: man wird dort leicht zum
Sammler. Und das kommt daher, weil es
in diesem kostbaren Neste so vergnüglich ist,
zu suchen. In den grossen Magazinen der
Venice Art Company, die ganze Paläste ein-
nehmen, fängt man an, und schliesslich steigt
man bei feierlich höflichen allen Küstern in
Küchen und Kellern herum.
Dass man immer Tiziane fände, kann nicht
behauptet werden, aber man musa ja auch
nicht immer gleich Tiziane suchen. Es ist
sogar viel amüsanter, wenn man bescheidener
ist Nur muss man dann mehr wühlen and
dickere Handschuhe anziehen. Denn was
nicht »grosse Kunst* ist, das missachten auch
die Antiquitätenhändler und Küster in Venedig,
und man mass gewöhnlich eine hohe Schicht
bemalter Leinwand aufheben, bis man zu den
schönen Dingen der »kleinen Kunst* gelangt,
die gerade Venedig in seiner grossen Zeit zahl-
reich hervorgebracht hat. Dann aber findet
man auch, wenn das Glück mit von der Partie
ist, zuweilen Sachen, die man unter den offi-
ziellen Sehenswürdigkeiten Venedigs, selbst in
den Schränken des Museo Civico, vergeblich
sucht.
So ist es Herrn FRANZ Naager, dem begabten
Münchner Künstler, der zugleich einer der un-
ermüdlichsten Sucher in Venedig ist, geglückt,
eine ganze Sammlung (gegen 500 Stück) von
altvenezianischen Holzdruckplatten zusammen-
zubringen, Don dessen Mustern hier (Seite
21 — 27) einige in starker Verkleinerung wieder-
gegeben werden. Da ich das Vergnügen hatte, an
einigen seiner Beutezüge teilzunehmen, so mag
es mir verstattet sein, den Abdruck der ausge-
wähltenMuster mit ein paar Worten zu begleiten.
Der Grundstock der Sammlung, etwa
400 Stück,- fand sich in einem Filialmagazin
der Venice Art Company auf dem Speicher,
der Rest musste stückweise bei kleinen Anti-
quaren in Venedig zusammengesucht werden;
ein paar Stücke wurden in Padua gefunden.
Trotzdem scheint es mir zweifellos, dass das
gesamte Material eines Ursprunges ist. Dies geht
vornehmlich aus dem Umstand hervor, dass
zusammengehörige Stücke an verschiedener
Orten gefanden worden sind. Wahrscheinlich
handelt es sich in der Hauptsache um den
Lagerbestand einer ehemaligen Holzschneide-
anstalt zur Zeit ihrer Auflösung, denn sehr
vitle der Platten scheinen überhaupt nicht be-
nutzt worden zu sein. Andere, dem Stil der
Zeichnung nach die älteren, zeigen deutliche
Gebrauchsspiiren. Ein Teil der ursprüng-
lichen Masse ist übrigens verloren gegangen,
weil man sich für die schönen grossen Höh-
ALTVENEZIANISCHE DRUCKSTÖCKE
klotze keine andere Verwendung wussle, als
sie in den Kamin zu schieben.
Es sind durchweg Platten aus sehr schwerem
Holze von enger Fasernstruktur, i — 6 cm
dick. Bei den schmäleren befinden sich an
den Seiten, bei den breiteren auf dem fiäcken
tiefe Einkerbungen zum Zwecke der Hand-
habung. Offenbar wurde mit ihnen in der
primHiuen Weise gedruckt, wie wir es mit
unseren Kaulschakslempeln thun. Da sich
keine Teilplatten vorfanden, sondern jeder
Stock immer ein ganzes Muster enthält, so ist
es klar, dass nur einfarbige Drucke mit ihnen
beabsichtigt und gemacht wurden. Dieser
Umstand ist auffallend, da die Zeichnung
häufig geradezu zum Buntdruck lierauszu-
fordern scheint. Herr Naager hat auch in
der Thal mit den Platten Buntdrucke ge-
fast aus, als könnten sie nur für Vorsatz-
papiere berechnet sein, aber ich habe an
Büchern aas ihrer Zeit (es handelt sich wohl
durchweg am Arbeiten des vorigen Jahr-
hunderts) noch keine Vorsatzpapiere dieser
Art gefunden. Nur bei Broschüren fand ich
ähnliche einfarbige Muster auf dem Um-
schlage. Übrigens ßndetsich unter den Platten
eine, die mir den Anschein macfil, als könne
sie nur zum Drucke für das Vorsatzpapier eines
bestimmten Werkes hergestellt worden sein.
Sie hat den Umfang eines Grossfolioblaltes
und zeigt zwischen sehr grossem renaissance-
artigem Ornament ein verschlungenes Mono-
gramm in der Mitte. Da sie keine aaslaufende
Zeichnung hat, die auf Aneinandersetzung
der Drucke berechnet wäre, sondern allseitig
durch einen Band abgeschlossen ist, so kann
maclit, die überaus schön wirken und den
Wunsch wachrufen, man möchte auf pholo-
graphischem Wege Einzelfarbplatten herstellen
lassen und mit den ursprünglich einfarbig
gedachten Schnitten bunte Muster herstellen.
Sie würden in mannigfachster Weise Ver-
wendung finden können, mannigfacher, als
sie, wie ich glaube, zur Zeit ihrer Entstehung
verwandt worden sind.
Es erscheint mir zweifellos, dass sie haupt-
sächlich zum Sloffdruck benutzt worden sind.
Dies gellt aus der Form der Stöcke hervor
und erhält durch den Umstand Unterstützung,
dass man, wenn auch nur sehr selten, in
Venedig noch einfarbig bedruckte billige Stoffe
(zumal an Frauenröcken aus der Mitte und
dem Ende des vorigen Jahrhunderts) findet,
die ganz ähnliche Musler zeigen. Ob aucli
Papiere mit ihnen bedruckt worden sind, er-
scheint mir zweifelhaft. Einzelne Master sehen
sie nicht zu einem weilflächigen Druck be-
stimmt gewesen sein, wie es bei Stoffbedruckung
der Fall ist, und es liegt der Gedanke nahe,
dass sie zum Buclischmucke dienen sollte,
vielleicht als Vorsatzpapier, vielleicht aber
auch für den Deckel. In diesem Falle könnte
man auch an Lederpressung denken, da diese
Platte, wie übrigens die meisten andern, sehr
tief aasgesciwitten ist.
In den Mustern wiegt der Geschmack des
vorigen Jahrhunderts, etwa von seiner Mitte
an genommen, vor, docli finden sicli auch
Zeichnungen, die auf eine frühere und solche,
die auf eine spätere Zeil (Biedermeier) hin-
weisen. Mit sehr wenigen Ausnahmen - ver-
raten die Muster besten künstlerischen Ge-
schmack, so dass wir an eine rein künstleri-
sche Leitung der betreffenden Anstalt glauben
müssen, wenn wir nicht annehmen wollen,
dass in jener Zeit ein vollkommen känstleri-
ALTVENEZIANISCHE DRUCKSTÖCKB
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DER PRAKTISCHE ZWECK
DER PRAKTISCHE ZWECK
scher Geacbmack aach im handwerksmässigen
Betriebe des dekorativen Gewerbes vorbanden
gewesen ist.
Einige der Muster scheinen auf eine Ver-
wendung für Tapetendruck hinzudeuten, doch
habe ich zu wenig Tapeten aus jener Zeit
gesehen, um eine bestimmte Meinung darüber
haben zu können, ob eine solche Verwendung
wirklich anzunehmen ist. Alle Tapeten, die
ich gesehen habe, waren mehrfarbig und in
der Zeicfijiung weniger streng.
Ausser an Stoffdruck könnte man bei diesen
interessanten und schönen Druckslöcken noch
an eine Art gemusterter Papiere denken, mit
denen früher das Innere von Glasechränken
austapeziert, Schachteln und Kästen inwendig
beklebt wurden. Sicherlich waren und sind
sie dazu sehr wohl zu benutzen, aber bei dem
Umstände, dass von solchen Dingen fast nichts
auf uns gekommen ist, habe ich keinerlei
Beweis einer solchen Verwendung mit Augen
gesehen.
Es wäre schön, wenn Herr Naager seinen
Besitz dazu ausnutzte, uns alles das sehen zu
lassen, was man, unterstützt von modern-
farbigem Geschmacke, mit diesen wertvollen
aüvenezianischen Mustern machen kann: be-
druckte Stoffe, Papiere, Tapeten jeder Art und
Pressungen in Leder etc.
ALFRED LICHTWARK
Zufällig habe ich in diesem Sommer Ge-
legenheitgehabt, kurz nacheinander die Thätig-
keit der meisten in- und ausländischen Künstler
zu beobachten, die sich der dekorativen Kunst
zugewandt haben. Die Erscheinungen ähneln
sich überall ganz ungemein. Dieselbe Kategorie
von Männern an der Arbeit, dieselben Treffer,
dieselben Schüsse Ins Blaue. Bei der Neuinsze-
nierung der historischen Stile, die ein Menschen-
alter unsere Produktion beherrschten, haben
die Architekten geführt, sehr selten Maler und
Bildhauer, noch seltener eigentliche Kunst-
handwerker. Seit sich auf dem Gebiete der
dekoratioen Kunst die neuen Ideen regen, ist
der Architekt fast überall zurückgetreten. Er
konnte nicht mehr mitmachen, weil er durch
seine Erziehung der lebendigen Kunst fern stand.
Der Kunsthandwerker, der durch die Schulen,
die ihn erzogen und durch die Architekten,
für die er gearbeitet hatte, um die Selbst-
ständigkeit gebracht war, kam ebensowenig
in Frage.
Maler und ■ — viel seltener freilich — Bild-
hauer haben sich in die Bresche gestürzt.
Ausnahmsweise war aach einmal ein Architekt
im Stande, nicht nur zu folgen, sondern zu
führen. Dann war es aber jedesmal eine im
Joch des Historischen noch nicht gebrochene
künstlerische Kraft. Dass die Maler voran-
gehen, verdanken sie ihrem losern Verhältnis
zur Tradition der Stile. Sie haben nicht so
viel auswendig gelernt, arbeiten nicht nur
mit den Händen, sondern schaffen noch mit
dem Herzen. Und vor allem: sie haben eine
selbständige Empfindung für Form und Farbe.
Was sie — und die seltenen Bildhauer und
Architekten, die zu ihnen stehen — geleistet
haben, lässt die gediegensten Arbeiten der
antiquarischen Epoche, die alle Gedanken von
der Gotik bis zum Empire noch einmal ge-
dacht hatte, hinter sich zurück. Denn sie
brachten neue Gedanken, und für die dekorative^
Kunst gilt, was wir von der grossen nun be-
griffen haben, dass nur das ganz gut sein
kann, was ganz neu ist.
Aber wir dürfen uns in dem freudigen
Gefühl der Befreiung nicht zufrieden geben
mit dem blossen Miterleben. Was der ver-
gangenen Epoche zum Unheil ausgeschlagen
ist, könnte aach der anhebenden das Lebens-
mark verzehren : der Mangel an Mitarbeit
des Konsumenten. Diese Mitarbeit ist doppell
nötig, weil die Maler die Führung haben.
DER PRAKTISCHE ZWECK
Der junge Maler, den wir als lypischen
Vertreter der neuen Gattung schaffender Kräfte
ansehen dürfen, ist gewohnt, Staffeleibilder,
d. h. gewissermassen Kunst an sich zu machen,
und es kann nicht überraschen, wenn er auch
die Vase, das Möbel, den Wandteppich, die
Stickerei als ein Ding an sich anzusehen
geneigt ist, das weiter Iceine Aufgabe hat als
schön zu sein. Dass ernster Arbeit und grossen
Leistungen der Erfolg so oft versagt bleibt, hat
in der Regel in diesen Unzukömmlichkeiten
seine Ursache.
Vom Bedürfnis muss ausgegangen werden,
das kann nicht oft genug betont werden. Aber
welche Bedürfnisse liegen im deutschen Bärger-
hause vor? Herzlich wenige, Gott sei's geklagt,
denn wären wirklich Bedürfnisse da, so würden
sie sich durchsetzen. Das Gebiet der Bedürf-
nisse, die im Keim oder schon im Trieb vor-
handen sind, zu untersuchen, wird eine unserer
nächsten Aufgaben sein.
Sie sind nicht für das ganze Reich die-
selben. Der Münchener, der viele Stunden
ausserhalb des Hauses zubringt, der Berliner, '
der auf der Etage lebt, hat andere als der
Norddeutsche, der Haus und Garten nur un-
gern verlässl. Was ein englisches Haifs, was
eine französische Wohnung ist, steht für alle
Schichten der Gesellschaft fest. In Deutsch-
land kann nur von einzelnen lokalen An-
sätzen zu festen Typen gesprochen werden, am
sichersten isl vielleicht in Bremen und Hamburg
das Wohnhaus als Organismus gegliedert.
Vorläufig bleibt ans deshalb nichts anderes
übrig, als diese lokalen Typen praktisch und
ästhetisch durchzubilden. Schliesslich wird es
kaum möglich sein, ein Haus zu schaffen,
das zugleich dem Oberbayern, dem Nieder-
sachsen und dem Berliner bequem ist.
Wir werden deshalb wünschen müssen, dass
die Versuche der Künstler auf dem Gebiet
der dekorativen Kunst sich den lokalen Zu-
ständen anpassen und nicht nur für die Aus-
stellung gedacht sind.
Ein Bedürfnis geht aber schon jetzt durchs
ganze Reich, das ist das der Hausfrau. Und
wer von einem festen Standpunkt aus die
neuen Erzeugnisse auf ihre Brauchbarkeit
prüfen will, der sollte sie mit den Augen der
Hausfrau ansehen.
Die junge Frau in Deutschland ist unter
der Herrschaft des Atelierstils aufgewachsen.
Da ist es natürlich, dass ihr Geschmack sich
leicht einem Gegensalz zuneigt. Die Über-
fülle und Überladung, Bombast, leerer Prunk
und billiger Putz üben keinen Reiz auf ihre
Empfindung. Sie mag nichts besitzen, das
keinem praktischen Zweck dient, sie hassl
die blosse Dekoration, sie freut sich an Ruhe
und oornebmer Schlichtheit. Teller an der
Wand, Gefässe auf hohem Bord, überflüssige
Vorhänge und Draperien, billige Schnitzereien
sind ihr zuwider.
Dann ist sie ein praktischer Geist. Selbst
in glänzenden Verhältnissen will sie die Zahl
der Dienstboten nicht über das absolut not-
wendige anwachsen lassen, denn sie hat die
Zügel selbst in der Hand. Sie wird alle Er-
zeugnisse der dekorativen Kunst auf die prak-
tische Brauchbarkeit ansehen und auf die
DEKORATIVE K
DER PRAKTISCHE ZWECK
Befähigung, sich einem ohne ähermässigen
Kraftaufwand verwaltbaren Haasstand ein-
zufügen.
Diese schon vorhandenen Tendenzen werden
in der nächsten Zeit weiter um sich greifen
und zugleich festere Wurzeln fassen. Mit
ihnen hat die dekorative Kunst unter allen
Umständen zu rechnen.
Ein Teil der von modernen Künstlern ge-
schaffenen dekorativen Arbeiten will keinem
praktischem Zwecke dienen, der fällt anter
eine eigene Rubrik. Wir wollen uns nur am
die Gegenstände kümmern, die eine Verwend-
barkeit vorgeben.
gefahr schnell auf den Wagen packen musaie.
Wir können sie höchstens auf den Boden
stellen, um Vorräte aufzubewahren. Dafür
genügt aber eine Kiste. Auch der Nachfolger
der Truhe, die Kommode, ist schon ein histo-
rischer Begriff. Im Wohnzimmer bewahren
wir nichts mehr auf, im Schlafzimmer ist der
Schrank mit vielen Fächern, in denen man
nicht zu kramen braucht, bequemer. Also
eine Truhe — unter keinen Umständen.
Sie sieht vor einer künstlerisch ganz ausser-
ordentlich schönen neuen lEsszimmereinrich-
tung. Die Farben sind so schön, wie auf
einem Bilde, oder bei einer kostbaren Toilette,
Wer sich heule die Aasstellungen der von
Künstlern entworfenen Möbel und Geräte vom
Standpunkte der deutschen Hausfrau betrachtet,
dem wird es wie Schuppen von den Aagen fallen.
Da steht eine herrliche Truhe, mit schönen
Figuren geschnitzt oder ganz mit Schmiede-
eisen beschlagen, in Farbe und Form neu und
ein grosses Kunstwerk, von dessen dekorativem
Inhalt eine ganze Schule leben kann. Die
Hausfrau wird sich sagen: Ein Museumsstück.
Ich kann es nirgend aufstellen. Meine Korri-
dore sind zu eng, in den Zimmern kann ich
Aufbewahrungsmöbel nicht brauchen. Ausser-
dem ist die Truhe ein ausgestorbenes Tier
wie das Dinolherium oder der Ichthyosaurus.
Sie war praktisch für das Mittelalter, wo man
seine Habe bei Wasser-, Feuer- und Kriegs-
die Formen neu, das Ensemble gefällt ihr
ausnehmend. Nun mustert sie den köstlichen
Tisch, der das Entzücken aller Künstler bildet,
und da schüttelt sie den Kopf: Der Gedanke,
ihre Gäste sich setzen zu sehen, ist ihr eine
Pein, denn nach gotischem Muster stehen die
Beine schräg and sind unten durch kantige
Qaerstangen rund herum verbanden. Wer eine
anbedachte Bewegung macht, hat eine Wände
am Schienbein weg, and wenn er im Schmerz
aufzuckt, auch am Knie, denn die Zarge ist
zu tief. Auch den Esszimmerstühlen sieht 'sie
auf den ersten Blick die Gefahren an, die sie
für die Benatzung mit sich bringen. Die
Lehne ist so hoch, dass der Sitzende den
Nacken darauf legen kann, bei solchen Stühlen
lässt sich nicht servieren, eine ungeschickte
DER PRAKTISCHE ZWECK
:^
^n
Bewegung, und die Sauce ist verschüttet^ und
wenn die Stuhle einmal etwas enge geruckt
werden müssen, kann die Bratenschussel nicht
mehr durch. Auch ist an der Stelle, wo das
Kreuz des Sitzenden gestutzt werden muss,
statt einer konvexen Bewegung in der Lehne
eine konkave, der Gast wird also, wenn er
sich anlehnen will, eine Brustbeklemmung be-
kommen. Nein, nein, nicht diese Stuhle. Ess-
zimmerstuhle müssen eine nie-
drige Lehne haben und im
Kreuz stutzen.
In einem anderen Ensemble
steht sie vor einem entzuckenden
Kamin mit hohem Mantel aus
Holz. Die Profile sind wie
von einem grossen Bildhauer
empfunden. Sie kann sich
nicht satt sehen. Aber wie
soll man diese glatten Flächen,
die jeden Tag gereinigt werden
müssen, vom Staub frei halten?
Wie die Winkel und Nischen?
Ein Federwisch reicht nicht
aus. Es muss eine hohe Sicher-
heitsleiter aushelfen. Und nun
sieht sie die lange Reihe von
Komplikationen vor sich: wo
soll die Leiter aufbewahrt wer-
den, dass sie gleich morgens
zur Hand ist? Wer von den
Dienern soll sie hintragen und
zurückbringen — wo wird er
unterwegs überall anstossen —
welche Vorrichtung giebt es,
den Teppich zu schützen, auf
dem die Leiter sieht — wie viel Zeit kostet
das alles? — Und der Kamin ist gerichtet.
In einem Zimmer, aus dem man gar nicht
scheiden möchte, ist die Vertäfelung in
breiten Flächen mit Messing ausgelegt. Die
Wirkung ist neu und sehr artistisch. Aber
dies Messing muss geputzt werden, und je
länger desto öfter. Die Hausfrau weiss, dass
man nicht Messing und Holz zugleich reinigen
kann. Es geht nicht anders, das Holz wird
verschmiert. Vielleicht hätte sie das Zimmer
erworben, jetzt geht sie seufzend weiter.
Im nächsten Raum steht ein sehr schöner
Rauchtischleuchter aus Schmiedeeisen. Ein
hübsches Weihnachtsgeschenk, schiesst es ihr
durch den Kopf. Aber sie sieht viele Füsse
mit scharfen Ecken, die jede Decke zerreissen,
jede Platte, einerlei ob Holz, Marmor, Metall
verschrammen würden; sie entdeckt in der
Tülle eine armdicke Wachskerze, von der
sie weiss, dass sie qualmt wie eine blakende
Lampe. Für ein Atelier, sagt sie sich, wo
es nicht darauf ankommt, und sieht sich
weiter um.
Von neuen Webereien hat sie gehört und
gelesen. Künstler haben die Zeichnungen ent-
worfen, Museen kaufen sie als Vorbilder an. Sie
mustert die Ausstellung, ob sie für den Schmuck
ihres Hauses eine Erwerbung machen kann.
Vielleicht ist eine schöne Tischdecke da, denkt
sie, denn nichts ist so schwer zu finden wie
eine geschmackvolle Tischdecke; vielleicht
ein paar Thürvorhänge. Aber nein, es sind
lauter Sachen, für die sie keine Verwertung
hat, da sie absolut nicht dekorieren will.
Sie will es einmal nicht. Es ist ihr ein Gräuel.
Und sie müsste alle diese köstlichen Sachen
wie Bilder aufhängen. Warum fragen die
Künstler uns nie, was wir gern haben möchten,
denkt sie.
Blumenvasen — das ist*s, was sie braucht.
Es giebt so wenig Erträgliches. Die auf der
Ausstellung sind so schön und so originell
wie Bilder. Ein Künstler hat sie gemacht.
Aber wie sie sie darauf ansieht, für welche
Blumen sie wohl gedacht sein mögen, kann
sie nicht ins klare kommen. Als leiden-
schaftliche Blumenfreundin weiss sie aus ihrer
Praxis, dass jede Art ihre Vase haben muss.
Auf eine Erkundigung wird ihr bedeutet, dass
man wohl Blumen hineinstellen kann, aber
nur in einem besondern Glase, denn die Vasen
halten nicht dicht. Sie seien in erster Linie
als Dekoration gedacht.
Es ist einerlei, ob die Hausfrau die Aus-
stellungen in Paris, Brüssel, Dresden, München,
Berlin, Kopenhagen oder Stockholm besucht,
es werden ihr vor einem erheblichen Teil der
ausgestellten Arbeiten überall dieselben Zweifel
aufsteigen.
Muss das so sein?
27
«aV.Vifc-ft, Anh.
L-dRT -VOC'VEil,', i
MODERNE KUNSTGEWERBLICHE AUSSTELLUNGEN
/)ns AassMIangsuirsnt gehört zu ans ivie
die hörse, man kann darüber schimpfen, aber
man mnt es nicht abschaffen können. Es
ist nötig. Selbd die grossen Bilderaitsstellungen
simt fM>rA da und sind doch gar nicht mehr
nötig. Wo es sich aber um ernsthafte utickfige
Dinge tvie Handet und iieiperbe handelt, Itettarf
es lies Marktes, der das rrtatii' Beste aas allen
tWhieten aafsttifteH und den Konsimtenlen wie
l'n^iiuzrnten über die Entu^cklung der ihn
inleressierrmlen lÜnge belehrt. Die Ausstellung
nrliert ihren Zuvck. SK*bald sie dieser Qnahläls-
l>nhntfHng nicht mehr genügt. Beispiel, eben
tue tjrosnen internationalen Kanslaus^ellungen.
«ftf kein gut beratener Liebhaber mehr be-
sucht, treil so i'ieie gertute der Besten kaum
«tvA ottsslellen und weil, ipenn wirklich gute
ItiiiJie da simi, diese unter *ler Masse tles
Schun^ies rerschwintien. Diese internalionalrn
Bikkrr.!.irkte sinti d<n Orab einer za Ende
fffhe:\icn Bihierknnst. Es ist unmöglich, sich
i\v 1^.11 H\(/instim ticr Entwicklung unserer
»y.-c-i.rt.t.V.'» Kunst m r^rsirhlirssen . u*enn
r::.ir, ti::r\-h diese Tt^enh.tUcr) sirhreitet. in denen
t:::- .■>,v.'i die n:erk:rü.'\i:.;fn Männchen der
li~::k :^r fwsier^iches Wesen trrit^tn und
j":.i'i «,-?J «M.-:n ixvi der Meme beachtet
luerden. während aon den Bildern selbst kaum
noch irgend ernsthaftere \oliz genommen
wird. Diese Art Ausstellungen sterben aus. Man
wird merken, dass es keinen Zweck hat,
so uiel Geld and Mühe auszugeben, um dem
Publikum Gelegenkeil za oerschaffen, seine
Kleider zu zeigen, Militärkanzerte zu hören,
Bier zu trinken und hübschen Mädchen den
Hof zu machen. Zu alledem braucht man
keine Bilder. — Die inMIigenteren Beteiligten
haben das denn auch eingesehen, and in allen
Ländern ist das deutliche Be^reben bemerkbar,
das Aasstetlungswesen seinem Zweck ent-
sprechend zu perbessern. Zwei Dinge sind
dabei im Auge za behalten, die Qualitätsfrage
und das Arrangement, beide oon fast gleicher
Wichtigkeit, beide von rechtswegen antrennbar.
Die Verbesserang des Aasstellungswesens
gehl mit der Geschichte der jungen dtlmra-
tit'en Beugung Hand in Hand. England
um/ Belgien machten demenlspmhaid den
Anfang : in Li*n<lon. wo die AuisleBangen der
Rogul Actttiemy ungffiihr den niedrigsten Grad
des Ausstellungswesens erreichen. bikMe sich
die Arts .Ayii CinFTS Exmamos Society
die alle zu*ei Ns drei Jahre ihre AuS'
Stellungen in der Xew Golhrf tftranstaltel
MODERNE KUNSTGEWERBLICHE AUSSTELLUNGEN
und gleichmässig Kunst und Kunstgewerbe
vertritt. Die letzte (fünfte) tagte von Oktober
bis Dezember vorigen Jahres; am Tag ihrer
Eröffnung starb ihr Gründer und Präsident
William Morris. Ausser dieser giebi es jedes
Jahr in England an verschiedenen Orten, wie
Glasgow, Liverpool, kleine Ausstellungen vor-
nehmen Genres; eine der letzten in diesem
Sommer war die in Wolverhampton, wo
ausschliesslich moderne kunstgewerbliche
Gegenstände, anter anderen eine grössere An-
zahl Werke der ASHBEE'schen Guild of
Handicraft in London, zu sehen waren. —
König eine Anzahl Räume im neuen Museum
angewiesen, wo sie auch jetzt noch, immer
Ende Februar bis Anfang April lagt. Die
letzte (vierte) Ausstellung im Frühjahr dieses
Jahres enthielt unter anderem ein Esszimmer des
ausgezeichneten Brüsseler Architekten HORTA.
■ — Den Holländern fehlen noch moderne kunst-
gewerbliche Ausstellungen. Einiges war in
der ütrechter Ausstellung in diesem Sommer
zu sehen. Es liegt nicht in der Arl dieser
eminent tüchtigen Künstler, an die öffentlich-
keil XU drängen. Ein Uneingeweihter könnte
zehn Jahre in Amsterdam wohnen, ohne eine
DONSIER, Ardi.
L'ART NOVVEAV, Parü
Gleich künstlerisch wie die Art AND Grafts,
wenn auch nicht so reichhaltig, sind die Aus-
stellangen der von 0. Maus gegründeten Libre
ESTH^TIQUE inBrüssel. DieLlBREESTH^TIQUE
gingausder Vereinigung der tZehm hervor, die
im Jahre 1884 gegründet wurde und während
der zehn Jahre ihres Bestehens die vornehmsten
Kunstausstellungen veranstaltete, die es wohl je
gegeben hat. Die t Zehn* und ihre immer in sehr
beschränkter Anzahl Eingeladenen setzten sich
im wesentlichen aas Künstlern zusammen, die
ursprünglich Maler und Bildhauer waren, all-
mählich aber zu dem rein Dekorativen über-
gingen. Die LiBRE ESTIJ£tiQVE erhielt vom
Ahnung von der kräftigen Bewegung zu
haben, die sich unter den Jungen Hollands
vollzieht.
Die grossen Pariser Fräblingsausstellangen
der Champs Elysies und des Champ de
Mars stehen im Prinzip wenig höher als die
grossen Berliner. Beide bringen eine Menge
Kunstgewerbe, die Champs Elgsees konsequent
die schlechteren, das Champ de Mars die
besseren Sachen. Das Aasland findet äusserst
geringe Beteiligung; sie beschränkt sich fast
auf die regelmässige Wiederkehr von TiFFANY
and KOEPPING in ihren besten Werken. Die
Marsfeldaasstellung dieses Jahres war in
MODERNE KUNSTGEWERBLICHE AUSSTELLUNGEN
gewerblicher Hinsicht die bisher gelungenste.
Man fand das Beste, was Frankreich her-
vorbringt, freilich neben vielem dilettanti-
schen Kram; sehr wenig praktisch Gewerb-
liches; wenn man das Mobiliar PLüiiEta und
seiner Kollegen ausnimmt, war im wesentlichen
nur das Objet d'art vertreten, dessen zweifel-
hafte Bedeutung für das Gewerbe einleuchtet.
Sehr interessant war die keramische Aus-
stellung neben dem Marsfeldsalon, eine trotz
allen Überflusses an minderwertigen Epigonen-
arbeiten glänzende Äusserung des Gebietes,
auf dem Frankreich die unbestrittene Führung
BONNIER. Anh.
StlltnihOr in L'ART NOVVEÄV
behauptet. Dblahercbe, Dalpayrat und
Lesbros, Massier, Dammouse, Müller,
die Manufaktur uon S^YRES, vor allem den
brillanten BiGOT und die zahlreichen anderen
Künstler und Techniker vom Fcch konnte
man dort einmal eingehend würdigt n. In einer
historischen Abteilung fand man gute ältere
französische Majoliken und japanische Poterien
aus Privatbesitz, wie man sie eben nar in
Pariser Sammlungen sieht.
Wirklich gediegene Kunst- und kanatgewerl>-
liche Ausstellungen mit sicherem Niveau findet
man in Paris nur in dem im Jahre 95 er-
öffneten Salon L'Art NovveäV im Besitze des
Gründers S. BING, der nach grossen Schwierig-
keiten jetzt endlich beginnt, ein Publikum zu
finden. Wir bringen Abbildungen der Aassen-
ansicht und eines Inlerieardetails des Hauses.
Das Gebäude war ursprünglich ein Mietshaus,
und, da es sich nicht in dem festen Besitz BiNG's
befindet, musste man sich mit
Modifikationen behelfen. Diese hat
BONNIBR , einer der tüchtigsten
modernen Architekten von Paris,
aasgeführt. Von ihm stammen
die ausgezeichnete Seitenthür in
Schmiedeeisen und das Geländer der
Galerie in einer Botande des ersten
Stockes. Für die gleiche Botande
im Parterre malte Besnard die be-
rühmte Dekoration, die bis auf den
Plafond — aUerdingsdasglänzendsle
Stück — jetzt in Dresden ausgestellt
ist. Die malerische Aussendekoration
des Hauses hat der bekannte Lon-
doner Maler Brangwyn entworfen
and ausgeführt. Es sind im wesent-
lichen zwei Friese; der eine bedeckt
die oberste Friesfläche and ist eine
fortlaufende freie figürliche Kom-
position, der zweite, untere, läuft
die Seitenfassade entlang and ist
strenger gehalten. Zu den, im
wesentlichen, braungelben Tönen
Brangwyn's ist der Anstrich des
Hauses höchst geschmackvoll und
eigenartig gestimmt. Hier wurden
zum erstenmal die Belgier mit ihrer
Innendekoration , KOEPPING mit
seinen Gläsern, TlFFANY mit seinen
Fenslern und Vasen gezeigt. Wir
erinnern an die glänzende moderne
Bücherausstellung im Frühjahre
vorigen Jahres, die die vornehmsten
modernen Werke des eng tischen,
dänischen, amerikanischen, deut-
schen, holländischen und franzö-
sischen Buchgewerbes vereinte. Die
letzten Veranstaltungen in diesem Sommer
waren die Ausstellungen des dekorativ thätigen
Künstlers Rippl Ronai, der Petroleumlampen
TiFFANY's, die wir abbilden, und der neuesten
Werke BiGOT's.
Skandinavien hat sich dieses Jahr zu einer
grossen Ausstellung in Stockholm aafge-
MODERNE KUNSTGEWERBLICHE AUSSTELLUNGEN
BONNIEB. Artb.
schwangen, die im Durchschnitt nicht viel
besser ist als jede andere, aber durch das dem
einheimischen Charakter möglichst treu ge-
bliebene Geujerbe immerbin ein lokales Kolorit
erhält und dem Suchenden manches Gute, ja
Beste der künstierischen Anstrengungen der
Jangen in Dänemark, Norwegen and Schweden
enthüllt. In die Augen springt der moderne
Charakter des Arrangements. Ein grosser
Teil der Aasstellangsbauten ist dem Archi-
tekten Febdisand Boberg anvertraut worden,
der mit seiner begabten Gattin zu den tüch-
tigsten schwedischen Vorkämpfern für die
moderne Bewegung gehört. Wir geben ver-
schiedene Ansichten der Aussen- und Innen-
architektur BOBERG's wieder. Das Portal and
der Säulengang, t>eides Details in dem Palais
der schönen Künste, zeigen deutlich die de-
korativen Absichten des begabten Architekten.
Man wird in den Ornamenten kaum noch
die Gotik erkennen, von der er aasgeht; sie
ist so frei bebandelt, dassjede Spur von Archais-
mas vermieden ist. Es ist etwas anderes, als
das, was die Engländer auf demselben Wege
erreichen, es ist freier, natürlicher, und zu-
gleich steckt grösserer Reichtum , grössere
Fülle darin. Der Schmuck der Bogen z. B.
ergibt sich aus gekreuzten, ganz einfach stili-
sierten Blattzweigen. Ähnliche Motive ver-
mitteln den Übergang des Bogens zur Säule,
an der vielleicht zum erstenmal das Kapital
glücklich ersetzt ist und anderseits zur Wand,
in die sich der Bogen mit höchst elegantem
Ansätze verliert. Sehr geschickt ist in dem
GaUrtt lit L'ART NOVVEAU
Portal die Klippe der vorgeschriebenen Heraldik
umschifft. Man erinnere sich der Geschmack-
BOBERG, Arch.
Auultttung, Stockholm
MODERNE KUNSTGEWERBLICHE AUSSTELLUNGEN
teile der Äxte lind Hämmer sind
in Masse so uerleilt, dass sie forl-
laufende Ornamente geben. Die Eisen-
proßle für Sctiienen, Schivetlen u. s. w.
ordnet er zu einem Rundfries, der
anter der originellen Hauptdekoration
die Wand umläuft. Das Prinzip ist
nicht neu; in Jeder Ausstellung be-
gegnet man Gebäuden oon Seife,
Cbokolade, Flaschen etc., die alles
andere nur keinen künstlerischen Ein-
druck hervorrufen. Es darf eben
keine Architektur auf diese Weise
erstrebt werden, und es kommt ganz
darauf an, wie es gemacht wird.
Die Grenze des Erlaubten ist oft schwer
bestimmbar, in der BoBERG'scben
Lampe, z.. B. die den PaoHlon er-
leuchtet, ist sie Überschriften; eine
mit Eisenhämmern gespickte Bogen-
lampe ist unmöglich. ~ Mit Ge-
schmack Hesse sich aus diesem Prinzip
vieles machen, das dem immer und
eu}ig gleichbleibenden Innern der
grossen Ausstellungen zu gute kommen
könnte.
Einige deutsche Ausstellungen dieses
Jahres haben sehr energische Fort-
schritte in ähnlicher Richtung ge-
macht. Von der Münchner ist an
anderer Stelle die Rede, von der
Berliner kann überhaupt nicht die
Rede sein. Ein Detail: mit be-
wunderungswürdigem Lebemut haben
sich in Berlin einige dekorativ thälige
Künstler niedergelassen. Es sind
ihrer nicht viel, umsomehr sollte
„, man glauben, dass sich die Aus-
stellung ihrer bedient, um einen
Hauch von Leben zu bekommen.
Herr V. Werner denkt nicht daran, ja
diese tüchtige Ausstellungskommission hat
die nicht näher zu bezeichnende Selbst-
genügsamkeit, einen tüchtigen Künstler —
HiRZL — der naiv genug war, ihr seine
hübschen Goldsachen anzubieten , mU dem
Bedauern zurückzuweisen, dass das doch
wohl keinen künstlerischen Wert habe. —
Aber die venezianischen Imitationen der
Societä artidica Ilaliana haben genügend
künstlerischen Wert, am dem Besucher der
Ausstellung im Wege zu stehen, und auch
die deutschen Verunstaltungen der lieben
Renaissance, die man diesmal zugelassen hat,
sind genügend!
Dresden hat den guten Einfall gehabt, sich
von L'Art NoVVEAU eine Reihe sehr schöner
moderner Zimmer einrichten zu lassen, und
BOBERG, Arch. Aualcllaag, Slockho
losigkeiten, die bei uns und überall fast
unvermeidlich scheinen, sobald die Sgmbole
der Staatsgewalt angebracht werden müssen.
Boberg wagt die Verwendung der Insignien
zu dekorativen Zwecken und erreicht, dass
die toten Zeichen zu frischen Ornamenten
,werden. Dieses sichere Gefühl für die Not-
wendigkeit neuer und zugleich zweckentsprech-
ender dekorativer Wirkungen findet man
noch schärfer ausgedrückt in dem Pavillon
für die Eisen- und Stahlausstellung der Gesell-
schaft St. Kopparbergs Bergslags, den wir
ebenfalls wiedergeben. Die landläufige Archi-
tektur hätte es fertig gebracht, selbst einem so
durchaus modernen Inhalt eine den Vorbildern
der Alten entlehnte Form zu geben ; BOBERG
entwickelt die Dekoration des Raums aus den
darin ausgestellten Gegenständen. Die Eisen-
MODERNE KUNSTGEWERBLICHE AUSSTELLUNGEN
L'ART NorVEAU hat mit Hilfe Van DF.
Velde's seine Aufgabe sehr glänzend gelöst.
Wir haben uns alle Mähe gegeben , der
Direktion die Erlaubnis zu entlocken, für unser
Geld photographische Aufnahmen machen zu
lassen. Bisher sind die Unterhandlungen an
der enormen - Entschädigung*, die man von
uns verlangt, gescheitert. Liegt es wirklich
im Interesse einer solchen Veranstaltung, die
doch schliesslich zur » Verbreitung « künsl-
mil Erfolg unternommen. Unter den aus-
gestellten Gegensiänden selbst findet man
manches interessante gewerbliche Stück. Nur
lässt die Aufstellung recht viel zu wünschen
übrig. So gestellt können die Dinge nicht
gefallen. Die Tische mit den Zinnsachen
II. s. w. kleben an den Wänden zwischen den
Bildern, als ob sie nurfär einen Augenblick
dastünden, kein Mensch kommt auf die Idee,
diese Dinge könnten in ihrer Art ebenso
BOBERG. Ärrh.
Aasilfllang, Stoctholm
leriscben Geistes da ist, sich mit allen Mitteln
gegen die Publikation ihrer Darbietungen zu
wehren, zumal wenn, wie in diesem Fall, die
beteiligten Künstler die Erlaubnis ihrerseits
nicht nur gewähren, sondern um die Verviel-
fältigung in unserem Organ bitten? Wir
hoffen, dass sich der Vorstand ztir besseren "
Einsicbl bekehrt und wir dann in der Lage
sind, eingehend auf ihre in der That vor-
zügliche Leistung zurückzukommen. Was sich
an den vorhandenen Dekorationen des Dres-
dener Lokals verbessern Hess, hat WALLOT
DEKORATIVE KUNST. HEFT 1. 3
wichtig sein, als die allein seligmachenden
Bilder. Auch hier fällt die Nichlbeleiligung
des Inlandes auf, doppell, wo das Ausland
so stark vertreten ist. Wir sind die letzten,
die sich gegen tüchtige ausländische Sachen
wehren, aber in erster Heihe sollte doch immer
das Gute im Inland kommen. Und ECKMANN
nebst nieten anderen deutschen, von den Dres-
denern nicht eingeladenen Künstlern machen
heute bereits sehr viel bessere Sachen, als ein
guter Teil derer, die sich Dresden in der
Fremde gesacht hat.
MODERNE KUNSTGEWERBLICHE AUSSTELLUNGEN
Eine höchst bemerkenswerte Veranstaltung
hat Hamburg mit seiner Gartenbau-Ausstellung
fertig gebracht. Schon die Idee, die kaum
einen Vorläufer haben dürfte, eine Ausstellung
von Pflanzen und Blumen zu machen, die
nicht wie gewöhnlich ein paar Wochen, sondern
ein halbes Jahr dauert, also die Aussteller
zwingt, ihre Ware häufig zu wechseln, hat
ihre grossen Reize. In Hamburg schliessen
solche Versuche nicht nur ohne Defizit ab,
sondern bringen sogar noch wesentliche Ein-
nahmen; schon jetzt ist der Erfolg der Aus-
stellung auch in dieser Hinsicht gesichert.
Das Publikum hat sich weit über Erwarten
interessiert, und diese rege Teilnahme hat weit
über die Bedeutung des Materiellen hinaus-
gehende Folgen. Denn zweifellos : solche Dinge
dem armen Städter zu zeigen, das ist ein
viel gründlicheres Mittel zur Hebung des Ge-
schmackes, als eine Kunstausttellung, selbst
wenn sie aus eitel Kunstwerken bestünde. Das
ist die wahre Ästhetik fürs Volk, die kann es
verstehen, die kann es — bezahlen. Man hätte
THIELES, Ardi.
im Arrangement der Blumen und P/tanzen
vielleicht noch mehr diese Seite, die mir wichtiger
erscheint als die rein botanische, betonen können.
Ich vermisste zum Beispiel Anleitungen zur
Kunst des Boaquetbindens, zur Kunst des Tisch-
schmuckes u. s.w.; der Verfasser des *Makart-
bouquetst hätte sicher dafür guten Rat ge-
wusst. Nicht wenig hat an dem glänzenden
Gelingen die schöne bauliche Gestaltung des
Mittelpunktes der Ausstellung, der Zentral-
halle, beigetragen, von der wir einige Innen-
und Aussen-Anaichten geben. Thielen hat
sie gemacht, der bereits mit anderen Bauten
ähnlicher Art, wenn auch nicht so gelungen,
hervorgetreten ist. Die nach meiner Ansicht
dankenswerteste That Thiei.en's ist die Aussen-
architektur des Baues, mit der er entschieden
der Überlieferung Trotz geboten hat. Fast all-
gemein glaubte man bisher, ein Ausstellungs-
gebäude müsste unbedingt prunkhaft sein.
Man kennt die gewissen Viktorien über den
Portalen; in Brüssel hat man sich eine aus
richtiger Pappe oder dergl. geleistet. Stuck
und Pappe schienen bei einem Aus-
steüangsbau unvermeidlich, wenn
man sich nicht wie die Pariser bei
ihren Weltausstellungen echtes
Material leisten konnte, und selbst
die Londoner mit ihrer Indian Ex-
hibition, die dieses Jahr zu einer
Q üEEN Era Exhibition um frisiert
worden ist, glauben nicht auf das
trügerische Weiss verzichten zu
können. Bestärkt wird der Unfug
durch die internationale Mode, bei
allen grossen Ausstellungen die alte
Stadt in Pappe vorzuführen ; immer
mehr bildete sich die Ansicht heraus,
so eine Aasstellung sei ein Theater
und müsse mit den Mitteln der
Bühne gemacht werden. Meines
Wissens brach man zuerst in Ame-
rika mit dieser Anschauung. Auch
THIELEN hat sich gesagt, dass es
besser sei, auf falschen Prunk zu
verzichten, wenn man mit gedie-
generen Mitteln etwas erreichen
kann. Deshalb wählte er eine ein-
fache Holzkonstraktion, die nur
durch gefällige Verhältnisse, durch
geschmackvolle Ausgestaltung der
Fensterlinien u. s. w. bescheidenen
aber sicheren Reiz erhielt. Leider ist
er demselben Prinzip nicht auch im
Innern des Baues treu geblieben,
sondern zurSluckdekorationzurück-
gekehrt. Doch lässt sich auch hier
I, Hamburg der frische Zug nicht verkennen,
MODERNE KUNSTGEWERBLICHE AUSSTELLUNGEN
THIELEN, Anh.
Carltnbau-Aauteüang, Hambarg
and im übrigen kann sich THIELEN damit
trösten, dass selbst Baumeister wie der Stock-
holmer Boberg, dessen grosse Anlage oben her-
üorgehoben wurde, ihre Wirkungen in Stuck er-
reichen. Thielen's imposantes Interieur zeigt
die Vorzüge undFeblerder Technik. DieRaam-
uerteilung ist glänzend, man muss schon nach
Amerika gehen, um annähernde Erweiterungen
romanischer Gewölbe zu finden. Wieder zeigt
sich, welch glänzende moderne Wirkungen die
vernünftige Verwendung gerade dieses primi-
tiven Stils ergeben kann. Das Aber bleibt
nicht aas. Um diese Wirkung in Stuck zu er-
reichen, sind Hilfsmittel wie die doppelten Eisen-
Derbindungennölig,derengeradlinige Nüchtern-
heit hässlicb gegen die schön gerundeten
Bogen absticht. Aach wie der riesige Kron-
leuchter ■ — übrigens keine glückliche Erfin-
dung - — angebracht werden musste, wider-
spricht dem Stilgefühl. In den Kapitalen der
Säulen verrät sich der Wunsch, zu mode^ni-
üeren, nur stört die alba nataraliatiacbe Ver-
wendung von Pflanzenmotioen, hier nicht so
gut geglückt wie bei BOBERG, woran wohl
die Eile, mit der THIELEN arbeiten musste,
schuld ist. Die Motive sind viel zu kompli-
ziert, wirken überladen. Hier wie überall
kommt der Unterschied zwischen dem Stil, der
gutes Material und sorgfältige Arbeit verlangt,
und der Billigkeit und Schnelligkeit, mit der
solche Bauten ausgeführt werden müssen, zum
Vorschein. Auch in der Flächendekoration
ist er zu merken. Ausgezeichnet ist die Apsis
geschmückt; hier ist die erstrebte Pracht-
wirkung uöllig erreicht; dazu bat THIELEN
durch geschickteVerteilung elektrischer Lampen
in das Ornament den Heiz der Dekoration auch
für den Abend erhalten, ja der Reiz ist vielleicht
bei Beleuchtung noch grösser. Schon diese Aus-
nutzung des elektrischen Lichtes für dekorative
Gesamtwirkungen beweist Thielen's Stärke.
At}er der Rest tritt gegen diese glänzende Apsis
allzusehr zurück, die übrigen Teile der sehr
grossen Fläche konnten nicht mit gleicher
Sorgfalt bearbeitet werden; in manchen tritt
auch veränderte Stilistik zu Tage; alles er-
klärliche, aber nichtsdestoweniger störende
Folgen der Verhältnisse.
Diese Umstände hat man in Leipzig beim
Bau der Ausstellung im Auge behalten, and
wir können ohne jeden Rückhalt hinzufügen
— glänzend überwunden: Die ganze Aas-
stellang ist in vieler Beziehung ein Muster
für das Arrangement und verdiente eingehende
Betrachtung. Wir begnügen uns mit dem
besten, das sie besitzt: dem Bau für das
Hauptcafi und vor allem dem Hauptrestaurant,
von dem wir eine Abbildung bringen. In
ihnen ist die Übereinstimmung von Zweck
und Ausführung so treffend, dass man von
einem Ausstellungsstil reden kann; das Ver-
dienst, ihn in dieser Vollendung entwickelt zu
haben, gebührt dem Architekten Tscharmann
in Leipzig, dem Schöpfer dieser und anderer
MODERNE KUNSTGEWERBLICHE AUSSTELLUNGEN
Gebäude. TsCHARMANN's Primip ist die
teilte Konsequenz des Gedankengangs: kein
Stuck, keine Pfirase; Gediegenfieit, unuerhüllte
Walirtieit und doch künstterisctie Wirkung.
TsCHARMANN Itat den ganzen Bau nur in
Holz ausgefätirt; er begnügt sich mit gut
komponierten Wölbungen und sacht nur durch
dem Hauptrestanronl ; die' Mittelfagade mit
dem äusserst geschickt angebracliten Firmen-
schild enthält nichts, was nicht unbedingt
praktisch zu ihr gehört, und doch kann man
sich nicht dem Reiz der Linien entziehen.
Ganz kongruent ist dos Innere gehalten: zwei
Tonnengewölbe mit kleinem Querschiff, dessen
TSCHÄRMÄNN,- Arch.
die konslruklioe Linie zu wirken.. Die Fa^ade
des Cafe's zeigt einen grossen Hauptbogen
mit zwei kleineren Bogen; zwei offene Türm-
eben sind der einzige Schmuck. Das Innere
— ein einfacher Paoillon, ein Zelt in Holz
ausgeführt, leiclit, luftig, wie es der Zweck
erheischt. Grossen Beiz erzielt er durch die
hübsche Profilierung der Fensteröffnungen bei
AiaiMlung, t.aptig
Frontseile der erwähnten Mittelfa^ade etil-
spriclit. Man findet nichts wie Holz; die
Fläclien sind mit Brettern verkleidet, darüber
reizendes, einfaches Stab werk, im übrigen
tragende Balken. Hier aber hat der Deko-
rateur zum besten , einfachsten , modernen
Mittel gegriffen, zur Farbe. Das Balkenwerk
ist grün, die Bretter sind weiss gestrichen und
MODERNE KUNSTGEWERBLICHE AUSSTELLUNGEN
darauf ist ein grün stilisiertes Weinlaub gemall.
Diese ganz gleichmässige Verteilung desselben
anspruchlosen Musters in einfachen Farben
durch den ganzen Raum ist entscheidend,
man kann sich nichts Besseres denken. Solcher
Art sind die Wirkungen, die einzig angestrebt
werden sollten, weil sie erreicht werden können;
die künstlerische Bedeutung der ganzen pomp-
haften Berliner Gewerbe - A usstellung fällt
gegen diesen einfachen Raum. Die schwere
Scharte, die die proletarische Geschmacklosig-
keit, der die Berliner Ausstellung zu verdanken
war, deutschem Wesen im Auge des Auslandes
geschlagen hat, ist von Leipzig ausgewetzt
worden. So sehr wir uns Berlins schämen
mussien, so stolz können wir auf die Leistung
einer Stadt sein, die nicht einmal zu unseren
Hauptstädten gehört.
Auf dieser Höhe steht von den Aus-
slellungen dieses Jahres nur die Kolonial-Aus-
stellung in Tervueren bei Brüssel, die gleich-
zeitig mit der grossen Brüsseler Ausstellung
gemacht wurde. Die letztere selbst ist genau
so wie alle anderen; im Ensemble ohne jeden
Reiz. Man findet natürlich glückliche Einzel-
heiten, an denen die Ausstellung selbst unschuldig
ist. Wir verweisen zum Beispiel auf den äus-
serst praktischen und geschmackvollen Tisch,
den Majorelle in Nancy für die DAUM'schen
Gläser gezeichnet und ausgeführt hat. Der
untere Teil ist getöntes Holz mit den an
GALLt erinnernden Füssen. Auf der Tisch-
platte erheben sich schön geschwungene
blanke Messingträger, die eine Glasplatte
halfen. Man hätte die Details vielleicht noch
besser ausarbeiten können; das Ganze ist
jedenfalls gelungen. Auch HORTx's grosse
Auslage in Holz, Glas und Metall für die
Gläser der Gesellschaft Val St. Lambert —
das beste, was die Brüsseler Ausstellung ent-
hält (wir kommen darauf zurück) wie manche
Arbeiten von Serrurier in Lüttich und ein-
zelnes von Wolfers, Brüssel, u. a. sind ausge-
zeichnete Arbeiten, aber sie verschwinden in der
Masse geschmacklosen Kramwerks, über deren
Niveau selbst die hübsche kunstgewerbliche
Abteilung der jungen Brüsseler — Du Bois,
Lemmen, Finch, Feenandvbois, Combaz
u. a. — ■ nicht hinweghilft.
Ganz anders TERVUEREN. Hier ist zum
erstenmal die Gesamtdekoration einer orga-
nisch zusammenhängenden Ausstellung in die
Hände von Künstlern gelegt worden, die alle
nach gemeinsamen Zielen streben. Das Resultat
erschien uns so wichtig, dass wir ihm im
folgenden einen besonderen Platz anweisen
zu müssen glaubten, wofür wir das Wort
einem der Hauplbeleiliglen überlassen haben.
— T—
MAJORELLE, Aualtllungs-Tlsch
r von DAVU FRßRES
DIE KOLONIAL-AUSSTELLUNG TERVUEREN
VON
HENRY VAN DE VELDE
In einem Lande, das jeder Idee hemmend
entgegenlrilt, erlangt eine Ausstellung wie die
uon Tervaeren, die einzig als Ausdruck eines
starken Gedankens möglich wurde, eine weit
aber die Bedeutung einer der vielen Ausstel-
lungen unserer Zeit hinausgehende Wichtig-
keit. Es ist daher besser, statt uon der bel-
gischen Kolonialausstellung von dem »Fall
Tervuerent zu reden.
Sehen wir zu, wie dieser Fall, dessen Be-
ziehungen zur modernen gewerblichen Ent-
wicklung Belgiens in die Augen springt, ent-
stehen konnte.
Es liegt in der Art jeder gesunden Idee,
dass sie im Keim eine Menge andere birgt,
die vielleicht erst von der vierten oder fünften
Generation zum deutlichen Vorschein gebracht
werden. Die Menschen, die eine Idee hin-
nehmen, sind genötigt, auch die Folgen zu
billigen, und der, der für sie kämpft, kommt
notwendig dazu, daneben für andere Dinge
zu kämpfen, an die er nie vorher gedacht hat.
Cber die Congo-Frage zu reden, scheint in
dieser Zeitschrift überflüssig. Mich interessiert
sie hier nur als Idee in einem an Ideen armen
Lande; es war fast selbstverständlich, dass
die thätigen Anhänger der Congo-Politik sich
notwendig von Leuten angezogen fühlen muss-
ten, die für eine andere Sache kämpften.
Freilich ohne dieselbe Aufmerksamkeit und
denselben Widerstand hervorzurufen : den mo-
dernen Künstlern Belgiens, die sich die Er-
neuerung des Gewerbes zum Ziel gesetzt haben.
Die Annäherung musste sich in dem Moment
vollziehen, als die für ihren Congo Kämpfen-
den eine Ausstellung zu veranstalten gedach-
ten, deren Gelingen uon einer geschmackvollen,
eigenartigen Herrichtung wenn nicht abhing,
so jedenfalls sehr wesentlich gefördert werden
konnte.
Es blieb zwischen den beiden natürlicher-
weise auf einander angewiesenen Kräften die
Regierung, der ganze offizielle Apparat. Glück-
licherweise giebt es im Congostaat wohl eine
Regierung, aber keine Bureaukratie.
Der Lieutenant Masui, Generalsekretär der
Ausstellung, den ich über die Entstehungs-
geschichte der Ausstellung befragte, machte
mich auf diesen glücklichen Umstand in der
Verwaltung des Congosiaates aufmerksam and ■
DIE KOLONIAL-AUSSTELLUNG TERVUEREN
H. VAN DE VELDE
Ethnograph. Saat
DIE KOLONIAL-AUSSTELLUNG TERVUEREN
SERRÜRIER-BOVY
führte die Idee des modernen Arrangements
auf den Staatssekretär Mr. VAN Eetyeld
zurück. In einer anderen Staalsform würde
auch der höhere Titel eines einzelnen nicht
im stände gewesen sein, einen solchen Plan
in so einheitlicher Form auszuführen. Die
vielen Unter- und Oberkommissionen hätten
das Ihrige gethan, und von dem ursprüng-
lichen Plan wäre nichts übrig geblieben. Der
Congostaat ist noch jung, er hat wenig Be-
amte und ist daher genötigt, dem einzelnen
grösste Machtbefugnis zu geben und seine
Thätigkeit ebensosehr zu beanspruchen wie
unsere reiferen Slaatsformen den Beamten zur
Vnthätigkeit verdammen.
Der »Fall Tervuerem ist die Aufgabe, eine
künstlerische Kolonialausstellung zu machen.
Man kennt das Material an Glaskästen,
Postamenten, Etageren, Stoffbehängen, Wand-
schmuck u. s. w., dessen sich bisher die Aus-
stellungen ausnahmslos bedienen, und man
muss sich die ganze hässliche Nichtigkeit
dieser Dinge vor Augen stellen, am den Riesen-
üorsprung zu ermessen, den die für dieselben
Zwecke gemachten neuen Gegenstände in Ter-
vueren darstellen.
Die Arbeit der Herren VAN Eetveld und
Masui — denn trotz der Erklärung des
letzteren kommt ihm ein grosser Anteil cun
Import-Saal
Gelingen des Werkes zu — war am so schwie-
riger, ak es sich um die Aufstellung einander
höchst entgegengesetzter Dinge handelte. Man
denke sich einen Saal, in dem die Werke
belgischer Künstler in dem Elfenbein der
Kolonie ausgestellt sind, und dann einen an-
deren, in dem man die Handelswaren findet,
die Belgien zum Umtausch nach Afrika
schickt. Trotz dieser notwendigen sachlichen
Gegensätze ist das Ganze von einem künst-
lerischen Geist durchdrungen ; man findet den-
selben künstlerischen Willen in dem eleganten
Fassgeslell, das eine zierliche Elfenbeinarbeit
trägt und ebenso in der einfachen Auslage,
auf der die Seifen- und Kerzenpakete aus-
gebreitet sind.
Der in die Brüsseler Bewegung Eingeweihte
findet leicht in der Ausstattung der einzelnen
Säle die Persönlicheiten der beteiligten Künstler
heraus; das Publikum sieht nur vielfach ver-
schiedene Äusserungen desselben neuen Geistes.
Daher wäre es auch unmöglich, die Aus-
stellung zu beschreiben. Die Mittel sind höchst
einfach, es ist immer nur wieder Holz, hier
und da ein wenig Glas und Beschläge, Damit
hat jeder der Künstler das Seinige gethan,
immer nur in dem Wunsch, das Ganze zu
verschönen. Der Zweck ist erreicht worden
und das Gewonnene ist bleibend. Der Erfolg
DIE KOLONIAL-AUSSTELLUNG TERVUEREN
HOB&
geht weit über den Rahmen eines flüchtigen
Ausstellangsversaches hinaus. Er wird fär
alle folgenden Ausslellungen bestimmend sein.
Bisher gab es noch keinen Vergleich, jetzt
wird selbst der Erfolg der Weltausstellung
von Paris 1900 davon abhängig sein, ob dort
derselbe Geist rege wird, von dem Tervueren
eine Äusserung ist. Und von der Ausstellung
wird derselbe Geist auf die Einrichtung aller
öffentlichen Gebäude, Museen, Schulen, Biblio-
theken, Hospitäler übergehen and von hier
auch in das Privathaus eindringen.
Dieser Bedeutung gegenüber treten Cber-
Ireibungenoder Schwächen im einzelnen zurück.
Der unter uns, dem noch nie ein Versuch
missglückt ist, wage den ersten Stein auf sie
Ppaiaaikuttur-Saal
ZU werfen. Ich für meinen Teil habe zu oft
schon vorbeigeschossen, als dass ich mich
dieser Gerechtigkeit verschliessen könnte. Gegen-
wärtig hat das Publikum keinen Masstab für
das Gewerbe. Es siebt in der Masse ver-
schiedener Postamente nur den *neuen Stil*.
Nichts anderes sieht es in der Balkenverbindung
Hankar's für den ethnographischen Saal, oder
in der Bogenkonstruktion Serrurier's des
Importsaals, in den gerundeten Vitrinen und
Gestellen, die ich für den Exportsaal ge-
macht habe, oder in den, viel zu schweren
Blocks, die Hob6 für den Pflanzenkulturraam
geschaffen hat. Bald wird dasselbe Publikum
lernen, in diesem neuen Stil das Gute von
dem weniger Brauchbaren zu scheiden.
A. ENDELL, Wandfria Im llaiae des Hrrra H. OBRIST
DEKORATIVE KVSST. HEFT I.
KORRESPONDENZEN
BERLIN — HlRZL hat eine Anzahl
sehr reizender neuer Broschen her-
gestellt (ausgeführt in Gold, zum Teil
mit Email vom Hofjuwelier WERNER auf
der Leipzigerstrasse). Sie haben vor den ersten
Modellen den Vorzug höheren Gebrauchs-
wertes; die spitzen Zacken, die den Kleidern
gefährlich wurden, sind vermieden und die
stilisierende Note hat an Deutlichkeit gewonnen.
Die Modelle können sich neben den besten
ausländischen Bijouterien sehen lassen und
sind billiger. Es ist kein geringer Vorzug,
dass man diese äusserst gediegen gearbeiteten
echten Sachen für i5 — 90 Mark haben kann.m
Herr Elkan, der Schwager Pächter's, des
bekannten Besitzers des Japan - Geschäftes
R. Wagner, ist aus Japan zurückgekehrt und
hat die Kanst der Patinierang, die nirgends
so wie im Lande der Bronzen verstanden wird,
mitgebracht. Er nimmt ganz einfache Ge-
fässe mit glatter Oberfläche and erreicht mit
seinem, natürlich geheim gehaltenen, Verfahren
die reizendsten Farbenwirkungen; dunkle, rote,
blaue, orange and grüne Töne, die sich aas-
gezeichnet mit dem Grand der Bronze ver-
binden. Ganz den Charme alter japanischer
Bronzen wiederzugeben, bei denen die Patina
wie gehaucht erscheint, ist wohl anmöglich
and liegt auch kaum im Interesse einer
modernen Technik. Man sollte im Gegenteil
versuchen, die wundervolle Färbung zu ganz
bewussten dekorativen Wirkungen, vielleicht
sogar zu diskreten Ornamenten — wenn das
möglich ist — ■ auszunutzen. 9 Pächter selbst
hat sich eine hübsche einfache Villa im Westen
geschmackvoll und seiner Vorliebe für Japan
entsprechend eingerichtet. An der Installation
ist auch VAN DE VELDE in Brüssel beteiligt.
Von dem gleichen Künstler rührt ein Speise-
zimmer her, das sich der Maler C. HerrmaNN
in seinem entzückenden, neuen Heim hat machen
lassen. Hier hat Herrmann willkommene
Gelegenheit gefunden, seine Begabung für
dekorative Farbwirkangen zu äussern. Jedes
Zimmer ist mit wohlthuender Diskretion mit
den reizvollen Bildern des Künstlers geschmückt
and auf ausgesprochene reine Töne gestimmt,
deren Gesamtheit aas der Wohnung, die in
Berlin ziemlich einzig sein dürfte, ein ein-
heitliches Ensemble macht, in dem sich's gut
sein lässt. # Das grosse Warenhaas für
Wertheim auf der Leipzigerstrasse ist im
Äussern annähernd fertig und fällt in seiner
amerikanischen Einfachheil höchst vorteilhaft
aus der Masse der überladenen Berliner Gips-
stilarrangements heraus. Der bekannte
Hamburger Künstler OTTO Eckmann hat
seinen Wohnsitz von Manchen in das Ber-
liner Kunstgewerbemuseum verlegt, u»o er
an die Gewerbeschule berufen worden ist. Eck-
mann befindet sich gerade jetzt, wie seine letzten
Arbeiten beweisen, die wir in dem Aufsatz über
Beleuchtungskörper abgebildet haben, und die
das Beste darstellen, das er bisher gemacht
hat, in einer äusserst günstigen Entwicklungs-
phase, und er ist nicht allein der feine Produzent,
sondern auch durch persönliche Veranlagung
geeignet, anderen seine Ideen mitzuteilen, also
vorherbestimmt zum Lehrer wie übrigens die
meisten Neuerer. Er weiss jetzt seinen Weg,
kommt also nicht zu früh und auch nicht zu
spät in die Stellung, die ihm Freude macht.
Hoffentlich erfüllen sich seine Erwartungen
an die massgebenden Autoritäten. 9 In gleicher
Stellung möchte man KOEPPING sehen; wir
denken dabei durchaus nicht allein an die reiz-
vollen Gläser. So gelungen sie sind und so
berechtigt der Erfolg, KOEPPiNG ist mehr als
K. KOEPPING, OHglnabeidinittig
MÜNCHEN
seine Gläser; sie sind, gewerblich gedacht, nur
ein vielversprechender Anfang, and Koepping
ist der Mann, den gewerblichen Keim, der
neben dem ästhetischen Wert in ihnen steckt,
zu reifen. Er ist, darf man sagen, moralisch
dazu verpflichtet, denn glänzender ist wohl
nie ein erster Versuch gelohnt worden. Er
trägt sich gegenwärtig mit gewerblichen Ideen,
auf deren Ausfuhrung man gespcmnt sein kann.
KOEPPJNG ist sich der Schwierigkeit der Aufgabe
vollkommen bewusst,'es bedarf langen Wagens,
um nach den Gläsern einen Fortschritt zu
bringen. Was es auch sei, es wird Wert
haben. KOEPPiNG gehört zu den höchst seltenen
Kunstlern, bei denen man ohne zu sehen
glauben kann. Nie wird das, was sie machen,
schlecht sein. Diese Sicherheit des Geschmacks,
die sich nie verleugnet, ist Gold wert für
eine Schule; freilich ist es feine Ware, die sich
zwischen groben Fingern leicht verfluchtigt.
Wir bringen zwei von ihm für uns gezeichnete
Abbildungen seiner letzten Modelle. Das hohe
Glas hat stumpflila, amethystfarbenen Kelch
mit gelblichen und grauen Schattierungen,
Stiel und Fuss blassgränlich, Blätter dunkel-
grün. Das breite Glas hat gelbfleckigen Kelch
bei auffallend starkem Licht mit blauen
Reflexen. Fuss und Blätter in gelblichen und
grünlichen Tönen. — y —
MÜNCHEN — Seit Gedon hat in
Münchner Wohnräumen mehr als
anderswo der ^AtelierstiU geherrscht.
Die malerische Häufung von Anti-
quitäten und Möbeln aller Zeiten und Völker
in der Harmonie ihrer durch Staub und Alter
gedämpften Farben und ihrer künstlerischen
Unordnung verlieh den Räumen jene weiche,
wohlige Stimmung, welche so sehr der sorg-
losen, gemütlichen Nonchalance unserer inner-
lichen und äusserlichen Scunmetjacken ent-
sprach. Münchner Architekten und Künstler
schufen in ihren Häusern Säle von venezia-
nischer Pracht oder florentinischer Vornehm-
heit, lichte Hallen in graziösem Rokoko und
unvergleichlich echte altdeutsche Trinkstuben,
die, gefüllt mit kostbaren Altertümern, gewiss
des Reizes nicht entbehren. Der vollständige
Mangel an eigener, selbständiger Schöpfungs-
kraft wird durch eine geschmackvolle und
feinfühlige Anlehnung an gute Vorbilder er-
setzt und hier liegt die Stärke, aber auch die
enge Grenze ihres Könnens. Wir werden vor-
aussichtlich Gelegenheit haben, bei Besprechung
neuer Münchner Bauten näher darauf ein-
zugehen.
Lenbach hat im Verein mit Eman. Seidl
die architektonische Ausschmückung unserer
diesjährigen Kunstausstellung geschaffen. Ihr
Streben ging dahin, die Bildwerke in eine
künstlerische Atmosphäre zu versetzen und
sie in jene harmonische, stimmungsvolle Um-
gebung zu bringen, in welcher sie einzig zu
voller Geltung gelangen und vollen Genuss
gewähren. So richtig dieses Prinzip auch
erscheint, so sollte doch gerade in einer Aus-
stellung nicht das Verhältnis überschritten
werden, in welchem der Rahmen zum Bilde
steht. Der Rahmen sollte nicht beanspruchen,
für sich ab selbständiges Kunstwerk zu wirken,
in dem die Bilder nur schmückende Beigaben
sind, umsomehr, wenn dieser Rahmen, wie
es hier unvermeidlich, aus Gips und Masse
aufgebaut, doch nur einen theatralischen Effekt
zu geben vermag, der an diesem Platze fremd-
artig wirkt. Man kann nicht leugnen, dass
im Streben nach künstlerischer Dekoration im
allgemeinen des Guten zu viel geschehen ist.
Wo immer der Blick, von allzuvielem Schauen
ermüdet, sich von den Bildern wendet, trifft
er auf reich verzierte Säulen und Portale;
und gewiss nur wenige werden hinaufgeschaut
haben zu den plastischen Friesen, welche die
Höhen der Wände in den Hauptsälen be-
kränzen. Der Minervatempel im Vestibül
wirkt brutal in seiner falschen Pracht und
erscheint einem feineren Fühlen als eine Orgie
in Gips und Stilen; und wenn auch die ver-
fehlte Architektur dieser Halle bedeutende
Schwierigkeiten bot, so hätte man doch von
diesen Künstlern eine geschmackvollere Lösung
erwarten dürfen. Der Vergleich des fein-
getönten Kabinetts, dasLENBACH's eigene Bilder
enthält, mit dem Prunksaal, in welchem ein
Teil der retrospektiven Ausstellung auf den
von Lenbach so bevorzugten, wenig schönen
und an den Kaufladen erinnernden Etageren
untergebracht ist, beweist, wie viel mehr durch
diskrete Bescheidenheit, als durch reiche Pracht-
entfaltung erzielt werden kann, — welch un-
endlich grössere Intimität, welch eindring-
lichere Sprache diese in beiden Sälen so vor-
züglichen Bilder in der zarter gestimmten Um-
gebung bewahren.
Die kunstgewerbliche Abteilung ist auf zwei
kleine Kabinette beschränkt worden; aber es
ist freudig zu begrüssen, dass auf Drängen
einer Anzahl Künstler und Kunstfreunde end-
lich der Kleinkunst ein Platz in unserer Aus-
stellung eingeräumt worden ist. Der Erfolg
ist über die Erwartungen gut und lässt noch
Besseres hoffen. Die Mehrzahl der ausgestell-
ten Gegenstände hat Absatz gefunden und
viele müssen fünf- und sechsmal wiederholt
werden, um der Nachfrage zu genügen. Von
Münchnern sind die Maler V. Berlepsch,
A3
MÜNCHEN
gut vertreten ist, naher einzugehen. Heule
nur einige Worte zu den Illuslrationen, welche
wir als tüchtige, und vielversprechende Stich-
proben Münchner dekorativer Kunst geben.
EckMANN's und seiner sehr beachtenswerten
Arbeiten in Schmiedeeisen ist in dem Aufsatz
über Beleuchtungskörper bereits Erwähnung
gethan. Es ist sehr zu bedauern, dass diese
vielseitige tüchtige Kraft für München ver-
loren gehen wird. Gerade sie hätte an ge-
eigneter Stelle eine segensreiche Thätigkeit für
unser Kunstgewerbe entwickeln können. ECK-
MANN arbeitet zur Zeil an einem Sammelwerke
rNeue Formen', das binnen kurzem bei Max
Spielmeyer in Berlin erscheinen wird. Wir
werden über die sehr interessanten Entwürfe,
die wir zu sehen Gelegenheit hatten, nach Er-
scheinen ausführlicher berichten. H. ObrIST
isl durch seine meisterhaften Stickereien
allgemein bekannt. Welch ein Schritt von
dem Sophakissen mit dem gestickten: »Nur
ein Viertelstündchen' bis zu diesen in
Linie, Farbe und Technik so vollendeten,
Arbeilen! Es ist nicht zu glauben, dass
guter Geschmack einem grösseren Publi-
kum so vollständig verloren gegangen sei.
H. OBRIST Wandoorhang
Eckmann, Erler, v. Heider, Kögel, Rie-
MERSCHMID, Schmuz-Bavdiss, die Bildhauer
Endell, Obrist, Wilhelm, die Architekten
DOLFER und Fischer hervorragend beteiligt
und beweisen, wie viele selbständig denkende
Köpfe und geschickte Hände die neue Rich-
tung im Kunstgewerbe hier zur Geltung bringen,
so dass Münclten hoffen darf, auch auf diesem
Gebiete der Kunst die Führung in' Deutsch-
land zu übernehmen. Selbst in unserem sonst
konservativen Kunstgewerbeverein macht sich
eine starke Strömung zu Gunsten dieser Be-
wegung geltend, die hoffentlich nicht bei der
dankenswerten Reorganisation der Zeitschrift
dieses Vereins Half machen wird, sondern vor
allem sich der so notwendigen Neugestaltung des
kunstgewerblichen Unterrichtes zuwenden sollte.
Wir müssen es uns für später vorbehalten,
auf die einzelnen] obengenannten Künstler und
so manchen Fremden, der in dieser Ausstellung
MÜNCHEN
um diesen gewaltigen Umschwung nicht all-
gemein erkennen zu lassen und diesen relativ
sehr billigen Arbeilen nicht grosse Verbreitung
zu sichern. Wir reproduzieren hier die
Stickerei zu einem Wandoorhang, die in Silber
auf grünblauem Sammet ansgeführl, durch
die schöne Führung der züngelnden, flackern-
den Linien hervorragt. ObriST weiss den
reinen zarten Schwingungen seiner Linien eine
geradezu musikalische Sprache mitzuteilen,
deren stimmungsvoller Einklang durch keinen
fremden Ton getrübt wird. Seine besten
Wirkungen erreicht er da, wo es gilt, ein
frischbewegtes Motiv darzustellen, während
ihm bei ruhigen Massen wie z. B. dem in
der Ausstellung befindlichen Wandoorhang
mit dem blühenden Baum die gleiche Aus-
drucksfähigkeit nicht immer zur Verfügung
sieht. 9 ObrIST geistesverwandt ist ein junger
vielversprechender Künstler, A. Endki.l. Seine
Schrift 1 Um die Schönheit' lenkte zuerst die
Aufmerksamkeit weiterer Kreise auf ihn. Er
hat die Wandfriese zu einem der Kabinette
für Kleinkunst entworfen, welche von einem
eigenartigen Talente ausdrucksvoller Linien-
führung zeugen. Als Komposition ist der auf
Seite i- abgebildete Fries besonders zu loben,
dessen weich und weit wie Fittige sich aus-
breitende Linien, den Strahlen der sinkenden
Sonne vergleichbar, an die Nacht gemahnen,
während man aus den Motiven Seite 1, 21
und /.') in ähnlichem Sinne Beziehungen zu
Morgen, Mittag und Abend ableiten kann. Von
hohem Reiz ist auch der von ihm entworfene
Thärvorhang, in seiner einfachen strengen,
gut der Webart angepassten Zeichnung.
C. Strathmann dokumentiert in seinen neu-
eren Arbeiten einen wesentlichen Fortschritt.
Er hat viel an japanischen Vorbildern gelernt
and doch eine eigene durchaus persönliche
Ausdrucksform gefunden. Das Original un-
serer Abbildung zeigt die Linienführung durch
den Gegensatz der Farbe klarer. Bei einer
noch grösseren Einfachheit würde die Wirkung
wohl noch erhöht werden. Das Bild beweist
eine eminente Begabung für dekorative Auf-
gaben dieser Art. 9 Der Bildhauer G. WILHELM
hat schöne Arbeiten in Kupfer ausgestellt.
Sein Wandbrunnen (S. i7) ist eine hübsche
Probe derselben, gut in Verhältnissen und
Umrissen, die Dekoration leicht und flüssig,
wenn auch nicht sehr eigenartig in der Er-
findung. Die technisch vorzügliche Ausführung
ist die gemeinsame Arbeit von Wll-HELM und
M. Lind, m Schmuz-Bavdiss zeigt in seinen
keramischen Arbeiten grosses Talent. Die De-
korierung ist in Anlehnung an Pflanzen- and
Tierformen frisch und originell, die Technik
eigenartig. Die Gefässe (S. iß) tragen zwei ver-
schiedenfarbige Thonschichlen, in welche der
Künstler vor der Glasur seine Ornamente ein-
schneidet and so je nach der Tiefe des Striches
C. STRATHilAS^i
MÜNCHEN
T. SaiUUZ-BAVDISS
ztveierlei Farbenabstufangen erreicht, welche
der Glasur eine abwechselnde Tönang geben.
Die Form der Gefässe ist gut erfunden und
abwechslungsreich, die Farbe kräftig. • Wenn
wir hier an letzter Stelle P. BEHRENS erwähnen,
so geschieht es, um zu beweisen, dass die Reihen-
folge keinerlei Masstab färunsereWertschätzung
geben soll. Seine farbigen Holzschnitte, von
welchen hier einer abgebildet isf, Dcrraten, wie
seine übrigen Arbeiten auf dem Gebiete der
dekoraliuen Kunst, ein stark entwickeltes Stil-
ge fahl, ein energischesSlreben nach selbsländiger
Ausdrucksweise. Ingrossen, vereinfachten, kräf-
tigen Zügen das Wesentliche einer Erscheinung
zu charakteristischem Ausdruck <zu bringen,
ist ihm in diesen Holzschnitten vorzüglich ge-
lungen. Die breite kraftvolle Art dieser iTechnik
weiss Behrens in wohlverstandener Weise an-
zuwenden and erzielt damit eine Wirkung, die
durch andere Mittel nicht zu erreichen ist. Die
Wiederaufnahme dieses alten schönen Druck-
verfahrens, wie sie in München durch ECK-
MANN, Behrens und einige andere erfolgt,
ist von hoher Bedeutung, insofern dasselbe zu
einer breiten monumentalen Behandlungsweise
drängt, und in den Händen solcher Künstler zu
einer freien Stilisierung führt, die nicht ohne
Rückwirkung auf das eigentliche Kunstgewerbe
bleiben wird. Wir möchten diese Mitteilungen
nicht schliessen, ohne auf die Ausstellungen hin-
zuweisen, welche hier als Erster der rührige and
mit feinem Verständnis für modernes Schaffen
begabte Kunsthändler LiTTAUER für Erzeug-
nisse der Kleinkunst veranstaltet. Manches
daraus hoffen wir, in den nächsten Heften
unsern Lesern in Bild und Wort vorzuführen.
P. BEHRESS, OrlgtnaUHob4chnlü
4$
HAMBURG — DRESDEN
HAMBURG — In der gewerblichen
Abteilung der Gartenbau- Aussteliang,
von der eingehend in dem Ausstellungs-
aafsatz berichtet wird, sind die bekannten
KÄHLER'schen Majoliken aasgestellt. Von Ein-
heimischen eine Menge schlechter Keramik und
ganz elende Nachahmungen KOEPPING' scher
Gläser. Interesse verdienen die nach einfachen
japanischen Modellen ausgeführten Korbflech-
tereien von H. Ahrens. # Die Glaserei oon
Engelbrecht, die ausser in Hamburg (Rat-
haus u. a. a. 0.) auch in Dresden (bei Arnoldj
und in München im Glaspalast vertreten ist,
und im Champ de Mars ein paar Sachen
ausgestellt hatte, entwickelt sich zusehends.
Engelbrecht verarbeitet nach dem Tiffany-
schen Prinzip amerikanische Gläser, die er von
den Glasfabriken L. Heidt in Brooklyn und
KOKOMO in Indiana bezieht — er besitzt, wie
er sagt, den Alleinvertrieb für Europa. Jeden-
falls wäre es zu wünschen, wenn sich die
Künstler statt der schlechten, französischen
Nachahmungen amerikanischen Glases, dieses
Materials bedienten, das durchaus nicht teurer
und ganz unvergleichlich schöner ist. Nament-
lich den Belgiern, die fast ausnahmslos fran-
zösisches Glas verarbeiten, sei das geraten. —
Engelbrecht arbeitet fast ausschliesslich
nach eigenen and des in Paris lebenden
Künstlers Christiansen's Entwürfen. Es
fällt uns der gänzliche Mangel an ornamentalen
Motiven, die Vorliebe für genrehafte Dar-
stellungen auf; andrerseits ist das Bestreben
nach breiter ruhiger Flächenbehandlung, der
Verzicht auf kleinliches Detail zu betonen,
das diese Arbeiten auszeichnet. 9 Bei HVLBE
technisch ausgezeichnete, in den Vorwürfen
indifferente Arbeiten. Er versucht sichtlich,
moderner zu werden, aber mit den Blümchen
ist es nicht gethan. Jeder tüchtige Künstler
wird gern einer so vortrefflichen Ausführung
zuliebe HULBE so weit wie möglich ent-
gegenkommen; an HuLBE, sich die Künstler
zu suchen. —Y^
DRESDEN — Die Jungen bei uns be-
schränken sich noch fast ausschliess-
lich auf Plakate, unter denen wir
gute Sachen haben, auf Wandmalereien in
Restaurants — OTTO FISCHER ist gerade mit
einem Riesengemälde für einen solchen Zweck
beschäftigt — und Buchillustrationen. Un-
verkennbare Mühe giebl sich die Kunsthandlung
von E. Arnold um die Hebung des Geschmacks
und des Interesses für die moderne dekora-
tive Bewegung. Zum erstenmal in Dresden,
sogar im wesentlichen in Deutschland, hat
sie im Anfang des Sommers eine gewerb-
G. WILHELM
liehe Ausstellung veranstaltet, in der die besten
Werk, ausländischer und inländischer Künstler
la sehen waren, von Deutschen KOEPPING,
ECKUANN u. a., von Ausländern Carabin,
Massier, der verstorbene Bildhauer Cherbt,
H. NOCQ, die Kopenhagener PorzELLAN-MaNV-
FAKTÜR, KAHLER, MUNTHE, FiNCH, ZSOLNAT,
TiFFANYu.a. Eine Mengevorzüglicherdänischer
Einbände und gute deutsche, englische, belgische
und französische Bücher. — Die König!. Por-
zellan-Manufaktur in Meissen könnte sich ein
Beispiel daran nehmen, wie Künstler, die das
liebe Geld viel nötiger brauchen als sie, unge-
achtet dessen dem Publikum neue Geschmacks-
richtungen beizubringen suchen, freilich soll
sie sich nicht nach ZSOLNAY, sondern nach
den besten richten, wie BiGOT in Paris und
nach ihrer Kollegin, der Manufaktur in
Sivres, die sehr energisch die alte Tradition
zu durchbrechen beginnt. Wie wir hören,
soll man sich übrigens in Meissen mit
Neuerungsplänen tragen. Das Kunst-
LONDON
gewerbemuseum hat sich — zwar mit innerem
Widerstreben — zu einigen modernen An-
käufen entschlössen, viel zu wenig, um sie
anzuführen. — Y —
IONDON — ASHBEE's Guild and Schoolof
Handicraft arbeitet an verschiedenem
-^ Mobiliar für den Grossherzog von Hessen-
Darmstadt, das wir nebst anderem Material der
Guild publizieren werden. Er baut gleich-
zeitig in seiner Strasse Chegne Walk in
Chelsea eine Reihe einfacher hubscher Häuser,
von denen eines der Vollendung nahe ist. Die
Guild of Birmingham hat bei MORRIS & Co. auf
der Oxford Street eine kleine Ausstellung ihrer
ausgezeichneten Metallgegenstände, Lampen,
Becher, Ofenutensilien, Schmucksachen u. s. w.
veranstaltet. Zu der gediegenen Kunst des
grossen MORRIS passen diese äusserst ein-
fachen, aber absolut guten Gegenstände vor-
trefflich. — Während die Keimscott Press dem-
nächst schliessen wird, bleibt das Geschäft
von Morris weiterbestehen. MORRIS hat eine
grössere Anzahl von Studien, Entwürfen für
Tapeten und Stoffe etc. hinterlassen, die Mr.
Dearle, ein Mündel des Verstorbenen und
Mitglied der Firma, ausarbeitet; zugleich ent-
wirft Mr. Dearle auch eigene Kompositionen,
die sich in den MORRlS'schen Bahnen be-
wegen . Das glänzende Buch von A . Vallance,
T^The art of William Morris^, gedruckt in
der Chiswick Press, erschienen bei G. BELL
& Sons, ist bereits gänzlich vergriffen und
nur noch zu wesentlich erhöhtem Preis (nicht
unter 12 £) bei den Händlern zu haben. Es
ist in der That eines der glänzendsten Bücher
der letzten Jahre. Wundervoll sind die Tapeten
und Stoffe, getreu in der Farbe, von W. Griggs
of Peckham reproduziert. Wir geben einen
Wandteppich des Werkes auf S. 1 wieder. Man
findet in dem Werk auch die herrlichen Glas-
fenster von Oxford, wohl das beste, was die
moderne englische Kunst in Glasmalerei geleistet
hat, gut reproduziert. Hier befindet sich übrigens
ein kleiner Irrtum in dem vortrefflichen Text
von Vallance. Das auf S. 47 erwähnte
Fenster, Adam und Eva, ist nicht von ROSSETTI,
sondern von Madox Brown. Höchst dankens-
werter Weise veranstaltet VALLANCE eine zweite
Auflage des Werkes in bedeutend verkleinertem
Format, aber mit wesentlich vermehrtem Illu-
strationsmaterial und Text. Es kommen ver-
schiedene Kapitel hinzu, namentlich eines über
den Sozialismus des grossen Reformators.
Freilich fallen die farbigen Reproduktionen
ganz fort. Dafür wird das Buch nur 1 £
kosten. Es erscheint ebenfalls bei G. BELL
& Sons. — Weniger bekannt geworden ist ein
anderes neues Buch von VALLANCE: A book
of fiftg drawings bg AUBREY Beardsley
bei Leonard Smith ERS, das ausser den besten
und bekanntesten Schwarz-Weisszeichnungen
des Künstlers einen annähernd vollständigen
Katalog seiner sämtlichen Zeichnungen ent-
hält. — Beardsley hat den grössten Teil des
Sommers in St. Germain bei Paris zugebracht
und soll sich jetzt wohler befinden. Der
Verlag von Hacon & RiCKETTS, der nunmehr
nach Ausscheiden von MORRIS die Führung
des englischen Buchgewerbes zu übernehmen
scheint, beginnt in England Boden zu fassen.
Der kleine Shop in der Warwick Street enthält
bereits eine stattliche Anzahl ausgezeichneter
Werke, die wir nicht anstehen, zum Teil —
ihrer modernen und mindestens gleich vor-
nehmen Note wegen — über MORRIS zu stellen.
Ausser den noch vorhandenen Exemplaren
von The Dial, der glänzenden ersten Publi-
kation von Shannon und Ricketts, findet
man ein Dutzend reizender Bücher, die meisten
von Ricketts, zwei von L. Pissarro illustriert
und mit seltenstem Geschmack ausgestattet.
Wir haben das Reproduktionsrecht sämtlicher
Werke für die Dekorative Kunst erworben.
L. Pissarro war den ganzen Sommer schwer
leidend — überarbeitet Cobden-Sanderson
hat bereits circa 60 Exemplare des Chaucer
gebunden, die zu seinen vollkommensten Ar-
beiten gehören. Wie alles Gute findet der beste
englische Binder Nachahmer. So wünschens-
wert eine Schule Cobden-Sanderson wäre,
so wenig vermag man den Nachahmern
zuzustimmen. Es ist schwer begreiflich, wie das
Studio sich zur Publikation einer so glatten
Imitation (vergl Julinummer) hergeben mag.
L. Wilson hat für den Duke of Port-
land für dessen Besitzung in Welbeck die ge-
schmackvolle Einrichtung einer Kapelle und
einer Bibliothek hergestellt und für die Kirche
S. Bartholomäo in Brighton eine vollständige
Ausstattung an Gebetstühlen, Bänken, Metall-
sachen u. s. w. entworfen. WILSON sucht
mit grossem Geschick den modernen Stil in
der Kirche einzuführen. Er geht dabei von
der Gotik aus, die ihm in der Regel vorge-
schrieben ist, aber es gelingt ihm, dieser all-
mächtigen Tradition eine sehr persönliche
moderne Note zu geben, ohne die hier mehr
als anderswo gebotene Diskretion zu verletzen.
Unter den ehrlichen Arbeitern, die aufrichtig
streben, die englische Entwicklung weiter zu
führen, steht er an erster Stelle. In der
All Saints Church (Knights Bridge) ver-
folgt Harrison Townsend mit Heywood
SUMNER, dem durch seine Fitzrogbilder be-
kannten Zeichner, und RathBONE, dem
48
ßtichaung voa BVRtiE JOSES; aatgefahrl i/on L. BESSQS
DEKORATIVE KVNST. HEFT 1. 49
LIVERPOOL — GLASGOW - FLORENZ
brillanten Kupferschmied, zusammen eine ähn-
liche Aufgabe. Heywood Suuner hat eine
grosse Wanddekoration enlumrfen, die zum
Teil bereits ausgeführt ist in der äusserst
wirksamen Sgraffito-Technik, verbunden mit
Mosaik, und eine höchst dekoratiue Wirkung
erreicht. RatHBONE ]hat ein Weihuiasser-
becken aas getriebenem — leider braun ge-
töntem — Kupfer gemacht, das zu seinen
besten Werken gehört. Der Pfarrer der Kirche
findet, es sei nicht ^kirchlich* genug, weil es
in ganz einfachen ernsten Linien gehalten ist.
Er irrt sich, es kommt nur auf die Frömmig-
keit an und die steckt in jedem ernst er-
dachten und gut gemachten Handwerke.
Benson hat wieder eine Anzahl neuer vor-
züglicher Metallgegenstände entworfen. Wir
publizieren Seite i9 einen Marmorsarg, der
bereits vor einiger Zeil hergestellt ist und für
den Benson nach Zeichnungen von HURNE
Jones die Bronzeeinlagen, die die Aussen-
wände höchst wirkungs- und geschmackvoll
verzieren, gemacht hat. Das Monument ist dem
als Kunstfreund bekannten Rheder Leyland
aus Liverpool gewidmet und steht auf dem
Kirchhof von Brompton in London. Es ist von
einem Eisengitter umgeben, das wir weglassen,
um nicht die Hauptsache zu schmälern.
Alexander Fischer hat eine Anzahl neuer
Schmuckgegenstände hergestelU, die wir
nächstens zeigen werden. Er steckt immernoch
— wie die meisten, namentlich französischen
Schmackkünstler — ■ ein wenig im Figürlichen,
aber man merkt das intense Sireben, rein
ornamentale Formen zu erlangen. — y —
LIVERPOOL — RATHBONE ist als
Instruktorin ^Metalworkt an die Archi-
tektur-Abteilung des Universitg College
in Liverpool berufen, an dieselbe Schule, wo
bekanntlich Anning Bell seit Jahren thälig
ist. Rathbone's Übersiedelung von Menai
Bridge nach Liverpool findet bereits in diesen
Tagen (Ende September) statt. Damit ist der
tüclitigen Schule in Liverpool eine vorzügliche
neue Kraft geworden. — Tf —
GLASGOW — Mackintosh, die beiden
Miss Macdonald, G. Walton a. a.
haben binnen kurzem Glasgow, das
in Deutschland nur durch die Münchner
Erfolge der träumerischen schottischen Maler
bekannt war, ein neues Gesicht gegeben. Von
ihnen geht eine frische Strömung aus, die
gar nichts mit dem Praeraphaelitismas gemein
hat and den erschlafften Adern der Londoner
neues Blut geben könnte. Wo sie ihre Anregung
her haben, lässi sich mit Sicherheit nicht fest-
stellen, sicher wie überall aas den Kolonien;
man fmdet in ihren originellen Ornamenten
deutliche Erinnerungen an indische Motive.
Jedenfalls schöpfen sie aus anderer Quelle als
die BVBNE Jones und Genossen. —f—
FLORENZ — Boecklin's Heim in
Fiesole ist nun fertig geworden. Sein
Sohn Carl hat die Loggia ausgemalt,
der Alte selber die Arbeit geleitet. Es ist
kein moderner Geschmack, der sich hier und
in den anderen Räumen äussert, aber er passt
zu dem Riesen. Die schweren dunklen Tapeten
in dem »Salonf^ in dem Braunrot, das
manche BOECKLiN's haben, der Kamin,
orimiliv aber riesig, die Höhe des Zimmers,
alles das ist ein Stück von ihm. — B.M. GeyGER
hat ein paar sehr schöne Metallgegenstände
gefertigt, einen Spiegel in Silber und eine
Urne in Bronze. Auch an ihm ist nichts
Modernes, aber was bei BOECKLIN wie die
AMSTERDAM
Grösse des WUden erscheinl,
ist bei ihm der äusserst feine
eklektische Sinn, mit dem
beule so viele unserer ersten
Künstler dem Allen nach-
träumen. Der Spiegel ist
in der Komposition völlig
klassisch, aber innerhalb
dieser scheinbar abstrakten
Sphäre äussert sich eine
ganz feine, fabelhaft sichere
und persönliche Künstler-
band, der eine geradezu
einzige Zeichnung zu Gebot
steht. Die Urne ist mir
fast noch lieber mit ihrer
japanischen Einfachheit, die
nur da, wo es unumgäng-
lich nötig erscheint — an den
Füssen — einen bescheidenen
Schmuck gestattet und sich
im übrigen lediglich auf die
Schönheit der Verhältnisse
beschränkt. — f —
B. lt. GEYGER
AMSTERDAM — Was Cvypers, der
I\ Vater der modernen holländischen
■^ ■*- Architektur, für Amsterdam bedeutet,
ist mit den Bauten, die von ihm selbst stammen,
nicht abgelhan. Wohl sind Werke wie das
neue Reichsmuseam, das trotz manchem Mangel
an Konsequenz, der wohl auf Rechnung der
Mitarbeiter zu setzen ist, uorbildlich wirken
kann, glänzende Schmuckstucke der sonst
architektonisch so langweiligen Stadt, wichtiger
ist aber die Saat, die, von ihm ausgehend,
in den Jungen zu reifen beginnt. Einem der
tüchtigsten unter ihnen, Berlage, von dem
bereits ein paar einfache, rationelle Häuser
in Amsterdam and im Haag stammen, bei
denen ata Bildhauer Zyl, von dem wir
demnächst verschiedene Werke abbilden,
thätig war, ist nunmehr mit dem Bau der
neuen Börse betraut worden und gegen-
wärtig mit den Plänen beschäftigt. Das
neue Gebäude, für das hinter dem alten —
zwischen diesem und dem CUYPERS'schen
Bahnhof — ein riesiger Platz geschaffen ist,
dürfte die erste moderne Börse in Europa
werden. Man kennt die in allen Ländern
belieble Form, die auch die alle Amsterdamer
Börse zeigt, mit den griechischen Säulen, denen
um die Mittagszeit das Höllengezeter der Makler
entweicht, gar merkwürdig mit der heiligen
Stille kontrastierend, die der griechischen
Tempelarchitektur eigen ist. BerlaGE wird
eine sachliche Börse machen, die nicht über
den Zweck täuscht, für den sie geschaffen ist,
und wir zweifeln nicht, dass es ihm trotzdem
gelingt, den Bau zu einem monamentalen
Schmuckstück zu gestalten. DlJSSELHOF's
Zimmer für den Doktor YAN HOREN, an dem
der Künstler seit Jahren arbeitet, ist nun an-
nähernd fertig. Es ist nicht leicht, Einlass
zu finden, DiJSSELHOF umgiebt sich mit einem
mgsleriösen Nimbus, den kein Ungeweihter
durchbrechen darf. Wider Erwarten and
glücklicherweise ist man, wenn sich einem
nach unendlichen Schreibereien schliesslich
das geheimnisvolle Zimmer öffnet, nicht ent-
täuscht, ja man verzeiht allen Ärger über den
überflüssigen Zeitverlust. Das Zimmer ist
unseren Erachtens das beste Werk der
modernen holländischen Bewegung, die so
reich an dekorativen Reizen ist, und es
dürfte in der Moderne der ganzen Welt allein
stehen. Nächstens hoffentlich mehr darüber.
LlON Cachet arbeitel ebenfalls an dei
Gesaml-Dekoration eines Zimmers, das dem
Werke seines Freundes DiJSSELHOF eben-
bürtig werden dürfte. Er gedenkt die Wände
mit Stoffen, die in der Bastiken-Technik ge-
schmückt sind, zu bedecken und die Möbel in
kostbaren Hölzern mit Einlagen auszuführen.^
Die beiden KünstlerLA UWERICKS and DE BaZEL
haben sich zu ähnlichem Zwecke vereinigt.
De Bazel für die Dekoration, Lau WERICKS für
Architektur, und haben bereits eine Anzahl vor-
züglicher Innendekorationen ausgeführt. Von
brOssel
De BäzeL stammen Holzschnitle für Bach-
einbände, ornamentierte Leisten n. s. w., die
einen ganz seltenen Geschmack verraten. 9 Der
intelligenle Goldschmied W. Hoeker. der der
modernen Bewegung bereits durch Ausführung
von Entwürfen des erwähnten Bildhauers
L. Zyl für Schmucksachen nahe gekommen
ist, hat soeben eine kleine keramische Fabrik
gebaut, in der Zyl die künstlerische Seite
vertritt. Man darf auf die ersten Resultate
dieses vielversprechenden Unternehmens ge-
spannt sein. TH. MOLKENBOBR, von dem
verschiedene gute Bucheinbände stammen,
hat von NIEVWENHUIS eine Tapete zeichnen
lassen.
Auf alle hier erwähnten Künstler und Werke
kommen wir demnächst mit Abbildungen
zurück, desgleichen auf die Künstler im Haag,
TOOROP, ThORN, Prikker und vor allem
COLENRRAVDER, auf ROLAND HOLST, DER
KlSDEREN und auf Harlem. — Y —
JiVALDRE, GliafrniHtr
FAUL DU BOIS, Zinndelamtion
BRÜSSEL. — Die Abteilung 'für an-
gewandte Kunst* (unter welchem Namen
in der Brüsseler Ausstellung die Werke
des Kunstgewerbes und der Ornamentation
vereinigt worden sind) gestattet dem fremden
Besucher nur einen oberflächlichen Überblick
über die Kräfle, die sich in Belgien auf
diesem so vielseitigen Gebiete bethätigen.
Diejenigen, die ich vor allem hervorheben
möchte, sind nicht vertreten, and statt ihrer
sind viele da, deren Nennung mir wenig
Vergnügen macht.
Man merkt dieser Abteilung »für ange-
wandte Kunslt an, welche Streitigkeiten ihrer
Bildung vorausgegangen sind, und in der Thal
ist die Geschichte ihrer Entstehung erbaulich
genug. Die Gruppe »Schöne Künste* hat alles
gethan, um das Kunstgewerbe los zu werden,
und mit Erfolg; man wollte es der Gruppe
der 'dekorativen Künste« zuteilen, aber
das Kunstgewerbe protestierte, und es gelang
ihm, eine neue selbständige Abteilung unter
demNamen * für angewandte Kunst' zubilden;
diese Thalsache der formellen Anerkennung
neben den 'schönen Künstew^ ist sicherlich
beachtenswert.
BRÜSSEL
Die plötzliche Unabbängigkat erforderte <
aber seitens der Organisation sehr viel Nach- ,
sieht und damit eine zu weitgehende Be- '
räcksichtigung aller Leute, die sich in Belgien
mit Kunstgewerbe befassen. In dieser improm-
aierien Versammlung findet sich das Gute neben
dem Schlechtesten, und daher nehme ich, indem
ich Einiges davon erwähne, hierfür nur den
Grad von Verantwortung auf mich, der in einer
Gesellschaft angebracht ist, wo die Vorstellung ;
zu nichts verpflichtet. Meine Briefe werden ;
also mehr blosse Berichte und Auskünfte ent- |
halten, als Lob und Tadel verteilen. Man wird \
es aber leicht durchfühlen können, wo einem !
Werke meine volle Bewunderung üukommt. ,
Diese 'Abteilang der angewandten Künste*, '■.
XU deren Organisation die Herren Van DER '
Stappen, Maus, Crbspin, Du Bois und Van
DE Velde durch die Wahl berufen wurden, ■
schliesst eine ermutigende Vielfältigkeit in sich.
Sie enthält Plakate, Bucheinbände, Teppiche, ,
Tapeten, Stickereien, Spitzen, Zinnarbeiten, I
Schmucksachen , Töpferwaren, Glasfenster,
dekorative Malereien und Buchillustrationen. ]
Kein einiiges Möbel!
Die dekorative Malerei ist durch zwei grosse \
Dtirstellungen vertreten; eine von M. MONTALD, ■
die andere von M. Fabry; unter den Buchillu- \
strationen finden wir solche von KhnOPFF, Van
DoüDELET — sehr mittelalterlich —, und sehr
gelungene moderne Ornamente zu dem Bache
Kahn's, *Limbes de lumiiret von Lemmen,
der ausserdem mit einigen Teppichen vertreten
ist, auf welche wir gelegentlich ausführlicher
zurückkommen werden. WlJTSMAN hat eine
Anzahl Entwürfe für Teppiche ausgestellt.
Unter den Plakatzeichnern ist MELLERt
^ner unserer besten Künstler; er ragt hier
durch die gleichen Eigenschaften hervor,
welche ihn vor anderen belgischen Künstlern
auszeichnen, durch Würde und Mässigang.
Aber, am wahr zu sein: die Mässigang ist
bei Plakaten nicht immer am Platze und das
ist der Grand, warum ich ihm THEO VAN
RysseLBERGBE vorziehe, dessen Affichen hier
leider nicht zu finden sind.
A. W. FlNCU hat sehr tüchtige Töpfereien
ausgestellt, es ist viel Kanst darin, ehrliche
Kunst, ehrliche • und persönliche Art. Gute
Bucheinbände finden wir in leider sehr häss-
lichen Schaukästen untergebracht. Gerade
auf dem Gebiete des Bucheinbandes könnten
wir in Belgien sehr Tüchtiges leisten, denn
es fehlt niäd an guten Kräften, unter denen
kh P. ClAESSENS besonders erwähnen möchte,
denn seine Arbeiten zeugen von einer seltenen
Hingabe an den Gegenstand und einer
wohl&ho'Ugten Bwanagung da Modernen.
M. RiJKERS ist mit semen »Hisioires extra-
ordinaires de E. A. Poi* vertreten, in der
nicht einwändfreien Manier der Schule von
Nancy. Samblanc und WECKESSER haben
sich Marius Michel and einige noch
schlimmere paettdo-amerikanische Verirrangen
zum Vorbild genommen.
Von Paul du Bois finden wir eine um-
fangreiche Ausstellung von Gebrauchsgegen-
ständen aus Zinn, das er bä uns wieder zu
Ehren gebracht hat. Ich bin überzeugt, dass
eine grössere Einfachheit die schon vor-
handene Elegam noch erhöhen würde. Neben
ihm figuriert G. Morren mit seinen Zinn-
and Sdimucksachen; seine grosse Geschick-
lichkeil und findige Schmiegsamkeit bewähren
sich besser bei dem Geschmeide als bei
den Gebrauciisgegenstdnden. Wir erwähnen
noch die dekorativen Entwürfe von Crespik,
die Tapelen von A. Huet, die ein aufrichtiges
und gesundes Streben zeigen, die Glasmalereien
von Etaldre and Thts.
Die Aufzählung aller dieser Namen mag
trocken klingen, aber ein erster solcher Brief
gleicht dem Aufstellen der Schachflgaren, wir
werden bald sehen, welche vorrücken und
welche Schach bi^n werden. Diesen letzteren
werde ich in meinen Mitteilungen besondere
Aufmerksamkeit widmen. Man beachte im
übrigen, dass diese Aufzählung unvoll-
ständig ist; es fehlen Namtii wie HORTA,
Hankar, Serrubibb u. a. Aber es wird
nicht an Gelegenheit fehlen, von {ihnen im ■
Einzeltun zu sprechen.. ■ ; vM sb velde.
't AedoMfos Btranlioortllth: H. BHUCKUANN, tlSnOiat
53
Tn meinem verlaq erschien
/ SOEBEN: .. -».^^_».»c>
1 ^ MOPERNE
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54
um ria TlnUnfni*
BESCHLAGE UND GRIFFE
Unserer Sprache fehlt ein Sammelivorl für
die Arbeilen, denen dieser Aufsalz gewidmel
ist. Er soll von Beschlägen und den eng
damit zusammenhängenden Griffen für Fenster,
Thüren a. dergl. handeln, Dingen, die an-
scheinend sehr geringe Bedeutung besitzen,
aber in der neuen Bewegung eine auffallende
Beachtung gefanden haben. In England giebl
es eine ganze Legion von Künstlern, die sich
mit modernen Beschlägen beschäftigen, fast
überall, wo sich der neue Heimsinn regt, ist
der Beschlag eines der ersten
Lieblingsthemen geworden, er
rangiert gleich hinter dem
Bachschmuck and bildet für
pieleKü nstler das einzig eBand,
darch das sie mit dem mo-
dernen Gewerbe zusammen-
hängen. Dieser Umstand hat
manchen Irrtum im Gefolge.
Das sogenannte Moderne an
manchem englischen Möbel
liegt nur im Beschlag. Mit
Aufnagelung von ein paar
Metallplättchen glaubt man
ein neues Gewerbezu schaffen,
and diese Metallplättchen er-
weisen sich beim näheren Hin-
schauen als die Übertragung
eines niedlichen Holzschnittes,
der die Seite eines der vielen
englischen Bücher umrahmt.
Man verzeihe, wenn wir gleich
mit etwas Negativem an-
fangen, aber diese Bemerkung
gehört an erste Stelle, weil
man auch unsere heutigen Ab- ^ obhist
bildungen als willkommene
DEKORATIVE KUNST. HEFT 2. 5
Unterstützung dieses Unfuges betrachten und
sie, so wie sie sind, auf beliebige Thüren oder
Kästen aufheften könnte, in der Einbildung,
damit neues Mobiliar zu machen. Hier liegt
eines der vielen Verbrechen ge^en die Gediegen-
heit, mit der sich's die Bewegung gar zu leicht
im Anfang macht, um sich für später den
Weg am so schwieriger zu gestalten. Man darf
nicht gegen Imitation von Rokokoschnörkeln
wettern, wenn man es auf andere Art ebenso
billig und schlecht macht.
BeuAlag ttatr Trahe
BESCHLÄGE UND GRIFFE
P. BEHRENS
Beschläge sind Nebensachen, and die auf-
gezwungene höhere Bedeutung macht sie zu
Fehlern. Ein Möbel bat vor allen Dingen
. durch seine Verhältnisse, durch die Kompo-
sition seiner wesentlichen Linien seine Eigen-
art zu beweisen. Das ist, wie bekannt, nicht
ganz leicht, wenn man dem Grandprinzip,
das vor allem gross ten Gebrauchswert ver-
langt, treu bleiben will. Die ernsthaften
Künstler, die mit dem Bestreben, Neues zu
schaffen, die Einsicht verbanden, dass es im
Gewerbe wichtigere Dinge giebt a!s die Origi-
nalität um jeden Preis, sahen sich auf ein
scheinbar kleines Feld angewiesen, auf dem
eifie originelle Schmuckwirkang nicht zugleich
die gewerbliche Seite des Gegenstandes be-
einträchtigte. Es blieben neben der Eigenart,
die in guten Verhältnissen stecken kann, nur
Einzelheiten übrig und vor allem die Fläche,
Für beides fanden sie in dem Metall, vor
allem im Kupfer, ein unschätzbares Material.
So betrachtet, gewinnt unser Thema positive
Bedeutung.
Aber man kann nie genug auf den Grenzen
dieser Bedeutung bestehen. Zweifellos ist beim
modernen Interieur die Fläche der einzig mög-
liche Träger eines Schmuckes. Man hat an der
Renaissance die verhäng nisvoUe Vermengung
von Skulptur mit Architektur erkannt; dem
neuen Geschmack widerstrebt die Bedeckung
der Fläche mit geschnitzten Fruchtstücken oder
aufgesetzten Tier- oder Menschenköpfen ebenso
sehr wie die Verwendung gebückter Leiber zu
tragenden Pfeilern u. dergl. Er wünscht die
Konstruktion nicht durch Kunst verdeckt zu
sehen und will die Fläche nicht zu bildhaueri-
schen Wirkungen missHraucht wissen. So
bleibt das Flachornament übrig. Soll dies
aber wirklich seinen Zweck erfüllen, so mass
es ganz in der Fläche bleiben; diese Be-
dingung erfällt nur die Intarsie.
- Erst langsam beginnt man heule der Einlage-
technik wieder Aufmerksamkeit zu schenken.
Sie ist der geborene Schmuck für das moderne
Mobiliar, weil sie das Ornament gestattet, ohne
im mindesten die Form des Möbels zu be-
einflussen und gerade das verlangt, was unser
Heim immer mehr von dem anderer Epochen
unterscheiden wird, die Fläche. Die Führen-
den sind sich darüber längst klar; Amerika
BESCHLÄGE UND GRIFFE
Schlou einer Truh«
BESCHLÄGE UND GRIFFE
erreicht mit Mosaiken und Intarsien seine
glänzendsten modernen Wirkungen. Das beste,
ivas man dort dem Orient verdankt, ist diese
Technik; wir werden später bei unserer Arbeit
über TiFFANY genügend Gelegenheit haben,
auf sie zurückzukommen.
Erst wenn ihre Bedeutung allgemein an-
erkannt sein wird, werden die Beschläge jene
übertriebene, irrtümliche Bedeutung einbüssen,
die man ihnen heute zumisst. Denn viele
unserer heutigen Beschläge wären besser durch
Intarsien ersetzt; alle die nämlich, die ledig-
lich dem Scbmackzweck dienen, die nicht
organisch mit einem notwendigen Metalldetail
zusammenhängen.
Das Gesetz ist nicht neu. Wir sind wie ge-
wöhnlich genötigt, in die primitiven Zeiten
zurückzugehen, um die reinste Form zu ent-
decken. Wie immer war sie ursprünglich kein
Schmuckelement, sondern Ausdruck des Not-
wendigen. Sie ergab sich von selbst, als man
die Rolle des Eisens als Bindeelement zwischen
einzelnen Bau- oder Möbelteilen erkannt hatte;
die Notwendigkeit, diese Eisenverbindungen
zu schmieden and der grossen Beanspruchung
gemäss zu befestigen, führte von der Thürangel
zum Thärbeschlag, dieselbe Notwendigkeit er-
gab alle übrigen Beschläge. Das Romanische
enthielt das Gesetz am reinsten, die Gotik baute
es am glänzendsten aus. Dieselbe Gotik ist
es, die heute die Rückkehr zu den Beschlägen
bewirkt hat.
Die materielle Notwendigkeit des Beschlages
besieht heute kaum noch — wenn mannichtetufa
Einzelzwecke, wie die Fingerschatzplatten an
den Thüren, in denen England, BenSON z. B.,
reizende Sachen macht, dazu rechnet. Zum
mindesten darf man nicht gegen die moralische
Berechtigung sündigen und aus dem Beschlag
ein auch dem Sinne nach überflüssiges An-
hängsel machen. Ein annehmbares Beispiel
bieten die beschlagenen Möbel der beiden
Amsterdamer Künstler LauwerikS und DE
Bazel, die wir demnächst in einem Aufsatz
über Innendekoration bringen werden, oder
die Thüren des Brüsseler Hankar für das
von ihm gebaute geschmackvolle Geschäfts-
lokal, das wir ebenfalls abbilden. Bei allen
diesen ist der Beschlag nicht unbedingt
notwendig; das Möbel hält auch ohne diese
äusserliche Verbindung zusammen und die
Thüren Hankar's werden dadurch kaum
widerstandsfähiger. Aber es liegen diesen
Beschlägen überzeugende konstruktive Ge-
danken zu Grunde, sie ergänzen das Not-
wendige, betonen die massgebenden Linien
and schmücken, ohne sich aufzudrängen.
Um dieser, moralisch genannten, Berechti-
gung zu genügen, ist daneben die Erfüllung
einer weiteren, ebenso häufig aii.Mer acht ge-
lassenen Bedingung nötig : sie betrifft die
Stärkedimension. Alle reinen Scbmuckbe-
schläge sind zu dünn ; natürlicherweise, denn
sie haben keinen Zweck zu erfüllen and würden
BESCHLÄGE UND GRIFFE
G. LEMMEN
BESCHLÄGE UND GRIFFE
i'ji stärkerer Dicke narnoch mehr stören. Der
Beschlag mnss aber eine gewisse Stärke Itaben,
wenn er überhaupt Zweck haben soll. Es ist
Unnatur, MetaUßächen so dünn zu fertigen,
dass sie zur Biegsamkeit eines Pappkartons
herabsinken — wenn man sie nicht, wie gesagt,
zu Intarsien verwendet und dem Material da-
durch einen ganz anderen, rein koloristischen
Charakter giebt. Darin, in der richtigen Wahl
der Dimension, liegt die ganze unscheinbare
and so schwierige Kunst des Gewerbes. Das
springt noch mehr bei den rein praktischen
Metalldetails, den Griffen, Klinken, Schlüssel-
löchern a. s. w. in die Augen. Hier liegt alles
in den kleinsten Nuancen. Es ist nicht schwer,
einen originellen Thürgriff za machen. Man
kann in jeder Pariser Ausstellung kunstgewerb-
liche tObjefs-Griffa sehen von wahrhaft mon-
ströser Originalität; Bildhauereien, die
die Seele in Schwang versetzen and
Gedichte eingeben können, aber weit
erhaben sind über jeden Gebrauchs-
wert. Solchem genialen Blödsinngegen-
über erscheint die Arbeit gering, die
nichts als einen Griff machen will,
einen Griff ohne Poesie, aber mit Ge-
schmack.
Die natürliche Logik ist hier dem
Künstler zauorgekommen.— Langebe-
Dor man an modernes Gewerbe dachte,
wurden höchst moderne Griffe ge-
madit, — von Leuten, die an nichts
weniger als Kunst dabei dachten ■ —
die noch heule mit zu den besten ge-
hören. Die Tramwags fast aller Städte
haben Thürgriffe, die wir nicht an-
stehen, für kleine gewerbliche Wunder
za erklären im Vergleich zu dem ver-
renkten Zeug, das die Nachahmung
des Allen oder die unsachliche Thor-
heit junger Bildhauer an die Thären
heftet. Sie sind hervorragend prak-
tisch; das müssen sie sein; so eine
Thür, die in einer Minale womöglich
zehnmal geöffnet wird, muss in dem
Moment, da sie die Hand berührt,
gleichsam mit ihr zusammenwachsen,
am der geringsten Kraft die grösste
Aasnutzung zu geben. Und sie sind
hervorragend geschmackvoll — die
guten wenigstens — ■ das ist das Be-
merkenswerte; der scharf umrissene
Gedanke, der ihrer Konstruktion za
Grunde liegt, scheint ihnen diese wohl-
thuende, gediegene, abgeschlossene
Form zu geben, die sich einschmeichelt.
Wer Augen hat, wird in unserem
öffentlichen Verkehrswesen noch viele p. hankar
solcher Überraschungen erleben. In manchen
neuen Waggons, in den Griffen , Haken,
Knöpfen u. s. w. der neuesten Schlafwagen-
einrichiungen, die auf ein Minimum von Raum
alles konzentrieren, was zu des Menschen
dringendsten Bedürfnissen gehört, steckt eine
ungewollte Eleganz, die nach unserer Meinung
gar manchem Prunkraum den Rang abläuft.
Und es ist die Eleganz, die zu ans gehört,
uns, den Menschen dieses Jahrhundertsendes,
die gewohnt sind zu fahren, zu reisen, za
felephonieren und die ihr Leben damit ver-
bringen, — Zeit zu sparen. Die Künstler,
die aushelfen wollen, können aas dieser un-
freiwilligen Mitgift unserer Lebensformen un-
endlich viel mehr lernen, als aus allen oder
neuen Skulpturen. Dus moderne Gewerbe
liegt nicht in der Tiefe des Gemütes, sondern
BESCHLÄGE UND GRIFFE
cm der Oberfläche, im Bereicb
der Hand; was die Kunst unserer
Künstler dazugeben kann, muas
wenig sein, damit es mehr werden
kann.
lJnlerdiesem,wennmanwill,be-
scheidenen Sehwinkel, müssen die
Abbildungen betrachtet werden,
die diesen Teil der Arbeit illu-
strieren. Sie zeigen, dass die hier
herrschenden Gesetze nicht so
streng sind, um die Eigenart zu
unterbinden, die der Atem jedes
Werkes ist. Nie darf man ver-
gessen, dass es sich um Details
handelt, die ihrer Bedeutung ent-
sprechend nur in untergeordneter
Weise dieselbe dekorative Wirkung
äussern können und dürfen, die
Don rechtswegen in dem Ensemble
liegt, für das sie bestimmt sind.
Immerhin wird, wer sehen
kann, selbst in so unscheinbaren
Dingen wie den RathbQN ff sehen
Schmiedearbeiten mit ähnlicher
Sicherheit die Originalität heraus-
fühlen, mit der er das Bild eines
tüchtigen Malers von dem eines
anderen unterscheidet. Man kann
in der Einfachheit nicht weiter
als RäTHBONE gehen, und doch
steckt in ihr pollbewussie künstleri-
sche Persönlichkeit, die ihre Eigen-
art scheinbar spielend äussert.
Zwischen diesen englischen Ar-
imten und denen der Belgier liegt
der Unterschied zweier Baasen.
Lehmen erscheint als der ge- ^ ^^^^ ^^^^
sundere, exaktere; semen Arbeilen
fehlt ganz die zuweilen fast tändelnde holz; da, wo die einzelnen massig breiten
Leichtigkeit des Engländers ; sie sind da- Tafeln zusammengeheftel sind, wachsen starke,
für gediegener, seine Vornehmheit geht tiefer, schön geformte Messingstangen in die Höhe
Der Engländer setzt seine Sachen aus fein und biegen sich in Kopfhöhe zu Trägern des
geschmiedeten Plättchen zusammen, Lehmen Bords natürlich aus. Horizontal läuft in
liebt den breiten, wuchtigen Guss und seine massiger Entfernung unterhalb des Bords
grÖsste Kunst liegt darin, trotz dieser massiven im Getäfel eine aus abgeschlossenen gleichen
Art stets jede Plumpheit zu vermeiden. Wir EinzelmotivengebildefeKupfer-Intarsie. Nutzen
werden im nächsten Heft ausführlich auf ihn und Schmuck können nicht besser vereint
zurückkommen. werden, die Farbenwirkung — das Messing-
Van de Veldb hat wie in allen Gebieten gelb zu dem Kupfer auf dem warmen Cedern-
so auch hier im Kleinen wahre Muster ge- ton — und der Eindruck der Linien, die
schaffen. Die kupfernen Metallmäntel für vertikalen Streben, zwischen denen das hori-
seine Kamine gehören zu seinen glänzendsten zontale Motiv verläuft — das ist meisterhafte
Fanden. Der Besucher der Dresdener Aas- Kunst, die sich getrost neben der glänzendsten
Stellung findet in der Vertäfelung des dort Dekoration der Alten sehen lassen kann,
ausgestellten Esszimmers ein geradezu einziges Die abgebildeten französischen Metallarbeiten
Beispiel für äusserst dekorative Metalluer- des Hauses Fontaine und von l'ArtNouVEA V
Wendung. Die Vertäfelung besteht aus Cedern- in Paris verdienen um so mehr Anerkennung,
BESCHLÄGE UND GRIFFE
als gerade der Pariser Geschmack sich immer
noch mit Händen und Füssen gegen das
Flächenornament sträubt, und solche Bestre-
bungen sich daher nur mit äusserster Mähe
durchzusetzen vermögend Für Fontaine
arbeilen Lamiral, CAMtLLE Gardelle u. o.
Lamiral trifft in der Hegel das Wesen des
Beschlages; nicht immer vermag er sieb von
den Verlockungen der Belgier fern zu halfen,
deren kühne Linien dem anfliegenden Flächen-
ornament leicht die Solidität rauben. In
GardeLl^s Thürgriff, der zu den besten ger-
hört, triumphiert die überlegende Gediegenheit
des Architekten. Die Liebe, mit der hier das
Detail studiert ist, könnte man manchem
Engländer, der gar zu gern aus dem Beschlag
spielerischen Dilettantismus macht, empfehlen.
Deutschland bat bis jetzt nur wenig in dem
Gebiete gethan. Wo der Beschlag auftritt, dient
er dem Archaismus, d. h. dem denkbar uber-
fiässigsten Sport. An solide und elegante Klinken
und Griffe denkt niemand. Seitdem England bei
uns Mode geworden ist, fängt man allenfalls an,
zu kopieren. Damit wird auch nicht geholfen.
Umso dankbarere Beachtung verdient das
Wenige, das wir haben. Wir bilden einige Be-
SdtaaftntUr
schlage ab, die PETER BEHRENS in Manchen
für ans gezeichnet hat. Die drei für Aas-
führung in Messing bestimmten Entwürfe,
die hoffentlich auch ausgeführt werden, zeigen,
wie weit das Figarale bei solchen Dingen An-
wendung finden kann, ohne den Gebrauchs-
wert im mindesten zu stören and können den
Franzosen zum Muster dienen , die diesen
Seh winket, wie schon betont, meist ausser
■acht lassen. Behrens gehört zu der kleinen
Anzahl der für die moderne Bewegung wich-
tigsten deutschen Künstler, weil er mit ge-
werbhaften Anschauungen an die gestellten
Aufgaben herantriff. Dieselbe Liebe, die er
der unendlich schwierigen Technik seiner
Holzschnitte, von denen wir in dem letzten
Heft das Adlerblatt abbildeten, widmet, über-
trägt er auf das reine Gewerbe. Die vor-
liegenden Entwürfe stellen seine ersten Be-
schläge dar. Nachdenken und Geschmack
haben ihn gleich etwas finden lassen, das nach
unserer Meinung den Vergleich mit den aus-
ländischen Arbeilen wohl auszuhalten vermag,
auch wenn man der Meinung ist, dass das
Figurale selbst in so reduzierter Form von
unserem Gewerbe lieber ganz ausgeschlossen
6i
BESCHLÄGE UND GRIFFE
$ s<
<^ ?SJ
it^
I LAMIRAL, Baüiiagt Aaigrfahrl oon MAISON FONTAINE, PAHIS
I
DEKOIUTIVS KUNST. HBFT I.
BESCHLAGE UND GRIFFE
'ST's Beschlägen weisen sie sich sämllich als so individuell, dass
n Truhe finden es ein Leichtes erscheint, auf den Urheber zu
Vorzüge wieder, schliessen, wie man es vor Bildern thul. In
-.ereien so grosse dieser persönlichen Farbe liegt zum Teil ihre
•rworben haben grosse Bedeutung, ihre Gesundheit and der Be-
ll vorigen Hefte weis für ihren dauernden Wert. Das gilt auch
m. Es liegt Stil von Endell's Beschlägen zu einem Stehpull, die
iten, eine ganz wir hier reproduzieren. Höchst originell und ge-
irucksform. Das schmackvoll ist die Art und Weise, wie er das
(S. 59) ist ein im Pult versenkte Tintenfass, das sonst als aus-
teiner vornehmen geschnittenes Loch wirkt, durch die eiserne
und in der Vor- Umrahmang mit der Platte verbunden hat.
technischen Aus- Reizend ist das Motio. Das zeichnerische,
führung, die wenn man so sagen darf, lineare Element
aus der für wiegt allerdings vor, der Körper des Metalls
ihre tüchtigen musste sich ihm kunstvoll schmiegen, und die
Arbeiten wohl- Technik hat sich vielleicht mehr der Zeichnung
bekannten angepasst als umgekehrt. Anders bei den
Werkstätte der reizvollen Schlüsseln und Schildchen. Das
Kunstscblos- Pult, das wir demnächst in ganzer Ansicht
HOLD Kirsch in wiedergeben werden, beweist Endell's hervor-
\mt. — Der als ragende Begabung für die dekorative Linie.
; RiEMERSCHMiD Wir hielten es für interessant, ihm selbst das
■achtenswerte Er- Wort über dieses Thema za erteilen. -y<a-
rfu. VAKT mif welchem er
muvBAü. PARIS in der Münch-
ner Ausstellung
für Kleinkunst vertreten war,
beweist das, and seine frische
Erfindungsgabe. Dereinfache
geschmackvolle Thürbeschlag
dieses Buffetts, den unsere Ab-
bildung zeigt, spricht für sich
selbst. Die hübschen Be-
schläge TON BERLEPSCH's,
Seile 71, stammen von dessen
Möbeln zu einem Bibliothek-
zimmer, die auch in dieser
Ausstellung za sehen waren.
Sie zeugen von dem Ernst,
mit welchem sich der Künstler
injedesDetail vertieft hat und
mit welchem er in allem eine
seinem persönlichen Empfin-
den gemässe Form zu er-
reichen sucht. Vergleicht man
diese deutschen und Münchner
Arbeiten untereinander, soer-
lUEMERS eil Ml ED
BESCHLÄGE UND GRIFFE
^ SÜLAMIRAL, GARDELLE u. A. AusgefOhrt Don UAISON FONTAINE, PARIS
C R. ASUBEE
WOHIN TREIBEN WIR?
VOM
S. Bing
II
Wir haben im vorigen Heft die Anfänge der
modernen dekoratioen Bewegung in England
verfolgt. Ein Ereignis begann auf sie mit-
bestimmend zu wirken. Japan eröffnete plötz-
lich neue Horizonte and zeigte, dass sich das
Gebiet des Schönen weit Über die Grenzen er-
C A ASHBEB
ThOrbetchlag Int Palais da Grouherxogt von Htnai-DarmUadt
streckt, die ihm unsere Überlieferangen gezogen
haben. Alles was dem Neuen zugänglich
war, sah in Japan ein Element, das fähig
war, ans aus dem alten Geleise mit heraus-
zuhelfen.
Von zwei Pankten also, die soamhl ihrer
Herkunft wie ihrer Art nach ganz entgegen-
gesetzt waren, gingen — fast zu gleicher Zeit —
die befruchtenden Einflüsse aas. Der eine
entfaltete sich aus unserer eigenen Tradition,
der andere aas einer völlig neuen Ästhetik, die
unter fernen Himmeln gereift war; beide
brachten uns zu neuen kostbaren Kanst-
empfindungen. Doch unsere schwach ge-
u)ordenen Hände hatten verlernt. Schätze dieser
Art in angemessener Weise zu verwerten.
England wurde von Japan mitten auf der
Sache nach neuen Formen überrascht, die
es teils seiner eigenen Vergangenheit, teils den
alten Italienern entnahm. Es zögerte nicht,
dieses exotische Element mit seinen Funden
zu verbinden, und aus dieser Vermischung
gingen Resultate hervor, die zuweilen nicht
der Würze einer gewissen Eigenart entbehrten.
Im grossen Ganzen aber machte sich der
Einfluss in derselben Art geltend, wie es bei
den Praeraphaeliten der Fall gewesen war.
Man nahm Verfahren an, die für andere, von
den unseren ganz verschiedene, Bedürfnisse ge-
schaffen waren.
Nach zwölf bis fünfzehn Jahren begann es
klarer in den Gemutern zu werden. Man
merkte, dass ein ganz anderer Nutzen aus dem
japanischen Kunstprinzip zu ziehen war, wenn
WOHIN TREIBEN WIR?
man weniger den einzelnen Beispielen and
dafür mehr dem Geist folgte, der sie belebte.
Man begriff den Hauplzug des Japanischen :
diese ewig jugendliche Einbildangskrafl, die
sich lediglich der Natur unterwirft and kein
höheres Ziel kennt, als der grossen Meisterin
ihre feinsten Harmonien abzulauschen.
Aber der Gedankengang einer Rasse, die
aas tief warzelndenGewohnheiten entsprungene
künstlerische Konuenienz, alles das lässt sich
nicht willkürlich umformen und ohne weiteres
uon dem Geist eines Volkes durchdringen,
das unter einem liebenswürdig spielenden
Äusseren die denkbar strengste Gesetzmässig-
keit, eine Ästhetik verbirgt, die sich in
einer mebrtaasendjährigen Geschichte gefestigt
bat.
Ein Hauptirrtam machte sich fühlbar and
zog die schädlichsten Folgen nach sich : Mit
der Erfahrung, dass der Reiz japanischer
Kunst auf dem engen Anschluss an die Natur
beruhe, glaubte man sich im Besitz des
■ Geheimnisses und machte sich frisch daran,
dieses anscheinend einfache Verfahren aus-
zanatzen und alle nur denkbaren Formen
der Natur so getreu wie möglich nachza-^
ahmen.
Ein merkwürdiger Irrtum! — Giebt es
etwas Unsinnigeres, als den Versuch, mit
Menschenwerk den Wandern der Schöpfung
gleich zu kommen. Die Japaner haben sich
in ihrer tiefen Verehrung für die Natur von
dieser Verirrung stets fern gehalfen. In ihren
Augen ist die Natur stets nur die ewige Er-
zieherin, der Urstoff für alle Formen des
Schönen, der ihren erleuchteten Getreuen ge-
geben wird, damit sie aus ihm unaufhörlich
neue Schöpfungen ableiten können, Werke,
die sich dem täglichen Leben anpassen. Jeder
Versuch ausserhalb dieses Prinzips muss in die
Irre fähren. Denn das Einzige was allen
Teilen der himmlischen Schöpfung ihren
wahren Glanz verleiht und bei jedem neuen
Anblick das Herz mit seiner Wonne füllt,
ist der magische Funke des Lebens. Mü
dieser Habe seine Schöpfungen zu durch-
dringen ist keinem Sterblichen vergönnt. So-
bald die Kunst versucht, das wirkliche Leben
nacltzuahmen, wird sie immer nur Schatten-
bilder hervorbringen, ähnlich^ den^Werke des
> CROON (New Crou Sdtal^^
Schüter-Auultltung South Keniinston
OrOHIN TREIBEN WIR?
C B.CASHBEE ThOrbachiagt Im Palais dra Groahmogi oon Htaea-Daraittadt
Todes, der dem gefallenen Blatt das,
was es uns lieb machte, die lachende
Frische, entzieht. Hätte die Kunst
kein anderes Ziel so wäre ihr Ideal
in einer künstlichen Blame oder
einer gelungenen Wachsfigur er-
reicht.
Die Wahrheit liegt wo anders.
Den befruchtenden Keim, den die
Kunst aus der Naiar gewinnt, muss
sie auf ein anderes Gebiet — eben
das ihrige — übertragen, um daraus
neue Formen zu gewinnen, ver-
schiedenartig gestaltet, je nach der
Klasse von Werken, die sie bringen
will. Wenn es gilt, den Ein-
druck einer Landschaft oder einer
Gestalt wiederzugeben, ohne an-
deren Zweck als den, das Auge
zu erfreuen und den Geist anzu-
regen, bat der Künstler sein Werk
mit eigenem Leben zu durch-
dringen, das nicht in der Aussen-
natur, sondern in seinem Gehirn
entsteht und die ihm besonders er-
scheinenden Eigenschaften seines
Modells in den Vordergrund bringt.
Um ganz andere Erfordernisse
handelt es sich bei Schöpfung
eines rein dekorativen Werkes. Hier -
muss jenes sekundäre, vom Geist
des Künstlers ausgegangene Leben,
das der Staffeleimaler, der Bild-
hauer, in seinen Werken zur höch-
sten Kraft entwickelt, nach ganz
H. RATHBONE bestimmten Regeln eingedämmt
WOHIN TREIBEN WIR?
werden. Ganz and gar wird aber
hier jede Nachahmung des physi-
schen Lebens zur. 'Thorheil, wo die
Kunsl beabsichtigt, im geschlossenen
Raum Ruhe für das Auge — und die
Nerven zu geben. Der grösste Fehler
so Dieler tächliger Künstler unserer
Zeit , die unsere häusliche Um-
gebung erneuern wollen, liegt in
der Verkennung dieses unumgäng-
lichen Gesetzes. Ansialt die Huhe
zu erstreben, die den Hauptreiz
des Interieurs, des Zufluchtsortes
oor der fieberhaften Hast der mo-
dernen Existenz, aasmacht, malt
man Freiluft-Perspektioen an die
Wände and ruft so den Eindruck
hervor, als sei da die Mauer durch-
bohrt, am den Blick ins Freie zu
öffnen. In Stoffen and Tapeten
sieht man skulpturale und bild-
hafte Wirkungen, anstatt flächen-
gemässe Ornamente. Das ist noch
nicht alles. Man glaubt von den
Japanern die Berechtigung herzu-
leiten, auf Slilisierung verzichten
za dürfen, auf das wesentlichste
Mittel, um den Formen Gleichmass
zu verleihen. Wenn man das unter
Fortschritt versteht, wäre es besser
gewesen, bei unseren alten Über-
lieferungen zu bleiben. Denn was
man dabei aber Bord wirft, war
das beste der Traditionen unserer
älteren dekorativen Kunst, das diese
übrigens za ihrer Zeit gerade von
dem Orient — den Persern nament-
lich — gelernt hatten, deren mehr
geometrisch gehaltenes Schmucksystem diese
Gesetze klarer zum Verständnis brachte. Es
ist ein unbegreiflicher Mangel an Einsicht,
in der japanischen Kunst diese Stilisierung zu
übersehen, nur weil sie sich unter freieren un-
gezwungeneren Formen verbirgt.
Aber die Stilisierung beschränkt sich nicht
auf die bewusste Umwandlung der Formen,
-«p-
'. BERLEPSCH
C. S. ASBBEB
sie bedingt vor allem die Vereinfachung, die
Entfernung alles anruhigen Details und beruht
nicht zum wenigsten auf der richtigen Ver-
teilung der Linien und der Farben. Gerade
darin haben es die Japaner am weitesten ge-
bracht. Hier mass angesetzt werden, um von
ihnen zu lernen, diese Weisheit muss sich uns
zunächst mitteilen, wenn wir von ihnen Vor-
teil haben wollen, die Einsicht, dass auch
das grösste Genie nicht des Wissens entbehren
kann, wenn es vollendete Werke schaffen will.
Dann wird man begreifen, dass es nicht genügt,
ein hübsches Motiv hinzuwerfen, das so wie
es ist, der lebenden Natur entlehnt ist.
Die schwersten, hier gerügten Fehler werden
in Frankreich und Deutschland begangen. In
England, Holland und Belgien haben die Vor-
geschrittenen die Schwere der begangenen Irr-
tümer [begriffen and sind sich des rechten
Weges bereits bewusst geworden.
DER HOLLÄNDISCHE BILDHAUER ZYL
darauf hinzuweisen, welch eminente Hilfe der
Bildhauer Zyl einem Architekten von der Art
Berlage'3, im Streben nach grosser ruhiger
Wirkung, nach schönen Verhältnissen der
Massen — werden musste.
Wir verdanken Z7L die Aasschmäckung
eines Hauses auf dem Damrok (Abb. S. 7i),
das der Allgemeinen Versicherungsgesellschaft
gehört, ferner diejenige eines grossen Gebäudes
auf dem Muntplein und endlich jene der
Bureaux einer Versicherungsgesellschaft in der
Prinsenstraat im Haag, deren dekorative Aas-
stattung vollständig nach seinen Modellen her-
gestellt wurde. Diese Arbeiten sind meist
relatiü kleine Skulpturen, die sich vollkommen
der Architektur einfügen, von ihr bedingt
DER HOLLÄNDISCHE BILD-
HAUER ZYL
Den ersten Unterricht genoss Zyl in einer
vom Staate unterstützten Schule — dann in
einer solchen, deren Lehrgang ganz unier
staatlicher Kontrolle steht. Aber bald machte
er sich frei von dieser unpersönlichen und
wie fast immer nichts sagenden akademischen
Lehre und suchte freie Bahn für seinen
neuerungslustigen Geist. Er hatte das Glück,
volles Verständnis für seine Begabung bei dem
jungen Architekten Berlage, einem Neuerer
wie er, za finden. Diese beiden Männer schienen
für einander geschaffen, sich gegenseitig zu
ergänzen.
Zyl ist Bildhauer im wahrsten Sinne des
Wortes; er unterscheidet sich darin von der
Mehrzahl unserer Künstler, selbst der Bild-
hauer; denn er hat nichts vom Maler an
sich — und von diesem Gesichtspunkte aus
stellt er eine höchst interessante Erscheinung
dar, die eingehender za betrachten ich mir
für später vorbehalte. Zunächst genügt es,
DER HOLLÄNDISCHE BILDHAUER ZYL
werden und in ihr aufgehen, so dass sie dem
Auge zugleich Anziehangs- und Ruhepunkt
sind.
Die Anerkennung des Publikums hielt sich,
wie nicht anders za erwarten, zurück und zeigt
sich auch heule nur seilen; aber doch gewinnt
sie schon an Boden, und schon tauchen Nach-
ahmer auf, die gute Sache
zu missbrauchen. Das sind
aber nicht die einzigen
Schwierigkeiten, gegen welche
zu kämpfen war. Wenig ver-
traut mit der suggestiven Art
dieser Modelle, verdarben die
Handwerker oft die ganze
Wirkung. Zwei grosse alle-
gorische Figuren vor der
Fassade der Prinsenstraal
im Haag sind auf diese
Weise vollständig verfehlt;
ich erwähne das, weil so
manche Nörgler es nicht
lassen können, sich an solche
Zufällig keilen zu hallen.
Zyl lässl, wie alle unsere
jungen Känsller, den Einfluss
seiner archäologischen Sta-
Kapiiai dien erkennen; seine starke
Persönlichkeit schützt jedoch
seine Werke vor der Krankheit unseres
Jahrhundertendes: dem gedankenblassen Ar-
chaismus. Als Beweis mag das schöne Kapital
mit Büffelkopf gelten, das unsere obenslehende
Abbildung zeigt.
Die Proportionen und manche Einzelheiten,
wie die obere Reihe kleiner Spiralen, der fast
DEKORATIVE KUNST. HEFT S.
DER HOLLÄNDISCHE BILDHAUER ZYL
barbarische Geschmack, erinnern an die reiz-
vollen Kapitale in norditalienischen Kirchen
des sechsten, siebenten und achten Jahr-
hunderts, oder an die Überreste meroüingischer
Architektar. Aber der wohldurchdachte, weise
abgewägte Eindruck des Ganzen gibt diesem
Kapital einen ganz eigentümlichen Charakter
in der Reihe moderner Bildhauwerke.
Zyl's grosse Jugend, nicht nur dem Alter,
sondern oielmebr dem Charakter nach, erklärt
die noch wenig durchgebildete Form seiner
Kunst. So haben z. B. einige seiner Gestalten
hässliche Züge, zu stark betonte Aasladungen
and Vorsprünge und eine oft rohe Lebendig-
keit, ohne dadurch besondere plastische Wir-
kung zu erreichen oder sich dem Gedächtnis
ganz besonders einzuprägen. Was seinen
Figuren bisweilen fehlt, ist mit einem Worte
gesogt: Charakter, ein Charakter, -der auch
ohne starke oft rohe Mittel sich zu äussern
Dieser Fehler tritt natürlich besonders in
den feiner durchgeführten Arbeiten hervor,
wie in den kleineren für Innenräume be-
stimmten Bronzen und erklärt uns, warum
so viele im übrigen reizende Entwürfe, von
denen ein andermal die Rede sein wird, un-
ausgeführt geblieben sind. Der Künstler, un-
zufrieden mit sich selbst, begnügte sich nicht
BERLAGE Sc ZYL Allg. Ubeiaven.-Gti., Ämilerdam
YL Karyatidi
mit dem Vorzug, den ihm seine glückliche
Erfindungsgabe namentlich tieHscher Formen
und Siellangen gab. Das beweist aber nur
die grosse Gewissenhaftigkeit seiner Arbeit
and die Thalkraft seines Geistes, die ans über
die Zukunft beruhigen können. In kurzem
wird es Zyl gelingen, auch für die menschliche
Gestalt Typen zu finden, welche neben der
bewegtesten physischen Lebendigkeit einen
Seelenzastand klar zum Ausdruck bringen.
Unter dieser Reserve können wir frei an-
erkennen, dass manche seiner menschlichen
Gestalten, namentlich dort, wo wir es mit
reiner Phantasie zu thun haben, vollständig
dem dekorativen Ziele entsprechen, das er
sich gesetzt hat. Durch die starke wohl-
verstandene und genau wiedergegebene Mus-
kulatur erreicht er ein äusserst wirkungsvolles
Lichtspiel, wie die nebenstehenden Abbildungen
zeigen. Um die Art dieser Arbeiten kurz zu
charakterisieren : sie haben einfache Formen,
ihre Stellungen sind logisch und fein beob-
achtet und sie tragen alle den Stempel des
künstlerischen Temperamentes, dem sie ent-
sprungen sind.
Zyl's Darstellungen von Tieren verdienen
unsere rückhaltlose Bewunderung. Sein Stil
mag sich noch befestigen ; aber alles, was er
. bisher in dieser Art geschaffen, wird immer
FORMENSCHONHEIT UND DEKORATIVE KUNST
Kunst, mit Formen, die nichts bedeuten and
nictits darstellen und an nichts erinnern, unsere
Seele so tief, so stark zu erregen, wie es nur
immer die Musik mit Tönen vermag.
Dem Barbaren ist unsere Musik zuwider;
es gehört Kultur und Erziehung dazu, sich
ihrer zu freuen. Auch die Freude an der
Form will errungen sein ■ man muss es lernen
zu sehen und sich in die Form zu vertiefen.
Wir müssen unsere Augen entdecken. Wohl
giebt es schon lange unbewusst in den Menschen
das Freuen an der Form, in der Geschichte
der bildenden Künste lässt sich deutlich seine
Entwicklung verfolgen, aber noch ist es nicht
zu einem festen, unverlierbaren Besitze ge-
worden. Die Mater haben uns viel gelehrt;
aber ihr Ziel war zuerst immer die Farbe,
und wo sie die Form suchten, suchten sie
meist das intellektuell-charakteristische durch
exakte Wiedergabe ihres Gegenstandes, nicht
das ästhetisch-charakteristische, das die Notar
nur selten und zufällig in solchen Dimensionen
bietet, wie sie der Maler braucht.
Wollen wir formale Schönheil verstehen
and gemessen, so müssen wir lernen, isoliert
zu sehen. Auf die Einzelnheilen müssen wir
unsern Blick lenken, auf die Form einer Baum-
wurzel, auf den Ansatz eines Bialtes am Stengel,
auf die Struktur einer Baumrinde, auf die
Linien, die der trübe Schaum an den Ufern
eines Sees bildet. Wir dürfen auch nicht
achtlos über die Formen dahingleiten, sondern
müssen sie genau mit den Augen verfolgen, jede
Biegung, jede Krümmung, jede Erweiterung,
jede Zusammenziehung, kurz jede Änderung
der Form miterleben. Denn genau sehen wir
beachtenswert bleiben, nicht nur\wegen des reiz-
vollen Aasdruckes einer frischen Empfindung,
sondern auch in Hinsicht aaf seinen inneren
künstlerischen Werl. a. pjt
FORMENSCHÖNHEIT UND
DEKORATIVE KUNST, i. DIE
FREUDE AN DER FORM. In das- immer
ungestümer werdende Verlangen nach
einem neuen Stile in Architektur und Kunst-
gewerbe, nach einer neuen eigenartigen und
selbständigen Dekorationsweise klingen miss-
tönig warnende Stimmen bedächtiger Leute,
die von der steilen Höhe ihrer gereiften Er-
fahrung und ihrer durch umfassende histori-
sche Studien geklärten und vertieften Auf-
fassung das thörichte Thun der Jüngeren
mitleidig belächeln und noch immer bereit
sind, dem Publikum den einzig wahren Weg
zu zeigen. Sie lehren uns, dass es keine neuen
Formen mehr geben könne, alle Möglichkeilen
seien in den Stilen der Vergangenheit er-
schöpft, alle Kunst bestehe in einer individuell
getönten Verwendung aller Formen. Ja man
geht so weit, uns den jammervollen Eklek-
licismus der letzten Jahrzehnte für den neuen
Stil zu verkaufen.
Dem Wissenden kann diese Mutlosigkeit nur
lächerlich scheinen. Denn er sieht klar, dass
wir nicht nur im Anfang einer neuen Stil-
periode, sondern zugleich im Beginn der Ent-
wicklung einer ganz neuen Kunst stehen, der
FORMENSCHÖNHEIT UND DEKORATIVE KUNST
nur einen Punkt in unserm Sehfeld, und
wirksam für unser Gefühl kann nur werden,
wai wir deutlich gesehen. Sehen wir aber
in dieser Weise, so ersteht vor uns eine neue,
nie gekannte Welt von ungeheurem Heichlum.
Tausend Stimmungen werden in uns wach.
Immer neue Gefühle mit neuen Nuancen und
ungeahnten Obergängen. Die Natur scheint
za leben und wir hegreifen jetzt, dass es wirk-
lich trauernde Bäume und boshafte heim-
tückische Äste, keusche Gräser und furchtbare
grausenerregende Blumen giebt. Freilich nicht
alles übt solchen Eindruck aus, es fehlt nicht
am Langweiligen, Unbedeutenden und Un-
wirksamen, aber das wachsame Auge wird
überall, in jeder Gegend, Formen von wunder-
barem, die ganze Seele erschütterndem Reize
gewahren.
Das ist die Macht der Form über unser
Gemüt, ein direkter unmittelbarer Einfluss
ohne alle Zwischenglieder, durchaus nicht
etwa die Folge eines Anlltropomorphismus,
einer Vermenschlichang. Wenn wir von einem
trauernden Baume sprechen, denken wir den
Baum durchaus nicht als lebendes Wesen,
das trauert, sondern meinen nur, dass er in
uns das Gefühl des Trauerns erwecke. Oder
wenn wir sagen, die Tanne strebe empor, so
beseelen wir die Tanne nicht, der Ausdruck
des Gescheliens "strebew erzeugt nur leichter
in der Seele des Zuhörers das successiv ent-
stehende Bild des Aufrechten. Dergleichen ist
nur ein sprachlicher Notbehelf, die mangelnden
Worte zu ersetzen und rascher lebendige An-
schauung zu erzeugen.
Auch ist es nicht Erinnerung, die den Formen
ihre Bedeutung für das Gefühl leiht. Ein
Kreis mag an den Ring erinnern und damit
an Treue und Ewigkeil, aber ebenso gut auch
an Gebundensein, Knechtschaft und Sklaverei,
und so würde der Kreis bald dieses bald jenes
Gefühl in uns erwecken. Aber derlei Gefühle
kommen bei der Formkanst so wenig in
Betracht, wie etwa in der Musik die Er-
innerungen, die sich für den einzelnen an
Flötentöne knüpfen.
Auch muss man nicht meinen, dass die un-
hewusste Vorstellung des Wesens eines Gegen-
standes erst sei'ie Form uns bedeutungsvoll
erscheinen lässl. Allerdings besteht ein ge-
wisser Parallelismus zwischen Wesen and
Schein. Ein dicker Baum erscheint uns stark
und ist es auch. Aber er ersciteint uns lange
so, ehe wir um seine wirkliche Stärke wissen.
Auch deckt sich nicht immer Form und inneres
Sein. Ein Zorniger sieht oft komisch genug
aus and ein hohler Baum genau so stark
wie ein gesunder, ja vielleicht gerade um
seiner zerrissenen Rinde willen stärker und
kolossaler. Nicht vom Wesen zum Schein
geht der Weg, nein umgekehrt, das Aussehn
giebl uns den ersten Aufschluss über das
Wesen. Wir übertragen den durch die Form
erregten Eindruck auf das innere Sein des
Gegenstandes und treffen eben durch den ge-
nannten Parallelismus meist das richtige.
Man denke z. B. an die instinktive Angst der
Tiere und Kinder. Die Form weckt unmittel-
bar das Gefühl, wir wissen von keinem
dazwischenliegendem, psychischem Ereignis.
Und unbewusste Ereignisse erklären alles und
eben darum nichts.
X Worin aber liegt dann die Erklärung des
Formgefühls9'' fragen die am lautesten, die
es nie gekostet. Ich könnte antworten, das
gehört nicht hierher, man geniesst Musik auch
ohne zu wissen, warum Accorde und Accord-
folgen im stände sind, uns so gewaltig zu er-
regen. Ich will aber doch, um die Zweifler
zu beruhigen und ihnen den Zugang zu der
Welt der Formen zu erleichtern, den Ver-
such machen, die Gefühlswirkung der Form-
RAT FÜR DILETTANTEN
Maison Fontaine
elemente und ihrer Zusammensetzungen
zu beschreiben und auch die psycho-
logische Erklärung wenigstens andeuten,
soweit es sich ohne langwierigere Er-
örterungen ermöglichen lässt.
A. ENDELL
RAT FÜR DILETTANTEN
Wir werden
unter dieser
Rubrik im An-
schluss an
einen Aufsatz
mit Illustrati-
onen, der uns
_. _^^ ^^ passend er-
^CNby scheint , ver-
^ \^y ^ suchen , dem ,
Dilettantismus,
dessen Pflege
uns am Herzen
liegt, Anregungen zu geben. Eine prinzi-
pielle Erklärung wird hier nötig. Wir
wollen helfen, aber wir wurden glauben,
dies nicht zu thun, wenn wir demDilettan-
tismus Gelegenheit zur Selbstüberschätz-
ung gäben, wie dies leider im Zuge der Zeit
liegt. Der Dilettantismus hat der neuen
Bewegung schweren Schaden gethan;
von ihm sind sowohl in Frankreich wie
in England und auch bei uns Produkte
ausgegangen, an denen sich das Pub-
likum den Masstab für den künstleri-
schen Wert der modernen dekorativen
Bewegung bildete, weil diese Sachen mit
der Prätention des künstlerischen Werkes
vorgeführt wurden, ohne zu genügen.
Wir wollen keinen sozialen Gegensatz
zwischen Künstler und Laien, wohl aber
den sachlichen, der zwischen dem, was
Einfall und guter Wille hervorbringen,
und dem, was strengem, gediegenem
Handwerkertum entspringt, säuberlich
scheidet. Nur mit diesem Vorbehalt also
helfen wir wie wir können.
Nicht dadurch macht man Ornamente,
dass man sich von einem idyllischen
Spaziergang ein paar niedliche Blümlein
mitbringt, diese sorgfältig abzeichnet
und dann durch Wiederholung derselben
Zeichnung so etwas wie einen Fries
fabriziert. Die Blumenstilistik der Japaner
und Engländer hat diesen bereits inter-
nationalen Irrtum, der nachgerade uner-
träglich wird, erzeugt. Stil ist das, was
die künstlerische Persönlichkeit aus der
Natur macht, nicht die Natur selbst.
.1. ENDELL
Was den Engländern hemmend an-
haftet, ist, dass sie nicht von der Blume
loskommen. Immerhin steht das, was
die feineren unter ihnen aus der Blume
machen, noch himmelweit über der
naiven Impotenz, mit der der Dilettantis-
mus die Natur plündert. Hier ist die,
Reaktion gegen den Naturalismus am
Platz, gegen den man so lange bei der
Betrachtung moderner Malerei gewütet
hat. Weg von der Natur! Freilich muss
man die Natur ersetzen können, statt
der Organisation, die in dem Blatte des
Baumes steckt, eine neue vereinfachte
Gesetzmässigkeit geben können, die eben-
so überzeugend ist. Mit der Entstellung
der Natur ist es nicht gethan, man
muss die Berechtigung dazu nachweisen,
das ist Künstlerschaft. Die Blattmotive
der venezianischen Holzdrucke, welche
wir in unserer ersten Nummer brachten,
wird man in der Natur vergeblich
suchen, und doch sind sie natürlich,
es sind Vereinfachungen, die ein künst-
lerischer Geist vollzogen hat. Gelingen sie
dem Dilettanten, so ist er kein Dilettant
mehr, sondern Künstler. — Aber es giebt
Aufgaben, zu denen der Dilettantismus
schon eher genügt, wenn er Geschmack
hat. Man beobachte dort z, B. das Blatt
Seite 25, Es ist, wie man leicht sieht,
aus geometrischen Zeichen entstanden,
die der Urheber vermutlich mit dem
Zirkel in der Hand entdeckt hat. Er
schlug sich Kreise und modifizierte nach-
her die Schnittpunkte. Dieses Prinzip
lässt sich ausdehnen und wir halten es
für viel leichter, mit ihm bescheidene
ornamentale Wirkungen zu erzielen,
als mit der Natur, die eines ebenbürtigen
Gegners bedarf, um überwunden zu
werden. Statt der Blümchen nehme
man mal den Zirkel; mit ihm kommt
der gute Einfall weit eher zu seinem
Recht und wenn man zu wählen und zu
verbinden versteht, wird man hübschere,
originellere Dinge erreichen, als auf der
abgegrasten Wiese des Blumenorna-
mentes, Die Orientalen haben bewiesen,
was man mit der Geometrie schon zu
ihrer Zeit machen konnte. Unsere Geo-
metrie ist wesentlich weiter gegangen und
kann auch für unsere Zwecke frucht-
barer sein. Die Intelligenz, die dazu
nötig ist, steht dem Laien viel eher zur
Verfügung als Künstlerschaft.
— T—
77
ALB. DAMUOVSE
ALBERT DAMMOUSE
Viele Irrtümer in der Keramik erklären
sich aus dem Umstände, dass der Künstler,
der die Dekoration, die künstlerische Seite,
überhaupt den Entwurf fertigt, nicht gleich-
zeitig dem rein praktischen Beruf angehört.
Man kann verfolgen, dass nur da, wo diese
beiden Seelen in einer Brust vereint waren,
ErspriessUches erreicht worden ist. So bei
Dammovse. Das Gewerbe seines Vaters, eines
geschickten Bildhauers in der Manufaktur von
Shtres, brachte ihn von der ersten Kindheit
an in enge Berührung mit allem, was mit
dem Porzellan zusammenhing. Sehr jung trat
er in die ßcole des Arts decoratifs von Paris
ein und wurde 1868 von der Ecole Nationale
des Beaux Arts aufgenommen. Er begann
seine Laufbahn als Gehilfe des Künstlers
SOLON MlLi:s, der durch seine Pasta- Auflagen
bekannt geworden ist und 1870 nach Stoke-
on-Trent in England in das Haus MiNTON
berufen wurde. Dammouse trat zuerst 1878
mit eigenen Arbeiten hervor. Das Haus
POUYAT & DUBREUIL in Limoges beauftragte
ihn mit dem Entwurf des Hauptteils der
Porzellane, mit denen sich das Haus an der
Pariser Weltausstellung zu beteiligen gedachte.
Die Ausstellung hatte Erfolg, namentlich mit
einem 3 x 2 m grossen Panneau, das aas
bemallen und in grossen, feuergebrannlen
Kacheln bestand, und jetzt als eines der besten
Stücke das Limoger Museum ziert.
Im Jahre 1882 Hess sich Ch. HaV^LAND
in der neuen Fabrik von Auteuil-Paris von
Dammouse die ersten bemalten Gres machen,
die bei den Künstlern -— nicht beim Publi-
kum — sofort Erfolg hatten. Dieser erste
Versuch in Steingut war für Dammouse ent-
scheidend. Während er fortfuhr, für die
grossen Fabrikanten neue Modelle zu schaffen,
vernachlässigte er nicht sein eigenes kleines
Atelier in Saures, in dem er sich zunächst
nur mit dekorierten Porzellanen beschäftigt
hatte. Jetzt wandte er sich auch hier dem
Steingut zu, in dem er einen an künstlerischer
Zukunft und Gediegenheit weit allen anderen
Materialien überlegenen Stoff erkannt hatte,
dessen einziger Fehler war, nicht bekannt zu
sein. Er hatte sein Teil an der Ermutigung,
die den gewerblich thätigen Künstlern durch
die Zulassung des objet d'art in den Marsfeld-
salon wurde; sein erster Erfolg in diesem
Salon mit auf Email dekorierten Porzellanen
ALBERT DAMMOUSE
reifte in ihm den Enlachlass, sich in Siures
Öfen für die Herstellung von Gris und
Fayencen zu bauen. Seine ersten Resultate
erschienen im Marsfeld 1893. Seit dieser Zeit
ist er regelmässig dort vertreten, und jedes
Jahr lässt sich in seinen Sachen ein Fort-
schritt, eine Neuerung finden.
Seine Gris hatten dieselben koloristischen
Vorzüge seiner Porzellane, er uerfügl über
Harmonien in tiefblau, alarkgrün, zartgrau,
hellrosa, die ihm allein gehören. Weniger
bekannt als die grossen Anhänger der fran-
zösischen Keramik, hat er doch verstanden,
sich eine scharf umrissene Persönlichkeit zu
schaffen, der man nie ohne Interesse gegen-
übersteht. Während Delaherche, BiGOTU. a.
fast ganz auf die Dekorierung verzichten und
im ivesenilichen nur mit der Güte ihres Ma-
terials, also auf demselben Wege, den die
japanischen feinsten Töpfereien gingen, künst-
lerische Wirkungen erreichen, hat Dammovse's
sichere Technik verstanden, den Zufall, der
gar ofl die gelungensten reinfarbigen Effektt
gebiert, an seine Zeichnungen zu bannen.
ALB. DAUMOUSE
Diese Zeichnung hat an sich keinen über-
wältigenden Werl, aber wie sie auf das ge-
flammte Material übertragen ist, die Diskretion,
mit der sie aufirilt, das giebt den Sachen
einen ganz besonderen Wert.
Dammouse beschränkt sich nicht auf die
Luxustöpferei; er hat ausser seinen Vasen und
Tellern auch grössere für einen bestimmten
Zweck entworfene Arbeiten gemacht, so z. B.
die Friese für die Aussen- und Innendekora-
tion des Hospice des Vieillards und des Fest-
saales im Kasino von Boulogne-sur- Seine.
Seine besten einzelnen Stücke flndet man ausser
in den der Töpferei dienenden Museen von
Sivres und Limoges, im *Luxembourg', im
Musee des Arls d^coratifs, dem Musee Galliera
und anderen.
EDOVARD GARNIER
i^^^.
ALB. DAMMOUSE
T. C DVGDALE (ManchalerJ
MITTE FREU
ALB. DAMMOVSE
MITTE FREI!
Im Garten ist grosser Lärm. Die Kinder
sollen schnell aas dem Haas etwas bringen,
laufen dabei immer durchs Gras and über
die Blumen und werden darob heftig gescholten.
Später macht eins von den Erwachsenen selber
in Eile diesen Weg, wünscht das grosse Beet,
das mitten auf dem Weg zwischen Hausthüre
und Gartenhaas liegt, zum Kuckuck und
möchte es gradaus durchschneiden, erinnert
sich aber des Verbots für die Kinder and be-
quemt sich wieder zu den anmutigen Um-
wegen.
Auf den Plätzen and Strassen der Stadt
ist es ähnlich. Wo der thatsäcbliche Verkehr
seine natürlichen Richtungen findet, also in
den Achsen der Strassen und in mannigfachen
Durchquerungen der Plätze, dort fmdet er
auch seine künstlichen Hemmnisse. Genau
in die Strassenachse sind Denkmäler, Brunnen,
Blumenbeete u. dergl. gestellt, und schon auf
dem Stadtplan erkennt man das ehrfürchtige
Ausweichen der Trambahngeleise vor dem
Standbild irgend eines historischen Despoten.
Milien auf jedem Platz steht womöglich eine
Kirche oder ein Theater oder doch ein öffent-
licher Brunnen zur Erlabung derer, die am
ihn herum müssen, oder allermindestens irgend
etwas, das die geometrische Mitte so bezeichnet,
wie mancher sich gern den Nordpol irgendwie
sichtbar hervorgehoben denkt.
Man möchte vermuten, dass es in den Seelen
der Kutscher, die da täglich so und so oft-
mals vor einem Denkmal oder dergleichen
einen Umweg einschlagen müssen, bedenklich
gähre. Um so mehr, als sie ja selber, wenn
sie zur Winterszeit ihre Mussestunden mit dem
Aufstellen von Schneemännern ausfüllen, diese
Werke keineswegs in die Verkehrslinien stellen,'
sondern zwischen hinein, in die *toten Punktet
des Verkehrs — wie es der Meister vom Städte-
bau, CaMILLO Sitte, so treffend auseinander-
gesetzt hat.
Die Andacht zur Sgmmetrie scheint nan
einmal eine der allgemeinsten menschlichen
Neigungen zu sein; oder vielleicht ist sie doch
nur entweder eine Folge des * aufgeklärten
Despotismus' (sei es dessen, der von einer
Person, sei es dessen, der von einem Bureau
ausgeht), oder aber eine Nachwirkung der
geometrischen Bauliebhabereien in der Barock-
zeit, durch die sich diese ganz besonders von
der Zeit des Mittelalters und der Henaissance.
wenigstens der deutschen, abhebt. Indessen
möchten wir noch über diese bekannten ge-
schichtlichen Erscheinungen hinaus von einem
derartigen Zug nach Regelmässig keit im
menschlichen Geschmack sprechen. Nur lässt
sich unschwer zeigen, dass wir damit erst bei
den Elementen des Geschmacks stehen: mit
Sgmmetrie a. dgl. fängt Ästhetisches an, hört
aber damit nicht auf, sondern geht weit da-
rüber hinaus. Je entwickelter eine Kunst-
leistung ist, eine desto geringere Rolle spielen
in ihr die * Regelmässigkeiten *.
Also dem Anfänger im Fühlen und Denken
über Schönheit ist es nicht zu verargen, wenn
er für eine »schöne Mitte schwärmt und so
einerseits den baren natürlichen Witz des
Passanten, der nicht gern an ein Denkmal an-
rennt, andrerseits die Einsicht des gereiften
Stadtbaukenners gegen sich hat. Und was
AI.B. DAMMOISE
MITTE FREI!
ALB. riAMMOVSE
ir.R. DAUIUOUSE
sich uns da im Städtebau und gleich ein-
gangs im Gartenbau gezeigt hat, das gilt von
den meisten Künsten und insbesondere von
allen sogenannten anhängenden oder ange-
wandten Künsten, also der dekoratiuen. und
was sich sonst an die Architektur anschliessl.
Betrachten wir einmal die Kunst der Aus-
stattung unserer Wohnräume. Von einer
Längsseite des Zimmers ist die genaue Mitte
durch ein von zwei ntöglicbsl gleichen anderen
Möbeln pankierte.-! Sopha markiert. Wer da-
raufsitzt, hat nun den Vorleil, seine schweifen-
den Blicke entweder an der gegenüberliegen-
den, ähnlich bebandelten Wand anstossen oder
zwischen den links und rechts verbleibenden
Raumstücken wählen zn lassen. Vielleicht
gefällt ihm das Zimmer doch einigennassen,
und vielleicht kommt er, etwa auf Grand von
amateurpholograpbischen Erfahrungen , luj
dem Gedanken, wie's war', wenn man die
Blicke in der Diagonale durchs Zimmer senden
könnte. Aber in jenem Winkel, von dem aas
der richtige Blick zn werfen wäre, steht kein
Sopha, nicht einmal ein Stuhl.
Gar der Gedanke, frei durchs Zimmer hin-
durch blicken und schreiten zu können, muss
ebenfalls bald aufgegeben werden. Denn in .
dieser Mitte thront der Tisch mit seinem
Kollegium von Stählen. Das ist bei kleinen
Zimmern wohl nicht anders möglich, zumal
wenn mehr als zwei Personen darankommen
wollen. In grösseren Zimmern hingegen wird
man sich doch fragen müssen, was einen zu
dieser Mittelstellung bestimmt : ob der Ge-
schmack oder der Nutzen. Es scheint sehr,
als spiele hier wiederum lediglich jener tragi-
komische Respekt vor der Mitte. Je kleiner
allerdings ein Raum, desto mehr gilt das
vorhin Gesagte vom Gefallen an der Regel-
mässigkeit als einem elementaren Geschmacks-
faktor. Ein kleines Zimmerchen, ein kleines
G Örtchen geben nicht leicht Gelegenheit, so
viel Schönheit zu entfalten , dass sich die
iMannigfalligkeil eines tengliscben Stils* lohnen
würde; da wird sich eine Ampel, die von der
genauen Mille der Decke herabhängt, und
ein kleiner Wasserstrahl im Zentrum jenes
Häufchens von Gras und Kies wohl als
passend erweisen.
Wo indessen das Bedürfnis streng ge-
bietet, dort müssten GeschmacksgewohnheUen
weichen. Unsere eigentlichen Arbeits- oder
überhaupt Thätigkeitsräume zeigen noch am
ehesten eine freie Mitte: so meistens die Küche,
ein Gemach, das man wegen seiner sehr nötigen
Freiheit von Künstlichkeiten und seiner natür-
lichen Aasprägung seines Zwecks bereits als
den ästhetisch wertvollsten Bestandteil unseres
Wohnungswesens gerühmt hat. Das hindert
freilich nicht, dass grössere Küchen und Labora-
torien je nach Bedarf, aber nicht nach
* Ästhetik', die Mille durch einen Herd oder
DEKOnATIVE KUNST. HEFTS.
MITTE FREI!
dergleichen ausgefüHl haben. Auch der er-
freuliche Zug von Natürlichkeif ferner, der
aas einer Werkstätte, zumal einem Atelier,
selbst aus einem Kinderzimmer entgegenweht,
mag grossenleils auf die freie Mitte und ihre
guten Folgen, wie i. B. bequemere Ausblicke,
zurückzuführen sein. Wenn wir ein Atelier
und ebenso alte Stadtansichten malerisch
nennen, so gehört zu diesem Malerischen ganz
besonders der Gegensatz gegen die im eigent-
lich Architektonischen grossenleils unvermeid-
lichen geometrischen Hegelmässigkeiten. Dass
die Malerei selber am allerwenigsten der Mitte
zu huldigen hat, , ausser vielleicht insofern sie
dem Monumentalen und dem Architektonischen
oder wenigstens Ornamentalen nahe kommen
soll, braucht wohl nicht erst betont werden.
Aach in anderen Räumlichkeiten als denen
des Wohnens kehrt die Frage nach der Mitte
wieder. In Ausstellungssälen hängen freilich
die Bilder an den Wänden, und allmählich
wird man geschmackvoll genug, diese Massen
durch ein oder das andere künstlerische Nichts
zu unterbrechen. Trotzdem entgeht nicht so
leicht eine Mitte dem Dämon des Verstellens,
und wenn's auch nur ein Bronzeßgürchen auf
einem Postamentchen wäre, welche beiden in
einer Ecke sich doch so wohl befinden könnten.
Die zwei Ausstellungen des Jahres 1897 zu
München und die zu Dresden verslellten ihre
Eingangskuppelhallen gerade in der Mille,
also auf dem lebhaftesten Kreuzungspankt der
Besuchswege, mit grossen Gruppen.
Dasselbe finden wir in den eigentlich ge-
werblichen Gebieten. Die Würde des Menschen
oder vielmehr des guten Bürgers scheint am
besten durch Bucheinbände gewahrt, die vorne
genau in der Mitte etwa eine goldene Welt-
kugel tragen, oder durch Becher, die ebenso
ein passendes Ornament zeigen, oder durch
Teppiche, deren Linien gleichmässig von allen
Seilen ein Mittelbild umrahmen, dieses natür-
lich ganz folgerichtig verborgen unter einem
in der genauen Mitte darüber gestellten Tisch.
Allein bereits kennen wir Bucheinbände, deren
Tilelworle oder Tifelsgmbol mit einer vielleicht
mehr oder minder affektierten Zurückhaltung
in eine Ecke gerückt sind, und in ähnlicher
Weise andere Neuerungen in kunstgewerb-
lichen Einzelheilen. Bei den Taschentüchern
freilich hat schon längst das Gebrauchs-
bedürfnis so viel vermocht, das Monogramm
von der Mitte weg in einer Ecke zu halten.
Beim modernen Gewerbe kommt nun haupt-
sächlich der Umstand in Betracht, dass es
sich, kurz gesagt, vom Geometrischen zum
Organischen wendet. Man ist des vielen Orna-
mentenwerks, das so schön Peripherie und
Mittelpunkt scheiden Hess, herzlich satt, und
herzhaft wird nun in die Welt der pflanz-
lichen Vorbilder und der sie neu gestaltenden
eigenen Phantasie gegriffen. Man sehe sich
z. B. die Teppiche und teppichähnlichen Ar-
beiten von Hermann Obrist an, mit ihren
allerdings dem Gebrauchszweck und Stoff ent-
sprechend gleichmässigen, aber ganz einfach
gleichmässigen Beihen freikombinierter Natur-
molive: hier fehlt von vorn herein schlechter-
dings jede Gelegenheit zu einem Milteleffekt.
Ähnliches gilt oon mannigfachen anderen
Leistungen der neuen deutschen angewandten
Kunst, wie sie die Münchner Ausstellung von
1897 in eigenen Zimmerchen, eingerichtet von
den Herren Th. FISCHER und M. DDLFER,
vorgeführt hat. Ein Vergleich mit den in
derselben Ausstellung enthaltenen Zimmern
arabischer und klassizistischer (Empire-) Aus-
stattung Hess sich natürlich nur zum Teil
ziehen, zeigte aber doch, dass eine Befreiung
von dem Absolutismus oder sagen wir geradezu
Terrorismus der Mitte Jenes neue deulsche Ge-
werbe auszeichnet, auch wenn andere Nationen
derzeit ebensogut daran sein mögen.
Schon einmal, vor drei bis vier Jahrhun-
derten, hat der natürliche, individaalisiische
und sozusagen organische Sinn der germani-
schen Völker sich in dem Gegensatz der freier
bewegten, zumal nicht gern sgmmetrischen
Renaissance Deutschlands zu der geometrisch
geschlosseneren Italiens Luft gemacht ; und seit-
her war es immer wieder das 'Geheimnis der
Formt oder besser der sogenannten Form, das
uns der Süden mit niemals vollkommenen Erfolg
zu lehren versuchte. Heule kehrt der damalige
Widerstand eines deutschen Stils gegen einen
italienischen Stil und der spätere eines eng-
lischen gegen einen französischen wieder. Eine
Folge dieses abermaligen Widerstandes ist der
allmähliche Rückgang des Götzendienstes, der
mit der Mitte getrieben wird. Unser Ruf nach
freier Mitte aber, mag er nun dem Stadt-
architekten oder dem Teppich Zeichner, dem
Gärtner oder dem Dekorateur gelten, soll einer
der Rufe sein, durch die zwar keine neue
Kunst und kein neuer Stil gemacht, aber doch
wenigstens ein 'Aberglaube vernichtet werden
dürfte. HANS schmidkvsz
T. C. DUGDALE (Uanchnl
C. JV. ELLWOOD (Hollouiaff Schult)
drnate einrt Klavli
KORRESPONDENZEN
IONDON — Das ^Department of Science
and Art* erhielt, wie die Zeitungen
-J melden, durch das Auswärtige Amt die
Mitteilung, dass zufolge Dekrets des Königs
von Spanien in Madrid eine spanische In-
dustrie-Ausstellung am 20. Okt. dieses Jahres
eröffnet werden soll. 9 Die kgl. Schule für
Kunststickerei macht alle Anstrengungen, sich
auf der Höhe der Zeit zu halten ; neben den
Cbungsklassen für die gründliche und syste-
matische Ausbildung der Schüler wurden Vor-
lesungen über verschiedene auf Stickerei und
Ornamentieichnen bezügliche Gegenstände ein-
geführt. Den ersten Vortrag hielt WALTER
Crane im 'Imperial Institule* am 3. März
dieses Jahres; ihm folgten eine Reihe von
Vorlesungen durch einen andern Fachmann,
und ebensolche sind für den Herbst in Aus-
sicht gestellt. 9 Der Gebäudestock des Soulh
Kensington Museums, in welchem Kunslschätze
Don unersetzbarem Werte aufgestapelt sind,
giebt seit Jahren zu Klagen und Bedenken
Anlass; nicht nur wegen der mangelnden Über-
sichtlichkeit dieser unvollendeten und provi-
sorischen Anlage, wofür als Entschuldigung
gellen mag, dass bis jetzt kein Plan beschafft
werden konnte, welcher allen Ansprüclten ge-
nügt hätte, sondern wegen der grossen Feuers-
gefährlichkeit, die durch den letzten Bericht
einer zu diesem Zwecke zusammengetretenen
Kommission bestätigt wurde. Als einzige prak-
tische Folgerung hieraus wurde die Versetzung
einer besonders feuergefährlichen Hätte be-
schlossen, welche seit langem in dem offenen
Baume zwischen den Flügeln des Mittelbaues
stand und nun weiter abgerückt wird. Damit
scheint man sich beruhigt zu haben. Hätte
es sich um irgend eine neue Kriegswaffe ge-
handelt, die mehr Menschen zu töten vermag
als eine andere, so wären Mittel sicherlich
sofort bereit gewesen. Da es aber nur eine
Angelegenheit der Bildung and Erziehung
unseres Volkes anbelangt, wird so » Ün-
wichtigest auf bessere Zeiten verschoben. Ich
dächte, man hätte schon lange genug auf
diese Zeiten gewartet, und der Augenblick
J. HALNOfi (Htm Cron SthaU)
wäre endlich gekommen, eine Umwandlung
dringend zu erheischen. Diese Angelegenheit
ist geradezu entehrend für unser Land. Denn
ivie unser grosser William Morris zu sagen
pflegte : die alten Denkmäler und Kansischätze,
die uns vergangene Zeilen überiieferl haben,
sind nicht das ausschliessliche Eigentum eines
Landes, sondern das Erbe der ganzen Mensch-
heit, und England ist nicht nur sich selbst,
sondern der ganzen Welt verantwortlich für die
sichere Erhaltung der anschätzbaren Kunst-
werke in seinem Besitze, jener Schätze, deren
Verlast durch keinen Reichtum ersetzt werden
könnte, denn die Toten, die sie geschaffen,
erstehen nicht wieder. Ein Vorkommnis,
das uns betrifft, wenn es sich auch nicht hier
zugetragen hat, mag in diesem Berichte Er-
wähnung verdienen. Herr Jean Lahor in
Paris, ein eifriger Bewunderer des verstorbenen
Morris und Anhänger der gegenwärtigen
Entwicklung der dekorativen Künste in Eng-
land, hat kürzlich einen Vortrag veröffentlicht,
den er in der Universität zu Genua im ver-
gangenen Januar gehalten hat. Es mag
vielleicht kleinlich scheinen, die wenigen Fehler
anzuführen, die die Schrift enthält, wie z. B.
dass als MORRIS' Todestag der 4. statt der
3. Oktober 1896 angegeben wird, dass das Jahr,
in welchem er die alte Offizin von Merton
Abbey in Surrey übernahm und dort seine
Werkstätle errichtete, 1881 (Juni) und nicht
187i war; und dass es ein Irrtum ist, anzu-
nehmen, Morris' utopischer Roman» News from
nowheret habe die Inspiration zu BellamYs
»Looking backward^ gegeben — das zwei
Jahre vorher erschienen war; eher das Gegen-
teil ist der Fall, da Morris sein Buch als
eine Art Antidot gegen jene falsche Auffassung
des Sozialismus schrieb, welclxer auch der
amerikanische Schriftsteller zuneigte. Aber
auch im übrigen wäre zu wünschen gewesen,
Lahor wäre mit kritischerem Urteil an die
Lobpreisung moderner englischer Werke heran-
getreten. In die Bewunderung für MORRIS
schliesst er eine Menge Dinge mit ein, oder
schreibt sie seiner Schule und seinem Einfluss
zu, welche MORRIS als Erster verurteilt hätte,
besonders auf dem Gebiete der Architektur.
(Uns fällt auch die ungerechte Behandlung
der bedeutendsten Brüsseler Architekten zu
Gunsten ihrer Nachahmer auf. D. R.) Alles
in allem aber können wir nur dankbar sein
für den Tribut, der uns hier von einer be-
nachbarten und befreundeten Nation gezollt
wird. Indem er Gegenwart und Vergangen-
heit vergleicht, sagt der Autor: 'Rappeions
que l'Angleterre avait ete bat tue dans les
grandes expositions artistiquea, qu'elle s'efail
humiliee, avait, comme il convenait, reconnae
ses defaites, et que bientöl, avec sa tenace et
puissante volonte, eile s'etail rearmee, preparee
pour mieu.r lutter et pour vaincre. Ce mouve-
ment palriotique d'opinion se manifesla, par
la crealion, en tout le rogaume, d'icoles d'art
et de musees speciaux.t — Sei es nun Scham-
gefühl oder Ehrgeiz, wie Herr LAHOR be-
hauptet, oder irgend ein anderer Grund —
sicher ist, dass dieser grosse Aufschwung vor-
handen ist, dass die grossariige Organisation
der Kunstschulen in Verbindung mit der
Zentralschule von South Kensingion in der Ver-
breitung künstlerischer Grundsätze und in der
Heranbildung von Künstlern eine weitwirkende
TItal vollbracht hat. Die Daseinsberechtigung
dieser Unterrichtsanstalten — das muss be-
sonders betont werden — liegt nicht darin,
Bildermaler zu züchten, sondern in der Pflege
und Entwicklung der künstlerischen Seite
unserer gewerblichen Manufakturen. Jeden
Sommer wird in eigens dazu eingerichteten
Räumen des South Kensington Museums
eine Ausstellung der Preisarbeiten im natio-
nalen künstlerischen Weltbewerbe veranstaltet.
Der Bericht darüber giebt an, dass nicht
il. H. BAXTER (Lehatrr) Detail out tintm FHa
weniger als S2 000 Arbeiten zur letzten Jahres-
prüfung von den verschiedenen Klassen der
Kunstschalen — eingerechnet jene des Landes
— eingesandt wurden. Diese Ziffer bezeichnet
sicherlich nicht die Gesamtzahl der Schäler-
arbeilen des' letzten Jahres, sondern nur jene,
welche nach Ansicht der Lehrer gut genug
waren, um der offiziellen Prüfung unterstellt
zu werden. Es ist dabei interessant, zu be-
obachten, wie die Ansprüche an die ausge-
stellten Werke sich von Jahr zu Jahr steigern,
und dass trotzdem gewisse Fehler immer wieder-
kehren. So macht sich in den Zeichnungen
für Tapeten, Cretons u. dergl. ein Strien
nach Besonderlichkeit, eine Sacht nach Origi-
nalität bemerkbar, welches die seltsamsten
Formen bedingt. Auch scheint es, dass der
Zweck, dem ein Werk dienen soll, den Schülern
nicht immer klar vor Aagen stand. So ist
es wohl eine einleuchtende Bedingung für das
Muster eines Bodenteppichs so gut wie für die
Zeichnung eines Plafonds, dass es von jeder
Stelle des Zimmers aas betrachtet werden
könne, ohne dass es dabei auf dem Kopf
steht. Und doch zeigt ein sonst sehr schöner
Entwarf für einen Teppich mit hübsch stili-
sierten and erfundenen Vogelformen von einem
Schäler in Macciesfield in der Mitte ein Rund-
stück mit einem Eichhörnchen, das nur von
einer bestimmten Seile gesehen aufrecht er-
scheint. Eine Zeichnung — aus Scarborough
— für ein Damast-Tischtuch hut, im übrigen
wunderschön, eine Bordüre, in welcher die Trut-
hühner auf dem Kopf stehen. Man sollte sich
doch klar werden, dass eine Tischdecke nie
von der Mitte aus gesehen wird und dass
folglich das Ornament stets von den äusseren
Seiten oder Ecken aaszugehen hat, während
umgekehrt bei einem grossen auf dem Boden
liegenden Fussteppich der Beschauer darauf
zu stehen pflegt and das Muster daher von
der Mitte ausgehen soll. Unter den Stickereien
finden sich viele sehr tüchtige Stücke, nicht
nur auf Papier entworfene Zeichnungen,
sondern auch ausgeführte Arbeiten. Miss
KemPs Büffetiläufer hat eine hübsche Bordüre
mit gut und klar ornamentierten Blumen.
Aber die langen- Verbindungsstengel, die alle
von einem Zentrum ausgehen, wirken zu ver-
worren. Arthur Baxter aus Leicester hat
sechs vorzügliche Entwürfe zur Ausstattung
einer Bibliothek ausgestellt. Der Grundton ist
grün und alle Einzelheiten sind harmonisch
ausgearbeitet und wohldurchdacht, vom ge-
malten Wandfries bis zu den Beleuchtungs-
körpern und Thürbeschlägen. Ein anderer
Entwarf für Innendekoration stammt von
Albert Coumber aus New Gross, der uns
die hübsche Ausschmückung eines türkischen
Bades zeigt mit mosaikbedeckten Wänden und
lünettenartigen Bleifenstern. Von G. M. ELL-
WOOD von der Hollowag Schule sehen wir einige
ausgezeichnete Arbeilen, so das Panel für die
Vorderseite eines Pianos in Gips mit leichtem
Miu KEMP (Canltrbarg Schule). Halftt einet Laufen
E. C. SIIEPIIERD
Cyetan
n-MofJv fOr .
Kolorit, das sich zart von dem nalürlidten
Eichenholze abhebt. Die Schrift ist in Gold,
in den beiden Medaillons aber klingen Gold,
Fleischlon, blasses grün und heliotrop schön
zusammen, während die zarten Ausläufer der
Pflanzen weiss gehalten sind. Die Zeichnung
eines dreiteiligen Wandschirmes ist von dem
gleichen Künstler, der Mittelteil aus Kupfer,
die beiden Flügel in grün and anderen Tönen
gefärbtem Holz gedacht. Im ganzen waren
die Zeichnungen für Metallarbeiten, namentlich
für elektrische Beleuchtungskörper, welche sich
doch so besonders für dekorative Behandlung
eignen und den jungen Künstler zu selbst-
ständigen Leistungen anregen sollten, durch-
aus unbefriedigend. Man könnte vielleicht
Miss COGGlN's (aas Neiv Gross) Ofenschirm
in Schmiedeisen mit Abteilungen aus durch-
brochenem Kupfer davon ausnehmen, wenn
nur die Schilder an den gotischen Kreuz-
1. U. B.i.\TER (Uieattr)
blumenknäufen za beiden Seiten mit dem
übrigen besser übereinstimmten. Ein anderer
Künstler ans New Gross stellte einige gute
Zeichnungen für Melallsachen aus, dabei einige
Thürfüllungen, denen die Form der Distel zu
Grande liegt ; während Edward C. Shepherd
unter anderen Zeichnungen einen Schloss-
Beschlag ausstellte, der der Form des Cgcla-
mens nachgebildet ist. FREDERICK Halnon's
Entwurf für eine Uhr ist ausgezeichnet und.
besonders willkommen im Hinblick auf die
gebräuchlichen schauderhaften Zeichnungen
der Fabrikanten, die überall im Gebrauch
vorherrschen. In Alfred WRlCHfs Zeich-
nung für bemalte Ziegel ist die Einheit der
Wiederholung innerhalb der Grenze Jedes ein-
zelnen Ziegels gewahrt, ohne dass das Ganze
irgendwie einen anerfreulichen Eindruck des
Verzerrt- oder Zusammengepresstseins macht.
Für Bach- Ausstattung waren einige treffliche
Zeichnungen oon leinenen
Einbanddecken ausgestellt,
einschliesslich einer für das
Werk »The Year that the
locust halh eatent, in dem be-
kannten Pfauenfeder-Thema;
desgleichen finden wir eine
Anzahl Entwürfe für Buch-
deckel, die, von einem Glaplon-
Schüler herrührend, eine neue
Art der Anwendung von
Schablonen zeigen. Die Idee
hätte mit grösserem Erfolge
angewandt werden können,
wenn die Formen etwas ge-
nauer betont worden wären.
Unter den am meisten fesseln-
den Zeichnungen der ganzen
Ausstellung sind die Stadien
für naturgeschichtliche Vor-
würfe, ornamental behandelt,
Bibiioihekümmcn ZU erwähnen; indessen, so
Ät/ir sie unsere Bewunderung
verdienen, möchte man doch
wünschen, däss der Künstler
noch einen Schritt weiter ge-
gangen wäre und die gleichen
Formen in praktisch verwend-
bare Entwürfe gebracht hätte.
Der hier entfaltete dekorative
Sinn ist ausserordentlich, wie
z. B. in der vortrefflichen
Studie einerHausschwalbe, als
Silhouette behandelt. Andere
Studien von Eulen, Seemöven
u. s. w. offenbaren grosse
Fähigkeiten und berechtigen
zu der Hoffnung, dass wir
von diesen Zeichnern in Zu-
kunft noch schöne dekorative
Sachen zu erwarten haben.
AYMER VALLANCE
1. H. BAXTER (Ltlcetter)
BERLIN — Wenn im Herbst in den
Museen und privatenAusslellungsräumen
rechte Schausammlungen gewerblicher
Kunst nicht mehr oder noch nicht zu stände
kommen, dann bringt das Geschäftsinteresse
immer noch einige kunstgewerbliche Neuheilen
in die bunten Auslagen der Kaufhäuser.
Leipzigerstrasse, Friedrichstrasse, Linden; auf
diesem Wege hält die permanente Kunstmesse
ihre Kramläden offen, und der Gang durch
diese Strassen zeigt heute fast alles, was von
internationalen Bestrebungen def Kunsthand-
werkes sein Publikum sucht. Statt in der
grossen Kunstausstellung ein geschlossenes Bild
der gegenwärtigen Kunst in der Industrie zu
finden, mass man hier aus dem Wust der
Läden sich mühsam die Elemente sammeln,
die eine Anschauung 'geben vom Wesen der
modernen Dekoration.
Es ist eine erschöpfende Arbeit nötig, um
in dem Dornengestrüpp zu beiden Seiten ein
paar Blüten zu finden. Denn Kunstgewerbe
ist eigentlich überall hier. Es ist in den Kaffee-
häusern und Aschingerstuben, beim Bäcker
and beim Schlächter; kunstgewerblich sind
die Bonbonschachteln, die Firmenschilder und
die Zigarrenetiketten. Wer kann heute ohne
blinkende Kunst sein Geschäft betreiben.
Der gute Geschmack empfindet das ja nicht
mehr; aber es ist darum nicht weniger vor-
handen, es ist nicht weniger tgpisch, jede
Erbärmlichkeit für sich. Hinler jedem Erzeug-
nis steht einer aus dem grossen Heere der
künstlerischen Halbbildung, und so wird das
Lächerliche zu einem ernsthaften , sozialen
Ereignis. Man muss sich das sagen, um nicht
die wenigen guten Sachen in ihrer Bedeu-
tung zu überschätzen. Ein paar feinsinnige
V/u WALDRON
Schablonrii ßr^Ex-librli
ÖERLIN
tfiu DAWSON rSingUg)
Zelehnung
Passanten, die selten auch Käufer sind, haben
iltre Freude daran; das ist alles.
Bei KaySER ist ein Schaufenster gefällt mit
reichverziertem Tafelgeschirr aus Zinn. Sehr
bezeichnend für unser anpersönliches Kunst-
gewerbe heisst dieses Fabrikat ' Kayserzinn f^;
die Komposition der Metallmasse ist ein Ge-
heimnis der Firma. Nicht der Name des das
Rohmaterial formenden Künstlers wird ge-
nannt, sondern die in rätselhafter Anonymität
thronende Firma. Das ist so die Gepflogen-
heit all unserer Geschäfte. Übrigens ist bei
diesen Zinnarbeiten der Name des Künstlers
sehr gleichgültig, denn es sind in Kunst and
Technik nur schlechte Nachahmungen der
feinen, nervösen Arbeiten von Charpentieii
und DUBOIS, die sich das Zinn für ihre per-
sönliche Dekorationsfreude erst neu entdeckt
haben. Die Ziermotive, selbst die naturalisti-
schen, sind aus bekannten mittelmässigen
Sammelwerken zusammengesucht , und die
Kühnheiten, die den Franzosen Temperament-
sache waren, sind hier imitiert, mit thörichter
Freude am springend Gegenständlichen. Nach-
geahmtes Temperament — das ist schrecklich.
Die weichen, zeichnerischen Reize, die Jene
französischen Künstler dem Material entlockten,
sind dabei zu der Wirkung versilberten Gips-
stuckes vergröbert worden.
Das ist der erfreuliche Gegensatz fast aller
englischen Arbeilen, und eine starke Ursache
der allgemeinen Wirkung ihres Kunstgewerbes,
dass sie vor allem das Technische genau
kennen und dem Material neue künstlerische
Gestaltungsmöglichkeiten dadurch abgewinnen.
Die englischen Thonwaren im Hohenzollern-
Kaufhaus, so miltelmässig sie in vielen Einzel-
heiten der Form sind, wirken sehr interessant
durch die geachickte Art, mit der der Glas-
fluss getönt ist und durch das reinliche, von
der üblichen " malerischen ^ Sudelei sich vor-
teilhaft unterscheidende Auftreten der Grand-
masse im Ornament. Auch einige gewebte
Tüllgardinen erfreuen durch vorzügliche
Maschinenarbeit, so offenbar an ihnen auch
der Stillsland in der Erfindung origineller
Muster bei den Engländern wird.
Wenige Häuser weiter bietet sich der Be-
weis, dass die raffinierteste Technik in den
Händen der Manier wenig zu befriedigen ver-
mag. Wer die Schaufenster der königlichen
Porzellan-Manufaktur einmal gesehen hat, der
kennt damit auch das ganze Gebiet der künst-
lerischen Produktion dieses Instituts: es ist
ewig das tflutschiget, elegante Berliner Rokoko.
Man kann der künstlerischen Leitung die ent-
schiedensten Vorwürfe nicht ersparen. Hier
ist einmal eine Fabrik, die ohne geschäftliche
Rücksicht eine Musleransfalt in jedem Sinne
werden könnte. Jeden wirklichen Künstler
müsste es reizen, die überreichen Ausdrucks-
miltel der Porzellanfabrikation in den Dienst
THÜRINGEN
einer persönlichen Schmuckanschauang zu
stellen. Die enge Vereinigung der Bildhauer-
arbeit mit der Malerei erlaubt den Ausdruck
der kompliziertesten and wechselreichsten Zier-
gedanken. Und doch zehrt die Kunst der
Manufaktur noch immer von dem Erbe
BoucHER's, Watteaü's und CüVlLLl^'s. Die
Technik ist ja nach einer Richtung hin aus-
genutzt, die Herstellung vorzüglich, aber die
Kunst ist ohne jedes moderne Empfinden?
Kopenhagen, das in der Friedrichstrasse seine
feinen Arbeiten zeigt, Siures und selbst Ber-
liner Privatfirmen sind dem königlichen In-
stitute weit überlegen.
Auf einem einzigen Gebiete ist allgemeine
Sommerbläte — es ist das Gebiet, das der
Frau allein, ihrer Toilette gehört. Das Material
ist hier ja an sich schon künstlerisch, und
seine natürlichen Eigenschaften wirken oft
auch wie Kunst; trotzdem ist es erstaunlich,
wie die Industrie mit dem Beirate der Frauen
— die, im eigennützigsten Interesse, Känstler-
temperamente von Natur sind — alle Möglich-
keiten tausendfältig ausnutzt. — Bei Petrus
sind einige Zusammenstellungen von Seide und
Spitzen, die, neben dem alle Sinne streicheln-
den Genuss, noch zeigen, dass die Spitzen-
fabrikation, trotz iOO jähriger Konvention,
moderner empfindet als andere Kunslinduatrien
ohne weite Vergangenheit. Diese mit der
Maschine hergestellten Tüllspitzen und Täll-
stickereien sind schon in ihrer klaren Zeich-
nung und voll malerischen Wechsels in der
Fadenführung. Es macht prickelnde Freude,
an den Säumen der strahlenden Kleiderflächen
diese Zierlichkeiten zu finden, über den farbigen
Untergrund ihr reizendes Blütengespinnst zu
verfolgen. Was der Kunst verloren ging, die
Beziehung zum Leben, die Frau hat es in
ihrem naiven, glücklichen Schmuckinstinkt
immer festgehalten. kabl scheffler
GRIMSTONE (Glasgow) CrtlonmiaUr
THÜRINGEN — Es ist eine Freude, wenn
man, nachdem fast ein Jahrhundert der
schlimmsten Geschmacksverwirrung, der
Unsolidität und der schlechten Fabrikware
dahingegangen, auf ein einsames Dorf kommt
und dort, unberührt von allem, was draussen in
der Well vorging, eine bäuerliche Werkstätte
findet, in der mit grosser handwerkerlicher Ge-
schicklichkeil und in seiner ein fachen Weise doch
mit künstlerischem Stilgefühlnach uralten Tradi-
Thanngrr Täpferiuaren
DEKORATIVE KUNST. HEFT 2.
THÜRINGEN - MÜNCHEN
p. HBIDER, ThongefOm
Honen gearbeitet wird. Ich fälire im obigen
Bilde einige Beispiele der Thüringer Töpfer-
waren vor, wie man sie noch an entlegenen Orten
findet und auf die ich die Aufm^ksamkeit
lenken möchte. Die mit einem Henkel ver-
sehenen Gefässe sind Krüge, in denen der
Bauer seinen Trunk mit aufs Feld nimmt
(wozu auch besonders die hier nicht abge-
bHdelen dickbäuchigen, enghalsigen Thon-
flaschen gehören); das zweihenkelige Gefäss
• isl eine bäuerliche Blumenuase. Die Form
ist bäurisch derb, plump, aber charaktervoll ;
dagegen weist die Farbe Reize auf, die za dem
entzückendsten gehört, was einfache Töpfer-
waren geben können. Die Gefässe rechts und
links aussen haben eine eigentümlichschillernde,
an Schhmgenhant erinnernde Oberfläche, deren
grüner Graodton ein in allen Farben spielenden
Glanz zeigt. Das dunkle Gefäss ist in einem
wundervollen tiefen Blaugrün mit metallischem
Glanz gehallen.
Hier ist ein Material gegeben, das nur des
Künstlers, der es za neuen Schöpfungen aus-
beulet, harrt and das in seiner Eigentümlich-
keit in den Töpferwerkstätten anderer Gegenden
nicht zu finden.
SCHÜLTZB-NADMBÜRG
^ui Llllaaer't Kaiatialon
MÜNCHEN — Wir bringen neben-
stehend die letzten Arbeiten der
keramischen Familie von HEIDER:
Ein Vater mit seinen drei Söhnen, von welchen
jeder eine Species der keramischen Kunst ver-
tritt und die so in ihrem Zusammenwirken
als etwas Einheitliches aufzufassen sind.
Wer sie in ihren Ateliers an der Mai-
strasse aufsucht, empfängt dort den Eindruck
ihres ernsten Schaffens, er sieht Künstler, die
sich nicht scheuen, Handwerker zu sein. Das
drückt sich auch in der Tüchtigkeit ihrer
Arbeiten aus, von welchen wir vor allem den
Tierfries aus glasierten Fliessen hervorheben
wollen als eine der besten Leistungen dieser Art.
Der nach dem Entwurf wiedergegebene kraft-
voll slilisierte, vorwärts stürmende Büffel, dessen
Bewegung durch das Astwerk links und rechts
gesteigert und wieder festgehalten wird, ist
ein Beispiel der ganz vorzüglichen Lösung
des Vorwurfs, welchem die Künstler auch in
seinen übrigen Teilen mit Darstellungen von
Steinböcken und einem Pantherpaar so grossen
Reiz, so markige Form zu geben wussten. Die
mit Tierköpfen verzierten Vasen, die etwas
an KAHLER's ähnliche Leistungen erinnern,
zeichnen sich besonders durch ihre klare,
vornehme Kontur aas and durch den vor-
L. TIFFANY, Neu/ York, Zlrr^lOier
KcramlKhe Arbellen
MÜNCHEN — PARIS
G. LACOMBE. Vtrtama
züglicben Übergang des Körpers der Vase
zur Verzierung. Aber auch die Konsiruklion
der übrigen Gefässe weist, wie z. B. die beiden
Slücke unserer Abbildung links unter dem
Büffel zeigen, einen grossen Fortschritt in
Beziehung auf präcise charaktervolle Form-
gebang auf Die HEIDER'schen Arbeiten sind
mit die besten dieser Art, welche zur Zeit in
Deutschland hergestellt werden. Möge ihr
Beispiel anregend wirken. In LlTTAl'ER's
hübschen Räumen war eine Ausstellung iion
Gläsern und keramischen Arbeiten uon GALl.t,
TiFFASY, Heider, Schmuz-Baudiss u. a. zu
sehen. Tiffany's Ziergläser wirken vor allem
durch ihre nicht wiederzugebenden Farben-
und Lichleffekte, welche von einer Vollendung
in der Technik der Glasherstellung zeugen,
hinler welcher unsere deutsche Fabrikation
leider weit zurückbleibt. Der Amerikaner hat
H. DE TOULOUSE-LAUTREC
Bolxtchnibertl
in der Verwendung und Verbindung ver-
schiedenfarbiger Glasflüsse eine Geschicklich-
keil und Sicherheit erreicht, welche ihm ge-
stalten, damit umzugehen, wie der Maler mit
Pinsel und Farbe. Darin — nicht in der
oft unproportionierten Form dieser Gläser —
beruht ihr grosser Werl. — cd —
PARIS — Die Reisezeil ist nicht vorüber-
gegangen, ohne dass die Eisenbahn-
uerwaltungen die Mitwelt zu recht,
fleissiger Benutzung der ihr zur Verfügung
gestellten Beförderung smitiel einluden. Und
da es sich um französische Verwaltungen
handelt, so haben sie den Einladungen selbsl-
versiändlich nicht die Form einer trockenen
Anzeige gegeben, sondern die der illustrierten
Affiche.
Zum Besuche der Normandie und Bretagne
rufen zwei Afflehen von PAUL
Berthon und von L. Ko-
walski. Beide ohne Interesse.
Auch die von Pal für die
West- und Brighton - Bahn
ermangelt besonderen künst-
lerischen Wertes. Die beste
Reiseanzeige hat in diesem
Jahre zweifellos die Staals-
bahn gegeben. Sie ist von
G. Meunier und soll die
Zahlungsfähigen auf die
Schönheilen des Seebades
Royan aufmerksam machen,
gehört aber nicht zu den
besten Mevniers. Zwei
junge, hübsche, elegante
Blondinen, denen die Aus-
sicht auf den Badeort zum
Hintergrunde dient, gehen am
Strande spazieren. Da gerade
von Af flehen gesprochen wird,
so sei auch die neueste von
PARIS — DRESDEN — HAAG
C. LACOMBE, Vertalllet
H. DE Toulouse- Lavtrec für den Pbolo-
graphen Sescau erwähnt. Sie zeigt (siehe
S. 92) den ganzen, ausserordentlichen Chic
dieses Künstlers, seine Leichtigkeit, die freilich
schon ein wenig die Nachlässigkeit streift.
Ein unter dem Tuche schwitzender Photograph
visiert eine dem Apparate den Rücken kehrende
roigekleidete Pariserin,
Alles in allem : die Glanzzeit der Pariser
Afßche ist vorüber, sie konnte der Notar der
Sache nach nicht lange dauern ; eine lediglich
auf Laune und guten Einfall gegründete
Malerei hat keinen Bestand. Lävtrec ist der
einzige noch, der interessiert, und selbst er wird
nie mehr Höhen wie den DlVAN Japonais etc.
erreichen. Sein Bestes steckt gegenwärtig in
den ausgezeichneten Lilbos, die Pellet in
kleiner Auflage herausgiebt. Das ist das wahre
Feld jener geistvollen Kunst, die sich vergeblich
bemühte, durch grosses Formal wirklich deko-
rative Grösse zu gewinnen. Ein reines Plakat
hat Frankreich noch nicht geschaffen, trotz-
dem es die Plakatkunst geboren hat. Es fehlt
eben auch hier der kunstgewerbliche Gesichts-
winkel, der bei der Affiche die dekorative Aus-
nalzang des Textes in erster Linie verlangt.
Belgien, England, Amerika sind die glück-
licheren Erben. Der intelligentere Teil der
Sammler beginnt sich daher auch immer mehr
diesen Ländern zuzuwenden. SL' ART NOU VE AU
hat für den bekannten Industriellen Menier
eine Anzahl Mietsvillen bei Trouville einfach
and hübsch eingerichtet. Wir bilden einige
kolorierte Holzschnitzereien von G. LACOMBE
in Versailles ab, die ein Gegenstück zu
Zyl darstellen, nur mit geringerer archi-
lekturaler Betonung. Es sind abstrakte Kunst-
werke — wenn sie auch zum Teil als die
Flächen eines Bettes Anwendung gefunden
haben — aber von so starker dekorativer
Wirkung, dass sie in unser Bereich fallen.
Die Note, die der Freund VAS GOGH's,
Ganguin, der sein Leben in Tahiti verbringt,
mit seinen Bildern, Schnitzereien und kerami-
schen Werken in die französische Moderne
HoliKhnilirrH
gebracht hat, wird von LACOMBE in origineller
Weise fortgeführt. unitn-Bouatri
DRESDEN — Im Kanstsalon der ERNST
AitNOLD'schen Hofkunsthandlung (A.
Gutbier) findet gegenwärtig die zweite
Ausstellung altjapanischer Holzschnitte und
altjapanischer Kleinkunst statt, die weil voll-
ständiger ist, als die 1895 veranstaltete Japan-
Ausstellung. Die ausgestellten Stücke sind mit
grössler Sorgfalt aasgewählt und charakteri-
sieren die Vorzüge einzelner Künstler und ihre
verschiedenen Techniken sehr deutlich. In
Bälde werden wir auf Einzelheiten dieser so
lehrreichen und in dekorativer Hinsicht be-
deutungsvollen Ausstellung zurückkommen, -m-
HAAG — Colenbrander, in dem man
den Erwecker der neuen dekorativen
Kunst Hollands erblicken kann, der
Schöpfer der wundervollen ersten, modernen
keramischen Arbeiten der Rozenbourger Fabrik,
die heute bereits zu den Seltenheiten gehören,
hat sich ganz auf die Teppichzeichnung ge-
worfen. Seine Zeichnungen werden in der
A mersfoort' sehen Tapijtfabriek (Direktoren :
Garjeanne und Mouton in Haag) in Amers-
foort bei Amsterdam ausgeführt, mit der der
Künstler bereits seit längerer Zeil in fester
Verbindung steht. PH. ZiLCKES schreibt für
uns eine Arbeit über das Gesamischaffen
Colenbrander' s, die wir mit Reproduktionen
des Mobiliars, der Keramik, der Teppiche
G. LACOUBE
HobichnIhtrtI
and allen anderen Zweigen, mit denen sich
die nie rahende Energie des grossen Dekora-
leurs beschäftigt hat, publizieren werden. —
TOOHOP scheint sich auch immer mehr ge-
werblichen Arbeiten zu nähern. Schon seine
Plakate and Bacheinbände uerraien deutlich
diese Tendenz, die ja auch in seiner Malerei
greifbar hervortritt. Jetzt arbeilet er an einem
reizenden Kasten, den er in kostbarem Material
auszufahren gedenkt. 9 Last not least: Thorn
PitiKKER. Wir behalten ans eine eigene Arbeit
über die fabelhafte Linienkunst dieses fein-
sinnigen Geistes vor, der eine ganz separate
Stellung in Holland einnimmt. -y-
NEUE BÜCHER.— Otto Eckmann,
Neue Formen, L Serie. Verlag Don
MAXSPIELMEVBR,Berlin.PreisM.12.~.
Schon im vorigen Hefte konnten wir dies
neue Werk ankündigen, das ans heute vor-
liegt, und dem wir die nebenstehenden cha-
rakteristischen Proben verdanken. Die obige Ab-
bildung gibt die Idee für die Dekoration einer
Vorhalle oder Einfahrt. Die in dem Werke
in verschiedenen Farben wiedergegebenen Vor-
hänge zeigen eine lichtgestimmte and eine
tiefere Art der Anwendung, und Eckmann
notiert dazu: 'Die starke Farbe wurde ge-
wählt, weil es viel schwieriger ist, in kräf-
tigen Tönen eine Harmonie zu erzielen, als
in matten and grau gehaltenen. Ausserdem
entspricht unserem deutschen Auge eine ge-
wisse massvolle Farbenfreudigkeit (siehe Mem-
ling, Dürer, Holbein etc.) mehr als die be-
liebte Graumalerei, welche wir von west-
lichen Völkern bezogen haben. Die Decke za
diesem Entwürfe würde eventuell aus einfachen
Kassetten bestehen können, mit roten and
gelben Linien angedeutet auf weissem resp.
gelbem Grande oder aas einem Rande von
Lilienmotioen.* In ornamentaler Hinsicht be-
sonders interessant ist die umstehende Rand-
leiste. Das Ornament ist aus dem Rhyth-
mus entstanden, welchen der zornige Schwan
in starker Bewegung macht und das Bei-
spiel ist lehrreich für die Art der Stilisierung
überhaupt. Denn nicht in der sklavischen
Nachahmung und Verwendung von Natur-
NEUE BÜCHER
formen, sondern in der eigentümlichen Art
ihrer Gestallung oder Auflösung liegt das,
was wir Stil zu nennen pflegen. Von dem
zornigen Schwane allein die rhythmische
Linie zu entlehnen und nicht den Schwan,
das ist das Problem für die ornamentale
Verwendung. In dieser Beziehung sind denn
auch jene Blätter Eckmann's am besten, welche
sich insofern am weitesten von der
Natur entfernen , als man über der
neuerstandenen Form das pflanzliche
oder tierische Vorbild vergisst.
Eckmann's »JVeue Formen* sind in
doppelter Beziehung beachtenswert: als
die bedeutende Leistung eines der ersten
deutschen Künstler, welche sich dem
Kunstgewerbe zugewendet haben and
als ein eigenartiges und ganz persön-
liches Vorlagewerk für moderne De-
koration, das nicht nur Vorbilder,
sondern namentlich Anregung bieten soll.
Es ist ein erfreuliches Zeichen, dass
auf diesem Gebiete die neue Bewegung
sich Bahn bricht, und wünschen wir
deshalb dem verdienstvollen Unter-
nehmen, dem der bekannte Verlag eine
vorzügliche Ausstattung gegebsn hat,
besten Erfolg.
H. Friling, Moderne Flachorna-
mente. Erste Serie, 2i Tafeln, BRUNO
Hessung. Berlin.
In diesem Vorlagewerk sind, wie der
Titel angiebt, Ideen für lextiles HJuster-
zeichnen und dekorative Malereien aller
Art, insonderheit Ornamente für Gewebe,
Druckstoffe, Stickereien, Tapeten, Decken-,
Wand- und Glasmalereien vereinigt und,
wie das von dem geübten Künstler nicht
anders zu erwarten ist, technisfji vor-
züglich ausgeführt. Das zeigen die hier
beigefügten Abbildungen. Schon der
Inhalt spricht von der reichen Er-
findungsgabe Frilings, und wenn auch
von den ca. 250 Mustern, welche das Werk •
enthält, so manche, insbesondere jene mit
Tierdarstellungen nicht vorbildlich genannt
werden können, so sind doch die Mehrzahl
der aus der Pflanze entwickelten Motive,
namentlich die einfacheren Formen, sehr ge-
schickt and geschmackvoll komponiert and
bieten Anregung in Hülle and Fälle. -<ff-
NEUE BÜCHER
a. FRILING Aui .«od. Flacharnamenlt.
FERD. LUTHMER, WERKBVCH DBS DEKORA-
TEURS, Union, Stalfgart, geb. M. 17.50.
Ein gutes Buch des Professors der Frank-
furter Kunsfgewerbeschule, diktiert von künst-
lerischem, fein beobachtenden Geiste, anziehend,
mit der vollen Kenntnis des Technikers
geschrieben, für den ausführenden Fach-
mann, wie den bedürftigen Laien. Die Dis-
position klar und übersichtlich, die Illustrierung
reichhaltig and vielseitig.
Die Stellung des Verfassers zu ansern
modernen Bestrebungen zeigt sich in knappen
charakteristischen Salzen, wie : Stil in höherem
Sinne ist der einheitliche, der Bestimmung
durchaus angepasste Grandgedanke, oder:
darin liegt der Wert einer jeden Hausein-
richtung, dass sie ein persönliches Gesicht
hat. Hübsch ist, wasLVTHMER über die Frau
sagt, in deren Gebiet die Fragen der Wohnungs-
einrichtung gehören: »Ausser dem Umstände,
dass die Lebensaufgabe der Frau, die den
grössten Teil ihrer Zeit im Hause verbringt,
sie darauf hinweist, ihre Umgebung so an-
genehm und schön za gestalten, wie ihre
Mittel nur irgend zulassen, ist mehr noch:
die Forderungen der Schönheit und Anmut,
welche sie an ihrer eigenen Person durch die
Sorge für ihre äussere Erscheinung, ihre Toilette
täglich zu erfüllen hat und die sie ganz be-
sonders dazu befähig^, in die durchaus uer-
luandten Aufgaben der häuslichen Dekorations-
kunst mit Leichtigkeit einzudringen. Die
praktischen Studien der Farbenlehre — am
nar eines anzuführen — welchen sie anaus-
geseizt bei der Wahl ihrer Toilette obliegt,
wird sie ohne weiteres bei der Einrichtung
ihrer Wohnung verwerten können. Und wenn
wir auch nicht so weit gehen wie unsere
Grossoäter und Väter, denen jede Beschäftigung
mit Fragen der Hausaiisstattang als weibisch
und des Mannes anwürdig galt, so werden doch
auch wir einen grossen Teil der Sorgen für
diese Dinge gern unseren Frauen überlassen —
so wie es unsere germanischen Stammes-
genossen in England and Amerika schon lange
thun — sehr zum Vorteil des künstlerischen
and eigenartigen Charakters, den dort, mehr wie
bei uns, auch das bescheidenste home trägt. t
Diese unzweifelhaft richtige Bemerkung er-
hält besonderes Interesse, wenn man den Satz
umkehrt and fragt: trägt die englische Kanst
nicht den Charakter dieser Einwirkung der
Fraa ? Sollte der süssliche, zarte, weiche Zag
der modernen Kunstrichtung in England, der
anbestreitbar etwas Weibliches an sich hat,
dort seinen Grund and Ursprung haben? Es
wäre immerhin eine erfreuliche Antwort, die
der Engländer da dem Franzosen auf sein
Sprichwort geben könnte: oä est la femmfif
Wir müssen uns beschränken, eine kurze
Übersicht über den Inhalt von LUTHMER's
Buch za geben: Der erste Abschnitt: *Die
Dekoration in der Haasausstattung * teilt sich
in die Kapitel über den Beruf des Dekorateurs
in Vergangenheit und Gegenwart, über die
theoretischen und praktischen Erfordernisse
and Kenninisse seines Gewerbes; über die Aus-
stattung der einzelnen Räume von der Durch-
fahrt angefangen bis zum Wintergarten. Der
zweite Abschnitt aber behandelt wohl zum
ersienmale die sogenannte Festdekoration. Der
Schmuck der Tafel wie die Triumphpforte,
das Dirigentenpult wie der Wohllhätigkeits-
bazfr werden unter einem künstlerischen und
feinsinnigen Gtsichtswinkel erörtert.
Das Buch — von der Verlagsgesellschaft
aaf das beste aasgestattet, verdient volle Em-
pfehlung. — 05 —
•Modrrne FlathorRamen
Vfrlagmntlttll F, liriictni:
Für die Htdaklioa otra
mn A.C. Mnndifn. Kau
angsam hat die Renais-
sance der dekorativen
Künste auch im Publi-
kum neue Begriffe ent-
stehen lassen. Früher
war der fortgeschrittene
Geschmacksmensch
Sammler, er suchte
sich Antiquitäten oder
Bilder, und sein Haus glich entweder einem
Trödlerladen oder der Filiale eines Museums,
Seitdem aber die Künstler darauf gefallen
sind, unsere Gebrauchsgegenstände zu ver-
schönern und den Schmuck unseres häus-
lichen Lebens zu erneuern, mit einem Wort
Kunst ausserhalb der Sphäre der Malerei
und Skulptur zu machen, hat der moderne
Geschmacksmensch neue Ziele, Er verachtet
nicht nur die galanten Scherze der Zeit
Louis XIIL oder die Gemälde Meissonnier's,
sondern findet auch sein bürgerliches Mobiliar
aus der Zeit LOUJS Philippe's erneuerungs-
bedürftig; er hält plötzlich seine Tapeten,
sein ganzes Heim bis auf sein Essservice in
falschem Ronen für höchst banal und ge-
schmacklos.
Und er denkt an einen Wechsel: er will
eine bequeme geräumige Wohnung, sein
Mobiliar von einem > modernen^ Tischler und
für Stoffe und Tapeten -»englischen Siih, wie
er ihn in den modernen englischen Läden
findet.
Sind ihm nun plötzlich die Augen für eine
neue, vernunftgemässe Schönheit aufgegangen ?
Mit nichten ! es ist einfach die Mode, weil in
den Ausstellungen die ornamentale Kunst eine
besondere Stellung einnimmt, weil es sehr guter
Ton ist, in diesen — Bazaren, die anfangen,
den grössten Läden Konkurrenz zu machen,
kleine Sächelchen, Einbände, Stoffe, Schmuck-
sachen, Dinge zu kaufen, die von Künstlern
höchst eigenhändig gefertigt sind.
Dieser Umschlag ist gar zu leicht ge-
kommen und scheint eher geeignet, uns zu
beunruhigen, als zu befriedigen, denn es fehlt
bisher an einem Beispiel in der Weltgeschichte,
dass die Menge jemals einer dauernd schönen
Sache so einstimmig zujubelte. Die eigent-
liche Ursache dieser Bewegung ist leicht zu
finden. Das Streben nach einer sozusagen
anonymen Schönheit, wie es die Kunst des
Gewerbes mit sich bringt, die von Rechts wegen -
einzig und allein nur nach Form, Verhältnis
und Stoff fragt, — denn nur dahin geht der
wesentliche Teil unserer neuen Bestrebungen
— dieses Streben genügte der Eitelkeit der
Künstler, die nicht das Zeug zum Handwerker
hatten, durchaus nicht, Sie wollten durchaus
nicht vergessen, dass sie Maler oder Bildhauer
waren ; wenn sie daher versuchten, eine Vase
oder einen Teppich zu machen, so wurde die
Vase zur Skulptur, der Teppich zum Gemälde.
Das Bewusstsein dieses Mangels an Gesetz-
mässigkeit, an sachlichem Verständnis, der
in das Gewerbe Faktoren einführt, die ihm
durchaus fremd bleiben müssten, Hess mich
im Frühjahr 1895 im RiVElL schreiben: rDie
Künstler folgen nicht dem reinen Drange
ihrer Kunst, sondern schmeicheln einem mo-
mentanen Geschmack des Publikums an allem,
was ^künstlerische ist, ein Geschmack, der
so wie er ist, vielleicht gefährlicher ist, als die
frühere Neigung zu schlechter Handelsware,
Das Publikum wird nie im stände sein, eine
Schönheit zu erfassen, die sich lediglich in
der Form, im Verhältnis und im Material
äussert, und die sogenannte ornamentale Kunst
besteht heute leider darin, die gewöhnlichen
Gebrauchsdinge in unnütze Kunstgegenstände
umzuwandeln. Eine Vase wird nie dadurch"
DEKORATIVE KUNST. HEFT 5.
97
MODERNE TEPPICHE
schöner, dass man einen weiblidien Akt, eine
Blame oder einen Frosdi darauf kkbt and
PALlsSY'a monsiröte Fabrikale oder unsere
Fayencen, die mit ihren Vögeln, Gemüsen and
Frachtstücken Sinnestäaschangen heroorzu-
rufen saciten, sind nichts weiter als Gescltmacka-
eerirrungen and jedes Begriffs von Schön-
heit bar.*
Gerade diese Irrtümer nahm das PuMikum
mit grösster Freude auf and begrüsste sie als
geniale Neuerung. Ein Krug, der durch sein
Gewicht jeden Gebrauch unmöglich machte,
gefiel darcli das ^Sujet*, ein flieget durch
den überladenen Rahmen, der das Glas ver-
hinderte, zu reflektieren ; ein Einband wurde
durch Email so beschwert, dass es un-
möglich wurde, ihn in ein Regal zu stellen,
und ein Stuhl galt nur dann für künstlerisch,
wenn er aus einer nackten Figur in glieder-
oerrenkender Stdliing bestand.
Zwei Prinzipien ergeben sich daraus, am
Gegenstände zu schaffen, die nicht el>ense
bässlich and anvottkommen sind:
1. Form, Mass, Sloff and Farbe müssen der
Bestimmung am denkbar besten entspreclien.
2. Der Schmuck darf dem Nutzen nicht
schaden.
Eine ebenso unerbittliche Verurteilung ver-
dient die heutzutage immer stärker auftretende
Tendenz, mit einem Material ein anderi-s nach-
zuahmen, die immer ein Zeichen des Verfalls
des Gewerbes bedeutet. Nicltts als die strikte
Konsequenz dieses Prinzips: die Natur des
Materials so wenig wie möglich zu verstecken,
würde genügen, am eine vollkommene Um-
wandlang der Kunstindustrie herbeha führen,
die sich heute noch auf entgegengesetztem
Wege befindet.
Man braucht nur die Schwelle eines Hauses —
und zwar eines besseren — zu überschreiten,
am sofort zu sehen, wie die Malerei im Flur
den Marmor und das Holz nachahmt, oder
gar Gobelins. Die Tapete sucht die ver-
schiedensten Gewebe wiederzugeben, Tuch,
Sammet, Leinen, Damast und zuweilen sogar
ebenso wie die Malerei: Stickerei, Keramik,
Mosaik oder Marmor. Wir sind nicht glücklicher,
wenn wir die Plafonds oder den Boden unter-
suchen ; denn die massenhaft verteilten Masken,
Fruchtstücke und Verzierungen aller Art suchen
Skalplar zu sein und sind nur vergänglicher
Putz. Das Linoleum wird verdorben, weil
es einen Teppich oder Steinparkeft imitiert;
als Wandbekleidung wird es geschwind zu
erhaben gearbeitetem, kordaanischem Leder.
Diese Beispiele, die man bis ins Unendliche
fortsetzen könnte, zeigen, dass die Lüge dem
Menschen tief im Blut sitzt, unzertrennlich
mit seinen Schöpfungen verbunden und bei
Dielen der einzige Zweck. Würde heute plötz-
lich ein neuer Stoff mit den wunderbarsten
Eigenschaften erfunden, er würde in den
Kreisen der Industriellen nur die eine Frage
hervorrufen: was kann man mit ihm am
Itesten nachahmen?
In dem enthusiastischen Bestreben, Neues
zu schaffen und den vorhandenen Massen-
produkten persönliche und rein künstlerische
Werke entgegenzustellen , setzten sich die
belgischen Künstler — /«7s aus Unerfahren-
Fl COLESBRAfiDER
AMEKSFOORridit TAPIJTFABRIEK. Hoag
MODERNE TEPPICHE
heit, teils von reuoluHonärem Geist getrieben —
in den denkbar stärksten Gegensatz zu der
Überlieferung, aber sie verletzten dabei jene
Tradition, deren Elemente unverletzlich sind.
Gerade in der Kunst der Teppiche wurde am
meisten gesündigt. Ich schrieb damals in
demselben Aufsatz bei der Besprechung der
Teppiche meines Landsmanns COPPENS: *er
hat Teppiche gemacht, die wie ein Gemälde
entworfen sind, sie haben ein Sujet, Schatten,
Halbtöne, Perspektive. Man kann sie daher
nur von einer Seite richtig sehen. So ein Teppich,
der also auf dem Boden nicht zu seinem
Rechte gelangt, kann auch nicht an die Wand
gehangen werden, da er noch weniger ein
Gemälde oder eine Stickerei ist. Ich bin in
einem früheren Versuch selbst einem der Fehler
verfallen und diese Einsicht gestattet mir wohl,
solche Irrtämei^ zu rügen. Ein Teppich ist,
abgesehen von seiner Gebrauchsbestimmung,
eine rein ornamentale Sache und darf infolge-
dessen nichts, was ihm den Charakter einer
Anekdote geben kann, also keine Darstellung
des Natürlichen, enthalten. Dagegen darf das
Motiv der Ornamentation von der Natur an-
qereqt sein, sich aus stilisierten Tier- oder
Pflanzenformen zusammensetzen, wie man in
dem ägyptischen Lotusornament die wesent-
lichen Teile des Lotus wiederfindet. Wenn
nun das gewählte Motiv, wie in einem
CopPENS* sehen Teppich, der Fisch ist, so
handelt es sich darum, eine Arabeske zu finden,
in der das in Frage stehende Tier nur den
Vorwurf für eine dekorative Umformung
liefert. Der Künstler verkennt sein Ziel, wenn
er wirkliche Fische darstellt, die im Wasser
zwischen Wasserblumen und Mondreflexen
herumschwimmen. Wenn man diesen falschen
Weg weiter verfolgte, würde man zu den
Bettvorlagen seligen Angedenkens mit den
wütenden Tigern oder gutmütigen Hunden
zurückkommen. Ich fürchte, man geht noch
weiter und wird uns, nachdem die Flora und
Zoologie geplündert ist, Familienporträts oder
Bildnisse berühmter Leute zu Füssen legen,
immer in dem Bestreben, »iVeues« zu finden.
Man vergisst, dass die Kunst sich nicht durch
die Vermehrung der Sujets erneut, sondern
durch die strenge Beobachtung ihrer ewigen
Gesetze.*
So schrieb ich 1895 und richtig erschien
im folgenden Jahre Chambon mit einem
» landschaftlichen <n Teppich und CoPPENS'
brachte einen Schwan in natürlicher Grösse
auf einem Weiher zwischen Lilien. Alles das
wurde noch durch die Erfindung des Teppichs
» Genre - Bilderrätseh überboten , die wir
keinem geringeren als FßLIClEN ROPS ver-
danken, Er stellte auf einem mit Ginster-
gebüsch bedeckten Ufer einen auf einer Schild-
kröte reitenden Schmetterling dar, der ein
Bouquet trug, wohl um sich zu einem ga-
lanten Abenteuer zu begeben.
Um gerecht zu sein, muss man zugeben,
dass nicht unsere Zeit allein solche Irrtümer
begeht; die Kunstgeschichte weist genug Bei-
spiele auf für ähnliche Sünden an dem Ge-
schmack und der Vernunft. Schon im IV. Jahr-
hundert beklagt der Bischof Amasius die Thor-
heit, »soviel Geld für die Werke einer Kunst
aufzuwenden, die mittels Gewebe die Malerei
nachahmt. Wenn Leute mit so gewebten
Stoffen bekleidet auf der Strasse erscheinen,
sehen die Leute sie an wie »wandelnde
Bildern und die Kinder zeigen mit Fingern
darauf. Man sieht auf diese Weise Löwen,
Panther, Bären, Felsen, Bäume, Jäger. Be-
sonders fromme Leute tragen auf dem Stoff
ihrer Kleidung sogar Christum, die Jünger und
die Darstellungen der Wunder. Man sieht die
Hochzeit von Kana und die Krüge mit dem
in Wein verwandelten Wasser, den Gelähmten,
der mit seinem Bette davongeht, die Sünderin
zu Füssen Christi oder den geheilten Lazarus.^
Wenn man diese Irrtümer gewähren Hesse,
so würde zwischen den Begriffen des eigent-
lichen »Teppichs<ii und des »Wandbehanges<f^
die ärgste Verwirrung entstehen. Ihre Ver-
schiedenheit ergiebt sich aus der Technik
und der Bestimmung. Der Wandbehang wird
durch Handarbeit ausgeführt, der Teppich
auf mechanischem Wege, der Wandbehang
hat die Wände zu schmücken, der Teppich
den Boden, und es springt in die Augen, dass
ein für vertikale Flächen berechneter Schmuck
nicht für horizontale verwandt werden kann.
In seinen interessanten Aufsätzen über die
»Esthitique des Arts Industrieis* berührte
Charles Buls, der jetzige Bürgermeister
Brüssels, unser Thema; t^Es ist besser*, sagt
er, *rein aus der Phantasie genommene Orna-
mente anzuwenden, als Bilder des mensch-
lichen Körpers oder von Tieren u. dgl., deren
genaue Formen wir kennen. Der Teppich
ist gewissermassen ein Mosaik aus Fäden, er
muss also dekorativ sein, breite Flächen dar-
stellen und darf nicht versuchen, Reliefs nach-
zuahmen, wie es die Malerei vermag.* Und
weiter: ^Die Dekoration der Gewebe ist den
allgemeinen Regeln des Ornaments unter-
worfen und die Schönheit des Ornaments ist
von der richtigen Verwendung seiner Haupt-
faktoren abhängig: Wiederholung, Wechsel,
Unterbrechung u. s. w: Auf die Art des Orna-
mentes hat die Bestimmung des Gewebes grösste
Wichtigkeit. Wenn das Gewebe als Teppich
100
FRANK BBANGWrS Aiu VART NOVVEAÜ. PofU
O. ECKMANN Gewtbt In Sthtrrtbtdl
MODERNE TEPPICHE
Karton i>. A. JORRAND, auig. d. O. CRONIER
verwandt wird, darf das Ornament nicht den
Fass zarückstossen dadurch, dass es Reliefs
darstellt. Das Gewebe an den Wänden darf
diese nicht zu durchbohren scheinen dadurch,
dass es tiefe Perspektiven darstellt, sondern
muss so dekoriert sein, dass den Wänden der
Charakter ihrer einheitlichen festen Fläche
gewahrt bleibt.* (Lea Tissas. Revue de Bei-
gique, juillel 1876.)
Und man kann zur weiteren Bekräftigung
noch den Namen Edgar Poii's anrufen, für
den der Teppich die Seele des Zimmers ist
und der in seiner »Philosophie de l'Ameuble-
Hohemollern-Kaii/haut H. HIRSCHWALD, BerUn
ment* als erstes Gesetz dafür aufstellt: *deut-
liche Hintergründe, scharfe, kreisförmige Zeich-
nung, ohne jede Bedeutung*. Er fügt hinzu:
»Die Geschmacklosigkeit der Verwendung von
Blumen oder anderen natürlichen Bildern
sollte innerhalb der Grenzen der christlichen
Welt verpönt sein. Ob es sich um Teppiche,
Vorhänge, Wandbekleidung oder um Stoffe
für Sessel handelt, jeder Gegenstand dieser
Art sollte nur mit Arabesken geschmückt sein.*
Ich will hier nicht im einzelnen vorführen,
was die neue Kunst im Teppichwesen in Eng-
land, Frankreich, Belgien, Deutschland und
G. LEUUEN
MODERNE TEPPICHE - DIE SCHMUCKKÜNSTLER BELGIENS
FRANK BHANGWVS
Fl LAUT NOUVEAV. PAIIIS
anderen Ländern hervorgebracht hat. Die
hier beigefügten Reproduktionen besorgen das
selbst und sind leicht auf Grund meiner Dar-
legungen zu beurteilen. Aber ich kann unter
ihnen wenigstens den Namen eines Künstlers
nicht mit Stillschweigen übergehen: des Hol-
länders COLENBRA^^DER , der, nachdem er
früher die beste Keramik der Fabrik von
ROZENBOURG gemacht hat, sich jetzt ganz der
Teppichkunsl widmet and mit demselben Er-
folg. Seine Teppiche (ausgeführt in der
AMERSFOOR-tschen Tapijlfabriek im Haag)
sind weder barock, noch gehören sie der
Malerei, und sie erinnern ebensowenig an die
unvergleichlichen Muster der Perser oder
Chinesen. Ihre Zeichnung ist lediglich aus
genialen, geometrischen Kombinationen ge-
bildet, von unendlicher Mannigfaltigkeit und
kann als Vorbild für das richtige Verständnis
für die Dekoration und die denkbar grösste
Annäherung an das gesteckte Ziel gelten.
Seine Farben fügen hierzu den Wert einer
gediegenen Prachlwirkang.
COLENBRANDBR scheint mir heute der per-
sönlichste Neuerer auf unserem Gebiet und
zwar ein Neuerer auf den engen Pfaden der
gesunden Tradition.
In neuester Zeil hat sich , ebenfalls im
Gebrauchsteppich , der Engländer Fra nk
Rrangwyn mit seinen Arbeilen für L'Abt
NOL'VEAü hervorgelhan. die koloristisch höchst
interessant sind und auch in der rein flach-
ornamentalen Ziichnang, die mir nur zu-
OEKORATIVE KUNST. HEFT .1, /
weilen noch ein wenig zu kompliziert erscheint,
den Erfordernissen des Gewerbes genügen.
DIE SCHMUCKKÜNSTLER
BELGIENS:
GEORGES LEMMEN
Der Besucher der letzten Brüsseler Kunst-
ausstellungen, der die ausserordentliche Thätig-
keit, die sich auf allen Zweigen der dekora-
tiven Kunst regt, konstatieren konnte, wird bei
dem Gedanken erstaunen, dass all dieses neue
Leben, all diese Werke, alle Anstrengungen,
um die gewerbliche Kunst wieder zu beteben,
noch nicht zehn Jahre zurückreichen. Wenn
man die Kataloge der Ausstellungen von den
letzten zehn Jahren darchblättert, findet man
immer wieder dasselbe Schema, eine Abteilung
für Malerei, eine für Skulptur, eine für die
graphischen Künste und eine für Architektur.
Aber nicht nur in den offiziellen Ausstellungen
fehlte der Platz für die Werke der angewandten
Kunst, selbst die Salons der Jungen, der-
selben Leute, die in der Malerei und Bild-
jDlE SCHMUCKKÜNSTLER BELGIENS
hauerei so reuolulionär wie nur möglich vor-
gingen, verrieten dieselbe Gleichgültig keil gegen
das der Vergessenheit äberlassene Gebiet Wohl
gab es in Brüssel eine Sociili des Arls decoratifs,
aber die war nichts als ein Ableger Pariser
Tapeziere. Man findet keinen Künstler von
Bedeutung in ihren Katalogen, und ihre Werke
verrieten nichts als die bcwussle schlechte Nach-
ahmung alter Formen gemäss den Wänichen
der Kunden, für die sie gemacht wurden.
Woher die plötzliche Veränderung i Woher
kommt es, dass sich jetzt in Belgien keine
Ausstellung Öffnet, die nicht den angewandten
Künsten besondere Abteilungen anweist? Woher
der plötzliche Umschwunii in den Werken der
gewerblichen Künste und im Publikum, das
ihnen die grösste Aufmerksamkeit zuwendet?
Woher diese neuen Bedürfnisse und dieser
neue Geschmack?
England, das nicht nur da, wo der Sinn
für das Milieu noch vorhanden war, er-
frischend gewirkt hat, sondern auch den
Ländern, wo jenes Gefühl für die Schönheit
des Milieus ganz erstorben war, neues Leben
gegeben hat, das England der BVENF. JONES
und Morris war auch bei uns der Be-
fruchter. Seine Eroberung wurde für uns
zur grössten Wohllhat ; der grosse Erfolg
seiner Werke hob nicht nur den Geschmack
im Publikum, sein grössler Erfolg lag bei
den Künstlern, denen es die Rückkehr zur
Anwendung der Kunst lehrte.
Natürlich balle auch bei uns der englische
Einfall seine schlimme Seile; wie bei jeder
Kunsl, die Mode geworden ist, so gab es auch
bei uns Leute in Menge, die sich nicht be-
gnügten, England zu studieren, sondern es
einfach nachmachten und so eine Menge un-
brauchbaren Materials zur Welt brachten.
Aber der englische Einfluss traf auch auf
tüchtige Künstler, ja er fand bei ihnen zu
allererst fruchtbaren Boden, sie waren die
ersten, die Englands Bedeutung anerkannten
und oft verkündeten. Aber weil sie begabt
waren, nahmen sie von dem Fremden nur
die Lehre an, die weit entfernt, ihnen zu
schaden, nur dazu diente, ihre Persönlichkeiten
zu entwickeln.
rr Unter ihnen befand sich der Künstler, von
dessen Werken ich heute berichten will.
Georges Lehmen debütierte, wenn ich
mich recht erinnere, im Salon Brüssels com
Jahre 188i, und sein erstes Bild war ein
Porträt. Es bleibt nur wenig Biographisches
über ihn zu berichten. Er beleiligle sich nach-
einander an zwei Brüsseler Malervereinigungen,
dem ESSOR und den XX und beschickte, nach-
dem sich die XX aufgelöst hatten, regelmässig
die Ausstellungen der LlBREESTHtTlQVE. Seine
DIE SCHMUCKKUNSTLER BELGIENS,
Inleriears heroor. Als in Brüssel
und im Ausland die ersten Aus-
stellungen der angewandten Künste
iKranstallet wurden, erschien er mit
seinen Teppichen, seinen Kissen und
Stickereien, seinen Kupferarbeiten,
Fayencen und Glasmosaiken, Buch-
umschlägen und Vorsatzpapieren.
Selbst in dieser Zeit, während er
ganz uon seinen gewerliiichen Ar-
beiten beansprucht schien, ver-
nachlässigte er nicht seine Porträf-
kunst und zuweilen geschah es,
dass er auf derselben Ausstellung,
in der seine Teppiche zu sehen
waren, in der Abteilung Malerei
mit Porträts vertreten war.
Diese künstlerische Doppelseele
ist nicht ohne Interesse, weil in den
Eigenheiten, die Leumen's Porträts
auszeichnen, dieselben Vorzüge zur
Geltung kommen, die den Werl
seiner gewerblichen Arbeiten aus-
machen.
Was verlangt ein Porträt, um
sich von einem anderen Gemälde
ersten Bildnisse zählen zu den besten der bei- zu unterscheiden •} — Grösste Gewissenhaftig-
gischen Schule: daneben trat er mit inter- keil, skrupulöse Genauigkeit, Sicherheil in
essanten Studien des Nackten und feinen der Zeichnung, oollkommene Beherrschung
G. LEMMEN
DIE SCHMUCKKÜNSTLER BELGIENS
A?IArT21S^fiN*D'£K
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rLES-J0ÜRS-DEjI0*6*
IVENUEDE LATOI SON- D' OR«
i£ ANSIART
der Farbenharmonie.
Lehmen hat alles das.
Er besilzljene Gewissen-
haftigkeit, die mit der-
selben Liebe das ein-
zelne behandelt, mit der
das ganze entworfen ist.
Was bei seinen dekora-
tiven Werken zuerst in
die Augen springt, ist
die bewundernswerte
Festigkeit seiner Zeich-
nung. Er gehört nicht
zu denen, die sich von
ihrem Bleistift ver-
führen lassen ; nichts
bleibt dem Zufall; er
weiss, was er will, vor-
her und erreicht es auf.
Anhieb. Damit ver-
bindet sich eine immer
scharf umrissene Origi-
nalität, die stets der-
selben Person gehört und
trotzdem sich nie in den
verschiedenen Gebieten
seines gewerblichen
. Schaffens wiederholt,
sondern sich jedesmal
ihren Gesetzen anpasst.
In den Motiven, die
er zum Schmuck per-
wendet, zeigt sich seine g. le.vmen
Stärke am deutlichsten;
es sind wirkliche, nicht nur dem Namen nach
Schmuckmotive. Zu oft begegnet man heut-
zutage gewerblichen Dingen, die direkt aus
der Malerei übertragen sind. Es sind keine Buch-
einbände, Muster für Tapeten und Stoffe u. s. w.,
als die sie verzeichnet stehen, sondern Bilder,
die sich hinter gewerblichen Namen verstecken.
Anders bei Lemmen. Er versteht jenen ent-
scheidenden Gegensatz zwischen der Zeichnung
des Bildes und der der reinen Dekoration,
die vollkommene Verschiedenheit der Stil-
begriffe, die das Wesen dieses Gegensatzes aus-
macben. Zur Fläche gehört das Ornament,
keine modifizierte Blume, keine auf irgend
etwas Körperhaftes schiiessende Darstellung,
sondern eine Linie, die aus der Fläche nichts
anderes machen will, als sie ist und immer
nur sein kann: Ebene.
Lemmen ist in erster Linie Teppichkünstler;
gerade beim Teppich springt die Notwendig-
keit dieser klaren Vorstellung von der Be-
deutung des Ornamentesin die Augen. LEMMEN
setzt das selbst eingehend in seinem Aufsatz
über Teppiche in diesem Heft auseinander.
Diese vorwiegende
Befähigung für sein
Spezialgebiet verrät sich
bei Lemmen auch da,
wo er in anderen Ge-
bieten auftritt; in seinen
Plakaten, unter denen
das für die Dekora-
tive Kunst das letzte
ist — dem Princip
entsprechend eine rein
ornamentale Verwer-
tung der Schrift — in
seinen Vorsatzpapieren
und Buchumschlägen,
vielleicht selbst sogar
in seinen Melallarbeiten :
es sind immer mög-
lichst breitflächige Mo-
tive, wie sie am besten
zu Teppichmustern ver-
wandt werden.
Das schmälert durch-
aus nicht den Werl
dieser Arbeiten , im
Gegenteil, es giebt ihnen
stets eine eigenartige
Nuance.
i Was mir an Lem-
I MEN's gewerblichen Ar-
beiten nicht am schlech-
testen gefällt, ist das
Plakat freiwillig Konventionelle
DIE SCHMUCKKÜNSTLER BELGIENS
an Urnen. Ihre Originalität springt nie in
die Augen, aber erobert sich um so sicherer
den Liebhaber; sie stellt immer im Bann
einer gewissen Konoenienz, die mit jedem
wirklich dekorativen Werk notwendigerweise
nerbunden ersclieint. Wer dekorative Werke
zu unmittelbaren Niederschlägen seiner Natur-
eindriicke machen will, begreift nicht, worin
das Wesen des Dekorativen besteht, dass die
\atttr stets das Leben will, während die
Kunst des Schmuckes stets die Bewegung
des Lebens zu vermeiden sucht.
Ich hoffe, genug gesagt zu haben, um das
Eigene in Lemmen's Werken zu bestimmen.
Die Abbildungen der von ihm gefertigten
Gegenstände und die Ornamente auf Seile 106
werden das übrige tliun, und hoffentlich
erblickt dann der Leser mit mir in Lem-
MEX einen der begabtesten und tächtigsien
Kampfer für unsere neue Kunst.
O. n. DESTR^K
KÜNSTLERISCHE VORSATZ-
PAPIERE
Nur das ordentlich gebundene Buch ver-
dient eigentlich Bach zu heissen. Der wirk-
liche Bücherfreund erkennt die anderen über-
haupt nicht an.
Johannes Trojan hat in seiner einfachen
und geraden Weise sehr hübsch darüber ge-
schrieben (in seinem Vers- und Prosabuch
> Für gewöhnliche Leutet — Verlag von Frevsd
& Jeckel, Berlin) : *Es ist natürlich, dass, wer
überhaupt Bücher liebt, auch auf ihr Äusseres
Wert legt. Uneingebundene Bücher sind für
jeden derartigen Mensehen ein Greuel. Sie
stehen zwischen den ordentlich angezogenen
umher wie Männer in Hemdsärmeln. Noch
mehr Verdruss aber als die broschierten be-
reiten die sogenannten kartonierten Bücher,
welche den Ansprach erheben, ordentlich ge-
kleidet zu sein und es doch nicht sind, sondern
den Eindruck imn I-^aten machen, die mit
, £. H. WEISS, Karbrahe
KÜNSTLERISCHE VORSATZPAPIERE
Papiertväscbe und in karrierlem baumwollenem
Sommeranzug in eine ansländig gekleidete Ge-
sellschafl hineingeraten sind. Aber von allem
das Greulichste sind die Bücher in den mo-
dernen, fabrikmässig hergestellten Katlun-Ein-
bänden, welche nach etwas aussehen, aber
möglichst wenig kosten sollen. Dabei kommt
alles zu Tage, was Geschmacklosigkeit in Ver-
bindung mit Armseligkeit leisten kann.'
Zum ordentlich gebundenen Buche gehört
aber nicht bloss saubere und dauerhafte Aus-
führung des Einbandes und ein geschmack-
voll überzogener oder sonstwie geschmückter
Deckel aas entsprechendem Stoffe, sondern
auch ein schönes Vorsatzpapier, wenn der
Vorsalz nicht gar mit Seide oder
Leder zu beziehen ist, wie es bei
ganz prächtigen und vornehm aus-
staffierten Büchern geschieht.
Den Vorsalz eines Buches kann
man als das Verbindungsglied
zwischen dem Buchblock und dem
Buchckckel bezeichnen. Der weisse
Vorsatz ist einfach ein Bogen Pa-
pier, den der Bachbinder vor den
Titel und hinter den Schlassbogen
des Buches klebt. Von ihm ist nichts
weiter zu verlangen . als dass er
genau von der Farbe des Text-
papieres sei. Ursprünglich Hess man
sich wohlan diesem weissen Vorsatz
genügen , bald aber fühlte man,
dass zwischen Deckel und Buch-
block eine Überleitung statthaben
müsse, bleich nach einem gepresslen
dunklen Lederdeckel mochte man
nicht gerne auf leeres helles Papier
slossen. So kam man darauf, auch
den inneren Deckel zu schmücken, a. i.e.
und, indem man dies Ihat, ergab sich sofort die
\olwendigkeit des entsprechenden Schmuckes
für die Seite des Vorsatzes, die sich andeninneren
Deckel anschliesst. Das Ganze aber, die Be-
kleidung des inneren Deckels und der ihm
folgenden Vorsatzseite, ist nun der bunte Vor-
satz, den man noch als Spiegel und fliegendes
Blatt gesondert bezeichnet, indem unter Spiegel
die Bekleidung auf der Deckelseite verstanden
wird, unter dem fliegenden Blatt aber die der
eigentliclien Vorsatzseite.
A US dem V/esen des bunten Vorsatzes als einer
Oberleitung vom Buchdeckel zum Buchblock
ergeben sich die Grundforderungen, die man
an die Art seines Schmuckes zu stellen hat.
Es ist klar, dass der Schmuck des Vorsatzes
in einem gewissen Verhältnis zu dem des
Deckels stehen muss. Ist dieser reich, bunt,
von einem ausgeprägten Stile, so muss auch
der bunte Vorsatz entsprechend sein; auf einen
etwa mit Ledermosaik vielfarbig ausgelegten
Deckel von orientalischem Geschmacke kann
unmöglich ein graues Vorsatzmuster in goti-
sierender Linienführung folgen. Indessen darf
der bunte Vorsatz doch auch nicht mit dem
Deckel rivalisieren wollen. Er soll den Cha-
rakter, den Stil mit ihm gemeinsam haben,
aber es muss ein Gradunterschied zwischen
beiden bestehen ; der Vorsatz muss diskret
etwas zurücktreten.
Dies sind die allgemeinen Grundforderungen,
die natürlich ebensowohl dann gelten, wenn
ein bestimmter Künstler den Gesamtschmuck
eines bestimmten Buches übernimmt, wie dann.
DEKORATIVE KUNST. HEFT 3.
KÜNSTLERISCHE VORSATZPAPIERE
ivenn der Buchbinder aus der Menge des vor-
liegenden, nicht für einen bestimmten Fall
hergestellten Materials seine Auswahl für die
Ausslallung irgend eines Buches trifft.
Für den Künstler, der sich mit der Auf-
gabe beschäftigt, ein bestimmtes Buch in
seiner Gesamtheit schmückend auszustatten, er-
geben sich noch folgende weitere Fragen. Zu-
erst die Technik. Radierung und Stich wird
ohne weiteres entfallen, nicht allein, weil der
Kupferdruck für diesen Zweck zu kostspielig
ist, sondern vornehmlich deshalb, weil der
dekorative Zweck hier mit den Mitteln der
der Vorsalz nicht zum Textteile des Buches
selber gehört, sondern ein Gebiet für sich ist,
auf dem alle anderen Techniken dem Holz-
schnitte ebenbürtig sind. Gerade auch die
Lithographie mit ihren uerschwimmenden
Tönen wird hier häufig besonders glückliche
Anwendung finden, sie, die dem Eindrucke
jener mit Vorliebe und mit Recht gerne zu
Vorsatzzwecken verwandten Marmorier- und
Kammpapiere am nächsten kommt. Natürlich
bleiben auch für die Wahl der Technik die
bereits festgestellten Grundforderungen der
Ästhetik des Vorsatzpapieres bestehen.
Eine weitere Frage für den Künstler, der
ein bestimmtes Buch zu schmücken hat, ist
die, ob er auf den Inhalt des Buches Rück-
sicht nehmen soll oder nicht. So gestellt, ist
die Frage eigentlich müssig, denn es versteht
anderen graphischen Künste und Bunlpapier-
lechniken leichler und schöner zu erreichen
ist. Dass Reliefdrucktechniken und Prägungen
gleichfalls nicht in Betracht kommen, ver-
steht sich von selbst, denn diese Techniken
sind im Inneren eines Buches immer unan-
gebracht. Es bleiben also in der Hauptsache
der Holzschnitt, die Steinzeichnung und jene
spezifischen Buntpapiertechniken übrig , mit
denen die marmorierten und Kammpapiere
hergestellt werden. Von den mechanischen
Reproduktionsarien kann nur der Behelf für
den Holzschnitt : die Strichätzung in Betracht
kommen, denn die Autotypie mit ihrem Netz-
hintergrund verbietet sich wegen ihrer Stil-
widrigkeit von selbst, ganz abgesehen davon,
dass sie unter allen Umständen ein glattes
Papier verlangt. Im übrigen besteht kein
Grund, irgendwelche Technik als schlechthin
ungeeignet zu bezeichnen. Man möchte viel-
leicht anfangs geneigt sein, dem Holzschnitt
vor allen anderen den Vorzug zu geben, in-
dem man von der zweifellos richtigen An-
schauung ausgeht, dass der Konlnrenholz-
schnitt, als von welchem hier natürlich immer
nur die Rede ist, wegen seiner Stilverwandt-
schaft mit dem Schnitte der Buchdruckertypen
die eigentliche Buchschmucktechnik ist und
bleibt, — indessen man vergisst dabei, dass
sich ohne weiteres von selbst, dass Inhalt und
Schmuck im Einklänge stehen müssen. Fasst
man die Frage aber in der Richtung, inwie-
weit sich der Künstler dem Inhalte anzu-
schmiegen habe, so ergeben sich Gesichtspunkte
von wesentlicher Bedeutung für dieses ganze
Gebiet überhaupt.
Nichts liegt näher {weil nichts einfacher ist),
als dass der Künstler versucht, mit seinem
Schmucke auch ausserhalb des Textes den In-
halt zu illustrieren. Aber wie wir es heule
schon nicht mehr gerne sehen, wenn im Te.vt
selber jene üblichen Illustrationen stehen, die
dem Leser die Freiheit der eigenen Vorstellung
nehmen und sich doch nur in den aller-
sellensten Fällen mit den Vorstellungen so des
Verfassers wie des Lesers decken, so wollen
wir auch und erst recht keine Iltustralionen
ausserhalb des Te.vtes. Und in diesem Falle nicht
jr^t
KÜNSTLERISCHE VORSATZPAPIERE
bloss aus den eben angedeuteten Gründen, son-
dern aus einem sehr berechtigten Stilgefühl, das
auch hier Zweckmässig keitsge fühl ist. Deko-
ration soll nicht illustrieren, der Aussenschmuck
soll den Inhalt nicht vorwegnehmen; er soll
höchstens andeuten, hinleiten, vorbereiten.
Daraus ergiebl sich in erster Linie der Grund-
satz, dass alles illustrativ Figürliche möglichst
zu vermeiden ist, und dass das rein Ornamen-
tale, die ausdrucksvolle Schmucklinie oder
die stimmungentsprechende Farbe, beides viel-
leicht vereint, das günstigste Mittel ist, ästhe-
tischen Reiz mit Stimmungsvorbereitung zu
verbinden. Das Vorsatzpapier ist gewisser-
massen die Tapete des Buches, wie der Deckel
seine Fagadendekoration ist. Wie es aber ge-
schmacklos wäre, wenn eine Tapete etwa das
Porträt des Zimmerinhabers zum Motiv hätte
oder seine Lebensgeschichte erzählte, so ist es
stilwidrig und geschmacklos, wenn der Vor-
satzschmuck den Inhalt des Baches deutlich
illustriert. Im günstigsten Falle hört es dann
direkt auf, Vorsatz zu sein und wird ein
Illastrationsblatt , das sinnloserweise einmal
vor and einmal hinter dem Text sieht In
den allermeisten Fällen aber wird es ein un-
erquickliches Zwitterding sein. Man kann
sagen : völlige Neutralität, die, ohne jeden auch
nur andeutungsweisen Bezug auf den Inhalt,
sich darauf beschränkt, bezuglos zu schmücken,
ist immer noch sehr viel besser, als plumpe
Illuslrationstendenz. Auch vor der billigen
Verwertung von Emblemen aas dem Bereiche
des Inhalts wird sich ein Künstler von Ge-
schmack hüten, und, wenn er es nicht thut,
wie z. B. Walter Crane in der Vorsatz-
zeichnung zu seinen Pan-Pipes, wird er von
dem Vorwurf nicht frei bleiben, dass er es
G. LEHMEN
KÜNSTLERISCHE VORSATZPAPIERE
/
iAi>»^;«tf-
* ■ <ji» * y
VAN DE VELDE
sich leichter gemacht hat, als
es seiner würdig ist. Hat der
Kunstler Geist genug, dass er es
wagen kann, im rein Dekorativen
gleichzeitig einen Wesensabschein
des Buchinhaltes zu geben, so wird
er, eben als Kunstler von Geist, alle
billigen und plumpen Mittel, die
als Anleihen aus der Requisiten-
kammer des Textes wirken können,
verschmähen und den inneren Ein-
klang mit dem Inhalte durch Mittel
erreichen, die lediglich seiner
Kunst angehören.
In den allermeisten Fällen wird
der Künstler, der sich auch mit
diesem Gebiete des Buchschmuckes
beschäftigt, gar nicht in die Ver-
suchung kommen, illustrieren zu
wollen, denn es wird meistens so
sein, dass er nicht das Vorsatz-
blatt für ein bestimmtes Buch,
sondern Vorsatzpapiere überhaupt
macht, die dann zur beliebigen Ver-
wendung durch den Buchbinder
in den Handel gebracht werden.
Leider beschäftigen sich jetzt nur
noch sehr wenige Künstler mil
Arbeiten dieser Art, und ganz be-
sonders wenige in Deutschland.
Die Folge davon ist, dass den
Buchbindern nur jene fabrikmässig her-
gestellte Marktware zur Verfügung steht,
die mit ganz wenigen Ausnahmen jedes
wirklich ästhetischen Reizes entbehrt, weil
sie kein künstlerisches Gepräge hat. Selbst die
heutigen Kammpapiere stehen nicht mehr auf
der Höhe des Geschmackes wie die aus früheren
Zeiten, doch muss man ihnen immer noch den
Vorzug vor den zeichnerisch gemusterten geben,
die, abgesehen von der Trivialität und Klein-
lichkeit in ihren Linien, auch farbig von einer
vollkommenen Nüchternheit oder Geschmack-
losigkeit zu sein pflegen. Hier ist also wieder
ein Gebiet, das geradezu auf die Künstler wartet.
Die Fabrikanten von Buntpapieren werden
zweifellos gern nach dem offensichtlich besseren
greifen, wenn es ihnen nur angeboten wird
und in jenem Sinne ästhetisch ist, der die
Zweckmässigkeit als Grundbedingung achtet.
Aber nicht bloss die Buntpapierfabrikanten
werden es den Künstlern Dank wissen, die sich
auf dieses Gebiet wagen, sondern es werden
sich bald auch die unter den Bücherfreunden
als Auftraggeber einfinden, die ihren Büchern
gerne eine persönliche, einheitliche Ausstattung
geben und ihnen nicht bloss durch ihr Ex
libris ein Eigentumszeichen verleihen wollen.
CHARLES RICKETTS, London
116
KÜNSTLERISCHE VORSATZPAPIERE
Zusammengehen der Wünsche des Auf- werden,
traggebers mildem Geschmacke und den Fähig- Dieser Punkt ist in erster Linie massr
keilen des Künstlers ergeben. Hier kann z. B. gebend für die Arbeit zu Fabrikationszwecken,
auch eine Vereinigung des Vorsatzschmuckes Das Ornamentale wird hier völlig zur Be-
mit dem Ex libris statiftnden, und hier nähert dingung, es sei denn, dass der Künstler von
sich die Au fgabe des Kunstlers überhaupt wieder vornherein nur eine bestimmte Art von Büchern
der vorhin betrachteten, wo ein bestimmtes Buch im Auge halle, z.B. Kinderbilderbücher, wo
in Frage stand. Denn natürlich würde ein entsprechend Figürliches wohl angebracht sein
verständiger Bibliophile dem Künstler, der ihm könnte; aber derlei wird eine seltene Aus-
die Vorsalzpapiere macht, auch den Deckel- nähme sein. Im allgemeinen bleibt die rein
schmuck der Bücher seiner Bibliothek an- dekorative Linie, das Muster in einer oder
vertrauen, und es entfiele nur völlig die Rück- mehreren Farben, das empfehlenswerteste. Im
KÜNSTLERISCHE VORSATZPAPIERE
eines Vorsalzblatles genau an das Buchformat,
ob Quart, Oktav u. s. f., dächte, auf das es
zugeschnitten werden darf. Auf die gedrückte
Winzigkeit der heute üblichen Master wird
ein wirklicher Künstler dabei auch beim Hin-
blick auf die kleinsten Formate nicht ver-
fallen.
Mit der Frage des Formales hängt die der
Berandung zusammen. Im allgemeinen werden
auslaufende Muster vorzuziehen sein, die zu
grossen Blättern zusammengefügt werden
können und die nicht an Wirkung verlieren,
wenn sie beschnitten werden. Blätter mit
strenger Umrandung wird man in der Haupt-
sache nur im Hinblick auf ein bestimmtes
Bach herstellen.
Für die Farbe der Vorsatzblätter, die nicht
im Anschluss an einen bestimmten Bachdeckel
gemacht werden, mass der Grundsatz gelten,
dass sie eher diskret, als zu lebhaft sein darf.
Denn man muss im Auge behalten , dass
unsere Bucheinbände in der Mehrzahl dunkel
sind, und von diesen dunklen Einbänden
LVaEfi PISSARRO
einzelnen entscheidet des weiteren alles der
känstterische Geschmack. Dass dieser dann
willkommener sein wird, wenn er dem Wunsche
der Zeit nach eigenem Ausdrucke entspricht,
als wenn er überkommene Formen ohne Selbst-
ständigkeit wiederholt, braucht nicht betont
zu werden.
Aas dem Zweckwesen des Vorsatzpapieres er-
geben sich nun noch folgende Punkte: Zuerst ist
das Format und damit die Grösse der Linien-
fährung zu bedenken. Es wird sich empfehlen,
hierin einige Beschränkung walten zu lassen
und das Durchschnittsformat unserer Bücher
im Auge zu behalten. Ein Vorsatzpapier ist
keine Zimmertapete, und nicht alle Bücher
haben Lexikon formal. Dagegen wird auch
von vortrefflichen Künstlern, wie sich später
bei der Betrachtung der hier wiedergegebenen
Muster zeigen wird, zuweilen Verstössen. Eine
allzu grosszügige Linienführung wird, auf
kleinere Formate zugeschnitten, immer ver-
hättnislos wirken. Es geht das verloren, was
ein gutes Vorsatzmuster mit in erster Linie
haben muss : eine in sich geschlossene Flächen-
wirkung. Auch die Zeichnung eines Vorsatz-
papieres, mag dieses auch ohne Rücksicht auf
den Abschluss der Linien beschnitten werden,
muss gut im Baume stehen. Das richtige
wäre, wenn der Künstler bei jeder Zeichnung
t. WEISS. Karlsruhe
KÜNSTLERISCHE VORSATZPAPIERE
K. K. WEISS. Karhrulir
rrüBAYSE. 1.1»
KÜNSTLERISCHE VORSATZPAPIERE
soll ja der Vorsatz auf das belle Papier des
Textes äberleifen. Indessen will das nicht be-
sagen, dass die farbige Ausdrackslosigkeit der
unkänstlerischen Vorsatzpapiere das richtige
träfe. Ein künstlerisches Vorsatzblatt wird auf
eine Flächenwirkiing ausgehen, an der Farbe
und Linie gleichmässig beteiligt sind. Dabei ist
aber zu bedenken, dass diese Flächenurirkung
nicht wie bei der Tapete einen verhältnis-
mässig entfernten Standpunkt des Beschauers
zur Voraussetzung hat, sondern dass sie
hei Betrachtung aus nächster Nähe eintreten
soll. Alles Unruhige, Fleckige wirkt hier
doppelt fatal.
Es ivurde eben darauf hingewiesen, dass
die Rücksicht auf die meist dunklen Einbände
unserer Bücher dazu zwingt, allzu lebhafte
Farben zu vermeiden. Dieser Zwang wird
wohl noch eine Weile fortbestehen, indessen
darf gehofft werden, dass, wenn in den Vor-
satzschmuck doch mehr und mehr die Lust
des künstlerischen Sinnes an lebhafter Farbig-
keit eindringt, auf diesem Wege auch der
Buchdeckelschmuck farbig beeinflusst werden
wird. Der Schmuck des Buchdeckels und des
Bachuorsatzes bedingen einander, aber dabei
muss der Deckel nicht immer der ausschlag-
gebende Teil sein. Es ist auch das umgekehrte
Verhältnis denkbar, und beider Thatsache, dass
sich bei uns immerhin noch mehr Künstler mit
dem Vorsatzschmack beschäftigen als mit der
Deckelaasstattang, ist es sogar wahrscheinlich,
dass das künstlerische Gepräge der Vorsatz-
papiere den Geschmack der Deckeldekoration
beeinflussen wird. Die Frage des Buchdeckel-
schmuckes soll in späteren Heften ein-
gehender behandelt werden; in diesem Zu-
sammenhange gebührt nur dem Umstände
Erwähnung, dass in manchen Fällen dasselbe
Muster, das für den Vorsatz verwendet wird,
auch den Schmuck des Deckels ausmacht,
hier nur noch durch eine besondere Fücken-
dekoration gehoben. Diese Kombination findet
man zuweilen bei modernen englischen Papp-
bänden, wo es aber auch vorkommt, dass ein
t/orsalzartiges Muster den Deckel schmückt,
während der Vorsatz selber weiss bleibt.
Ein Hinweis darauf, dass der auf diesem
Gebiete ihätige Künstler gut thut, auch den
Stoff nicht ausser acht zu lassen, auf dem,
und die Farbart, mit der sein Muster gedruckt
werden soll, ist zuguterletzt deshalb nicht un-
nötig, weil die Künstler meist an kostbareres
Material zu denken pflegen als die von Satur
praktischeren Fabrikanten.
Nach diesen Betrachtungen allgemeiner Natur
mögen einige Bemerkungen zu den hier enl- kongstad r.\s.uvsse
DIJSSELHOF, Amsterdam
DEKORATIVE KUNST. HEFT 3.
Vorsatzpapier
ni
KÜNSTLERISCHE VORSATZPAPIERE
weder im Original oder in verkleinerien ein-
farbigen Abbildungen wiedergegebenen Vor-
salzmaslern am Platze sein.
Die schönen japanischen Musler (s. Beilage),
die wir dem Inhaber der WAGNER'schen Kunsl-
handlang in Berlin, Herrn Hermann PÄCHTER
verdanken, sind ursprünglich nichl als Vor-
satzpapiere gedacht, können aber sehr wohl
zu Vorsatzzwecken benutzt werden. Herr
Pächter hat sie in einem japanischen Musler-
buche für Stoffdruck entdeckt und in Japan
neu für sich scitneiden und auf Papier drucken
lassen. Einige unter ihnen, so die auf grau-
blauem Grunde liegenden blauen, grünen, vio-
letten und rosafarbenen Chrgsanlhemen und
auch die weissen Margeriten mit grünen
Blättern auf schwarzem Grunde (es war nichl
möglich, jedem Hefte alle Muster beizukleben.
DE BAZEL, Aaalerdam
da das freundlichst zur Verfügung geslelltu
Material nicht für die Auf läge der *D. K.t aus-
reichte; von den zehn verschiedenen Mustern
konnte jedes einzelne Heft nur vier erhallen)
sind nur für Bücher grösseren Formales, leb-
haften Deckelschmuck vorausgesetzt, verwend-
bar. Von den übrigen verdient das mit den
weissen Wasservögeln auf rosa Grund be-
sondere Erwähnung. Hier ist Figürliches mit
erlesenstem künstlerischem Geschmack flächig
so verteilt, dass das Ganze trotz der reiz-
vollsten Mannigfaltigkeit feiner Details in Linie
und Farbe entzückend zusammengeht. Unsere
Ausschnitte geben nur ein Sechzehnte! des kösl-
lichen Blattes, auf dem sich nicht ein einziges
Detail wiederholt. Dieses Blatt wirkt, wie der
Verfasser ausprobiert hat, als Vorsatz vor-
züglich. Ebenso das amüsante Muster mit
den schwarzen Fröschen auf
dem blauen, bunt mit Blät-
tern überstreuten Wasser.
Es ist schlechthin muster-
haft, wie hier aus vielen
Farben ein einheitlicher Ton
gewonnen ist. Das charak-
teristische der japanischen
Kunst, die Verbindung von
feinster Naiurbeobachtung
mit der Fähigkeit, dekorativ
anzuordnen und slilistisch
zuzuspitzen, zeigt sich auch
in diesen schönen Blättern,
aus denen wohl einiges ge-
lernt werden kann.
Die eigentlichen japani-
schen Vorsatzpapiere sind
für uns kaum verwendbar,
da sie auf ganz andere For-
mate berechnet sind und
auch sonst unserem Ge-
schmacke für diesen Zweck
nicht entsprechen. Es sind
meist Golddrucke und als
solche moderne Surrogate
für die alten Goldpuder-
papiere, wie sie, ausser zu
Vorsatzzwecken hauptsäch-
lich zum Bekleben der
Schiebethüren verwandt
wurden.
Die Vorsatzpapiere von
Lehmen bewähren die
bekannten Vorzüge dieses
Meisters der ausdrucksvoll
dekorativen Linie. Ihre
Muster sind auf Anein-
anderfügung zu grossen
Blättern berechnet, die in
Allditnbche Yonalipapitn
KÜNSTLERISCHE VORSATZPAPIERE
später in einem Hefte oeröffenllicht werden,
das aasschliesslich seinem reichen Schaffen
gewidmet sein soll.
Während diese belgischen Biälter dadurch
erhöhten praktischen Wert haben, dass sie
in grossen Bogen vorliegen, in denen sich
das Grundmusler fortlaufend wiederholt, so
dass sie nach dem jeweiligen Bedürfnis auf
entsprechende Formate zugeschnitten werden
können, stellen die beiden holländischen Blätter
in sich abgeschlossene Muster dar, die^nur als
Einzelblätter in dem Formate, wie sie imr-
liegen, benutzt werden müssen. Das eine von
ihnen, im Originale von Dijsselhof in
Amsterdam in Holz geschnitten (Seite ISl),
ist übrigens für ein bestimmtes Buch (»Kunst
en Samenlevingt) hergestellt. Bemerkenswert
an diesem schönen Blatte ist, dass sich der
Schmuck des Spiegels and der des fliegenden
Blattes symmetrisch genau entsprechen. Der
Zwischenraum zwischen beiden kommt in den
Falz. Für gewöhnlich und zumal bei Blättern,
die nicht für ein bestimmtes Buch gemacht
werden, wird man auf diese genaue Sym-
metrie zwischen Spiegel und fliegendem Blatte
nicht Bedacht zu nehmen haben. Für die
Fälle aber, wo es geschieht, kann dieses
Dijsselhof' sehe Blatt als musterhaft gelten.
AltdänlKha VonabpapUr
der Farbe durchweg sehr zurückhaltend sind.
Immer nur zwei verwandle Töne, die nie grell
von einander abstechen. So wird die scharfe
Linienführung im Interesse des Gesamttones
durch die Farbe gemildert. Dadurch wird auch
das beträchtlich grosse Format in der Zeichnung
einiger dieser Blätter gewissermassen verdeckt,
und nicht ohne Absicht hat Lemmen gerade
das grösste Muster einmal ganz blass gedruckt.
Immerhin werden die grossmustrigen Blätter
nur bei Bächern ausgedehnteren Formates zur
vollen Geltung kommen.
VAN DE Velde's Muster (Seite 116) ist von
verwandter Art. Man kann ja überhaupt
bereits von einem modernen belgischen Orna-
mentalstil reden. Doch zeigt auch hier VAN
DE Velde weicheren Duktus. Das Muster
liegt in zwei Drucken vor, einmal Gold auf
weiss, und einmal ganz zart gelbgrau auf
weiss. Die übrigen Vorsatzblätter dieses auf
allen Gebieten der dekorativen Kunst thätigen
Künstlers von vorbildlicher Bedeutung werden
ANKER KYSTER, Koptahag
KÜNSTLERISCHE VORSATZPAPIERE
^m
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ANKBR KYSTER, Koptnhagen
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^KdOnlldia Yortattpaplir
W:
..Mä^
KÜNSTLERISCHE VORSATZPAPIERE
f. STVCK, Uaachta
Es ist graucreme auf weiss gedruckt. — Das
andere holländische Blatt, das von DE Bazel
in Amsterdam ist, (Seite 122) interessiert vor-
nehmlich wegen seines Ornamentenslils, der
deutlich kolonialen Einflass zeigt. Da es in
sich selber symmetrisch angelegt ist, erfordert
es eigentlich ein Gegenblalt, in dem sich sein
Muster in umgekehrter Reihenfolge wiederholt,
so dass sich also dann wie bei dem DiJSSEL-
HOF'schen Blatte der Schmuck des Spiegels
und des fliegenden Blattes symmetrisch ent-
sprächen. Man kann daraus ersehen, dass
es nicht eigentlich praktisch ist, feste in
sich symmetrisch geschlossene Muster zu
zeichnen, die nur die eine Seile des Vorsatzes
decken.
In sich streng symmetrisch, aber zur Deckung
beider Vorsatzseilen bestimmt, ist das Blatt,
das TVRBAYNE in London fär die Luxus-
ausgabe der bei Blades, East & Blades
erschienenen * Maslerpieces of Art* gezeichnet
hat (Seite 119). Bei ihm ist auf den Falz
nicht durch einen freien Zwischenraum Be-
dacht genommen. Es ist im Originale in
(rold auf weiss gedruckt.
Eine Stellung für sich nehmen
die Papiere von ANKER Kyster
in Kopenhagen ein (s. Abbild.),
Marmorier- und Kammpapiere,
die dadurch künstlerischen Wertes
sind, dass in ihnen eine gewöhn-
lich handwerksmässig geübte Tech-
nik (über die Herr A. K. in diesen
Blättern selber berichten wird)
durch Zuziehung eines Künstlers
von Rang (Bin'desbOll) künst-
lerisch ausgenutzt erscheint. Leider
lässt sich der Reiz dieser Blätter
in Ätzungen auch nicht annähernd
wiedergeben , da er noch mehr
der Farbe als dem Schwung der
Flächenformen angehört.
Immerhin aber lässt sich aas
unseren Reproduktionen der grosse
Unterschied erkennen, der zwischen
diesen künstlerischen Blättern und
den entsprechenden handwerks-
mässigen besteht. An welche Master
früherer Zeiten sie sich anlehnen,
zeigen die Ätzungen auf Seite 123,
]2i und 125, die nach alten däni-
schen Papieren dieser Art gemacht
worden sind.
Für die Eckmann' sehen Blätter
der gleichen Technik gilt dasselbe.
Man kann auch bei ihnen aus
den Reproduktionen keinen vollen
Begriff ihres Reizes gewinnen, aber
man wird doch mit Vergnügen sehen, wie
selbst aus einer Technik, die viel mit Zafatls-
BASTARD, ParU
KÜNSTLERISCHE VORSATZPAPIERE
dealsamen Einklang za bringen. PETER Beh-
rens balle in diesem Falle eine symbolisch
gehaltene Bühnendichiang lyrisch -phantasti-
scher Notar Dor sich, von deren drei Bildern
jedes für sich ein eigenes Slimmungsgepräge
hat, das sich auf der Bahne auch äusserlich
durch eine beherrschende Farbe ousdräcken
soll. Der erste Akt, der die Stimmung des
müden Schmerzes, der Hingabe an ein all-
gemeines Wehegefühl hat, wird in allen Äusser-
lichkeiten von der grauen Farbe beherrscht; der
zweite Akt, der einen jachen Umschlag in den
äasserslen Gegensatz dazu bringt, in die heisse,
herrische Begierde, mit allen Sinnen rücksichts-
los in das stürmische Leben za greifen, hat
als Grandfarbe gelb und gold; der dritte Akt,
der die schlichte Harmonie des unverbildet
natürlichen Menschen zeigen will, welcher
von der Verdrossenheil des Wellschmerzes
soweit entfernt ist wie von der leeren Genass-
wut der seelenlosen Sinnlichkeil, zeigt blau
als Hauptfarbe. Man vergleiche mit dieser
andeulangsweisen Inhaltsangabe der Dichtung
das Vorsatzblatt, das Peter Behrens dazu
in Holz geschnitten hat, und man wird gesteben
müssen, dass ein vollerer und feinerer Ein-
CHB. NEUREÜTHER, Schlltrback b. W.
erscheinungen zu rechnen hat, die Hand und
der Geschmack eines Künstlers Formenspiele
zu gewinnen weiss, die den künstlerischen
Sinn ihres Urhebers verraten.
Die Blumenleiste von KONGSTAD BaS-
MüSSEN (Seite 120) scheint nicht so sehr
für Vorsatzpapiere des gebundenen Buches,
als zum Schmucke jener schmalen Falzstreifen
bestimmt zu sein, die wir bei französischen
Broschüren zwischen dem Umschlag papier
and dem Text finden. Diese Streifen, die
beim Einbinden des Buches natürlich fort-
fallen, mit Schmuck zu versehen, erscheint
eigentlich vom Cberfluss, und nur bei Zeit-
schriften, deren Hefte längere Zeit ungebunden
aufbewahrt werden, bis ein Band vollständig
isl, wäre diese Falzstreifzierde verständlich.
Das schöne Holzschnittblatt von Peter
Behrens, das wir in Beilage wiedergeben,
verdient besondere Hervorhebung, und zwar
nicht allein seines ästhetischen Wertes,
seiner Geschmackseigenschaften wegen, son-
dern vornehmlich auch deshalb, weil es
in ganz ausgezeichneter Weise zeigt, wie ein
Künstler von Geist bei voller Einhaltung des
rein dekorativen Zweckes und ohne die leiseste
Abirrung in plumpe Blustrationssucht doch
im Stande sein kann, ein Vorsatzblatt, das er
für ein bestimmtes Buch anfertigt, mit dem
Stoff and Wesensgehalte dieses Buches in be-
O. ECKMANN
KÜNSTLERISCHE VORSATZPAPIERE
and gesunden Zweckversland. In
den Originalzeichnungen steht das
Muster mit den stilisierten Hunden
schwarz auf rot, das mit den
Wasseruögeln schwarz auf braun-
grau, das mit den Bändern and
Blumensternen schwarz auf weiss
und die beiden übrigen schwarz
auf hellblau.
Das Franz SrvcK'sche Vorsatz-
blatt, von dem wir aaf Seite 126
eine Hälfte wiedergeben und das
dem bei Dr. E. Albert & CO. in
München erschienenen STUCK- Werk
entnommen ist, verdient unser be-
sonderes Interesse einmal deshalb,
weil wir in ihm die erste derartige
Arbeit eines modernen deutschen
Künstlers vor uns haben, und dann
wegen der glücklichen Idee, das
Verlagszeichen auf dem Vorsatz an-
zubringen. Diese Manier verdient
Nachahmung, doch sollte dann
auch immer, wie bei dem Stück-
Werk, Vorsalz und Deckelschmuck
genau zu einander passen. Der
ganz ungewöhnliche Sinn StüC^s
klang zwischen Text und Deko-
ration nicht zu denken ist. Linie
and Farbe sind an diesem herr-
lichen Ergebnis gleich beteiligt. Die
von der Hand des Künstlers selber
hergestellten Abzüge zeigen seine
farbigen Absichten natürlich noch
vollkommener , als die in der Ma-
schine hergestellten.
Die auf den Seiten U% 117, i18
and 119 wiedergegebenen Zeich-
nungen sind die Arbeiten eines
jungen deutschen Künstlers, E. H.
Weiss, der auch sonst schon her-
vorragende Begabung für den künst-
lerischen Bachschmuck (Couver-
iüren, Zierstücke u. s. f.) an den
Tag gelegt hat. Auch diese Zeich-
nungen für Vorsatzblätter , die
billig auf mechanischem Wege ver-
üielfältigt und zu grösseren Bogen
zusammengesetzt werden können,
verdienen es, praktische Verwendung
zu finden. Wie alle Arbeiten dieses
in immer aufsteigender Entwicke-
lang begriffenen Talentes, dessen
Namen sich alle Unternehmer auf
dekorativem Gebiete merken sollten,
zeigen auch sie feinen Sinn für den
Geist der Linie, anmutige Erfindung e. lammbrt, naaam
Vonabpapier für eine Moppt
GRABMALSKUNST
ANKER KYSTER, Kopenhagtn
für den Stil der lateinischen Renaissancetgpe
and seine geschmackvolle Sicherheit, Typo-
graphisches anzubringen , bewährt sich auf
diesem Blatte Itestens, wo Typen und Orna-
ment organisch so schön zusammengehen, wie
man es bei modernen Arbeiten nur ganz
selten findet. Auf die Arbeiten von Pissarro,
ItiCKETTS, Bastard, Lammert,Nbvreuther,
kommen wir gelegentlich in anderem Zu-
sammenhange zurück.
OTTO JÜUÜS BIERBÄÜM
GRABMALSKUNST
Auf -dem Gebiete der Kunstgeschichte sind
wir längst gewöhnt, als einen wesentlichen
Faktor zur Charakterisierung eines Volkes
und seiner Kunstentwickelang die Art zu be-
DEKORATIVB KUNST. HEFT 3. 1
trachten, wie es seine Toten begräbt. Neben
dem Bedürfnis der Gottheitsverehrung weckt
der Drang, das Gedächtnis eines Verstorttenen
festzuhalten, zuerst die edleren Gestaltungt-
triebe der Menschheit, und so erzählen ans
die Felsengräber der Phönizier, die Terrassen-
monumente der Perser and die Pyramiden der
Ägypter vielleicht am meisten vom Fahlen
und Wollen ihrer Erbauer and deren Zeit-
epoche.
Je komplizierter die Kulturuerhättnisse wer-
den, umso mehr andere Kunstfaktoren treten
gleichwertig neben die Grabmalskanst in die
Schranken, aber eine spezielle Bedeutung bleibt
ihr doch in allen Zeiten erhalten : sie 6e-
schäftigt sich im Gegensalz zur Kunst der
Kirche und des Staates mit dem Individuum;
keine andere Kanstbethätigung kann so deal-
lich zu uns reden vom Gemütsleben des Einzel-
wesens, sei es nun, dass derjenige, der ein
Denkmal errichtet, wirklich den Toten damit
zu charakterisieren versucht, sei es, dass er
eigentlich sich selber damit zur Geltung
bringen will.
GRABMALSKUNST
richten, aus üppigem Grün hervoriaachend,
von einem vergangenen Geschlecht, das seine
Empfindungen mit einer gewissen Absichtlich-
keit zum Ausdruck brachte, aber es waren
doch Empfindungen. Der zweite Garten ist
schon gemessener ; das Material ist ärmlicher
geworden und die Bildhauer -Arbeiten sind
kärglicher, aber noch immer treten uns per-
sönliche Zöge trotz aller Unbeholfenheit ent-
gegen. Der dritte Garten reicht in unsere
Tage herein; das Material ist reicher ge-
worden, es blinkt uns oftmals glänzend poliert
entgegen, aber die Bildhauer- Arbeil ist durch-
weg verschwunden; derselbe Stein kehrt wieder
einmal, zweimal, zehnmal, und streckenweise
gleicht die Gräberreihe nichts anderem, als
einem steingewordenen Adressbuch. Die Zeit
der Fabrikarbeit ist angebrochen; das Indi-
viduum des ausführenden Arbeiters ist ver-
schwunden, and mit ihm ist auch das Indi-
viduum des Toten, dem seine Arbeit gilt, ver-
loren gegangen.
Wir dürfen das historische Bild, das einst
die Grabmalskunst unserer Zeit bieten wird,
gerechterweise nicht nach dieser Schilderung
bemessen. Auch in den historischen Epochen,
auf die wir jetzt bewandernd blicken, ist das
F. SCHUMACHER, Ulpilg
Diese Bedeutung hat die Grabmalskanst
auch heule nicht verloren, und wenn wir uns
bemühen, das steinerne Kapitel unserer mo-
dernen Kulturgeschichte zu lesen, das auf
unseren Friedhöfen geschrieben steht,' so
können wir manch ernstes Wort daraus ver-
nehmen.
Wie sehr der Friedhof auch heute ein Volk
charakterisiert, wird man am deutlichsten ge-
merkt haben, wenn man in fremdem Lande
den Gottesacker betreten hat. Wer hätte nicht
im Camposanto zu Genua etwas vom ruhm-
redigen Palhos des Italieners, auf dem Pire-
Lachaise etwas von der konventionellen Wohl-
ansiändigkeit der Franzosen und auf dem
Friedhof in Wien etwas von der koketten
Eleganz des Österreichers gespürt? — Weil
schwerer ist es, im eigenen Vaterlande die
Ranen richtig zu lesen.
In Leipzig liegt, von wenigen beachtet,
mitten in dem vom Verkehr entstelltesten
Teile der Stadt der alte Johannisfriedhof. Er
zerfällt in drei aneinander gereihte, hofartig
abgeschlossene Gärten, deren jeder gleichsam
eine Generation repräsentiert. Der erste Garten
ist ein Stück unverfälschter Poesie; liebevoll,
oftmals phantastisch ausgebildete Steine be-
F. SCHDUACHEB, Lrlpilg
GRABMALSKUNST
Mittelgut durchweg verschwunden, and wir
mustern vor allem die Höben, die aus dem
Sand der Zeit hervorragend besteben bleiben.
So wird es unserer Zeit auch dereinst ergehen,
and da werden sich manche schöne Einzel-
werke echter Künstler auf unseren Friedhöfen
finden. Was aber unsere Verwunderung her-
Dorrufen mass, das ist die Tbatsacbe, dass
der Prozentsatz, den diese echte Kanst der
niedrigsten Massenware gegenüber ausmacht,
so gering ist, und dass all jene Zwischen-
stufen fehlen, die den Einzelwert des Kunst-
werkes gar nicht beanspruchen und doch
einen Hauch von Kanst in ihrer Gestaltung
zeigen.
Bescheidene Gräber mit einfachen Tafeln
wird es immer geben, sie können durch die
liebevolle Innigkeil, mit der sie geschmückt
sind, oftmals die besten Trostpunkte auf einem
modernen Friedhof ausmachen; von ihnen
sprechen wir nicht, wir sprechen von jenen
zahlreichen Grabmonumenten, dieeinen reichen
F. SaiVUACHEB, Leipilt
F. SCHVMACHER.\Lclptlg
Aufwand von Mitteln zeigen und jeden Funken
von Gefühl dabei vermissen lassen. Wäre
dem Beschauer nur das Bewasstsein dieses
Aufwandes erspart, die Sache würde weit
weniger schlimm sein. Hier aber liegt einer
der Hauptschäden unserer Friedhofskunst:
was sie an Gemüt nicht besitzt, sucht sie
durch Material zu ersetzen, — ihr schlimmster
Feind ist der polierte Granit, der das
Charakteristikum des modernen Friedhofs
anderen Zeiten gegenüber ausmacht. Gäbe
es keinen polierten Granit auf der Welt,
unsere Kirchhöfe würden weit erträglicher
aussehen. — Nicht nur, dass das Material
an sich der zarleren künstlerischen Behandlung
widerstrebt and dadurch eine Phantasie-
losigkeit der Form von selber heranzieht, nein,
selbst geschickt behandelt ist es einer wärmeren
intimen Wirkung kaum fähig, sondern gesellt
zur Phantasielosigkeit meist den Ausdruck
des Ruhmredigen und Gefühllosen. Niemals
kann solch ein Monument im Lauf der Zeit
mit der Nalar zasammenwacltsen, was selbst
dem ärmlichsten Stein seinen Reiz verleiht,
unantastbar und natarfremd bleibt es in seinem
GRABMALSKUNST
aaf unseren Gräbern, aber auf diese kost-
spielige Art von Gebilden, die man meistens
auch vom eigentlichen Grabmal loslösen and
in ein Museum stellen könnte, kommt es nicht
in erster Linie an; der Künstler muss ein
Schaffen lernen, das eng und untrennbar mit
der architektonischen Gestaltung des Grab-
mals verbunden ist, ein Schaffen, das dekorativ
wirken will.
Eine schöne kunstvolle Schrift, ein eigen-
artig Itehandelles Wappen, ein ornamentales
Friesband, eine stilisierte Blume, das sind
Dinge, die auch einfachen Gräbern einen
künstlerischen Reiz and ein eigenes Gepräge
geben können, aber es giebt nicht viele, die
diesen Reiz beherrschen; die unbeeinflasste
Behandlung einer komplizierten Figur gelingt
manchem Bildhauer leichler, als das fein-
fühlige Anpassen an einen bestimmten Gesaml-
willen, das selbst das bescheidene Ornament
erfordert, wenn es gut wirken soll.
Zu dieser ornamentalen Plastik muss weit
mehr echter Künstlergeist herangezogen werden.
Wenn uns aber dieser Geist zum Schmuck
unserer Friedhöfe zur Verfügung sieht, dann
wird sich auch ganz von selber eine grössere
F. SCUVilACHBB. /.d|
hohlen Glänze und so stehen sie denn da
auf unseren Gräbern, die Obelisken, Kreuze
und Sarkophage, die Sarkophage, Kreuze und
Obelisken and bisweilen schaut eine antiki-
sierende Ädicula dazwischen heraus oder eine
Büste auf reinlich poliertem Sockel. — Wenn
man das Geld, das hier zum geistlosen Po-
lieren des Steines verwandt wird, anwenden
wollte, um Stein mit künstlerischen Ge-
danken zu beleben, ein wie reiches Feld für
das Schaffen unserer Künstler würde eröffnet
werden.
Gerade hier, wo ein nie versiegendes, wirk-
liches Bedürfnis der Kunst entgegenkommt,
ein Bedürfnis, das man nicht erst erzieherisch
zu wecken braucht, steht ein Gebiet für die
dekorative Kunst offen, wie es kaum ein
zweites gibt. Der Künstler wird es sich aller-
dings nie in grossem Umfang erobern, wenn
sein Streben nur darauf geht, Grabfigaren zu
machen. Es gibt ja sehr " schöne Engel,
Genien, Porträts und allegorische Gestalten
F. SCHUMACHER, Leipzig
GRABMALSKUNST
fühl hat er auch der Grabmalskunst gegen-
über. Gehen wir deshalb auf die hergebrachten
religiösen Symbolformen nur dann zurück,
wenn wirklich im eigenen Geist oder im
Reflex der Persönlichkeit, der das Grabmal
gilt, etwas liegt, was diese Religionssprache
nicht zur blossen Phrase werden lässt. —
Es gibt so viel Ausdrucksnüancen in der Kunst,
die einem Grabmal den Stempel des Heiligen
and Weihevollen geben können, die vom
Mystischen des Todes, von der Liebe der
Mitmenschen und der Hoffnung jedes Menschen-
herzens reden, dass wir nicht jener Ausdrucks-
mittel bedürfen, falls wir nichts bei ihnen
empfinden.
Hier jeweilig die Form zu finden, die dem
dunklen Gefühl entspricht, das ist die Auf-
gabe des Künstlers, and diese Aufgabe ist
gross und verlockend, weil vielleicht nirgends
sonst so eindrucksvoll wie in der Grabmals-
kanst das philosophische Bedürfnis, das jedem
fühlenden Menschen innewohnt, mit dem
künstlerischen Ausdruck zu ringen vermag.
Und es ist seltsam, oftmals kann die
Architektur eine verständlichere Sprache zu
uns reden als die illustrierende Plastik, eben-
so wie die Musik oft mehr zu sagen versteht,
als die Philosophie.
FRITZ SCHUMACHER
Js.
F. SCHUMACHER, Leipzig
Mannigfaltigkeit in^der Gesamtgestaltung
unserer Denkmäler entwickeln. Wir werden
schon im Entwarf freier werden in der Art
des Ornamentierens, wir werden uns loslösen
von der Schablone der schulgerechten Gesims-
formen, die so ertötend auf die künstlerische
Phantasie wirkt, wir werden lernen, auch
ohne Gesimse und ohne grossen Statuen-Auf-
wand dem Ausdruck zu geben, was wir dar-
stellen wollen. Dann wird die Sprache des
Gemütes, die uns jetzt nur so selten auf dem
Friedhof entgegentönt, weit allgemeiner wieder-
gefunden werden. Und darauf allein kommt
es an.
Der menschliche Instinkt hat in der Bau-
kunst ein gar feines Empfinden für das, was
wirklich aus dem Gemüt hervorgegangen ist.
Er fühlt es deutlich, ob beispielsweise ein
Gotteshaus aas einem frommen , gläubigen
Sinn erstanden ist, oder aus dem Geist
religiöser Gleichgültigkeit, der aus den meisten
modernen Kirchenbaalen so ertötend heraus-
schaut, — und dasselbe fein scheidende Ge-
KORRESPONDENZEN
NÜRNBERG — Das Bagerische Ge-
werbemuseum eröffnet eine Sonder-
ausstellung von Erzeugnissen des mo-
dernen Kunstgewerbes, welche bis Mitte De-
zember den Nürnbergern eine willkommene
Gelegenheit bietet, durch zahlreiche Ankäufe
ihr Interesse für diese Arbeilen zu bethätigen.
Sendungen, die für diese Ausstellung bestimmt
sind, sind zu frankieren und für Platzmiete der
Betrag von M. 10. — pro Quadratmeter zu ent-
richten. Das hat leider eine Anzahl Künstler
abgehalten, sich zu beteiligen, andere wiederum,
wie Eckmann, von Gosen, Kornhas, Wil-
helm sind vertreten. Herr Dr. Paul R&e,
der Bibliothekar des Bayerischen Gewerbe-
museums, wird an der Hand dieser Aus-
stellung eine Serie von Öffentlichen Vorträgen
auf dem Gebiete des Kunstgewerbes halten.
133
NÜRNBERG - PARIS
Wir können die BeleÜigang an dieser
Aasstellung bestens empfehlen and
sind gern bereit, Anmeldungen and
dergl. zu vermitteln.
PARIS — In dem Salon des
»Figaro* ist am 15. Nooember
Don A. MXRTY, dem Direktor
des Artisan Moderne, eine Ausstellung
eröffnet worden, die sich besonders
der Weihnachtsbedürfnisse annimmt
oder vielmehr der ^trennes, der Neu-
jahrsgeschenke. Wenn man an die
Geschmacklosigkeiten denkt, die die
Fabrikation der Bonbonniiren u. s. w.,
all der kleinen Artikel, in die zur Weih-
nachtszeit eine Unsumme Geld ange-
legt wird, hervorbringt, kann man
sich nur freuen, dass auch in dieses
Gebiet künstlerischer Geist einzu-
dringen beginnt. Die Aasstellung, die
übrigens am i. Dezember nach
Berlin — in den Kunstsalon von
Keller & Reiner — gelangt, ent-
hält reizende Bonbonschachteln nach
Zeichnungen von Vallotton und
Belville, Schreibmappen undBuch-
halter von den beiden Nancger Künst-
lern Martin and Pnouvß, Photogra-
phieständer in gehämmertem Kupfer
von JaCQVIN, Blumentöpfe von Dela-
HERCHE, ein Schreibzeug von NocQ,
eine Vase oon Charpentier-Bigot,
Rauchkasten von BELVILLE and
vieles andere. Es sind keine Gegen-
stände oon grossen Prätentionen, es
ist mehr oder weniger Spielecei, aber
es ist wenigstens Geschmack dabei,
künstlerischer Sinn und gediegene
Ausführung. Wir bilden den Deckel
eines Bonbonkastens von VALLOTTON
ab. Die Zeichnung ist vollkommen in
Einlage-Technik mit hübsch zu ein-
ander getönten Hölzern ausgeführt,
also ohne jede Malerei. In derselben
Technik ist der in der Zeichnung
ebenfalls von Vallotton stammende
Buchaufschneider hergestellt, den wir
gleichfalls abbilden. — Marty gab
früher die Estampe- Originale her-
aas, die berühmte Sammlung mo-
derner Originaldrucke; jetzt macht
er es ebenso mit modernen gewerb-
lichen Dingen — ein Zeichen der Zeit.
Wie die Gravüren werden auch diese
gewerblichen Gegenstände nur in
100 Exemplaren hergestellt. In
der rae Caumartin wird demnächst
die diesjährige Aasstellung Plumet's
und seiner Freunde eröffnet, auf die
wir zurückkommen werden. 9 In
der Ecole Normale ctEiueignement
du Dessin der rue Vavin, einer bisher
von der Stadt unterstützten Privat-
zeichenschale anter Direktion des
Architekten GüäRiNS, in der Grasset
seine Vorträge hält und Merson
seine Schäler zu sentimentalen Banali-
täten, die dekorativ sein sollen, ab-
richtet , sind gegenwärtig Arbeiten
der Schäler Grasset's aasgestellt.
Man konstatiert mit Unbehagen das
Umsichgreifen dieses Stils, der noch
keiner ist, erst einer werden will und
zu nichts weniger geeignet ist, als
Schäler zu machen. Was bei Grasset
talentvoll and interessant, ja relativ
wertvoll erscheint, insofern als man
mit Recht oder Unrecht hoffen kann,
dass er aus der gegenwärtigen Halb-
heit — zwischen Malerei und Orna-
ment ■ — herauskommt, wird bei den
Schülern, die diese Phase als das
einzig Erstrebenswerte ansehen, aner-
träglich. Es gehört gar zu wenig dazu,
die nun einmal festgesetzte Methode
derber Stilisierung natürlicher Dinge
zu erlernen, and so sammelt sich
denn eine Herde von Künstlern bei-
derlei Geschlechts um den Mann, der
etwas Besseres verdiente, als diese
Art Schule zu machen, die eine fleisch-
gewordene ewige Kompromittierung
bedeutet. Diese Leutchen machen
Einbände, keramische Sachen, Holz-
arbeiten, Leder arbeiten, wer weiss was
alles, d. h. immer wohlverstanden
nur die Zeichnung dazu, was den
Wert dieser Vielseitigkeit ungemein
reduziert. Denn es handelt sich ihnen
nur darum, die einmal sanktionierte
Methode auf alle möglichen und un-
möglichen Gebiete zu übertragen, die-
selbe Blume auf dem Buch, auf dem
Topf, an der Wand, am Möbel anzu-
bringen. Von irgend einer zweckent-
sprechenden Differenzierung des Orna-
mentes war nur bei den Arbeiten
eines Fräulein Wjnterwerber etwas
za entdecken, die Talent zu haben
scheint. Das Maupassant-Denkmal
ist jetzt im Parc Monceaa aufgestellt
und neulich enthüllt worden und
sieht dort besser aas, als im Champs
de Mars, freilich ohne besser geworden
za sein. -y-
NANCY — WIEN
N
ANC Y — Die Nancyer Känallergrappe,
mit Ausnahme Emile GallJ^s, hat
hier eine gewerbliche Aasslellang er-
öffnet, aber die
werden.
eingehend berichten
WIEN — Unsere Kanstgeu>erbeschule,
oder wie der volle Titel dieser An-
stalt lautet, die SCHVLE
DES ÖSTERREICHISCHEN MüSEüMS
fOr Kunst und Industrie hat
im Laufe dieses Monats die Ausstel-
lung derSchälerarbeiten abgehalten.
Za loben waren nur die Arbeiten des
Spitzenkurses und die der Ciseleur-
schule, alles übrige stand tief unter
der holdesten Mittelmässigkeit. Aller
Augen sind nun auf den neaer-
nannten Direktor des Museums,
Hofrat A. V. SCALA, gerichtet and
man hofft von ihm, dass unter
seiner Ägide neues Leben am
Stubbenring erwachen wird. Hof-
rat y. SCALA war noch vor kurzem
Direktor des Handelamuseama, das
er xurhohen Blüte gebracht hat.
War doch für ans dieses Museum
eine Art L' ART NOUVEAC und SCALA
unser BING. Ein guter Anfang ist
bereits zu verzeichnen: an Stelle
der vom Museum herausgegebenen
Mitteilungen tritt vom Januar 1898
an eine reichillustrierte Monats-
schrift in Folio, betitelt: *Kunst
und Kansthandwerk* in die Öffent-
lichkeit. Leiter und Herausgeber ist A.
r. SCALA selbst. Eine Probenummer gelangt
schon im Nouember zur Ausgabe. -- Die
erste Veranstaltung des neuen Direktors
war eine Ausstellung von Werken Louis
C. TiFFANY'a. Sie stammen aas den Glas-
hütten dieser Kunstanstalt und geben Zeugnis
von einer ausserordentlichen Technik und
von der Höhe des amerikanischen Kunst-
geschmackes. Bemerkenswert ist, dass unsere
Presse es nicht der Mähe wert findet, auf
die Wichtigkeif dieser Arbeilen hinzuweisen
und so geht diese Ausstellung im Publikum
spurlos vorüber. Was ist uns Tiffany! Und
dabei kommt dieser Reformator der Glas-
technik zum erstenmale in das Bereich der
tchwarzgelben Grenzpfähle. Osterreich hätte
allen Grand, die Sache nicht auf die leichte
Achsel zu nehmen, sondern angesichts der
hochentwickelten, aber leider im Stillstand
befindlichen Glasindustrie Nordböhmens den
Konkurrenten von der andern Seite der
grossen Pfütze scharf za beobachten. Einmal
aus dem Sattel gehoben, kommen wir nicht
sobald wieder hinein. Die Direktion bat es
leider verabsäumt, die Preise za den einzelnen
Stücken hinzuzufügen, die doch zur Wert-
schätzung dieser Kunst von grosser Bedeutung
sind. Das Bewusstsein, dass ■ diese Objekte
einen ausserordentlichen Geldwert besitzen,
soll in das Volk dringen, um auf diese Weise
VALLOTTON, Parti
T Bonbonnlire
dem ausübenden Kunsthandwerker Lust zur
Arbeit und dem Käufer Freude am Besitz za
machen. Denn bei Tiffany ist nicht nur
die Kunst imponierend, sondern auch die Preise
sind es. — Der rührige Kunstsalon EuGEN
Artin hat gelegentlich seiner SleTOGT-Aus-
stellung, die er im Gartenbaapavillon ver-
anstaltete, den Wienern zum erstenmale kera-
mische Objekte der Künstlerfamilie V. HeiDER
vorgeführt. Die Exposition vollzieht sich
unter enormer Beteiligung des Publikums,
welcher Erfolg nicht zum mindesten auf das
Conto des Alfred RoLLER'schen Plakates
zu setzen ist, das sogar eine Zeitungskontro-
verse hervorgerufen hat. Für die Plakat-
kunst sicher ein grosser Erfolg. — Unsere
Secession, die Vereinigung bildender Künstler
WIEN — DRESDEN
Österreichs, giebt von Mille Januar n. Jahres
ein Organ heraus, das sich » Ver Sacrum* be-
titelt. Das neue Blatt wird unter anderem
unsere angewandte Kunst uom modernsten
Standpunkt vertreten. ^ /,
DRESDEN — Eine höchst interessante
Darbietung im Dresdner Kunstleben
war in diesen Wochen die von der
Ernst ARNOLD'schen Hofkunsthandlung ver-
anstaltete japanische Ausstellung, welche einer
solchen von 1895 folgte and weit mannig-
facher und lehrreicher war als jene. Mit
grosser Sorgfalt and Sachkenntnis war eine
Fülle ausgewählter Kunstwerke in Holzschnitt,
Thon, Porzellan, Bronze, Eisen, Holz, Elfen-
bein, Lack u, s. w. zusammengebracht, die
in der Art der Aufstellung auch sehr zu ein-
gehenden Betrachtangen einlud. Die Perlen
unter den Holzschnitten waren u. a. 6 Blatt
von Marononbu, — eine Kurtisane von
Shunsho, eingehüllt in ein einfaches aber
in kraftvollen schönen Linien stilisiertes Ge-
wand, ferner zwei markante Schauspieler-
Bildnisse von ShaRakv, die durch kräftige
flotte Zeichnung besonders auffielen. Den
grössten Gegensatz hierzu bildete die Dar-
stellung einer jugendlichen Japanerin in kost-
barem Gewände von Yeiri. — MasanoBÜ, Ho-
KUSAI und UtaruarO waren auch gut ver-
treten. Von dem letzteren die seltene Folge
von der Seidenkultar in wandervollen Exem-
plaren komplett. HlROSHiGE zeigte seine
Kunst in der Darstellung der Landschaft,
seinen Vogelstadien u. s. w. Eine köstliche
Sammlung von SURIMONOS — meist Metall-
drucke (aas Dresdner Privatbesitz) — sowie
i2 Kasemonos vervollständigten das Bild
der Japan-Drucke. Hervorzuheben ist hierbei,
dass in der That sowohl im Sujet, wie in
der Erhaltung gute Blätter ausgewählt waren.
Sehr fein war die Sammlang des Jnros
(Medizinbücher) in der je ein Exemplar eine
besondere Technik charakterisierte. Das
schönste der Netzke's, ein kleines Nixchen,
zeigen wir hier in einer Abbildung. Grosses
Interesse bot sodann die Kollektion der Stich-
blätter und Messergriffe, die dank des Ent-
gegenkommens eines Dresdner Sammlers un-
gemein reich ausgefallen war. Die ältesten
Sägearbeiten in Eisen waren bis zu den ver-
ziertesten Exemplaren in Gold, Silber and
Shaküdo (ein stahlblauschimmerndes, feines,
goldhaltiges Metall) alle vertreten. Im königl.
Kupferstich-Kabinett sind neben den Gravüren
der drei Böcklin - Werke von Bruckmann
neue Plakate ausgestellt, unter denen eigent-
lich nur die Anzeige eines Brüsseler Ein-
rahmers von Theo van Rysselberghe, so-
wie einige »Harpers Magazine* von E. Pen-
field Anspruch auf künstlerische Eigenart
machen können. Das Weberplakat (für
E. Hauptmanns Dichtung) von Emil OrliK,
Prag, ist kraftvoll and von mächtiger Wir-
kung. Zwei von den grossen monumentalen
Wandgemälden, die Professor Hermann PRELL
im Auftrage Sr. Majestät des Kaisers für den -
Thronsaal der deutschen Botschaft im Caffa-
rellischen Palaste zu Rom gemalt hat, sind
im grossen Saale des Sächsischen Kunstvereins
ausgestellt. Die Motive zu diesen Gemälden
hat Professor Prell, der besonderen Vor-
liebe des Kaisers entsprechend, der altdeutschen
Göttersage (Edda) entnommen. — Abbildungen,
sowie eine ausführliche Besprechung von
Dr. P. Schumann soll in der *Kanst für
Allet erscheinen, da hierbei doch mehr künst-
lerische als dekorative Interessen in Frage
kommen. Das grosse Geschäftshaus des
Apothekers ILGEN, erbaut von den Bau-
meistern Schilling and Gräbner, ist fertig
und bildet nicht nur einen Schmuck des
Pirnaischen Platzes, sondern der ganzen Stadt.
Die Raamverteilung ist so modern wie mög-
lich, die Kombination eines Cafis und Cafi
Chantants mit Wohnräumen im selben Hause
ist denkbar glücklich gelöst. In der Kon-
struktion überwiegt glücklicherweise das Eisen.
In der rein künstlerischen Aasstattang aber,
also in dem Schmuck, vermisst man das
Moderne nur allzusehr. Dass die beiden
Architekten auf den in Dresden tgpischen Stil
Rücksicht genommen haben, vermag nicht
darüber hinwegzuhelfen, dass Barock und
DRESDEN - BERLIN
Eisenkonslruklion zwei anvereinbare Begriffe
sind. Der von dem Bauherrn gewählte Name
*Kaiserhaua€ kommt dieser falschen Prätention
nur allzusehr zu Hilfe. a.
Bi
I ERLIN — Die Gründung der Berliner
Kunsthandlung Keller & Beiner
schafft der modernen gewerblichen
Kunst eine neue und wichtige Stelle in unserer
Reichshauptstadt. Wohl hat schon das Hohen-
zollern - Kaufhaus, dank der umsichtigen
Leitung seines Gründers HiRSCHWALD, der
an der englischen Invasion in Deutschland
keinen geringen Anteil hat, die besten geujerb-
lichen Gegenstände des Auslandes bei uns ein-
geführt, aber es fehlte bisher in Berlin an
einer Stätte, die diese Tendenz mit lediglich
künstlerischen Absichten durchfährt, nicht
unter vielen schlechten Sachen wenig gute
verbirgt, sondern konsequent bestrebt ist, nur
das Beste zu zeigen and zwar nicht nur das
fremdländische, sondern auch das Werk des
eigenen Landes. Das versprechen uns KELLER
& REISER. Ncanentlich ihre Absicht, Kunst
and Gewerbe in geschlossenen Interieurs za
vereinigen , verdient regstes Interesse. Der
neue Salon bringt gegenwärtig die MeüNIER-
Kollektion der Dresdener Ausstellung and ein
Zimmer VAN de Velde^s; ausserdem am
1. Dezember eine Sonderausstellung des Pariaer
Zinnkünstlers A. CBARPENTIER.
^as Hohenzollernkaufhaus hat eine grosse An-
zahl neuer moderner Möbel und Schmuckgegen-
stände — u. a. interessante belgische Sachen
— und keramische Arbeiten ausgestellt.
DEKORATIVE KDNST. HEFT 3.
BERLIN - NEUE BOCHER
J. SATTLER. Berlin
Vlgnellai
fEIRl Junta Uedditn
NEUE BÜCHER — Es liegen uns
zwei interessante Werke vor, die zur
gemeinsamen Betrachtung anregen,
das eine: OuDE HoLLANDSCHE Sieden aan
DE ZUIDERSEE bei DE ERVEN F. BOHN, dem
tüchtigen Verlier des Ggsbrecht von Aemstel
von Derkinderen ; das andere bei einem nicht
weniger gut beleumdeten Berliner Verleger
ähnlicher Richtung: J. A. Stargardt, nämlich
der II. Band des im Auftrage Hegls, von Boos
geschriebenen und Sattler gezeichneten Werkes
tDiB Kultur der rheinischen Städte*,
dessen I. Band in so kurzer Zeit vergriffen
wurde, dass man sich zu einer zweiten
Auflage entschlossen hat.
Beide Werke interessieren ans hier durch
die Art ihrer Illustration. Sie haben ein
ähnliches künstlerisches Ziel: eine vergangene
Zeit durch die Hand eines Künstlers unserer
Tage neu zu beleben, oder sagen wir, für
uns interessant zu gestalten. Beiden gelingt
es. Das holländische Buch — eine moderne
Illustration alter Stadtchroniken — hält sich
lediglich an die Architektur, das deutsche
zieht auch andere Faktoren der Zeit, vor
allem die Menschen in seinen Gesichtskreis.
Die Zeit ist bei beiden im wesentlichen die-
selbe — die Gotik. — Hier fand Sattler sein
Feld. Was so oft bei seinen Illustrationen
moderner Bücher stört, seine bis zum Archais-
mus getriebene Vorliebe für die stolzeste Epoche
unserer Vergangenheit, wird in diesem Werke
zu einem geradezu einzigen Wertfaktor. Nur
er konnte dies Werk, für dessen Veranstaltung
man dem materiellen Veranstalter, Herrn
V. Heyl, nie genug danken kann, vollbringen,
hier hat seine Last am Gotischen sich ein-
mal aasgetobt. Man fühlt bei jeder Kleinig-
keit, bei den Initialen, bei den reizenden
kleinen Kopfstücken dieselbe Liebe, die er
auf seine Vollbilder verwendet, Bilder, die
seinen allerbesten Sachen gleichkommen, eben
weil sie hier natürlich sind. Und es ist doch
viel mehr als blosser Archaismus, was aas
diesen Schwarz-Weiss-Bildern spricht. Man
betrachte diesen Tod auf dem Floss in der
weiten, weiten Ebene. Solche Weite bat
keiner anno dazumal besessen, so hat nie-
mand den Tod gesehen; diese künstlerische
und geistige Perspektive ist modernes Werk.
Was dem Werk den scheinbar wunderbar
echten Lokalton giebt, ist die gotische Kon-
venienz , in der das Ganze verläuft , ein
künstlerischer Wille, der sich dem alten Mittel
unterordnet, um neuen Geist zu verbreiten,
der, wie ein glänzender Schauspieler, neue
Gefühle aus alten Tragödien zu zaubern
weiss, den Wert des Alten umformend ver-
doppelt.
Ganz anders die jungen Holländer, Nieawen-
kamp und Veldheer, die das Bohn'sche Buch
gemacht haben. Sie sind modernerer Art.
Auch sie verdanken dem Alten viel, vor allem
J. G. VELDHEER
I 'Oadi Hollandtche Sttdnt
NEUE BÜCHER
die Anregung für das Neue, aber sie sieben
dem Allen objektiv gegenüber. Die Archi-
tekturen NieauKnkamp's sind Eindrücke ganz
moderner Augen, sie sehen nicht mit der
Exaktheit, mit der Saltler empfindet, sie sehen
auch nichts Altes hinein, sie geben lediglich
den malerischen Effekt dieses köstlichen alten
Gerumpels and möchten am liebsten etwas
ganz anderes daraas machen; die Biegungen,
Winkel, die Linien, die sie sehen, möchten
sie anders biegen, anders winden; was gerad
isl, krumm, was krumm ist, gerade machen.
Worauf sie hinaasmöchten, zeigen die rein
ornamentalen Sachen des Buches von Veld-
heer. Das ist gar keine Gotik und gar
nichts uon dem reizenden Barock, das man
in ein paar non den Architekturen findet;
es sind haarscharfe, rein dekorative Arabesken,
in erster Instanz überseeischer Herkunft wie
die gaiue moderne Ornamentik Hollands,
atfer so verarbeitet, dass sie wie ein Ausdruck
unserer modernsten Bedürfnisse erscheinen.
Eines haben beide Bücher gemein, sie sind
bachgewerblichen Ansichten entsprungen,
zanftgemäss gemacht in gutem Sinne. Beide
enthalten keine Gemälde als Illustrationen,
sondern typographischen Schmuck und die
Vollbilder in einer dem Bachdruck ent-
sprechenden Technik, so dass sie auch nur wie
grössere typographische Zeichen erscheinen.
Der Holländer hat vor dem Deutschen voraus,
dass der grösste Teil seines Bildwerkes — ■ wie
übrigens bei fast allen jungholländischen
guten Druckwerken — in Holz geschnitten
ist, während sich der Deutsche mit dem
Zinkklischee begnügt. Man kann ungestraft
die Liebe zu den Alten so weit treiben, sich
ihrer Technik — des Holzschnittes — zu be-
dienen, der nie uon dem mechanischen Ver-
fahren erreicht werden wird. —
oeben erbalten wir
noch zwei neue deut-
sche Bücher , die ,
obwohl sie keinen
Schmuck, keine Illu-
stration enthalten,
mindestens ebenso in-
teressant sind. Zwei
Bücher von ALFRED
LiCHTWARK in Ham-
burg ; das eine : Ham-
burg-Niedersachsen, das andere: BLUMEN-
KULTUS — Wilde Blumen betitelt (Verlag
von G. KOHTMANN, Dresden, ä M. 1.80). Sie
repräsentieren sich nicht in dem bewussten
flatterigen Papier Umschlag, sondern im ge-
schmackvollen, rostfarbenen Leinenband, mit
schwarzaufgedruckter Blumenvignette — von
Eckmann vermutlich — , die den goldgedruckten
Titel einschliesst. Endlich mal ein Autor, der
seinen Verleger zu dem bringt, was sich in
England and Amerika von selbst versteht:
einem anständigen Bach dauerhafte Hülle zu
geben! — Und man hat recht gethan; diese
Bändchen verdienen häufiger als einmal ge-
J. SATTLBB, Berlin
Vlgnettt
lesen zu werden, man kann auf sie die ver-
traute Phrase unserer Weihnachtslitteratur-
kritiker anwenden : *sie sollten auf keinem
Familientische fehlen /« — Dafür sind sie ge-
schrieben ; keine gelehrten Bächer, wie sie
sonst wohl ein Maseumsdirektor von sich giebt,
sondern höchst einfache, höchst gediegene,
höchst verständige und verständliche Worte.
Das eine enthält Hausrezepte, nicht für den
Magen, sondern für die Augen; es ergänzt
des Verfassers reizendes Buch: Makart-
BOUQUET UND BLUMENSTRAVSS (VerlagS-
Anslalt F. Brackmann A.-G.J. Es handelt
von den Blumen ; was man mit ihnen machen
kann und was man nicht mit ihnen machen
soll, giebt Regeln für die Blumen am Fenster
und im Garten, im Boden, im Topf and im
Glase; Regeln, die sich für den verständigen
Geschmacksmenschen von selbst verstehen,
denen aber leider bei jeder Gelegenheit noch
so oft unbewasst widersprochen wird, dass
es sich wohl gelohnt hat, sie mal niederzu-
schreiben. Lichtwark verschweigt, dass die
amerikanische Gartenkunst schon einen enor-
men Schritt über den Hamburger sogenannten
englischen Stil hinausgethan hat, dass es (in
Vasen and Gläsern in Belgien und England
schon masterhafte, ganz billige Sachen giebt
ffür Vasen die Poterien von Finch — man
kann Wasser hineingiessen ! — für Gläser die
PowelFschen and andere in London]). Der
Autor, der diese Sachen so gut kennt wie
wir, übergeht sie mit Absicht. Er sieht das
Heil nicht im Ausland; der eigene Boden soll
das Mittel bringen, das er braucht. Dieser
streng nationale Standpunkt beherrscht die
ganze Wirksamkeit Lichtwcwks. Wir teilen
W. O. J. NIEUWENKAÜP Aui .Oudt HoOandtche Sltden-
NEUE BÜCHER
/. SATTLER, ntrtln
ihn nicht; wir glauben, dass die nationalen
Grenzen in künsllemcben Dingen heule andere
sind als die politischen, dass ein gegenseitiges,
intensives Durchdringen der speziell ange-
wandl-künstltriscben Tendenzen dem National-
eigentum des einen wie des anderen Volkes
zum mindesten zum Vorteil gereichen kann,
ja, dass hier bis zum gewissen Grade der Inter-
nationalismus nötig werden kann, der sich
im Gewerbe und Industrie, die ihn direkt
bedingen, als setbslversländlich erwiesen bat.
Aber wir achten diesen Standpunkt. Und
relativ gedacht, ist bei der deutschen Sucht,
das Ausland nachzuahmen — eine Tendenz,
Äai -Die Kullar der Rhirinttchen SlSdle'
die in künstlerischen Dingen schlimmer ist,
als das entgegengesetzte Prinzip — ein Mann
doppelt wert, der selbst bis zur Einseitigkeit
den nationalen Standpunkt nicht nur vertritt,
sondern alle Mittel thatkräftig wirksam zu
machen sucht, die ihn unterstützen können.
Diese Wirksamkeit ist bei weitem schwieriger
als immer auf das Ausland zu verweisen, wo
die gebratenen Tauben herumfliegen, und fre-
dingt, wenn sie nicht in Thorheit umschlagen
soll, einen ganzen Mann.
In dem anderen Bache Lichtwarka be-
schränkt sich derselbe Standpankt auf das
dem Autor liebste Gebiet, sein Hamburg. Es
NEUE BOCHER — ANZEIGEN
ist eine]Art Kultargeschicbte
Hambarga , die er darin
skizziert, ivie man sie in den
gelehrten Fachwerken , die
DonStädlegeschichte handeln,
oergeblich suchen wird.
Aas den oolkspsgchologi-
schen Elementen , aus den
polnischen and ökonomischen
Faktoren analysiert oder syn-
thetisiert er die gegenwärtigen
Kanatverhältnisse Hamburgs,
die, was das Vereins- and
Maseumswesen and alles das,
aias Staat und Pablikiun
dazu than können, anlangt,
in Deutschland auf einsamer
Höhe stehen. Man kann die
Essenz des Buches auf den
Autor selbst anwenden. Solche
Einzelkräfte wie Licbtwark, «^
denen eine freiere Staatsform ^
grössie Wirksamkeit erlaubt,
können in Hamburg mehr
than als ganze Ministerien
anderswo. Hamburg ist zu
gratulieren , dass es solche
Menschen wie Licbtwark und
Brinckmann zu finden — und
zu hallen versteht. Dies Buch
sollte auf keinem Regierungs-
tische fehlen.
Wir möchten dem Wunsche
nach gedeihlicher Entwicke- S
lang, mit dem das Buch
schliesst, die Überzeugung
hinzufügen, dass eine Re-
publik, die nur durch die
praktische Einsicht und die
Intelligenz ihrer freien Unter-
thanen zu dem Ehrenplatz
»gleich nach den König-
reichen* in der Ökonomie der
Nation gelangt ist, auch im
modernen Gewerbe, das vor
allem schärfste Einsicht in
den praktischen Wert der
Dinge verlangt, nicht zurück-
bleiben wird. -f-
DIREKTOR; C. R. ASHBEE
MOBILIAR - BELEUCHTUNGSKÖRPER - METALL-
QEQENSTAnDE - SCHMUCK.
Oie QtLDE VERANSTALTET IM DEZEMBER EINE AUSSTELUUNCI
I8SE BEI KELLER h REINER IN BERLIN W. 3b.
POTSDAM ERSTRA8BE 132,
-TRA-
-TIO-
C. Anqerer
^^ IN Wien
, ni/l OnmilBEISTRUSE V- 48
MITISntrillCHE
UHTUBTALT
EMPFEHLEN SICH BESTENS
ZUR ANFERTIGUNG VON
Autotypien, phototypien, chemitypien
UND CHROMOTYPIEN.
41
LoQii XVI., Empire etc.
v.#fR> in GalfiDDphstik
na<^ illuetrierfem :%fa1o3
und auf "Verlangen noc^ ßcBondcren
JlZodellcn der i^ünsflcr.
franzfiscber^Sobit
'^ miwDM
) '
itlMiMknir.
EingclngsBa ScbuUmarkt Sr. 71614.
$pciumit> RMafltmitc üRgnlK-CaiKt«
• Clt*i(i Tikriial. ■
«titte MiMtn. M>
Raasa-tinoleiin.
DIE KÖNIGLICHE PORZELLAN-FABRIK IN KOPENHAGEN
VON
C. NYROP
Neues and Altes ringen gegenwärtig in
wanderliclier Weise miteinander auf dem Ge-
biete der Kunst and der Kanslindastrie. tDie
Kanst sinkt Tag für Tagt, raft man von der
einen Seite. tJetzt erwacht die Kanst, eine
neue, grosse Kanst*, so tönt es mit Begeiste-
rung Don der andern. Die ganze Bewegung
ist merkwürdig plötzlich gekommen. Als
BLANQVI im Jahre 1851 seine vortrefflichen
Briefe über die erste Wellaasstellung schrieb,
sah er in Russland, Amerika und Australien
die Zukunft, in Indien, China und der Türkei
die Vergangenheit. Von Japan spricht er gar
nicht, and doch lag ein bedeutendes Stück
Zukunft in diesem damals so fernen Lande.
Nicht zwanzig Jahre später entdeckte man
erst mit Erstaunen, dann mit Bewunderung
Japans feine, fesselnde Kanstarbeiten. Japan
ward nachgeahmt. Dieser Japonismus war
aber nur ein Cbergangsglied. Die Liebe zur
Natur, die aas der japanischen Kunst atmet,
verbreitete sich wie ein befreiender Hauch.
Das Naturstudiam erweckte die Phantasie
unserer Künstler, so dass sie anfingen, nach
freier, grosser Schönheit zu streben. Man
drehte den alten Stilarten den Rücken.
Der frische Strom war jedoch nicht lauter
Harmonie. Es fanden sich darin wunder-
DBKORATIYE ECKST. HEFT i. Ji
liebe, ja wilde Einfälle. Es bildeten sich
Urfeile für und wider, die leidenschaftlich
gegen einander kämpften. In der dänischen
Kanslindastrie kam dieses auf der nordischen
Ausstellung in Kopenhagen 1888 zum Vor-
schein.
Der Mann, der bei dieser Gelegenheit alt
Leiter auftrat, der jetzige Etatsrat PHILIP
SCHOU, sah die Zukunft der dänischen In-
dustrie in der Entwickelung der dänischen
Kunstindustrie ; es ist daher natürlich, dass
man auf dieser Ausstellung diejenigen däni-
schen Künstler, die von den neuen Strömungen
berührt waren, auch als Aussteller in der
Abteilung für die Industrie findet. Die Aas-
stellung hatte sie veranlasst, sich zusammen-
zuschliessen, und sie stellten gemeinschaftlich
unter dem Namen »der Dekorationsoerein*
aas. Die von ihnen ausgestellten Arbeilen
uerarsachien einen überaas hitzigen Kampf,
der sogar seine Spuren in grossen europäischen
fachlichen Zeitschriften hinterliess. Während
ein französischer Kritiker in der » Gazette des
beaux artst von »dieser jungen, vergnüg-
lichen Kunstt spricht, braucht BRUNO BuCHER
einen so starken Aasdruck wie »Scbaader-
kammer', wenn er die Ausstellung des Vereins
erwähnt.
DIE KÖNIGLICHE PORZELLAN-FABRIK IN KOPENHAGEN
Unter den in dem Dekorationsverein aas-
stellenden Künstlern befand sich eine ziemlich
grosse Anzahl Keramiker, wie Thorvald
BiNDESBöLL, Niels Skovcaard, Joachim
Skovgaard II. a., von deren Hand man jetzt
eine Reihe vorzüglicher Arbeiten in dem Kopen-
hagener Kanstindusiriemuseum sehen kann.
Solche Arbeilen, wo der Künstler der einzige
Schaffende ist, können nicht hoch genug ge-
schätzt werden. Die neue Richtung strebt
ja unter anderm danach, die Kunst und das
Handwerk auf das innigste mit einander zu
verbinden ; nach diesem Ziele hin arbeitete
auch Philip Schoü eifrig als Direktor der
königlichen Porzellanfabrik in Kopenhagen.
Das, was die Künstler des Dekorationsaereins
erstrebten, danach trachtete auch die könig-
liche Porzellanfabrik, nämlich freie, frische
Schönheit; deshalb spielt die Aasstellung
dieser Fabrik im Jahre 1888, die erste unter
der Leitung PHILIP SCHOV's, eine so grosse
Rolle in der Geschichte der dänischen Kunst-
industrie.
Vom Anfange des Jahrhunderts an hatte
die dänische Kunstindustrie, eine Zeitlang in.
römische Empirekleidung, zuletzt in verhältnis-
mässig reiche Renaissancegewänder gehüllt,
auf sogenanntem klassischen Boden gearbeitet,.
jedoch stets in antikisierender Richtung. Noch
bei der Pariser Weltausstellung 1878 kon-
statiert Juuus Lessing in der dänischen
Kunstindustrie: *die uneingeschränkte Herr-
schaft des hellenischen Stils. Dieser Stil*,
sagt er, > ist die einzig angesehene and ge-
achtele Richtung in Kopenhagen*. Irrtümlich
schreibt er diesen Stil dem Einflasse Thor-
WALDSEN's zu. Die antikisierende Richtang
der dänischen Industrie stammt aus einer Zeit,
da Thorwaldsen noch ein junger, unbe-
kannter Anfänger war; sie wurde ausgebildet,
bevor seine Kunstwerke den langen Weg von
seinem Atelier in Rom bis Kopenhagen zurück-
legten, und sie besitzt auch nicht die reine,
ideale Schönheit seiner Kunst.
Wie aus obigem hervorgeht, war die däni-
sche Kunstindustrie durchaus konservatio. Die
Gotik, das Rokoko, sowie die allnordischen
Formen halten dann und wann Versucht, die
Übermacht zu erlangen, waren jedoch nicht
durchgedrungen. Es wurde daher der Stadt
Kopenhagen eine grosse Überraschung bereitet,
als die königliche Porzellanfabrik auf der
Ausstellung von 1888 in ganz neuen Kleidern
auftrat, denn auch diese Fabrik hatte bisher
selbstverständlich den antikisierenden Slil-
arten gehuldigt.
DIE KÖNIGLICHE PORZELLAN-FABRIK IN KOPENHAGEN
Die Fabrik wurde im Jahre 1775 von
dem dänischen Chemiker Frantz Heinrich
M Oller geschaffen. Er hatte selbständig
herausgefunden, hartes Porzellan herzustellen.
Es gelang ihm, eine Gesellschaft zu bilden,
die seine Erfindung ausnützen sollte, und er
verstand es, den dänischen Hof dafür zu
interessieren. So geschah es, dass die Fabrik
im Jahre 1779 an den dänischen Staat über-
ging. Müller wurde königlicher Beamter und
die Fabrik sollte nun wesentlich nützlich sein.
Um möglichst viel Geld im Lande zu be-
halten, sollte sie hauptsächlich blaugemaltes
Porzellan zum Gebrauch herstellen. Selbst- i
verständlich aber machte sie nicht wenige '
Abstecher in das Reich der Kunst. Es sind
noch die niedlichsten kleinen Figuren aus
der ersten Zeit der Fabrik vorhanden, Statu-
etten, Gruppen, wie auch Vasen etc., die jetzt
zu hohen Preisen gesucht werden und davon
zeugen, dass der Fabrik tüchtige künstlerische
Kräfte zu Gebote standen.
Damals herrschte das Rokoko. Was diese
Stilart geschaffen hatte, musste jedoch ver-
schwinden, als die antikisierende Richtung
ihren Anfang nahm, and Dänemark hatte
im Jahre 1815 in dem Württemberger G. F. ahsold krog
Hetsch einen Sohn erworben, der mit seiner
ganzen Energie unablässig einschärfte, dass ihm hervorgerufenen »reinen* Formen mit
ein Kunstwerk nur auf dem Boden der Klas- ihren geraden Linien, tklassischent Orna-
sizitäl geschaffen werden könne. Ungefähr menlen und der starken Vergoldung wurden
vom Jahre 1820 an übte er Einfluss auf die als ein Triumph des guten Geschmackes be-
königliche Porzellanfabrik aus, und die von grüsst. Mit einiger Modifikation stand die
Fabrik nach auf dieser Grundlage,
als der Japonismus anfing; damals
aber war sie bereits nicht mehr eine
Staatsinstitutio n .
Nachdem die Fabrik eine geraume
Zeil hindurch für den dänischen Staat
ein zehrendes Aktiv gewesen war,
wurde sie im Jahre 1867 an einen
Privatmann, den Grosshändler G. A.
Falck verkauft, dem es gestattet
wurde, sie auch ferner tKöNlGLlCHE
PORZELLANFABRIKt ZU nennen. Er
machte indessen nur die Veränderung,
dass er die alten Rokokoformen aufs
neue aufnahm ; die Freude aber, wo-
mit diese Formen begrüsst wurden,
zeigte, dass die Mitwelt begann,
der pseudo-klassischen Einförmigkeit
müde zu werden; bald sollte eine
noch grössere Veränderung eintreten.
Im Jahre 1882 verkaufte FALCK
die Fabrik an die Aktiengesellschaft
Aluminia; so kam sie unter die Leitung
des Mannes, der ihr im Laufe weniger
c. uiSBERG Jahre einen Wellruf verschaffen sollte.
CAM. MOBTESSBN STBPHAS VS5ISG
149
DIE KÖNIGLICHE PORZELLAN-FABRIK IN KOPENHAGEN
Die ursprünglich nur kleine Fayencefabrik
Alaminia nahm einen schnellen Aufschwang,
als der polytechnische Kandidat Philip SCHOü
im Jahre 1868 mit ihr verknüpft wurde. Er
bildete sie zu einer Aktiengesellschaft am and
sein energischer Eifer, der darauf hinausging,
Leben und Bewegung in die dänische Kunst-
industrie zu bringen, fährte ihn von der Fa-
yence zum Porzellan. Die Fabrik Aluminia
stellte — jedoch nur in geringem Umfange —
Porzellan her, dessen Dekoration nicht jene
»Hinneigung zu den antiken Formen* zeigte,
die deutsche Weltausstellungs - Kritiker als
eigentümlich dänisch nachgewiesen hatten.
Auf SCHOlfs Anregung kaufte die Aklien-Ge-
seUschaft die königliche Porzellanfabrik, and
nachdem die erforderlichen neuen Öfen auf-
geführt worden waren, gewann er im Jahre
1884- den Architekten Arnold Krog, der zu-
gleich ausübender Maler war, als Künstler an
die Fabrik, Alles, was dekorativ schön war,
mochte es da oder dort zu finden sein, inter-
essierte KrOG, während der Japonismas und
die Natur seine Liebe besassen. Hiermit hatte
die neue Aera der Fabrik ihren Anfang ge-
nommen. Unter ScHOlfs und Krog's Leitung
bereitete die Fabrik sich mit aller Kraft zu der
nordischen Ausstellung in Kopenhagen vor.
Diese Vorbereitung bedeutete in technischer
Beziehung die Einfuhrung der Unterglasur-
malerei and in künstlerischer Beziehung den
Bruch mit der bisher in Dänemark gebräuch-
lichen kunstindustriellen Tradition. Man brach
nicht allein mit der antikisierenden Stilart,
sondern auch überhaupt mit dem Satze, dast
alte Stilarten für neue Kunslindusirie mass^
gebend sein sollten. Als die Fabrik im vorigen
Jahrhundert, dem Gebote des Staates Folge
leistend, mit der Blaumalerei anfing, fand
sie, ein glücklicher Aladdin, ein sogenanntes
* Muschelmaster*, das sich bis zum heutigen
Tage erhalten hat und sogleich eine gesuchte
Ware wurde. Es ist ein stark stilisierter,
chinesischer blühender Pflaumenzweig; die
Blaumaler der Fabrik aber, die es tausend
und abertausendmal malten, haben kaum
eine Ahnung davon gehabt, dass ein Vor-
bild aus dem fernen Osten die Grandlage
ihrer Arbeit bildete; jetzt weiss die Fabrik
mit völliger Gewissheit, dass es das ferne
Japan ist, welches zur Erreichung eines Resul-
tates beigetragen hat, das selbst in Frankreich
von Männern wie MariüS Vachon, Edouard
Garnier, Lücien Falize and Roger Marx
mit Bewunderung begrüsst worden ist.
Wie es sich erwarten' Hess, stand das Ire-
sonnene dänische Publikum der Fronlverän-
derang der Fabrik im Jahre 1888 kühl gegen-
über. Was sie hervorbrachte, war ihm zu neu,
zu fremd. Anders aber ging es, als die Fabrik
DIE KÖNIGLICHE PORZELLAN-FABRIK IN KOPENHAGEN
ün folgenden Jahre in Paris atusleüle. Hier
fand sie volles Verständnis. Ihre Aasstellang
nannte man *eine unerwartete Offenbarung,
welche die Kanat, Porzellan zu machen, gleich-
sam mit einem neuen Charakter heroortreien
lässt*, und dieser Eindruck mar dauernd. Meh-
rere Jahre nachher schreibt der Direktor des
Moseums in Siores, Edovard Garnieb, dass
alle Freunde der Keramik sich noch stets der
vortrefflichen Ausstellung der Fabrik im Jahre
1889 erinnern. Er sagt: *Von allen Seiten
hörte man einstimmiges, wohlverdientes Lob.
Die Masse, aus der die ausgestellten Gegen-
stände bestanden, war schön, die Töne fein
und delikat, die Glasur rein und die Formen
pornehm. Die Dekoration war möglichst ein-
fach. Auf den weissen Stücken eine niedliche
Maus oder ein Frosch in Relief, auf den deko-
rierten Stücken eine Blume, ein Zweig, ein
Schmetterling oder eine Libelle in blauer, an-
mutiger Farbe. Dies war das ganze, der da-
durch erreichte Erfolg war jedoch gross and
berechtigt; und später hat die Fabrik neue
Fortschritte gemacht.* Dass es sich so ver-
hält, ersieht man u. a. aus dem offiziellen
Berichte Deutschlands Über die Aasstellung in
Chicago 1893. Diesem Berichte gemäss standen
die Kunstarbeiten der Fabrik mit ihren weichen,
tiefen Unterglasurfarben als tunäbertroffen*
auf der ganzen Aasstellang.
Neben einer vollendeten Technik ist et die
die japanische Kunst durchdringende Liebe
zur Natur, die hier aufs neue gewirkt hat.
Von der heimischen Natur inspiriert, schufen
die Künstler der Fabrik die in ihrem Wesen
dänischen, zu gleicher Zeit aber auch durch-
aas freien Kunstwerke, die einen so grossen
Erfolg gewonnen haben, Unika, von denen
jedes einzelne den Namen des betreffenden
Künstlers trägt. Denn Arnold Krog ist nicht
der einzige Name, den die Fabrik aufzuweisen
hat. Neben diesem Künstler, der 1891 Mit-
direktor an der Fabrik wurde, können viele
andere, wie z. B. G. RoHDE, Th. Fischer.
C. LnsBERG, Gerhard Heilmann, Carl
MORTENSEN und St. Ussing, sowie die Damen
M. Host, A. Schmidt, J. Meyer und B. Na-
THANlELSEN genannt werden.
Es ist Tliatsache, dass die königliche Por-
zeüanfabrik in hohem Grade befrachtend ge-
wirkt hat. Die Siege, die sie im Auslände
gewann, verschafften ihr nach and nach Ver-
ständnis auch innerhalb der Grenzen Däne-
marks, dergestalt, dass die Entwicklang der
DIE KÖNIGLICHE PORZELLAN-FABRIK INTKOPENHAGEN
dänischen Keramik mehr oder minder selb-
ständig wesentlich in dieselbe Richtung ge-
gangen ist. Die königliche Porzellan fabrik
oder vielmehr die von ihrem Direktor PHILIP
SCHOV vor ungefähr 15 Jahren heroorgerufene
Bewegung zum besten der dänischen Kiinst-
industrie hat aber auch über das keramische
Fach hinaus gewirkt. Die in dem *Deko-
rationsuerein* 1888 ausstellenden Künstler,
die nach wie vor wirksam sind, haben
Nachfolger bekommen; endlich muss auch er-
wähnt werden, dass der Verein für das Buch-
handwerk, dessen Wirksamkeit unter seinem
aasgezeichneten Leiter, dem Xijlographen F.
Hendr/KSE.v, von den ersten Bücherfreunden
der ganzen Welt geschätzt wird, in dem Jahre
gestiftet wurde, in welchem die königliche
Porzellan fabrik ~ und zwar auf der Kopen-
hagener Ausstellung JS8S — sich in ihrer
neuen Gestalt zeigte. Die dänische Kunst-
industrie beschränkt sich auf zwei Gebiete:
die Keramik und das Bachhandwerk.
Der Kampf für die neue Kunst besteht auch
heute noch und wird noch eine geraume
Zeit bestehen. Jede natürliche Entwicklung
schreitet ruhig vorwärts. Wenn es schon jetzt
in Dänemark vielen klar ist, dass man schöne
Kunst schaffen kann, ohne ihr die allen Stil-
arten zu Grunde zu legen, so hat die könig-
liche Porzellanfabrik in Kopenhagen in hohem
Grade dazu beigetragen.
Es lag in dem von Philip Schou seiner
Zeit entwickelten Plane, dass in Kopenhagen
ein dänisches Kunslindustriemuseum errichtet
werden sollte. Ein solches besteht jetzt. Es
wurde im Jahre 1896 eröffnet und mit dem
Professor PlETRO Krohn als Direktor bat es
die Flagge der neuen Kunst gehisst. Die Zu-
kunft wird hoffentlich zeigen, dass hier ein
neuer Ausgangspunkt geschaffen ist, der von
Bedeutung sein wird.
&&&&&&&&&&&
T. J. COBDEN-SANDERSON
In dem anmutigsten Teil des vorstädtischen
Londons, in- Hammersmith, ebenso weit von
dem Tumult der Cilg wie den feierlichen Pa-
lästen des Hgde Parks, zwischen den beschei-
denen Villen des Themse-l'fers Upper Matt
STEPIIAS VSSIST,
DEKORATIVE KUNST. HEFT i.
T. t- COBDEN-SANDERSON
liegt Keimscolt House, wo MORRIS so manches
vollendete Druckwerk zu Tage förderte. Hier
wohnte er, hier war er am liebsten. Wenn
auch seine Bücher nur einen geringen Teil
seiner ungeheuren Thätigkeit absorbierten, sie
waren seine Lieblinge, er hat einen grossen
Teil von ihnen selbst geschrieben, war an
allen mehr oder weniger geistig beteiligt, es
war nur natürlich, dass er seine zärtUchste
Sorgfalt auf sie verwandte.
Die kleine Handpresse im Parterre, die zu
Lebzeiten ihres Besitzers nie ruhte, liegt still.
Man hat vor einigen Wochen die letzten von
Morris komponierten Seiten als Bruchstück
(specimen of Froissart) ausgedruckt, bald
wird nichts mehr zu thun sein, und das alt-
modische, gemütliche Haus, in dem so viel
gedacht und geschafft worden ist, wird nur
noch der Pietät der Hinterbliebenen dienen.
Aber der Geist, der hier stark war, lebt
weiter. Er ist von dem kleinen Gartenhaus
an der Themse in die ganze Well gedrungen,
überall befruchtend, überall erweckend und
das Vorhandene fördernd.
Eine der ersten Stellen, auf die er traf, war
das Häuschen schräg gegenüber der Kclms-
cott Press; noch einfacher, winziger als das
MORRls'sche; » The Daves Binderij « sieht daran,
hier arbeitet Cobden-Sanderson, der erste
Bindermeister Englands.
Der Berührungspunkt mit Morris war bei
ihm wie bei vielen anderen nicht ein künst-
lerischer Standpunkt, sondern ein philosophi-
scher. Der Sozialismus, dem Morris so viele
Mittel und Zeit opferte, der bei ihm der Er-
reger war, und die treibende Kraft blieb, ent-
zündete auch in seinem Freunde COBDEX-
Sanderson die gleiche Begeisterung. Er
war ursprünglich Advokat und gab diesen
Stand auf, um Handwerker zu werden, um
sich so in Einklang mit seinem sozialen Ideal
zu bringen.
Man hat oft genug die Aufrichtigkeil dieser
Leute in Frage gezogen, weil man zwischen
ihrem Sozialismus und der Tliätigkeii, die
Bücher für mehrere Hunderte das Exemplar
druckt oder Einbände fertigt, die noch teuerer
sind, nicht die logische Brücke fand. Uns
kann es an sich gleicbgüllig sein, welche
Gedanken den Schöpfer eines Werkes beseelen,
das uns zur Beurteilung vorliegt. Die ange-
regte Frage spielt aber zu sehr in die ganze
Bewegung hinein und berührt auch künst-
lerische Momente, sodass wir sie nicht ganz
umgehen können.
Der scheinbare Widerspruch zwischen den
Anschauungen und den Werken dieser Soziali-
sten löst sich sehr leicht. Es versteht sich
von selbst, dass ästhetische Menschen, die
gleichzeitig künstlerisch produktiv sind, nicht
das Heil der Welt im kunstlosen Barbarentum
zu erblicken vermögen. Ihr Sozialismus em-
pörte sich vor dem Unrat des Unternehmer-
tums, das billig und schlecht arbeitet and
T. J. COBDEN-SANDERSON
dabei reich wird, das Volk verroht und die
Untreue waCbraft. Sie wollten rechtschaffen
arbeiten, vor allem Dinge herstellen, die mo-
ralisch waren, weil bei ihrer Herstellung keine
lauschenden Fabrikationsmittel angewendet
wurden, sondern gutes Material und gute
Technik. So kamen sie xnr Handarbeit. Das
ist zweifellos in unserem Zeitaller der Maschine
ein Bückschritt, aber er war notgedrungen.
Diese Künstler waren durchaus keine Gegner
der Maschine, nur erbitterte Feinde der Leute,
in deren Besitz die Maschinen arbeiteten, und
da sie selbst nicht als Fabrikbesitzer zur Welt
kamen, sannen sie auf ein Mittel, sicli uon
der Maschine zu befreien, und das konnte
nur die Handarbeit sein. Das Ideal des alten
Morris war, tausend Mitarbeiter zu finden,
Leute, gleichgesinnt wie er; er sagte: »die
Menschen haben die Pflicht und es ist ihre
Bestimmung, mit ihren Händen zu arbeiten;
die Arbeil muss ihrer würdig sein und keine
moralischen oder phgsischen Übet für sie zur
Folge haben.t Das Ideal van de Velde's
ist, Fabriken zu treiben, das Gute so en masse
herzustellen, wie jetzt die Schleuderware ge-
macht wird, dem gering Bemittelten, der in
unserem Zeitaller, wo man alles für nichts
haben kann, schlimmer daran ist als in den
Zeilen ohne Maschinen, Schönes zu geben,
zum mindesten nichts Hässtiches.
Man sieht, dieser Sozialismus hat nichts
mit jenem zu Ihun, der sich in unseren Parla-
menten breit macht. Ja, MORRIS, COBDEN-
Sanderson, Crane, van de Vei.de weisen
ausdrücklich jede Beziehung zu jenem zurück;
eine Kluft liegt zwischen beiden : die Politik.
Diese Leute sind keine Politiker, sondern Ar-
beiler, und ihre einzige Propaganda ist die
Arbeit ihrer Hände.
Die schlimmste Begleiterscheinung dieser
Beaktion war der unvermeidlich hohe Preis
der Handarbeil. Der -war nicht zu umgehen.
Aber die Reaktion halle auch andere misslicbe
Folgen. Die bewasste Umgehung der Maschine
masste , wenn nicht zum Archaismus , so
jedenfalls zu Entwürfen treiben, denen ein
wichtiges Zeitelement fehlte. Es ist klar,
dass ein für Ausführung in Handarbeil be-
stimmter Vorwurf anders ist als ein für die
Maschinentechnik gemachter. Selbstuerständ-
lich wünscht der Künstler, u>enn er einmal
auf Handarbeit angewiesen ist, diese auszu-
nützen und kt>mmi so dazu, Dinge herzu-
stellen, die sich der Maschinentechnik direkt
widersetzen.
Das ist der wundeste Punkt unserer modernen
Nutzkunst, dieser circulus viciosus. Keine
Frage: soll sie unserer Zeit wirklich nützen,
so darf sie nicht die Maschine ausser Spiel
setzen. Wo aber sind die Künstler, die' heute
für maschinelle Fabrikation zu arbeilen ver-
mögen. Wir sind lieufe so weit, dass die
Künstler Handwerker werden ; es ist sehr viel,
ungeheuer viel, dass sie »Sozialislen' genug
sind, um die eo ipso nur den Begüterten zu
gut kommende Staffeleikunst mit dem Hand-
werk zu vertauschen ; aber hierbei erleichterte
ihnen der Nimbus der Benaissancetradition
den kecken Schritt. Wir dürfen uns nicht
allzuviel darauf einbilden ; freilich wir waren
so lief unten, dank der bodenlosen Vernach-
lässigung des Handwerks, dass uns schon
dieser erste Schrift gross erscheint. Aber, wir
sind — diesen Schritt vorausgesetzt! — noch
um kein Haar breit weiter als man in der
Benaissance war; der Schritt der heute ge-
than werden muss, ist der zum Maschinisten,
die Künstler müssen Fabrikanten werden. Und
vor diesem Schritt wird sich noch gar mancher
Ateliersozialist besinnen.
Diese zweischneidige Erwägung darf man
bei Betrachtung so ausserordentlich tüchtiger
Künstler wie Cobden-SandersON niclit ausser
acht lassend Bei ihm giebt sie — im Gegen-
T. J. COBDEN-SANDERSON
salz zu vielen anderen — keinen Anlass zur
Schmälerang seines persönlichen Verdienstes.
Denn die Art, wie er die Handarbeit treibt,
hält sich von jener gefährlichen Verschärfung
des erwähnten Gegensatzes möglichst frei,
wie wir sogleich sehen werden.
Man unterscheidet bei der Binderei zwei
völlig getrennt^ Manipulationen, die eine rein
technisch: die Vorbereitung des Bandes — im
englischen ■'For warding " — d.h. also die unter
Umständen höchst schwierige Arbeil, die dem
Buch den Körper giebt, so dass es regel-
recht in seiner Schale sitzt. Über diese
Regeln sind die Fachansichten verschieden.
Cobden-SanderSON verlangt von einem gut
gebundenen Buche, dass es sich an jeder
Stelle ohne Schwierigkeit öffnet, die über-
wiegende Mehrzahl der Binder verzichtet dar-
auf. Für uns scheint die Entscheidung
ausser Frage. Es ist das mindeste, das man
von einem Buche verlangen kann, dass es
sich Öffnet, und die dies vernachlässigende
Theorie, die am meisten in Paris zu Hause
ist, kennzeichnet dadurch nur ihren von Grund
aus verkehrten Standpunkt, in dem Buch ein
objet d'art zu sehen, das nur seines köstlichen
Einbandes wegen da ist. — Eine andere
Frage ist es, ob es möglich ist, jedes Buch
dieser Anforderung gemäss zu binden, da es
hierbei nicht lediglich auf den Binder an-
kommt, sondern auf den Zustand, in dem
. ihm das Buch geliefert wird — Papierstärke
etc. — Wir verweisen für diese Frage auf
das Interview bei Cobden-Sanderson, das
The Studio im Novemberheft 1893 veröffent-
lichte, in dem Cobdes'-Sanderson's, nach
unserer Meinung einzig richtige, Anschauungen
über das Forwarding ausführlich dargelegt
sind.
Die zweite Manipulation beschränkt sich
auf den Schmuck des Deckels, d. h. der
Aussen- und Innenseile — '■Finishingt. Die^ge-
borene Technik dafür, wenn es einmal Hand-
arbeit sein soll, ist die Prägung mit kleinen
Eisen (a petils fers — tools), die einzige, der
sich zu den klassischen Zeiten des Einbandes
die Relieurs Frankreichs und der anderen
Länder bei ihren Vergoldungen bedienten, das
beste Leder dafür: Maroquin. Cobden-Sak-
nERSON legt' nun auf die vollendete Aus-
nutzung der Technik der Allen grösstes Ge-
wicht, er hält auf die tadellose Vergoldung,
die der Stolz der französischen Doreurs war
und ist; aber während diese sich lediglich
darauf beschränken und währenddes grösslen
ir>8
T. J. COBDEN-SANDERSON
Teils unseres Jahrhunderts als Vorlagen für
ihre Dekorationen die Einbände der Allen
mit geringen Modifikationen benutzten, bat
Cobden-SandersON nicht nur seinen streng-
eigenen Stil, sondern sucht auch technisch zu
erneuern, indem er die grosse Kompliziertheit
der allen Vorlagen möglichst vermeidet. Die
Alten wandten Hunderte von Eisen zur Fer-
tigung eines Einbandes an. Cobden-Sa\'-
DERSON begnügt sich mit einem Dutzend etwa,
er wählt seine Zeichnung so, dass dieselben
Formen geschickt plaziert immer wieder vor-
kommen. Man ist seil ilim in anderen Ländern
in dieser Vereinfachung noch sehr viel weiter
gegangen; er hat den Anfang gemacht. Er
legt nicht das Gewicht auf möglichst viel
prunkendes Goldgewirr, sondern sacht dem
Deckel durch die Wahl des Leders — wo
er Mosaik verwendet, bei der Wahl der ver-
schiedenen Ledersorten — und durch die dem
Format streng angepassle Zeichnung, die
immer ganz individuell ist, besonderen Heiz
zu verleihen. Er betont also die Ele-
mente, die nicht lediglich von der
Handarbeit abhängen. Dem Reiz
seiner Zeichnung wird selbst der
geschworene Feind englischer De-
koration nicht widerstehen können.
Hier scheidet sich Cobden-Sander-
SON energisch von MORRIS. Man
kann ihm nie den Vorwurf des Ar-
chaismus machen, den man MORRIS
nur seilen ersparen kann. Die Motive
sind immer der Flora entnommen,
aber es sind keine Rosen, Tulpen,
Maiglöckchen mehr, sondern Orna-
mente, schonanslcheigeneSchöp fang
und geradezu einzig durch ihre ge-
schickte Verteilung. Hier wird die
hei anderer Verwendung zuweilen
gar zu leicblfüssige englische Orna-
mentik zur vornehmsten Grazie.
Wanderbar schliesst sich der netz-
artige, zuweilen spinn weben feine
Charakter der Dekoration dem Leder
an, die goldenen Linien scheinen den
feinen natürlichen Runen des Leders
nachzulaufen, es ist hier eine ideale
Zusammensfimmung von Material
und Technik erreicht, die sich nicht
mehr mit den einfachen Gesetzen
des Gewerbes finden lässt, sondern
nur der Eingabe einer genialen
Hand gelingt!
Wir werden demnächst die übrige
englische Bindekunst Englands be-
trachten , nnd im Lauf der Zeit
auch die gleichen Heslrehungen in nunNE-JOSES
anderen Ländern verfolgen. Viel ist seit
den ersten Bänden Cobdes-Sanderson's ge-
schehen , die Dänen und Belgier haben
Gleichartiges auf eigenen Wegen gefunden.
In einem Punkt bleibt der englische Meisler
aber auch heule noch vollkommen uner-
reicht: in der Verteilung der Schrift. Er
behandelt die Schrift wie ein Ornament:
mit der grösslen Leichtigkeit plaziert er jede
Quantität Bucixstaben zwischen die zartesten
Blumenornamente; sei es an die Ränder,
oder in die Mille, oder gar in mehreren Quer-
streifen über die ganze Fläche des Deckels
hinweg. Es Hegt nicht nur an der Zeichnung
der Buchstaben selbst, von denen eine grosse
Anzahl der geschickten Hand der Frau MORRIS
entstammt, sondern vor allem an der Ver-
teilung, der Einfassung, an tausend anmerk-
lichen Dingen, die gefühlt, nicht konstruiert
werden können.
Viele der Bände — die gelungensten sind
die im kleinen Format -— zieren Werke der
T. J. COBDEN-SANDERSON ~ FARBIGE GLASFENSTER
Kelmscott Press, und die starre Golik des
Innern wird durch die uns viel uerwandtere
Formensprache dieser Einbände gemildert.
Sie heben gerade in dieser Verwendung das
Verdienst Cobdes-Sasderso^^'s heroor, der
trotz der nächsten Nähe seines grossen Freundes
sich nicht abhalten Hess, seine eigenen Wege
zu gehen. ■— Wir bilden eine Anzahl bisher
unveröffentlichter Einbände ab ; beiden meisten
lil-RNI- JONES, GIntftn.
sieht die Goldprägung auf farbigem Maro-
quin, bei einigen auf weissem Pergament,
das dem blanken Gold zur schönsten Frische
verhilft. ,y^ -f-
FARBIGE GLASFENSTER
Man hat in unserem Jahrhundert die im
17. unterbrochene Entwickehmg der Glas-
malerei wieder aufgenommen. Man fand das
verlorengegangene technische Geheimnis wieder,
die Farbentechnologie entdeckte koloristische
Effekte, an die die Alten nie gedacht haben,
und man lernte, die schönsten Farben auf
Glas au f chemischem Wege haftbar zu mächen.
Aber die Fortschritte der Technik allein können
nicht den ungeheuren Aufschwung erklären,
der von England ausging und sich mit grosser
Geschwindigkeit aller an der neuen dekora-
tiven Kunst beteiligten Länder bemächtigte.
Der Grund liegt in der eigentümlichen Eni-
Wickelung der Malerei in den letzten Jahr-
zehnten. Das Beispiel der Engländer, vor
allem DANTE ROSSETTl's, MaDOX BROWNS
und BURNE-JONES', der im Aasland der po-
pulärste wurde, drängte in allen Ländern die
Jungen, immer mehr ihrer Malerei jenen
dekorativen Linienschwung zu gehen, den die
Engländer sich aas Italien geholt hatten, für
den jedes Land neue Quellen ausfindig zu
machen wasste und der sich in den grellsten
Gegensatz zu der typischen Malrichtung unseres
Jahrhunderts, dem Realismus, setzte. Die Eng-
länder merkten bald, dass diese Tendenz den
abstrakten Charakter der Malerei immer mehr
oeränderte, dass sie ihr immer mehr die Be-
rechtigung des Slaffeieibildes nahm, und sie
zogen alsbald die Konsequenz, ihren immer
mehr zu Kartons werdenden, farbigen Kom-
positionen eine bis zum gewissen Grade prak-
tische Verwendung .zu geben. Der Begriff
Karton wurde die Entschuldigung für die
Befriedigung jenes dekoratioen Gelüstes, den
der Realismus der Franzosen und Holländer
zu hartnäckig unterdrückt hatte, als dass sich
nicht die Jungen wieder nach seinem Rhyth-
mus zu sehnen beginnen sollten. Er blieb in
den meisten Fällen ein platonischer Begriff.
Nicht ein Zehntel der vielen Kartons wird
heute ausgeführt, ja die meisten Maler denken
überhaupt nicht ernstlich an die Ausfährung ;
sie stecken noch viel zu tief in der Maler-
tradition und bilden sich unbewusst ein, dass
ein solches Werk ebensogut wie ein Staffelei-
bild verkauft werden könnte, nachdem es •
etwas ganz anderes geworden ist. Sie merken
ihren Irrtum kaum, da sich ihre Staffelei-
bifder ebensowenig verkauften . . .
SELWVN IMAGE
DEKORATIVE KUNST. HEFT i.
FARBIGE GLASFENSTER
Dieser Staffeleicharakter bestimmt die Art
der modernen fartiigen Glasfenster, die bis
heule vorliegen. Es ist ein Cbergangsprodukt
wie so uiele halbgewerblichen Erscheinungen
der nächsten Gegenwart — mit rudimentären
Spuren der oergangenen Malerei, die immer
mehr verbleichen, mil hoffnungsvollen An-
deutungen für die Zukunft, die sich immer
sicherer ausgestalten. Diese Entwickelang
macht eigentlich von vornherein jede Kritik
überflüssig; die Schwächen des heutigen Glas-
fensters springen so in die Augen, man ist
noch so weit von einem Definitivum entfernt,
dass man kaum davon reden dürfle. Die
Kritik ist zu einfach, ah dass sie helfen könnte.
Was wir sagen können, sagt sich jeder Maler
selbst; es sind grosse positive Werte nötig,
die aas dem Ubergangsstadium zur Voll-
kommenheit fähren können — and diese
Werte fallen nicht vom Himmel, sondern
müssen langsam ausgereift werden. Wir ver-
mögen nur anzudeuten, welcher Art sie sind.
Heateentspringl das Glasfenster einem Karton,
der ebenso gut oder schlecht ein Teppich hätte
werden können oder ein Piakai, oder eine
Wanddekoration, kurz eins der vielen vagen
Produkte, die sich die Moderne hervorgesucht
hat, eigentlich nur um Namen zu haben.
Nur ganz ungewisse Erwägungen treiben den
Maler post festum zur Bestimmung seines
Kartons. Die wenigsten denken an technische
Bedingungen. Dem Ausführenden bleibt über-
lassen, das in Glas überzusetzen, was sich
übertragen lässt. So werden zwei Individuali-
täten an demselben Werke zugelassen, die sich
natürlicherweise entgegengesetzt sind.
Betrachten wir die in ihrer Art glänzendsten
Werke BURNE-JoyES unter den Engländern,
Grasset's unter den Franzosen, oder gelungene
deutsche Sachen, wie sie M. LechtER in
Berlin und andere fertig gebracht haben.
Immer sind es figürliche Darstellungen ; die
wesentlichen Linien der Umrisse, die wesent-
lichen Flächen werden in die Glastechnik über-
setzt. Die Sachen müssen primitiv wirken, es
ist unmöglich, ein Porlrät Whistler's mil
allen seinen Schattierungen, eine Landschaft
MONET's mil ihren punktierten Lichteffekten,
einen Leibl oder MENZEL zu einem Glas-
fensler zu verwenden.
Und doch stellen diese Leute die spezifische
Kunst unserer Zeit dar, haben lange Zeil genug
gebraucht, um sich durchzudrücken, haben
uns mit ihren Augen sehen gelehrt, und wir
sind Stolz darauf geworden, sie zu besitzen.
Alles das sollen wir auf einmal vor diesen
Glasfenstern vergessen !
Denn dass wir es hier nicht mit einem Ge-
mälde, sondern einem Glas fensler zu thun haben,
kann uns doch nicht darüber hinweghelfen,
dass diese Darstellungen in rohster Form Dinge
andeuten, die jene Maler uns mil unvergleich-
licher Vollkommenheit entdeckt haben.
Und ganz abgesehen von unserer künstle-
rischen Überlieferung : giebt es etwas weniger
Zeitgemässes als in unseren Tagen, wo alles
FARBIGE GLASFENSTER
der Erkenntnis geopfert wird, unsere Sinne mit
bewusst prin\iÜven Darstellungen zu täuschen
zu suchen.
Der Versuch hol sein Recht, wenn die Täu-
schung gelingt. Die gläubigen Beter in den
romanischen und gotischen Kirchen, deren
herrliche Glasgemälde ein mächtiges archi-
tektonisches Gefühl widerspiegeln, denselben
Geist, der in dem Raum und in dem Gemüt
der Gemeinde schlummerte, sie legten sich,
wenn ihr Blick die flüssigen Farben der
Fenster traf, nicht die Frage oor, ob jene
Gestalten ihrer Zeichnung nach möglich
waren.
Wir haben auch heute diesen Dingen gegen-
äl>er nicht den verstandesmässig kontrol-
lierenden Standpunkt, weil auch uns noch
die Macht jenes Geistes packt, der damals in
den Kirchen wach war, und deshalb gehen
wir auch heute noch am leichtesten da mit,
wo sich das moderne Primitive des Archaismas
bedient, also an die Formen erinnert, die wir
von den Alten her kennen.
Aber anders ist es, wenn wir in diesem
Primitioen Elemente entdecken, die der Kunst
unseres Jahrhunderts, gerade der, die sich die
grösste Annäherung an die Natur zum Ziel
gesetzt hat, eigen sind, wenn z. B. die scharfe Be-
obachtungskanst eines FORAIN oder Lavtrec
auf diese Weise verwandt wird. Dann wirkt
das Primitive wie Verstümmelung, und wir
vermögen nicht der Skepsis Schweigen zu ver-
bieten, die nach der Existenzberechtigung
solcher Werke fragt.
Und trotzdem gewinnen diese anfangs so
abslossenden Sachen, wenn man sie wieder-
sieht. Die Periönlichkeil, die in den Bildern
dimer i$mier enthalten ist, kann sich auch
hier nicht verleugnen. Sie ist hier anders,
man möchte sagen, nackt, es fehlt ihr viel
von dem geistreichen Charme, der die Bilder,
Lilhographien und Plakate derselben Künstler
umhüllt, aber man findet dafür etwas Neues,
was man früher nicht gesehen hat: den deko-
rativen Wert ihrer Linien. Es gelingt bei
vielen, sich über das, was diese Zeichnungen
darstellen sollen, hinwegzusetzen und sich nur
an dem Spiel der Linien und dem Kontrast
der Farben zu freuen. Man kommt dann
auf einen rein künstlerischen Extrakt, der
den für rein ästhetische Empfindungen zu-
gänglichen Beschauer wohl zu befriedigen
vermag.
Nur : warum, wenn so weit gegangen wird,
nicht die letzte folgerichtigste Konsequenz
ziehen und jede Beziehung zu der Natur be-
wusst abbrechen ? Warum dann nicht das reine
Ornament, das den Verstand in Frieden lässt
und nur das Schönheitsgefühl erquickt, warum
nicht die an keinen Stoff gebundene freie Linie?
Keine Frage, es steckt eine grosse Kunst
in Bl'RNE-Joy^S' Kartons, vielleicht das beste,
was er je gemacht hat, auf das wir nie ver-
zichten möchten. Aber nicht darum handelt
es sich, sondern: kommt diese Kunst nur in'
dem Glasfenster zur Geltang? Passt sie dafür
FARBIGE GLASFENSTER
besser als für ein anderes Gewerbef Hat sie
überhaupt etwas mit Geiverbe zu thun9
Und . wie viel Impotenz versteckt sich bei
anderen dahinter? Man denke an die Rolle,
die ein L. 0. Merson in Paris erlangt hat!
Seine faden Sentimentalitäten des ärgsten
Epigonentums gelten in der Stadt der höchsten
känstlerischen Anspräche für modern, liur
weil er auf den geschickten Einfall kam, sie
auf Glas übertragen zu lassen. Neben diesem
Nichts erscheint Grasset wie ein Genie. Bei
ihm findet man zum mindesten eine stark
dekorative Linie, ja man kann so weit gehen,
zu sagen , dass seine Art am besten im
Glasfenster vor allen anderen Verwendungen
lar Geltung kommt. Von seinem starken
Stilgefühl zeugt seine grosse Serie Jeanne
d'Arc für die Kathedrale von Orlians, die
mit seltenem Verständnis dem Stil der
Kirche angepasst und trotzdem ein persön-
liches Werk ist. Aber auch da, wo er ganz
UltM UAItJ NEWILL
frei ist, sind seine Kartons Bilder, nie Orna-
mente.
Man könnte einwerfen, dass ja auch die
Alten stets figürliche Darstellungen verwandten,
thalsächlich bestätigen aber die Schätze der
Alten nur unser Prinzip. Der um das Jahr 1000
lebende TheOPHILUS, dessen Vorschriften wie
für die Malerei, so auch für die Glasmalerei
bis zum ii. Jahrhundert befolgt wurden,
spricht allerdings nur von Figuren mit Ge-
wändern in seinem Kapitel über Kirchen-
fenster; aber wirken diese Figuren figürlich?
Man betrachte die glänzenden Werke des
12. Jahrhunderts. In der Regel sind, wie in
Chartres, die Figuren relativ so klein, dass
schon aas diesem Grande von selbständiger
Wirkung keine Rede sein kann. In Chartres
sind auf einer Fläche von 9 m etwa zehn
Gruppen mit zahlreichen Figuren übereinander-
gestelli. Wo grössere Dimensionen angewandt
werden, wie in der wandervollen Passion in
Poitiers, tritt nur noch deutlicher
das bewusste oder unbewasste Be-
streben der Kunst jener Zeit her-
vor, mit ihren Figuren rein orna-
mental zu wirken. Man hat längst
die starke Beziehung zwischen den
iialienischen Mosaiken und den
frühen Glasfenstern des Nordens ge-
funden. Einer der feinsten Kenner
der französischen Glasmalereien,
der verdiente Pariser Architekt
L. MaGNE, von dem man u. a.
in den beiden ersten Heften der
*Arl et Decorationt einen oortreff-
lichen Aufsatz »Le Vitraih findet,
fährt den Christ -in Poitiers auf
den im Mosaik der Markuskirche
zurück.
Worauf es diesen Leuten, mag
man die französischen Kirchen
durchgehen oder die wenigen, diewir
aus der besten Zeit haben, ankam,
das waren Ensemblewirkangen,
sie wollten die Architektur auf die
Fläche übertragen, in der Linie den
Rhythmus wiedergeben, der in dem
Raum ruhte und vor allem ein-
heitliche Farbenwirkungen hinein-
bringen. Das schönste Beispiel da-
für ist wohl die St. Chapelle in Paris,
dieses aus Säulen und Fenstern be-
stehende Schmuckkästchen fran-
zösischer Gotik, dessen särntüche
Fenster bis auf die Rosette, die
leider später und nicht in derselben
Farbe komponiert ist, einem künst-
lerischen Willen entstammen. Wer
floro, Karion ßr tia Gbafaater
FARBIGE GLASFENSTER
-W. u. SCHWISI) Karton f. Glasfmsler in Clasgoai
jemals darin war, wird sich über die Auf-
gabe der Glasmalerei ein für allemal klar
sein. Nie wird man den zauberhaften Ein-
druck beim Eintritt in der ersten Minute ver-
gessen, das flutende Rot, das in lausend Zick-
zackwindungen in den kleinen Haum dringt.
Selbst hier, wo man den Fenstern so nahe
ist, bedarf es erst genauen Hinschauens, bis
man erkennt, dass diese Zickzacklinien die
Kontaren menschlicher Figuren darstellen, und
wenn man eingebend studiert, wird man sogar
die Darstellung des allen and neuen Testa-
mentes in den beiden Fensterreiben heraus-
finden. Aber dies Studium hat nichts mehr
mit dem ästhetischen Genuss zu than. Für
den sind die Bleifassungen nur ein köst-
liches Gitter, durch das der Zauber herein-
bricht.
Sobald die Glaskünstler anfingen, zeichne-
rische Ambitionen zu hegen und die Glas-
mosaik immer mehr zur Malerei wurde, ging
diese Kunst zu Ende. Wir können heute
diesen Ehrgeiz nicht zurückdämmen und mut-
willig etwas verleugnen, dessen Besitz uns
mit Stolz erfüllt. Nur das reine Ornament
bietet hier den Aasweg. Es zwingt uns nicht,
uns selbst zu vergessen und gewährt, was
wir brauchen.
Das ist's, was sich bei Betrachtang all der
modernen stilisierten Landschaften und Figuren
aufdrängt, die uns nachher als Glasfenster
begegnen, mögen sie von dem Archaismus
oder von den thatsächlich in der modernen
Kunst liegenden dekorativen Elementen her-
kommen. Sie verletzen das, was uns die
beste Kunst unserer Zeit geschenkt hat und
geben nur die Andeutung eines Ersatzes, den
die Zukunß bringen soll. Es hilft nichts
dagegen zu murren , der Übergang muss
durchgemacht werden, and wir alle, die wir
teilnehmen, werden ein kleines Verdienst dabei
haben, wenn wir dem Übergang fördernd
beistehen und zum mindesten die Künstler
nicht abhalten, den schweren Weg zu gehen,
den sie seihst finden müssen. Eine sprung-
weise Entwickelang giebt es nicht und hat
es nie gegeben. Zweifellos hat Bvune-Jones
erst, nachdem er an seinen Kartons die Festig-
keit seiner Linie erprobt hatte — eine Eigen-
schaft, die man nie in seinen Gemälden oder
Zeichnungen findet — reine Ornamente ge-
macht. Er hatte in MORRIS, der sich mit
der Ausführung der Kartons befasste, einen
nnschätzbaren Helfer, den man verkennt,
wenn man ihm nur technische Seiten zuspricht.
Morris war für Burne-Jones unddie anderen
alle, mit deren Arbeiten er sich beschäftigte,
das Stilbewusstsein, das ihnen selbst abging.
Er brachte dies zur Geltung und unter-
drückte möglichst das störende Beiwerk; auf
diese Weise erwarb er sich ein Becht, als
Mitschöpfer so wundervoller Werke wie der
Glasfensler von Oxford oder Cambridge zu
gellen, auch wenn er sie nicht entworfen hat.
FARBIGE GLASFENSTER
Freilich, MORniS hat kein einziges modernes
Glasfenaler geschaffen, modern im Slil, modern
in der Technik. Viel verdanken wir ihm'
hier wie auf jedem anderen Gebiete, er hat
ans wieder Aufgaben gezeigt. Aber wir
können nichts besseres thun, als den Weg,
den er zur Lösung dieser Aufgaben wenigstens
im üorUegenden Gebiete einschlug, schleunigst
zu verlassen ; er führt in die Vergangenheit,
nicht in die Zukunft.
Es ist auffallend, dass dieser auf das
Ornament zielende Standpunkt noch in keinem
der Fach werke über moderne Glasmalerei
betont wurde, und es erklärt sich nur da-
durch, dass die Autoren der bisher vorliegenden
Werke gewöhnlich selbst Glasmaler sind. Wir
wollen von diesen Fachschriften nur die zwei
neuesten flüchtig betrachten, eine Broschüre
von J. Ga uniN, dem Inhaber der besten
Pariser Werkslälte für Glasmalerei, betitelt
*Propos d'Art et de Techniqne» (Selbstverlag,
6 rue de la Grande Chaumiere, Paris) and
das glänzend ausgestaltete Werk des in ähn-
licher Slellung in London thätigen Engländers
H. HOLIDAY -Stained Glass as an Art' (bei
Macmillan & Co., Lt'', London), beide Ende
vorigen Jahres erschienen. Zumal das eng-
lische Werk enthält alle einschlägigen tech-
nischen Fragen mit dankenswerter Exaktheit,
ermüdend ausführlich wird der künstlerische
Teil der Bemalang behandelt. Beide Bücher
kommen nach langen Umwegen zu der Offen-
barung , dass die Zeichnung stilisiert sein
müsse, beide versagen sich den Schluss auf
das reine Ornament.
Man kann ihnen das nicht verdenken; es
ist uon keinem Menschen zu verlangen, dass
er sich in das eigene Fleisch schneide. Mit
dem Moment, da sich das Ornament des
Glases bemächtigt, hört die Rolle der heutigen
Glasmaler auf, resp. sie modifiziert sich in
denkbar wesentlichster Art. Heute ist der
Glasmaler *Künsller«, er sieht in engster Be-
ziehung zur Malerei, sei es, dass er sich seine
Karions machen lässl oder selbst macht.
Dieser Nimbus ist es wohl, von dem er sich
am schwersten trennt. Vollzieht sich der
Umschwung, so wird die Kunst nicht ge-
ringer — denn es ist watirhaftig nicht leichler,
in einem rein ornamentalen Karton persönlich
zu sein, als in einer gemalten Episode —
wohl aber wird die Übertragung des Karions
leichter, zum mindesten einfacher und befreit
sich Don der manuellen Malgeschicklichkeit der
gegenwärtigen Glaskünstler. Sie wird wieder,
was sie in ihrer ersten Zeit war, Mosaik.
Aber diese Enlwickelung lässl sich nicht
aufhalten. Sie erhielt eine unerwartete Hilfe
n f. Ghaftniter In Glaigoi»
FARBIGE GLASFENSTER
verwandte. 'TiFFANY a. a. leiteten diese Ver-
wendung in breitere Bahnen.
Die Asthenie des Materials fusst auf der
Erfahrung, dass das, was den gotischen
Gläsern den ausserordentlichen Reiz giebt und
ihrer koloristischen Qualität zu Hilfe kommt,
in der unebenen Oberfläche des Glasflusses
besteht, deren Zufälligkeilen die alten Glas-
mosaikisten zu benutzen verslanden. Das
amerikanische Glas erreicht zuweilen die Stärke
des alten Materials, aber es verzehnfacht den
Farbeneffekl ; es enthält in demselben Stück be-
liebig viele Nuancen gemischt, die durch Über-
einandergiessen von farbigen Glasplatten ent-
stehen, sich willkürlich durchdringen und so ein
Material geben, das an sich schon Bild ist.
C. VLE, tiandirn
— wieder einmal nicht durch die Kunst,
sondern die Technik — von Amerika, wo
man eine neue Glasart erfand, die unter der
Bezeichnung i amerikanisches Glasi sich lang-
sam aber stetig, in letzter Zeil rapid den
allen Kontinent erobert, ein Material, das alle
Schätze der Vergangenheit in den Schalten
sleltf.
Von wem die Erfindung eigentlich stammt,
ist uns unbekannt, die Facliwerke des Konti-
nenls reden von den Amerikanern so wenig
wie möglich; die ersten Proben tauchten vor
ca. 20 Jahren in Amerika auf, die ersten
Fabriken waren die von Henri — die nicht
mehr existiert — von Heidt, die beule noch
die erste ist; diese in Brooklyn, mehrere
andere in Kokomo im Indiana-Staat, wo man
aus der Erde strömende Gase als natürliche
Wärmequelle zur Fabrikation benutzt.
Fest steht, dass der hochbegabte Maler
John La Farge zuerst das neue Material
künstlerisch zu Mosaiken und Glasfenstern
C. VLE, Manrhai
FARBIGE GLASFENSTER
Aus solchem Material isl
esnicht schwer, Glasgemälde
za machen. Der Karton ver-
hält sich hier lur Aas-
fährung wie die Puppe zum
Schmetterling.
Wir bilden einigeder Glas-
fenster ab, die BING vor
einigen Jahren nach Kar-
tons französischer Künstler
durch TiFFANY aasführen
Hess. TiFFANY hat seine
ganze Kunst eingesetzt, um
die lustigen Einfälle Lav-
TREC's and seiner Genossen
festzuhalten. Der Jardin des
Tuiteries nach K. X. Rous-
SEL ist eine Harmonie in
braungelb und blau; die
Matter mit Kind nach P.
VüILLARD ist namentlich
in hellbraun und grünblau
gehalten.
Wir erwähnten schon im
ersten Heft bei Würdigung
der Lampen TiFFANY s.dass
das uon ihm verwandte Glas-
material jetzt bereits stück-
weise in der ganzen Welt
za haben ist und hoben an
anderer Stelle den Ham-
burger Engelbrecht her-
vor, der ein grosses Lager
der Gläser unterhält und
sich ihrer mit grossem Ge-
schick bedient. Wir bilden
eine Anzahl setner Fensler
ab, von deren Entwürfen
im übrigen das gilt, was
wir von der ganzen Gal-
tung gesagt haben.
An figürlichen Glas fenster- Kartons besitzt
auch die ältere deutsche Kunst unseres Jahr-
hunderts kostbare Werke, die sich getrost
neben den englischen Präraphaetiten sehen
lassen können. Wenn wir nur den einen
Grossen — Moritz von Schwind — hätten,
könnten wir schon stolz sein. Seine wunder-
bare, einfache Ausdrucksfähigkeit, sein sicherer
Geschmack prädestinierten ihn zum Karton-
künstler. Die beiden abgebildeten befinden
sich in Glasgow.
Weniger bekannt dürfte sein, dass sich auch
unser grosser BOCKLIN auf dem gleichen Ge-
biete uer sucht hat. Auf der Baseler BOCKLIN-
Ausstellang hing gleich am Eingange eine
blumensireuende Flora, die zur Aasführung
in Glasgemälde bestimmt war, aber nie dazu
DEKORATIVE KUNST. HEFT t. U
R. EVALDRE, BrOuel
gelangte. Im anderen Saale hing das Gemälde
gleichen Namens, nach dem BOCKLIN mit
grösstem Geschick den Karton entworfen hat
mit Weglassung aller Details und stilisieren-
der Veränderung des Landschaftlichen; die
Figur isl ziemlich dieselbe geblieben. Man
kann an diesem Karton sehen, welch deko-
rative Grösse in der BöCKLIN' sehen Linie steckt.
Die Amerikaner haben durch ihr wunder-
volles Material indirekt einen enormen und
zwar wohltbätigen Einßuss auf die Ent-
wickelung des Kartons gewonnen: es zwingt
den Künstler zur Vereinfachung, indem es
für die Ausführung des Kartons nur Mosaik
zulässt. Denn es braucht nicht erst auf den
geradezu bodenlosen Irrtum hingewiesen zu
werden, der das herrliche amerikanische
FARBIGE GLASFENSTER
Material mit der Hand bemall, um gewisse
Detaih des Kartons zur Darstellung za
bringen. Wir erwähnen ihn, weil wir ihn
Ihatsächlich in Deutschland bemerkt haben.
In das Glasfensler gehört keine Schattierung;
umso weniger, wenn es sich um Ausführung
in einem Material handelt, das an sich über
die schönsten Schattierungen verfügt. Man
sieht an den Bäumen in dem RoussEL'schen
Karton und dem Kleid der Frau in dem
VviLLARü' sehen Vorwurf, zu welch natür-
lichen Varialionen das Material Raum lässt.
Einen Fehler hat das amerikanische Glas.
Es lässt seiner Stärke und der Konzentration
Entworfen u. aaigef. v. K. ENGELBRECHT, Hamburg
seiner Nuancen entsprechend das Licht un-
gleich weniger durch als das gewöhnliche
Glas. Das beschränkt, wenn auch nur im
gewissen Grade, seine Verwendbarkeit. Der
Architekt LA Farge, ein Sohn des bekannten,
hat einmal gesagt, man müsse in den Kirchen
zweierlei Fenster verwenden, solche, die nur
der Dekoration wegen da sind, und solche,
die Licht geben. Jedenfalls giebt es in der
That Fenster, deren Anlage wesentlicher aus
Rücksicht auf Symmetrie u. dergl. als aus
Zweckmässigkeitsgründen geboten erscheint.
Im übrigen lassen sich aus den hellen Nuancen
der amerikanischen Gläser sehr wohl Fenster
herstellen, die den erwähnten Nachteil nur in
ganz geringfügigem Masse haben. Die Praxis
pflegt, diesem Umstände Rechnung tragend,
mit Vorliebe amerikanische Gläser mit anderen
zusammen za benutzen ; die Franzosen — bei
denen übrigens auch minderwertige inländische
Nachahmungen im Gebrauch sind — ver-
wenden sie namentlich zu den Rahmen der
Glasgemälde u. s. w.
Die Technik der amerikanischen Glasfenster
werden wir demnächst bei der Specialarbeit
über TlFFANY eingehend behandeln.
Die Verwendung amerikanischen Glases
macht nun noch lange kein modernes Fensler.
Amerika ist, trotzdem es das neue Material
FARBIGE GLASFENSTER
R. EVALDHE, BrOutt
erfanden hat, im Karton darctiaus nicht weiter mancherlei Beziehung gegenwärtig an der
als Europa. Gute Fenslermosaiken gehören Spitze marschieren : Belgien und Holland. In
auch dort noch zu den Raritäten. Die über- beiden hat sich das zeichnerisch-dekoratiue
wiegende Masse liegt in den Händen von Element bereits so weit entwickelt, um für
Pseudomodernen vom Schlage MersON's, so rein dekorative Zwecke die richtige Vorlage
Laub, Low, um nur die besten zu nennen, zu geben. In beiden Ländern giebt es Glas-
Moderne Fenstermosaiken findet man bisher fcnster, deren Moliue aus reinen Ornamenten
nur in zwei Ländern, die Überhaupt in bestehen.
FARBIGE GLASFENSTER
Brüsseler ArchUekt Haskar and viele andere
sind gefolgt Sie fanden in dem vorzüglichen
Techniker EVALDRE (OvERLüP) eine aus-
führende Kraft ersten Ranges.
EVALDRE verarbeitet nar die französischen
Imitationen der amerikanischen Gläser; sein
Material hat nicht den Reichtum der Ameri-
kaner, dafür aber den Vorzag, den Ab-
sichten des Küi\stlers genau folgen zu können,
da alle Mischfarben, der Reiz TiFFANts, weg-
fallen. Während der Künstler, der mit ameri-
kanischem Glase arbeitet, seinen Entwurf nach
dem verfügbaren Glasflusse einrichten mass —
kann er das einfachere Material sicherer be-
herrschen. Freilich vermag dieser Umstand
nichts an der anäberlrefflichen Pracht der
Amerikaner zu ändern, und, wenn man Vor-
teile und Nachteile abwägt, kann man nur
wünschen, dass auch die Brüsseler sich zu
dem neuen Material bekehren. Die Belebung,
die dem Ornament dadurch zu teil wird, kann
ganz eigene Reize ergeben.
In Brüssel hat man denn auch die prak-
tische Seite des farbigen Glasfensters begriffen.
Der Zufall lässt den geduldig Suchenden
wohl auch in anderen Ländern Ähnliches
finden. Wir verweisen auf das Glasfenster in
BoNNiER's Arbeitszimmer und die ungari-
schen Arbeiten M. ROTH's. Auch in Deutsch-
land lassen sich neben den in ihrer Art aus-
gezeichneten, stilisierten Glasbildern, wie z. B.
denen M. Lechter's, dessen beste Arbeiten
das vom Kaiser subventionierte romanische
Haas im Berliner Westen schmücken, Ansätze
zu rein ornamentalen Arbeiten konstatieren.
Carl Vle in München und R. HESSE in Leipzig
haben einige ganz einfache hübsche Fensterorna-
mente gemacht, Blumenornamente zwischen
geometrischen Linien. Doch sind das immer
nar Aasnahmen, während in Brüssel bereits
von einer festen Tradition gesprochen werden
kann, die sich nur des Ornaments zu dem
gedachten Zwecke bedient. Nirgends giebt es
soviel farbige Glasfenster wie in Brüsseli sie
fallen dem Fremden gerade so auf, wie in Paris
die Plakate. Man sieht kaum ein neues Haas,
in dem diese farbige Kunst nicht ihr Fleckchen
findet.
In erster Linie ist dies auf VAN DE Velde,
HoRTA und Lehmen zurückzuführen ; Serru-
RlER in Lüttich, der dort, uro es' so viele reiche
Leute und bisher so wenig künstlerisches
Interesse gab, schöpferisch wirkt, dann der
K. ENGELBRECHT, Hamhiir
FARBIGE GLASFENSTER - WOHIN TREIBEN WIR?
Hier ist es nicht mehr der Luxasgegensland,
der Kansf macht, anhekämmert, ob sie am
Platz ist, sondern ein höchst wichtiger Teil
der Architektur, deren Gesetze allein über die
Verwendung entscheiden.
i* '^Diese Gesetze konzentrieren sich auf die
Licht frage; sie verbannen farbiges Glas aus
einer Fensteröffnung, die an sich nur eben
die für den Raum nötige Lichtmenge durch-
lässt, bestimmen den helleren oder dunkleren
Ton der Gläser, und fordern es da, wo der
Blick nicht hinausdringen soll. Gerade in
der Architektur unserer Grosstädte, die immer
mehr auf Ausnützung des Raums bedacht ist
and die Menschen in häaßg allzu enge Be-
rührung zueinander bringt, bei unseren präch-
tigen Vorderhäusern mit den hässlichen Bück-
gebäuden , gewinnt dieser Umstand grösste
Wichtigkeit. Man trägt ihm bereits auch in
Deutsch tand Rechnung, nar nicht auf künstle-
rische Art. Der fade Luxus unserer modernen
Riesenhäuser, der den Trompeter v.on Säckingen,
Wagner'sche Opern oder die reichstreue Ge-
sinnung mit Vorliebe in den Treppenhäusern
illustriert, hat gerade in dem Glasfenster ein
willkommenes Opfer gefunden. Wenn sich
unsere Architekten doch ein wenig darauf be-
sinnen wollten, dass auch ihr Gewerbe Kunst
ist, sozusagen ; vielleicht würde dann der Um-
stand, dass es nicht einen Pfennig mehr kostet,
eine Sache geschmackvoll zu machen, als sie
der traurigen Indolenz der Fabrikanten zu
überlassen, sie bestimmen, sich nicht eine der
wenigen Gelegenheiten zu verschliessen, durch
die künstlerischer Geist in die moderne Woh-
nung zu dringen mrmag. — y —
&
WOHIN TREIBEN WIR?
111
In grossen Zeitkrisen, wenn plötzlich der
Verfall, in den man, ohne es zu merken,
geraten war, zum Bewusstsein kommt und
die Quelle des Übels, die die ursprüngliche
Kraft lahm legte, offenbar wird, entspriessen
in der Form von neuen Theorien Heilmittel,
die alsbald zu unumstösslichen Grundsätzen
werden. Nichts ist gefährlicher als eine über-
mässige Anwendung solcher Universalmitlel.
In meinem Aufsatz des zweiten Heffes haben
wir bereits gesehen, wohin die missverstandene
Heillehre, unsere Kunst durch eine Rückkehr
zni Natur zu verjüngen, führte. Nicht weniger
gefährlich in den Folgen ist eine andere
Theorie geworden, die, von dem Grundsalz
aasgehend, dasslalle künstlerischen Bethöti-
WOHIN TREIBEN WIR?
gangen einer Familie angehören, die Teilung
der Kunst in einzelne Gebiete verdammte und
sich namentlich gegen die Anschauung wandte,
die zwischen hohen und niederen Künsten
unterscheidet.
Von dem Prinzip, dass alle Künste gleich-
wertig sind und zusammenhängen, folgerte
man, dass sie alle nach einem and demselben
Ziele XU streben hallen und ein gemeinsames
Ideal besässen. Und schliesslich war von
der Anschauung ab, dass die verschiedensten
Anlagen allen künstlerischen Belhäligungen
genügen, nur noch ein Schriil bis zu dem
Cbergriff einer Kunst in die andere.
Wir haben alle die Befreiung der Maler
und Bildhauer von ihren hierarchischen Vor-
urteilen als glücklichen Fortschritt begrüsst
und sind ihnen dankbar, dass sie ihren Ein-
fluss za Gunsten der Hebung des Gewerbes
aufbieten und uns die Hand dazu reichen
ivallten, dasselbe vom Versinken za bewahren.
Eine Schar von Künitlern, und zwar von
den angesehensten, haben die abstrakte Rich-
tung ihrer Anschauungen aufgegeben, nicht
nur um Formen and Modelle zu schaffen,
sondern auch selbst um mit eigener Hand
Gegenstände, die dem Gebrauch dienen sollen,
zu fertigen. Da nunmehr eine Anzahl von
Jahren seit dem Anfang dieser Strömung
verstrichen sind, und schon greifbare Besullate
genug vorliegen, lässt sich die Art der Folgen
dieser Bichlnng bereits erkennen.
Wir müssen gestehen, dass das Resultat
weit hinter den ersten Erwartungen zurück-
geblieben ist. Wohl hat die Strömung, die
alle Herzen mit der Hoffnung auf eine auf-
steigende Sonne erfüllte, dem vergnüglichen
Sinn des Dilettantismus etwas gegeben; wohl
verdankt man ihr Werke, die nach der Ästhetik
der abstrakten Kunst beurteilt, grössien Wert
besitzen, aber nur ganz wenige unter ihnen
entsprechen dem ursprünglichen praktischen
Programm. Suchen wir die
Ursachen dieser Enttäusch-
ung. Das Prinzip, das so ein-
fach ist, dass man es kaum
niederzuschreiben wagt, die
Regel, dass die Struktur eines
jeden Gegenstandes sich in
erster Linie den strengen Ge-
setzen seines unmittelbaren
Zweckes zu unterwerfen hat,
scheint, gerade infolge seiner
Einfachheit, dem immerkom-
ptizierlen, auf das Ideal ge-
richteten künstlerischen Geiste
zu entgehen. Die Notwendig-
keit, bei der Schöpfung eines
Gebrauchsgegenstandes die
grundlegende Konstitution
seiner Art zu schaffen, sich
mit den Konstraktionsmetho-
den za befassen, die für seine
praktische Verwendung am
förderlichsten scheinen, die
Frage, ob der einmal herge-
stellte Gegenstand auf ratio-
nellem Wege reproduziert wer-
den kann, alles das, was
gelöst werden muss, bevor
man an äasserliche Ver-
schönerungen, an den künst-
lerischen Originalitätswert,
an die symbolische oder litte-
rarische Bedeutung denken
kann, sind offenbar zu all-
tägige Bedenken, als dass es
Geistern , Welche gewohnt
sind, in höheren Regionen
WOHIN TREIBEN WIR?
aber ohne den strengen Gehorsam vor der
Disziplin des Metiers an der Wtederbelebang
des Gewerbes arbeiten, werden ihre Kund-
schaft in dem engern Kreise der Liebhaber
finden, denen darin liegt, die einzigen Exem-
plare von höchst raffinierten Werken zu be-
sitzen und die steh nicht darum bekümmern,
ob diese Werke zugleich Musler des Gebrauchs-
wertes darstellen.
Es giebi gewiss Ausnahmen, die wir freudig
begrässen, Fälle, wo ein Künstler sich bewusst
wird, dass die Art seiner Veranlagung ihn
in die neue Richtung treibt. Damit es ihm
gelingt, muss ein derartiger Künstler aber
das Feld seiner früheren Thätigkeit oöllig
vergessen und sich mit Leib und Seele der
neuen Bestimmung
U. ROTH Aul 'Maggar IparmavHiel-
ZU schweben, zuzumuten sei, sich gründlich
mit denselben zu befassen, ohne ihrem
wahren Temperamente Abbruch zu than.
Der Gegensalz zwischen den beiden Arten
Don Qualitäten springt in die Augen. Wie
kann man von jenen Privilegierten , denen
die Natur die Gabe verlieh, mit ihrer Ein-
bildungskraft jenem erhabeneren Sinne, jener
tiefern Bedeutung, den sie den materiellen
Dingen beilegen, ideale Formen zu geben,
wie kann man von jenen Träumern das ab-
gewogene Verständnis für die genauen Be-
dingungen des praktischen Lebens verlangen 9
In allem, was sie vornehmen, wird sich immer,
selbst gegen eignen Willen und Wissen, ihre
träumerische Art, der unvertilgbare Stempel
ihrer gewohnten Tradition offenbaren. Alle
solche Künstler, die mit wertvoller Findergabe,
C. VLB, Uandua
WOHIN TREIBEN WIR?
mit Freuden die Wiederbeiebunff einer Kunst
besonderer Art zu feiern, jener Kunst der
Prachlgegenstände, die in der Vergangenheit
der Stolz verschiedener grossen Kallurepochen
gewesen. Denn man bat für jede Bereiche-
rung des Gebietes des Schönen, das nie zu
reich werden kann, dankbar 'zu sein. Diese
Art Gegenstände kommt aber nicht vom
Standpunkte des Nutzwertes in Betracht und
darf nicht der Entwickelang des Gewerbes
zu Grunde gelegt werden.
Die Moral hieroon ist, dass man nicht
zurückschrecken soll, die alte Teilung der
Kunst in zwei genau abgegrenzte Gebiete auf-
recht zu halten nur mit der Erwägung, dass
ein neuer Faktor dabei in Rechnung getreten
ist, der die Art der Klassifikation verändert.
Man nehme auf die eine Seite alles, was
das Prinzip L'ART POUR L'ART schafft.
R. HESSE, Leipzig
die am so schwieriger ist, als dem Künstler
die gründliche Erfahrung abgeht, die nur
eine lange praktische Lehre ergicbt.
Ich möchte nicht, dass das eben Gesagte
missverstanden wird. Es ist eine wirkliche
Freude, wenn mancher Künstler, der vorher
nur mit dem Pinsel, dem Stift oder dem
Meissel arbeitete, jetzt seinen Äusserungen
ein grösseres Feld eröffnet und sich Quellen
erschliesst, die nar zu lange dem höhern
Kunstgebiete fremd geblieben sind. Diese Be-
freiung verdanken wir dem köstlichen Inhalt
imserer Vitrinen. Wenn diese neuen künst-
lerischen Bestrebungen uns auch nur Schöpf-
ungen gebracht hätten von der Art der Gläser
KOEPPING'S — Meisterwerke voll grÖssten
Reizes für die Augen, aber ohne jede gewerb-
liche Prätention — oder von der Art einer
Bronzelampe VALLGREN's, die allerdings für
den Gebrauch bestimmt ist, aber 1500 Frs.
kostet, so würde es schon genügen, um darin
E. GRASSBT, Pari*
MODERNE KUNST IN DER FRANZÖSISCHEN ARCHITEKTUR
MODERNE KUNST IN DER FRAN-
ZÖSISCHEN ARCHITEKTUR:
DAS PARISER HAUS
Während fast sieben Jahrhunderten hat die
an wundervollen Elementen reiche französische
Architektur Werke oon so unvergleichlicher
Vielseitigkeit and so mächtigem Charakter
geschaffen, dass der Einfluss des Genies un-
serer Rasse sich über ganz Europa ausgebreitet
hat. Die kräftige Blüte des Mittelalters war so
fruchtbar, die Pracht des 17. Jahrhunderts hat
einen solchen Glanz ausgestrahlt und die Eleganz
des 18. eine solche Anmut verbreitet, dass alle
Völker dem Heiz unserer monumentalen Kunst
unterlagen und aus ihr Anregung schöpften.
Allein die Kunst, die man unrechterweise Re-
naissance nennt, war eine vorübergehende
Verirrnng, während der die gesunde, logische
yy flir Überlieferung der vorhergehenden Epochen
jene Kunst, die nur das Auge oder den Geist
erfreuen will. Dahin gehört zuerst, der alten
Teilung entsprechend, die grosse Skulptur
und die Staffeleimalerei, und daran hat sich
das Gebiet aller und jeder Gegenstände zu
schliessen, die einer phantastischen oder poe-
tischen Einbildungskraft entsprungen sind,
unter welchen Namen sie auch auftreten
mögen. Auf die andere Seite gehört als Gegen-
salz die NÜTZLICHE KUNST (gleichoiel
ob man ihr diesen Namen oder den der
dekorativen oder angewandten Kunst zuerteilt),
die Kunst, die sich daran zu halten hat, aus-
schliesslich ornamentalen oder rein praktischen
Zwecken zu genügen und welche vernunft-
gemäss auch die Architektur ein begreifen sollte.
Mit dieser sauberen Verteilung jedes Dings
auf das Gebiet, wo es hingehört, wird Klar-
heit in die Gemüter einziehen und wenn jeder
Künstler sich genau darüber klar sein wird,
bevor er sein Werk anfängt, zu welchen
dieser beiden Gebiete es seiner Absicht nach
gehören soll, dann wird die Unzahl von
Irrtümern verschwinden, die die Zukunft ver-
dunkeln und der schönen Bewegung gefähr-
lich werden, auf die das Ende unseres Jahr-
hunderts stolz ist. S. BING
einen nicht immer glücklichen, aber am Ende
doch siegreichen Kampf gegen die aus dem
Studium der Antike hergeleiteten Formen und
gegen Italien auszufechfen halte, das in Frank-
reich alle Lügen jener Architektur einführte.
Diese glänzende Entwickelung versiegte am
Anfang unseres Jahrhunderts, zumal in den
G. LBMUEN dreissiger Jahren, und unsere Baukunst hat
DEKORATIVE KUNST. HEFT i. 777 5
MODERNE KUNST IN DER FRANZÖSISCHEN ARCHITEKTUR
sich ihrer grossen Vergangenheit unwSrdig
erwiesen. Sie wird heute verkannt, zuweilen
sogar verachtet und jedenfalls nicht jener Ver-
jüngung für fähig gehalten, die sie früher
bei jedem Aufschwang des französischen Volkes
an sich vollzog. Man weigert ihr den Stil,
einen Sonderausdruck der Gedanken und Sitten
unserer Zeit and bleibi hartnäckig unempfäng-
B. VAunREHEB
Hof da Lgctt Baffe
lieh gegen die mutigen Versuche unserer Zeil,
die schon geraume Weile am Werk sind und
endlich immer mehr einen entscheidenden
Moment vorzubereiten scheinen. Man über-
treibt die Strenge gegen unsere heutige Archi-
tektur bis zur Ungerechtigkeit. Fraglos hat
das erste Kaiserreich uns einen bösen Sloss
versetzt and die Archäologie um 1850 unsere
Unabhängigkeit gefährdet. Aber es war doch
zu viel Energie in ihr, um ganz zu unter-
liegen. Trotz vieler, zum Teil auch heule noch
anbesiegter Hindernisse, erhebt sie wieder mutig
ihr Haupt, und wenn auch zur Stunde das
Ideal, dem sie zustrebt noch nicht deutlich
festzustellen ist, sicher wäre es Blindheit, dieses
Vorrücken zu leugnen und die durchaus deut-
lichen Bestrebungen zu übersehen, die ich hier
zu verfolgen gedenke.
Die bürgerliche Architektur ist eng mit dem
alltäglichen Leben verknüpft, sie ist sein Reflex.
Das Haus ist die prägnanteste Form
der Kunst, der unmittelbare Aus-
druck menschlicher Bedürfnisse.
Ich werde mich vor allem mit
ihm beschäftigen, und zwar ge-
denke ich zunächst an dem Pariser
Haus den Fortschrift festzustellen,
ohne übrigens die Irrtümer zu ver-
schweigen, die ihm noch hindernd
im Wege stehen.
Von dem alten Paris ist nur
noch wenig übrig geblieben. Wohl
besitzt es noch eine ganze Anzahl
Achtung gebieltnder Gebäude von
alters her, aber seine Häuser sind
neu. Mehr als jede andere Stadt,
Luxuszentrum, geschaffen, um zu
gefallen und zu verführen, hat es
die alten, malerischen, aber un-
sauberen Strassen fast ausnahms-
los geopfert und überall mit seinen
grünen Plätzen, seinen breiten, be-
schatteten Boulevards und Avenuen
Licht und Luft geschaffen. Sicher
kann man den meisten der Häuser
aus den letzten 25 Jahren, selbst
den neaeslen, nichl den Vorwurf
einer allzu engen Konvenienz er-
sparen. Ihren Fassaden fehlen Be-
wegung und Abwechslung, überall
findet man dasselbe Modell. Lange-
weile im Äussern, falschen, billigen
und banalen Lu.xas im Innern.
Aber wenigstens ist dies Haus
gut konstruiert; aus vorzüglichem
Material und rationell in der Raum-
verteilang. Ein weites Vestibül führt
nach der breiten, hellen und in der
Regel mit Aufzug versehenen Treppe. DasAnti-
chambre wird durch einen breiten Flur ersetzt,
der alle Empfangsräume bedient und nach
der einen Seite in den Gang zu den Schlaf-,
Bade- und Toilettezimmern, nach der anderen
Seite in den Gang zur Küche, Speisekammer
und Dienerzimmer endigt, die stets eine be-
sondere Treppe besitzen. Das Speisezimmer
geht nach vorn heraus und verlängert sich
zu einer Loggia, die reiche Fülle von Licht
in den Raum lässt.
Das ist die typische Raumverteilung. Ihre
MODERNE KUNST IN DER FRANZÖSISCHEN ARCHITEKTUR
in die Aagen springenden Vorzöge werden
durch alle modernen Hilfsmittel, die der
Heizung und der Beleuchtung dienen,
üermehrl. Die alten Kamine werden
immer mehr durch Zeniralhevtung er-
setzt; das elektrische Licht wird zur
Regel, Wasser ist überall in Cberfluss.
Man wird bei einem Vergleich dieses
Hauses mit dem aus der Zeit Louis
Philippe's ja selbst des zweiten Kaiser-
reichs den grossen Fortschrift in konstruk-
tiver Beziehung nicht verkennen. Alles
das macht das Haus aber noch nicht
zum Werke künstlerischen Wertes. Seine
dekorative Form entspricht durchaas
nicht unserer Zeil. Daraufhin zielen nun
die Bestrebungen einer ganzen Anzahl
von Künstlern und zum Teil sind ihre
Bestrebungen von Erfolg gekrönt. Leider
werden sie aber nur von einer ganz
kleinen Gruppe geschätzt, im Publikum
sind sie so gut wie unbekannt. Zwischen
A. de BAUDOT Vallhul dna Hi
I. dt BAVUOT
Publikum und den Architekten Hegt eine
Kluft. Diese erscheinen wie eine geschlos-
sene Kasse, an die man nicht heran kann.
Die Menge giebt sich wohl mit einem Bild-
hauer ab, mit einem Maler — sie versieht
vielleicht auch diesen gegenüber nichts von
der Sache, aber sie beschäftigt sich wenigstens
damit. Der Architekt dagegen ist ihr ein
Buch mit sieben Siegeln, sie hat keine Be-
ziehung zu ihm und wenn sie sich mit ihm
abgiebt, geschieht es, um Prozesse gegen ihn
zu fähren.
Dieser betrübende Zustand hat eine Anzahl
intelligenter junger Leute nicht abgehalten, zu
versuchen, dem Publikum näher zu kommen,
es durch Belehrung, durch Schaustellung ihrer
Leistungen für ihr Gebiet zu interessieren. Zu
diesem Zweck wurde 1893 die Architektur-
Abteilung im Marsfeldsalon eingerichtet. Diese
und andere Äusserungen ähnlicher Art sind
nicht unbemerkt gehlieben. Der allgemeinen
Kritik wurde dadurch die Aufgabe erleichtert.
Anstatt dem Publikum Ensemblepläne hinzu-
hängen, die es in ihrer Kompliziertheit nie zu
verstehen vermag, wählte man in die Augen
springende Details, die man als Modelle in
natürlicher Grösse aufbaute, und Einzelheiten
der Dekoration, Möbel, Teppiche, Stoffe u. s. w.,
selbst Fragmente uon Zimmern. Auf diese
Weise lehrte man das Publikum, das wirk-
liche Gebiet der Architektur zu erkennen und
gab ihm einen Begriff von der engen Beziehung
zwischen ihr und allen anderen, dem Nutzen
und Schmuck des Heims dienenden Dingen.
MODERNE KUNST IN DER FRANZÖSISCHEN ARCHITEKTUR
Reinigung des Geschmacks zu be-
treiben, anstatt die Gedanken, die die
Werke der Vergangenheit heroor-
brachten, mit unseren Ideen zu ver-
gleichen und aus diesem Vergleich
moderne Kunstprinzipien zu folgern,
ergab man sich der erbärmlichsten
Nachahmung. — Der öffentliche
Unterricht Ihut alles, um dieser un-
glücklichen Tendenz noch Vorschab
zu leisten. Die tron der Ecole des
Beaux-Arts ausgehende Baulehre ver-
meidet jedes Eingehen auf die not-
wendigen Beziehungen zwischen der
Wissenschaft und der modernen Ar-
chitektur, auf die vernünftige An-
wendung der Materialien u. s. w. Ihr
Grundgedanke ist der Klassizismus.
Dem ist alles, was Neuerang bringen
kann, logischerweise entgegengesetzt.
Daraus folgt Unterdrückung der Per-
sönlichkeit in den Schülern, deren
vage Instinkte gerade der Förderung
im entgegengesetzten Sinne bedürfen.
Der Unterricht soll frei machen,
hat Bude gesagt. Genau das Gegen-
teil ist bei uns der Fall, er macht
unfrei und unfruchtbar ; er ist ganz
verderblich für die zögernden Ta-
lente, die, wenn nicht persönliche,
doch mindestens harmonische Werke
schaffen könnten, er unterjocht sie
CHARLES PLVMET . Y^tib^i d^ fl-«,« 61. Av. Uaiai.ff. Pari. Vollständig Und ist höchst gefährlich
für die besser Begabten, m denen er
Damit ist ein grosser Schritt zur gegen- nur das Virtuosentum entwickelt,
seitigen Annäherung geschehen. Aber es bleiben Der Prix de Borne ist eine Einrichtung, die
noch eine Menge grosser Hindernisse, vor allem sich vielleicht in einer Zeit verteidigen Hess,
die Allmacht der Tradition und der rück- als die Beise nach Italien schwierig und kost-
blickende Geist des öffentlichen Unterrichts, spielig war, obwohl selbst damals ein Besuch
Merkwürdig! — Während man in den Spaniens und vor allem die genaue Kenntnis
Wissenschaften und der Industrie alles von unseres eigenen Landes grösseren Nutzen ge-
der Zukunft erwartet, denkt man nicht daran, bracht hätte. Diese berühmte Auszeichnung
auch in unserer Kunst die Augen nach hat eine mit besonderen Vorrechten ausge-
uorwärts zu richten und wird nicht müde, staltete Klasse bei uns geschaffen, die nicht
die Vergangenheit nach unseren Wünschen aufhört, ihre mehr oder weniger geschickten
zu fragen, sie, die den allgemeinen und be- Zusammenstellungen längst vorhandener arclti-
sonderen Bedürfnissen unserer Gewohnheiten feklonischer Teile in die Welt zu setzen,
immer nur beziehungslos gegenüber bleiben Natürlich hat man oft genug gegen diese
kann. Der Romantismus hatte in unserem Art von Erziehung protestiert und wiederholt
Gebiet nur ein krampfhaftes Zurückdrängen Programme entworfen, die den Geist dieser
in die tiefste Finsternis des Mittelalters und Lehre moderner und vor allem mehr im Sinne
der Renaissance zur Folge und brachte diesen französischer Art gestalten sollten. Diese Ver-
unmöglichen Zwiespalt zwischen uns und den suche sind bisher an der Macht der Vor-
Formen unserer Baukunst hervor. Die sklavische urteile gescheitert Mit warmer Überzeugung
Abhängigkeit von der Vergangenheit nahm haben sich A. DE BAUDOT und PAUL GOUT
den Durchschnittsbeg abangen jeden Hauch zu Aposteln des neuen Geistes gemacht und
von Persönlichkeit. Anstatt das Studium der wiederholt für die Beform unseres Studien-
Allen zum Zweck der Urteilsbildung und der gangs gestritten. Trotz ihrer grossen persön-
MODERNE KUNST IN DER FRANZÖSISCHEN ARCHITEKTUR
liehen Autorität und der Überzeugungskraft
ihrer Beweisgründe haben sie bisher nur un-
wesentliche Veränderungen erreicht. Man hat
wohl den pädagogischen Unterricht ein wenig
erweitert, einen Lehrstuhl für französische
Architektur, den Boeswiswäld inne hat, ge-
schaffen und einen für Geschichte der Archi-
tektur an LuciEN AfAGiVE gegeben: Ver-
besserungen, deren Werl nicht zu leugnen ist.
Aber der eigentliche Lehrkurs der Ecole des
Beaux-Arts ist nichtsdestoweniger derselbe ge-
blieben, der Schritt vorwärts isl unmerklich;
statt der Modelte der Antike, die jetzt ein
wenig vernachlässigt werden, hat man sich
die schlechteste Epoclie der Architektur, den
Stil Louis XV. zum Musler genommen, der
ebenso unausrottbar geworden zu sein scheint,
wie vorher die Antike.
Im ganzen isl von unserer Schule nichts
zu erwarten, sie wird noch
lange allen drängenden Zeitge-
danken verschlossen bleiben.
Um so anerkennungswerler
ist der Mut derer, die sich frei
gemacht haben. Sie sind
selten. Ausser den erwähnten
Schwierigkeilen haben sie
mit einer Menge besonderer
Hindernisse zu kämpfen, und
zwar solcher, die speziell bei
uns mit der bürgerlichen Ar-
chitektur, d. /i. derBaukunst,
die sich mit den Privat- und
den Mietshäusern beschäftigt,
verknüpft sind.
In Paris überwiegt das
Mietshaus. Bis zum vorigen
Jahrhundert behielt die Fa-
milie aus der Mittelschicht
der Bevölkerung die Gewohn-
heil, allein in einem Hause
zu wohnen. Heute teilen Arme
und Reiche dasselbe Haus;
die Wohnungen sind dem
Vermögen ihrer Insassen ent-
sprechendbescheiden, elegant
oder prächtig. Die Mieter sind
Nomaden und wechseln un-
aufhörlich. Das Privathaus
wird immer seltener. Auf diese
Weise verliert das Haus seinen
persönlichen Charakter'^ es
behält ihn nur in den kleinen
Städten oder auf dem Lande.
Die Pariser Bevölkerung hat
in so hohem Grade zuge-
nommen, die Grundstücks-
preise sind damit so gestiegen, a. de baudot
dass man durch die Höhe der Häuser gewinnen
musste, was die Breite versagte. Die Häuser
sind zu reinen Spekulafionsobjekten geworden.
Die Schwierigkeit für den Architekten,
Häuser zu bauen, die dem Geschmacke der
verschiedensten Mieter zusagen, bedarf keiner
Erklärung. Was jedermann gefallen soll,
muss banal sein. Daher die Ähnlichkeit der
Pariser Mietshäuser, daher überall derselbe
Mangel an Geschmack, selbst oder vielmehr
zumal in den prächtigsten Wohnungen. Es
ist für uns ein schlechter Trost, dass es in
anderen Weltstädten nicht besser ist, dass
die Fehler, die bei uns abslossen , in
Berlin z. B. in noch viel höherem Grade
hervortreten, dass die Bertiner in schlechtem
Material ihren noch schlechteren Geschmack
äussern und der Luxus bei ihnen noch tiefer
steht als bei uns. Es sind geringe Grad-
llaui III Paris
MODERNE KUNST IN DER FRANZÖSISCHEN ARCHITEKTUR
unterschiede; von der Kunst ist man dort
wie bei ans gleich weit entfernt.
Bei uns vermehren sich noch die Schwierig-
keiten, die diese grosstädtischen Verhältnisse
ergeben, infolge der unvernünftig strengen Vor-
schriften unserer Stadtverwaltung, die alle
Vorsprünge an den Häusern, alles was ihnen
also in dieser Richtung Bewegung und Origi-
nalität geben kann, verbietet. Es ist ganz
in der Ordnung, dass in Paris kein Haus
gebaut werden darf ohne die Kontrolle der
Seinepräfeklur ; aber wenn sie ein Recht
hat, auf das Erfüllen aller hygienischen Be-
dingungen beim Hau zu achten, woher stammt
ihre moralische Befugnis, jede Phantasie der
Architekten, die in den Fassaden sich gellend
machen könnte, zu unterbindend
CHARLES PLVilET
Slrauenfroiil da Haasa Gl, Au. Malakoff, Pai
182
Gegenwärtig arbeitet man an einem Projekt,
das diesen Misständea abhelfen soll. Die Kom-
mission, die sich zu diesem Zwecke vereint
hat, zählt LOüIS BONNIEB, über dessen Werke
wir demnächst berichten werden, zu iliren
eifrigsten Mitgliedern. BoilNlER hat mittels
äusserst geschickter Zeichnungen, in denen
die geschmeidige Findergabe seines Talentes
hervortritt, die Vorteile festgestellt, die die
Architektur aas einer Milderung jener Vor-
schriften zu ziehen vermöchte, und die un-
gemeinen Verschönerangen angedeutet, die da-
durch dem Strassenbild za teil werden könnten.
Hoffentlich haben diese äusserst dankenswerten
Bemühungen Erfolg.
Bei den Privathäusern stellt natürlich der
Eigentämer das Hemmnis dar. Hier tritt
eine weitere Konsequenz
unseres Archaismus zu
Tage. Unsere reichen Leute
sind gewohnt, sich mit
mehr oder weniger echten
alten Bibelots zu umgeben.
Aus diesem sehr disku-
tablen Geschmack schöpfen
sie dieVorsteilung, ihr Haus
könne nur dann ein Kunst-
werk werden, wenn es den
Alten nachgeahmt sei.
Solche Ideen haben
jüngst einem mächtigen
Hause im Stile Louis XU,
auf der Place Malesherbes
ins Leben geholfen, das
vielleicht an den Ufern der
Loire, in der Nachbar-
schaft des Schloss von
Amboise oder des von Blois
am Platze gewesen wäre.
Die Vorliebe für eine an-
dere Geschichtsepoche hat
ein grosses Haus auf der
Place d'Jina im plumpsten
aber echtesten Stil des
18. Jahrhunderts verschul-
det. Lange Zeil konnte
man mitten auf der Avenue
Montaigne ein fürstliches
Wohnhaus pompejani-
schen Ursprungs bewun-
dern . Ein anderer Millionär
kaufte die Ruinen der
Tuilerieen, Hess sie mit
ungeheueren Kosten nach
Korsika bringen und baute
auf einer der Anhöben bei
Ajaccio das Werk PHIU-
BERT DE L'OrMES und
MODERNE KUNST IN DER FRANZÖSISCHEN ARCHITEKTUR
Jean BVLLAVts wieder
auf. Eine weniger kost-
spielige aber ebenso Ihö-
richle Laune befriedigte
neulich ein reich gewor-
dener Kaufmann, indem
er sich eine richtige chine-
sische Pagode in seinem
Garten ak Feslsaal bauen
Hess. Gegenwärtig errichtet
man auf der Avenue du
Bois de Boulogne eine ge-
treue Kopie des Grand
Trianon. Und so könnte
ich endlos weiter auf-
zählen.
Al>€r es giebt noch
schlimmere Dinge. Wie
erträglich erscheinen diese
Anachronismen im Ver-
gleich mit der Salat-Archi-
tektur, die sich nicht mit
einem Stilbegnügl, sondern
an demselben Hause Grie-
chenland milBom,Henri II.
mit Loais XIV. und dazu
noch mit dem Directoire zu
vereinigen weiss!
Beisolcben Machwerken
sinkt die Stelle des Archi-
tekten zu der eines verächt-
lichen Dieners herab, der,
am seinen Posten zu be-
halten, die tollsten Befehle
seines Herrn ausfährt. Zu
bedauern ist, wer sich dazu
hergiebt.
In einem aasgezeich-
neten Bericht über die bür-
gerliche Architektur, der Charles plvüet iiofuiie da iiausa ei, Av. Uaiakoff, Parh
auf dem diesjährigen Kon-
gress der SociitiCentrale des Archilectes francais Zeil vorschreiben. Sie sind es, auf denen die
vorgelesen wurde, waren die schwersten Ver- Hoffnung auf bessere Entwicklung beruht,
brechen aufgezählt, »die im Namen der Ar- Die beiden Meisler zuerst: EMILE VaVDREM ER,
chäologie mit Würde begangen worden sind«, der abgeklärteste anter den Neuen, dessen
Der Verfasser des Berichtes ist durchaus kein ganzes umfassendes Werk von seltener Ein-
wütender Revolutionär, sondern ein feiner, ge- heil und Harmonie durchdrungen ist, ein
schmackvoUer Künstler : Gvstave HauUN. Dokument, aus dem man die besten Lehren
Man begreift nach alledem die Schwierig- zu schöpfen vermag, vor allem die Wahrheit
keit der Aufgabe unserer Architekten, und von der unbedingten Notwendigkeit des Zu-
umsomehr verdienen die Wenigen Anerkennung, sammenhangs zwischen Zweck und Form; —
die sich and ihre Kunst hoch genug achten, A. DE Baudot, ein Kämpfer vor allem, der
um sich energisch von diesem Gang der Dinge mutigste Verteidiger alles Kühnen, der Ent-
weg und gegen den Strom neuen Zielen zu- schlossensle und Stärkste in seinen Über-
zuwenden. Sie fordern nicht, dass man die Zeugungen, der unerbittliche Feind des Klassi-
alie Überlieferung, soweit sie gesund ist, mit zismus.
Fassen tritt, betonen aber in erster Linie die Um diese beiden schliesst sich eine immer zu- ,
Gesetze, die das Leben and der, Geist unserer nehmende Zahl von jungen und unabhängigen
WETTBEWERBE
Pfadfindern, die sich im übrigen beziehungslos
gegentibersüJien and oon denen jeder seine
Eigenart zum Aasdrack za bringen suchi:
Paul S^DILLE^ dem die Einführung der
omamentalen Polgchromie nerdankt wud; —
LVCIES Magse, ein dnfacher, logisch denken-
der Künstler; — G. RA CLIS, der immer
neu zu ütyerrasctten versteht ; — DCTERT, ein
Freigelassener der Villa Medicis, der anter
anderem die glänzende Verdnigung oon Tech-
nik und Kunst in der Maschinenhalle der
letzten Welt -Ausstellung fertig brachte und
soeben im Museum eine geschickte, originelle
Ausschmückung aus Blumen- und Tiermotioen
vollendet hat; CHARLES GisUYS, dessen aas-
gezeichneter Lehrmethode die Ecole des Arts
decorcdifs dnen gewissen Aufschwung zu danken
hat; — EuGtSE Grasset mit seiner kräf-
tigen Stilbierung ; Ch. Plumet, L. Boxsier,
Bruseau und L. Besouville haben die
vollkommene Umwandlung des Interieurs
unternommen mit Benätzung aller technischen
Vervollkommnungen unserer Zdt und darin
jetzt schon Glück gehabt. Plumet nament-
lich hat vor kurzem in einem Hause der
Avenue Malakoff die persische Dekorationsari,
wie sie bei den emaillierten Ziegeln des Pa-
lastes des Darius zum Vorschein kommt, mit
grösstem Erfolg praktisch benutzt; eine Tech-
nik, die im grösseren Stile angewendet, die
mannigfachsten polychromen Wirkungen er-
geben könnte.
Unter dieser Gruppe habe auch ich meinen
Platz mit einer Anzahl junger Künstler zu-
sammen, die das gemeinsame Ziel und die
Verwandtschaft der Geschmacksrichtung zu-
sammengeschlossen haben : G UILLEMOSA T,
Garas, Provessal, Herscher a. a. Wir
haben das seltene Gluck gehabt, in Frastz
JOURDAIN, dem unerschrockenen Freund mo-
derner Art, einen Verfechter unserer Absichten
zu finden, dessen geschickte Feder das Organ
unseres Kreises geworden ist.
Über die Werke aller dieser Künstler werden
im Laufe der Zeit in dieser Zeitschrift ein-
gehende Arbeiten erscheinen, aus deren Ge-
samtheit sich die Bedeutung unserer Bewegung
zu erkennen geben wird.
Damit unsere moderne Architektur festen
Boden fasse, müssen wir sie vor fremden Ele-
menten schützen. Sie muss französisch bleiben.
Wenn die Nachahmungen des Alten ihr schäd-
lich gewesen sind, so würde es ihr sicheres
Ende bedeuten, sie unter den Einfluss anderer
Länder zu stellen. Unter beiden Übeln ist das
letztere das schlimmere. Wir haben ein Beispiel
vor den Augen für die Verirrung, die fremd-
ländischer Einfluss zur Folge haben kann.
H. Cum ARD, der früher reizende, durchaus
eigenartige Pripaihäaser machte, hat in
Belgien sein Herz vertortn. Namentlich einer
der havorragendsien Brässder, HORTA, hat
ihn fasziniert. Die Verirrung geht bei Gvi-
MABD bis za der Einbüdang, er habe mit
seinen Motiuen, die in WirkHchkät nichts als
Karrikataren der kühnen Einfälle HORTA's
sind, einen >nationalen€ StU erfunden. Sein
jungst vollendetes Gebäude in Auteail Gastet
Beranger mit seiner extrauaganten, um jeden
Präs komplizierten Inneneinrichtung giebt
einem das Alpdrücken. GviMARD hat zweifel-
los Wert, schon seine ausserordentliche Energie
giebt ihn. Aber er verschwendet seine Kraft
in thörichten Extravaganzen. Auf richtigem
Wege könnte er bleibende Werte schaffen.
Sicht durch das Ausland wird sich je fran-
zösische Kunst entwickdn. Die Kunst jeder
Rasse hat ihre eigene Art, die aus der Her-
kunft des Volkes, aas den Einflüssen des
Klimas, der Bildung und der sozialen Ver-
hältnisse folgt. Die Sprache der einen wird
nicht von den anderen verstanden und lässt
sich nicht ohne weiteres verpflanzen. Die fran-
zösische Architektur muss ihre angeborenen
Eigenschaften behalten, ihre Klarheit, Ver-
nunft und ihre Harmonie; nur hier liegen
die Bedingungen ihrer Verjüngung. Ohne
sich zum Sklaven ihrer glänzenden Tradition
zu machen, kann sie stolz auf das reiche
Erbe sein, das ihr die Vergangenheit gelassen
hat, und mit neuem Geist selbst dort schöpfen,
wo so oft fremde Völker sich Frohsinn und
Licht geholt haben. camille gardelle
WETTBEWERBE — Über die auf
unser Preisausschreiben für eine elek-
trische Tischlampe eingegangenen
zahlreichen Entwürfe wird die Jurg in diesen
Tagen entscheiden und wird das Ergebnis
in nächster Nummer mitgeteilt werden.
Das preussische Ministerium der geistlichen,
Unterrichts- und Medizinal-Angelegenheiten er-
lässt ein Preisausschreiben für eine Hochzeits-
medaille oder Plakette (Wachsmodell, Grösse
20 — 30 cm im Durchmesser). Für den besten
Entwurf sind M. 2000 und fernere M. 3000
für weitere Preise ausgesetzt. Als Jurg fun-
giert die preussische Landeskunstkommission.
Die Einlieferung hat bis zum 23. April 1898
im Bureau der Königlichen Akademie der
Künste in Berlin zu erfolgen. — Nachdem die
beruhigende Versicherung gegeben wird, dass
eine amtliche Verleihung der Medaille nicht
in Aussicht genommen ist, mag es Privaten
erwünschte Gelegenheit geben, Exemplare der
Medaille zu massigem Preise zu erwerben und
18i
WETTBEWERBE — KORRESPONDENZEN
Geiiialln Panel
mil der bei jedem einzelnen Falle einzu-
gravierenden Inschrift bei Hochzeiten als
Ehrengabe für Eheleute oder deren Angehörige
sa verwenden. — Die schönen Preise wären
wohl einer besseren Sache wert gewesen. #
DerVerband keramischer Gewerke in Deutsch-
land erlässt ein Preisaasschreiben für den Ent-
warf eines Tafelservice in Porzellan oder Slein-
gat mit drei Preisen von zusammen M. iOO. — -.
Der Erlös aas dem Verkauf der Entwürfe
an die Mitglieder des Verbandes kommt den
Prämiierten zu. Die Zeichnungen sind in
natürlicher Grösse bis 3t. Mai 1898 an Pro-
fessor Alex. ScHUiDT-Koburg einzusenden.
Die Kommission für die Aasstellung mo-
dernen Kunstgewerbes in t.eipzig setzt Preise
aus in der Höhe von 20 — 80 M. für Arbeilen
der Holzschnitzerei and Drechslerei (Wand-
konsolen, Noienpalle, Kleiderhalter, Staffeleien
und Wetterglaseinrahmungen) ; für Feder-
zeichnungen von Kopfleisten , Initialen und
Seh lussuig netten ; für Entwürfe zu Tisch-
karten in Aguarell- oder Gouache- Malerei ;
für farbige Entwürfe zu Tischdeckchen, Tisch-
läufern, Ofenschirmen etc. in Kontur- oder
Plattstich. — Einsendungen sind bis zum
1. März 1898 an das Bureau des Kunst-
gewerbemuseams in Leipzig zu richten, wo
die Arbeiten acht Tage ausgestellt werden.
KORRESPONDENZEN
MÜNCHEN — Der Seite 186 abge-
bildete, von Fräulein LINDA KöGEL
entworfene Notenschrank zeigt Fül-
lungen — Introduzione, Largo, Finale wollte
die Künstlerin damit symbolisieren — in einer
neuen and eigenartigen Technik, bei welcher
aus dem Licht in den Schallen gearbeitet
wird, indem dunkles, mit Kreide leicht vor-
präparierles Mahagoniholz mit weisser oder
gelblicher Ölfarbe übergangen wird. Die paslos
DEKORATIVE Ki:\ST. HEFT».
MÜNCHEN - BERLIN
I^ KOGEL Nottnithrank
aufgetragene Farbenschichl wird durch Binde^
miilel und Behandlung mit einem Haarpinsel
geglättet, und dann die Zeichnung mit ver-
schieden starken Holzstiften hineingearbeitet.
Mit dem Pinsel wird nachgeholfen, sodass die
dunklen Töne durch den durchschimmernden
braunen Untergrund erzielt werden. Das Ge-
lingen der ganzen Arbeit hängt hauptsächlich
davon ab, dass der richtige Moment beim Auf-
trocknen der Farbe abgepasst wird, da nur
dann der Strich fliessend und reizvoll zur
Geltung kommt, und dass die Platten, solange
sie noch nicht ganz fest sind, sorgfältig vor
Staub bewahrt werden. Die fertigen Einlagen
können beliebig getont werden. — Für kleine
Sachen eignet sich das Verfahren recht gut.
Es hat den Vorzug, sich dem Holze als Füllung
besser anzupassen, als es die bisher oft ge-
brauchten Einlagen von bemaltem Porzellan
thun, die meist als fremder Bestandteil wirken.
-Pp-
BERLIN — Unser ganzes neues Kunst-
gewerbe entspringt nicht einem inner-
lichen, kultivierten Drange, sondern
einem äusseren dekorativen Bedürfnisse. Das
beweist in Berlin sehr deutlich die Art, wie
moderne Schmuckanschauungen praktische
Verwendung finden. Zuerst haben die Scbau-
läden die neuen Formen für opulente Aus-
staltangen benutzt. Die Konkurrenz treibt
die Ladenbesitzer der vornehmen Geschäfts-
strassen, einander in der äusseren Eleganz
ihrer Verkaufsräume zu überbieten. Sie
suchen zu dem Zwecke alles Neue und Auf-
fallende und Blendende, um mit der schlau
erweckten Überraschung und Neugierde- einen
bequemen Kundenfang zu verbinden. In der
Grosstadt geht diese geschäftliche Prunksacht
von einer Branche auf die andere über, man
möchte glauben, mit geheimer Gesetzmässig-
keit. In einem Jahre sind es die Konfektions-
läden, die sich in dem gerade neuesten Kunst-
gewerbekleide präsentieren; plötzlich lässt es
hier nach und die Schuhwarengeschäfte be-
ginnen den Wettbewerb. Im nächsten Jahre
sind es vielleicht die Zigarrenläden, dann die
Stehbierhallen oder die Cafis u. s. w. Auf diese
Weise sind an das Kunstgewerbe bisher ziemlich
wechselvolle Aufgaben herangetreten und sie
sind im ganzen nicht übel gelöst worden. Es
sind gewiss entsetzliche Geschmacklosigkeiten
begangen worden, aber zumeist hot doch die
aus England und Amerika importierte Mode,
viel echtes Material zu verwenden, immer ge-
wisse Grenzen gezogen. Denn gar zu plumpen
Händen vertraute man den teuren Stoff nicht
an. Der Besitzer wollte sein Mahagoniholz,
Messing, Schmiedeeisen und Glas zur Eigen-
wirkung bringen. Diesen Bestrebungen danken
wir eine grössere Einfachheit im Schmücken
beiallem Aufwand, einige gute Tischlerarbeiten,
gediegenere Metallbearbeitung und eine wohl-
thätige Farbigkeit, die unabhängig ist von
dem Pinsel des Anstreichers. Eine Folge dieser
Anregungen sind die in den letzten acht Jahren
gemachten Versuche, zwischen dem Äusseren
des Geschäftshauses und des Wohnhauses, den
verschiedenen Zwecken entsprechend, eine für
jeden erkennbare Unterscheidung zu machen.
Die Schwierigkeiten waren hier natürlich
grösser, weil die in allen schon zur festen An-
schauung gewordene Stiltradition die grossen
Zweckkübnheiten, die allein sichtbar scheiden'
konnten, nicht zulassen mochte. Für die Un-
sicherheit, den ersten dieser Aufgaben gegen-
über, bietet das kostbare Equilablegebäude
den Beweis. Eine reife Professorenkunst
bat sieb dort überall bemüht, den ihr zu
nüchtern scheinenden Konstruklionsgedanken,
vom Pflaster bis zur Fahnenstange, mit
barockem Zierat zu verkleiden, sie hat sich
nicht gescheut, den Fenstern das Licht zu
nehmen durch hohe ornamentale Aufsätze,
und sie bat an den Platz, den das geschäft-
liche Bedürfnis für Plakate, Firmenschilder,
Glasbuchslabcn beansprucht, so wenig vor-
her gedacht, dass diese Auffälligkeiten nun
die Gesamtwirkang des mit reicher Phantasie
erdachten Gebäudes vollständig verderben.
Nicht viel glücklicher im Gedanken, doch
unendlich viel schlechter in der Aasführung
BERLIN
alles einzelnen, sind die grossen Geschäfts-
häuser am Hausüoigteiplatze und am Spittel-
markte. Überall sind Glas und Eisen aus-
giebig angewandt, aber die ornamentale Putz-
sucht verdirbt die besten Anlagen, Wallot-
stuck war eine Zeitlang das gesuchteste. In
der Architektur des am Neuen Markte und
längs der Rosenstrasse errichteten Häuser-
blocks ist der Zweck schon zu selbstherrlichen
Wirkungen benutzt. Die stets geistreichen Stil-
kunstler Kayser und VON Grossheim kompi-
lierten hier aus internationalen Anregungen
eine Mischung, die die Forderungen des Ge-
schäftshauses, das ausschliesslich Comptoir-
zwecken dient, in vorzuglicher Weise repräsen-
tiert. Die erkerartig vorgebauten Fensterflächen
in Eisenkonstruktion, die auf einen abge-
schlossenen Raum deuten, die breiten, säulen-
artigen Ziegelstreifen, die auf jede Gesims-
unterbrechung zur Betonung der Stockwerke
verzichten, der Platz, der für Reklamen in
sehr geschickter Weise vorgesehen ist: das
alles verkündet mit sicherem Takt die ^Frei-
heit in der Notwendigkeit*, Man sieht auf
den ersten Blick, dass die Fassaden Comptoir-
rääme abschliessen. Der ganz unnötigen Lieb-
haberei für gotisierende Ornamentik haben
die Künstler erfreulicherweise nur bis zur
Höhe des ersten Stockwerkes Raum gewährt.
Mit jeder klugen und unklugen Stilmeierei
endgültig gebrochen zu haben, ist das Ver-
dienst der Architekten Messel und Alt-
GELT, die den Neubau des WERTHEIM' sehen
Kaufhauses jetzt vollendet haben, Sie haben
mit den nackten Steinquadern eine monu-
mentale Wirkung erzielt, die in Berlin noch
nie erreicht worden ist. Von der Erde bis
hinauf zum Mansardendache, in mächtiger
Ausdehnung, spiegelt eine einzige Glasfläche,
von eleganten Eisenkonstruktionen gehalten,
von breiten Granitpfeilern getrennt. Durch diese
abgerundeten, unprofilierten Pfeiler, durch die
schlanken Eisenteilungen dazwischen, erhält
die ganze Masse etwas gleichmässig Leichtes
und durch die Glaswirkung etwas Grosses
und Freies, das nicht nur auf innere Be-
durfnisse deutet, sondern auch dem Blicke
freien Eingang ins Innere gewährt. Man
sieht, wie die Stockwerke sich übereinander
bauen, man kann verfolgen, wie sie ihre
Stützpunkte in den Pfeilern suchen. Es wird
auf den ersten Blick deutlich, worauf es hier
ankam: Raum zu schaffen, viel Raum; einer-
seits für die Verkaufshallen und andererseits
für die Ausstellung der Aller weltswaren. In
einem solchen Bazar darf nichts in den
Schränken bleiben, alles muss offen den be-
gehrlichen Frauenblick reizen. Was sind das
für Auslagen ! Die erste Etage zieht mit
einem Geländer von dünnen Messingstäben
jedesmal respektvoll im Halbkreis um die bis
zu ihrer Höhe hinaufreichenden acht Schau-
fenster herum. Die Verkaufsräume erstrecken
sich ohne Wand, nur von dünnen Säulen
gestützt, saaltief zum Hofe hinüber. Da ist
nichts mehr von den Steinkammern des Wohn-
hauses geblieben. Alles das sieht schon der
Draussenstehende, Auch in Einzelheiten der
Fassade ist viel Neues und Erfreuliches, Die
wenigen Ornamente sind der mühseligen Be-
arbeitung des harten Granit entsprechend ganz
primitiv zugehauen. Die Darstellungen der
auf den Mittelpfeilern eingelassenen Bronze-
Gussplatten veranschaulichen in etwas flacher
und reichlicher Manier die Universalität der
Darbietungen dieses Warenhauses, Es ist zu
loben, dass dieser bildnerische Schmuck ge-
gossen und nicht getrieben ist. Denn das
Treiben mit der nuancenreichen Feinheit hätte
der wuchtigen Einfachheit der Architektur
kaum die Wage gehalten. Auch erfreut der
durchgehende braune Ton des Metalles, Eine
künstliche Patinierung hätte mit ihren male-
rischen Detailreizen alles verderben können.
Aber die Bildhauerarbeit lässt doch den grossen
Zug selbstsicherer Beschränkung, der die Archi-
tektur auszeichnet, vermissen. Am Dache sind
zwischen den beiden Obelisken — auf die zu
verzichten allen Baukünstlern leider unmög-
lich scheint — breite Barockmotive sichtbar,
die wieder unsanft in die Gefilde der Stil-
geschichte zurückführen. Wie das Innere des
Bazars sich gestalten wird, ist noch nicht zu
überblicken. Die Beurteilung wird hier erst
ermöglicht, wenn die Räume dem Publikum
offen stehen und der bunteste Weihnachts-
trubel, schillernde Farben und künstliches
Licht die nackten Räume beleben. Das Haus
ist vorläufig ein erfreulicher, moderner An-
blick. Sobald der Besitzer es aber bezogen
haben wird mit seinem riesigen Aufgebote
von »Volkskunst^, wird der unwillkürliche
Vergleich von Schale und Kern, je nach dem
Temperament, heiter oder tragisch stimmen.
Aber eine Hoffnung bleibt. Ein so kluger
Kaufmann, wie Herr Wertheim es ist, weiss
sicher was er thut. Er würde solche Summen
für monumentale Einfachheit nicht ausgeben,
wenn er nicht wüsste, dass er damit des
Erfolges beim Publikum sicher ist. Es be-
reitet sich auch in der That ein Sinn für
architektonische Zweckschönheit vor. Wie
weit dieser Sinn Modethorheit, wie weit er
ein Erziehungsresultat ist, lässt sich noch
nicht sagen. Jedenfalls kann man schon
heute erkennen, dass die Spekulation richtig
187
BERLIN
LEIPZIG — PARIS
war und dass sich durch diese hohen Pforten
ewig ein schwarzes Gewimmel drängen wird.
Vielleicht vergisst die Menge dann die Lehre,
die sie draussen empfing, nicht ganz und
formuliert sie zu gereinigten Forderungen für
alle die kleinen Gegenstände, die das eigene
Haus schmücken sollen, so dass langsam der
künstlerische Geist von aussen nach innen,
von der Architektur auf das Kunstgewerbe
wirkt. Aber ich vergesse : das Publikum,
das bei WERTHEIM überselig in dem bunten
Jahrmarktstreiben umherzieht, das sollte eigene
Geschmacksforderungen stellen 9 — Sie sehen,
wie leicht man ins Phantasieren kommt. So
wollen wir uns denn mit der Architektur be-
gnügen. B Die Unterrichtsanstalt des könig-
lichen Kunstgewerbe-Museums stellt die Schüler-
arbeiten des vergangenen Jahres aus. Es ist
auch hier genau so gekommen, wie zu erwarten
war. Die Nachahmung der historischen Stile
hat zum Teil nachgelassen, und dafür ist
die Imitation der modernen englischen und
amerikanischen Arbeiten als Losung ausge-
geben. Es versteht sich von selbst, dass die
frühere Manier, alte bewährte Vorbilder zu
plündern, relativ besser war, als die bunte
Abmalerei der noch ganz ungesiebten Ar-
beiten moderner Künstler. Das Entlehnen
ist ja im Dekorativen ganz allgemein; aber
man darf sich doch nicht so plump ertappen
lassen, wie die liebe Jugend hier. Da ist
kein Blatt, das nicht sofort das berühmte
Muster erkennen Hesse. Wie ist das alles
gröblich missverstanden; das Gegenständliche
ist aufgegriffen, nie das Prinzipielle. Wie
jammervoll wird an diesen Schülerarbeiten
die Impotenz des Erziehungssgstemes offenbar.
Da ist kein Stuhl, nicht die Zeichnung eines
brauchbaren Stuhles. Keine verwendbare Ta-
pete, kein Stoff, keine selbständige Tischler-
arbeit, keine Deckenskizze, die man direkt
übertragen könnte, keine Lampe, kein Thür-
schloss — nichts, garnichts. In der Mal-
klasse ist keiner, der eine menschliche Figur
zeichnen kann, darum wird Akt hier nur
gemalt. Je weniger einer zeichnen kann,
desto i> flotter^ malt er. Einfach, nicht wahr?
Wenn das die Einleitung werden soll zu
unserem »nun aber wirklich neuemoi Kunst-
gewerbe, dann ist der Bankerott vor der
Thür. In diesem Jahre beginnt 0. ECK-
MANN seine Thätigkeit als Lehrer der zweiten
Malklasse. Wie viel Hoffnung setzen die
Wohlmeinenden auf ihn! Man wird ja sehen,
was dabei herauskommt, wenn die zwei oder
drei Dutzend Schüler die Kühnheiten ihres
Lehrers, die oft an der Grenze des Erlaubten
stehen, zu übertrumpfen suchen. Das könig-
liche Kunstgewerbe- Museum hat seine Teil-
nahme an der interessanten Ausstellung im
Hohenzollern-Kaufhause durch den Ankauf ver-
schiedener, wertvoller Objekte bewiesen, nämlich
Toilettentisch und Stuhl von Plumet, kerami-
sche Produkte von LÄUGER-Karlsruhe, BiGOT-
Paris, RöRSTRAND, Belgien, Englandetc. Auch
andere Museen und Sammler haben bereits
namhafte Ankäufe bewirkt. k. scueffler
LEIPZIG — Die Medaille, welche die
Stadt Leipzig als Anerkennung der bei
^ der Sächsisch-Thüringischen Gewerbe-
ausstellung hervorragend beteiligten Aussteller
anfertigen Hess, ist ein trauriges Zeichen der
Geschmacklosigkeit der mit der Bestellung
beauftragten Herren. Eine Lipsia (natür-
lich!) die mit einem Lorbeerkranze Hantel-
übungen macht. Dass es nicht an besseren
Entwürfen gefehlt hat, beweist die Abbildung
(Seitei89), welche die Arbeil selbst als Siegerin
darstellt, ausruhend von dem Kampf, und die
somit auch als Idee etwas Neues, weniger
Abgedroschenes bietet. -co-
PARIS — Der Streit um den Raum für
die nächsten Salons ist bis auf weiteres
zu Ende. Wie bekannt, ist der In-
dustriepalast abgerissen worden, und auch
der Raum, in dem bisher der Marsfeldsalon
tagte, ist nicht mehr disponibel. Die unge-
heuerlichsten Projekte kamen auf um neue
Unterkunft zu schaffen. Der Plan, den
Pavillon Chinois im Bois de Boulogne für
den Marsfeldsalon zu adaptieren, hatte am
meisten Aussicht. Da kam es ans Licht, dass
der Umbau des Pavillons einem Architekten,
der zum Salon der Champs Elysees gehört,
übertragen werden sollte, weil dieser Architekt
fruchtbare Beziehungen zu dem Conseil Muni-
cipal, der über den Pavillon Chinois zu ver-
fügen hat, unterhält. Tableau! De BAUDOT,
der Repräsentant der Architektenabteilung des
Marsfeldes, giebt sofort seine Demission und
mit ihm tritt die ganze Abteilung der Archi-
tekten aus dem Marsfeld aus. Das beste ist nun,
dass in letzter Stunde der Conseil Municipal
den Pavillon Chinois nicht bewilligt, sondern
beide Salons angewiesen hat, gemeinsam, aber
mit getrennten Eingängen in demselben Ge-
bäude, der Maschinenhalle der Ausstellung von
1889, auszustellen. So ist das Marsfeld um seine
Architekturabteilung gekommen^ ohne etwas
davon zu haben, ein empfindlicher Verlust, denn
diese Abteilung machte den wesentlichsten Be-
standteil der gewerblichen Beteiligung aus und
umfasst Leute wie Plumet, Selmersheim,
Benouville, Gardelle u. s. w., also Archi-
188
PARIS - NEUE BÜCHER
F. SCIintACHBB. Leipzig
leklen, die dem Marsfeld das Mobiliar lieferten.
Diese wollen sielt nun zu einem eigenen Salon
zasammenlhun, und dazu können wir ihnen
nur Gluck wänschen. Je beslimmler sich auch
äüsserlich die Scheidung zwischen der reinen
and der nützlichen Knnst aoUzieht, amso-
weniger werden sich beide Teile ins Gehege
kommen, und das kann für die Nutzkunst
nur von Vorteil sein. Der Schritt beweist, dass
der Nimbus des *Salons* auch in den Aagen
der Beteiligten anfängt, zu erbleichen. Hoffen
wir, dass die Secessionislen das nötige Geld für
das eigene Haus zasammenbekommen. -y-
NEUE BÜCHER — William Morris,
His Art, His Writings and His
Public Life. A Record by Aymer
VALLA^•CB. Preis 25 Schillinge; London 1897,
George Bell and Sons.
Dem im vorigen Winter erschienenen, reich
ausgestatteten und auch uom bnchlechnischen
Standpunkt vortrefflichen Werke von Aymer
Vallance tThe Art of William Morris* ist
soeben eine vereinfachte, dabei aber textlich
reich vermehrte Aasgabe gefolgt, deren be-
scheidener Preis das Werk auch weiteren
Kreisen zugänglich macht. Denn die erste
Ausgabe gehörte jener Art von Büchern an, .
die lediglich für eine bestimmte kleine Anzahl
wohlhabender Sammler gedruckt werden, and
deren hoher Preis — eine beabsichtigte Schatz-
wehr gegen das allgemeine Publikum — nicht
zum mindesten aus einer sehr beschränkten
Auflage seine Berechtigung ableitet. Das
kleine Morrisbuch ist die erste umfassende
Schilderang des Lebenswerkes William Morris',
denn der Text zieht jetzt auch diejenige
Thäligkeit Morris' in seinen Betrachtungs-
kreis, welche ihn, in seinen letzten Lebens-
jahren wenigstens, in weitester Ausdehnung
in Anspruch genommen hat, sein sozialistisches
Wirken nämlich. So führt uns das Buch
das grosse und reiche Thätigkeitsgebiet jenes
seltenen Mannes jetzt in fast abgeschlossener
Form vor, wenngleich die fehlende Schilderung
seines häuslichen und persönlichen Lebens
den Charakter einer Biographie von ihm
nimmt. Diese Auslassung ist im Hinblick
auf die noch lebenden Angehörigen des Dahin-
gegangenen versländlich.
Das Lebenswerk Morris' ist so umfassend,
dass es unglaublich erscheint. Das Erstaunen
wird vermehrt, wenn man weiss, mit welcher
Gründlichkeit er jedem Teile seines vielfachen
Wirkens sich hingab, ja, wie er führend und
bahnbrechend auf jedem einzelnen Gebiete
wirkte. Er zählte zu den ersten englischen
Dichtern seiner Zeit and hat als solcher allein
schon der Welt einen bewundernswürdigen
Schatz unsterblicher Werke hinterlassen. Er
begründete jenen Aufschwung in der häus-
lichen und dekorativen Kunst, durch den sich
England seil 20 Jahren an die Spitze der
europäischen Länder gesetzt hat. Er trat
schöpferisch und reformierend fast in jedem
der für eine künstlerische Bethätigang ge-
eigneten Handwerke auf. Er schuf ein kern-
gediegenes, von A bis Z künstlerisch durch-
gebildetes Buchgewerbe und eröffnete auch
damit eine Bahn, auf der England jetzt
führend vorangeht. Er begründete eine sach-
gemässe, bis zur letzten Konsequenz gehende
Denkmalpflege. Seine sozialistische Thälig-
keit freilich, von reinster Überzeugung ge-
tragen und durchaas ein Ausflass seines der
edelsten menschlichen Regungen fähigen, aber
NEUE BOCHER
elivas schivärmerisch ueranlaglen Charak-
ters, ist nur den genauen Kennern englischer
Verhältnisse ganz aerständlich. — Mit Morris'
geistiger Hinterlassenschaft wird sich der
Lilterarhistoriker, der Kunstgeschichtler and
der Sozialpolitiker in gleicher Weise zu be-
fassen haben,
Vallance's Back sacht allen drei Gebixten
in gründlicher Art gerecht zu u>erden; und
es gelingt ihm, uns durch seine Schilderung
ein lebhaftes Bild des seltenen Mannes vor
Augen za führen. Freilich mehr durch ob-
jektioe Berichte dessen was er Ihat und
sagte, auch durch reichliche Lilteraturaas-
xüge aus anderen Berichten, als durch eigene
Wertbemessang. Hierin mag zugleich ein
Vorzag und ein Nachteil des Werkes liegen.
Es Hesse sich gerade bei Morris ein Werk
denken, das sich in glühender Schilderang
des in jeder Beziehung hervorragenden
Charakters erginge. Aber es ist besser, dass
die Morrislitteratur mit einem mehr schil-
dernden als kritischen Werke beginnt.
Den Leserkreis dieses Blattes interessiert in
erster Linie die Thätigkeit Morris' auf dem
Gebiete der angewandten Kunst. Seine Be-
deutung auf diesem kann kaum hoch genug
angeschlagen werden. Die Bewegung in Eng-
land nach der Richtung eines neuen Aus-
ganges des künstlerischen Lebens begann
allerdings vor ihm, und zwar zunächst theo-
retisch. Sie äusserte sich vorerst auf lilterari-
schem Gebiete, gewiss dem wirksamsten in
einem Lande, wo die anwirtliche Natur den.
Menschen in das Haus und den Büchern in
die Arme treibt. Pugin und Ruskin forderten
gebieterisch eine Rückkehr zum Einfachen.
Des letzteren Schriften erlangten eine Volks-
tümlichkeit, wie sie noch keinem Kunst-
schriftsteller je beschieden gewesen ist. Die
Reform dachten sie sich auf gotischer Grund-
lage and ihre Wirksamkeit fiel zusammen
mit der Architeklurslrömang, die man ge-
wöhnlich als Gothic Revival bezeichnet.
Morris war es beschieden, die Durchführung
ihrer Lehren auf dem Gebiete der gesamten
angewandten und dekorativen Kunst prak-
tisch in die Hand zu nehmen. Wie Pugin
and Ruskin, dachte und empfand nach er
■durch und durch gotisch. Dies darf aus-
zusprechen nicht unterlassen werden. Denn
hiermit ist seine Stellung in der Kunst-
geschichte gekennzeichnet. Er war kein
moderner Mensch, nicht einmal in seinem
Sozialismus. Das Wohl des Arbeiters suchte
er auf einer Grundlage, auf der wir nicht
mehr stehen. Und obwohl er auf dem Boden
der dekorativen Künste einen Samen aus-
gestreut hat, der die kräftigsten Früchte
zu tragen berufen war, so hat die Kansl-
enlwicklung seine persönlichen Leistungen mit
seinem Tode überwunden; er, der die Bahnen
der neuen Bewegung schuf, hat keinen Schüler
NEUE BÜCHER
hinterlassen, der ihm direkt folgen könnte.
Heule lebt und strebt bereits eine andere
Generation, das gotische Empfinden ist ver-
lassen, eine durchaas neue Linie wird im
Ornament and in der Kleinkunst verfolgt,
und dem Rufe der älteren Schale, so zu
schaffen, wie unsere mittelalterlichen Vor-
fahren es thaten, ist die Forderung gefolgt, so zu
schaffen, wie es das 19. Jahrhundert »erlangt.
Morris bleibt deshalb, was er ist: nichts
mehr und nichts weniger als der Bahnbrecher
der ganzen modernen dekorativen Kunstbe-
wegung, jenes neuen Ausganges, dessen Trag-
weite noch gar nicht abgesehen werden kann.
. Seine Bedeutung ragt weit über England
hinaus, sie ist universell.
Vaüance's Buch ist mit einer beträchtlichen
Anzahl von Abbildungen geschmückt, welche
besonders einen Teil der von Morris ent-
worfenen, meist prächtigen Stoffe, wenn auch
leider nur in Schwarz und Weiss, vorführen.
Die Entwürfe der wenigen, vorgeführten Glas-
fensler rühren meist von Burne-Jones und
Ford Madox Brown her. Morris' Teppiche,
welchen sechs Blatt Abbildungen gewidmet
sind, vermögen angesichts dessen, was uns
der Orient Vortreffliches in solchem Cberfluss
liefert, nur ein beschränktes Interesse za er-
wecken. Dagegen sind seine Wandgehänge
(Gobelins) wahrhaft herzerfrischend, und wer
den herrlichen Wandteppich im Exeter College
in Oxford gesehen hat, wird zu der Über-
zeugung gelangen, dass seine Erzeugnisse in
nichts den Vergleich mit den besten millel-
alterlichen za scheuen brauchen. Von den
übrigen Leistungen der Firma Morris sind Ab-
bildungen überhaupt nicht angeführt, wahr-
scheinlich aus der jetzt im dortigen Geschäft
herrschenden Furcht, die Sachen könnten
nachgeahmt werden, eine meines Erachtens
■ recht unnötige Ängstlichkeit. Die vielfachen,
von Birmingham-Zeichnern herrührenden An-
sichten der drei Wohnsitze Morris' sind zwar
an und für sich eine willkommene Zugabe,
erregen aber mehr durch ihre Zeichenmanier
als durch ihren Inhalt Interesse. Dagegen
wird die Beigabe von Druckproben aus der
Kelmscott-Presse freudig begrüsst werden. Für
den Lilteraiurfreund ist das gründlich zu-
sammengetragene Verzeichnis der poetischen
Werke und sonstigen Aufsätze Morris' von
besonderem Interesse. Alles in allem verdient
das gründliche Bach die ernsteste Beachtung
and wird gewiss auch in Deutschland den-
jenigen Leserkreis finden, den es seiner Be-
deutung gemäss sicher verdient, u. mvthesws
Die Festdekohation ;.v Wort und Bild.
Herausgegeben von Eugen Bischoff und
Franz Sales Meyer. Mit 472 Abbildungen.
Leipzig, 1897, E. A. Seemann. Preis: Geb.
M. 22. — . Ein umfassendes Werk über Fest-
dekoration fehlte bis jetzt; die Professoren
der Karlsruher Kunstgewerbeschule, Eugen
Bischoff und Franz Sales Meyer, haben es
unternommen, diesem Bedürfnis abzuhelfen
und ihre Aufgabe sehr glücklich gelöst; denn
das Buch ist interessant geschrieben, und regt
— was mehr sagen will — zu eigenem Schaffen
an. Im ersten Teil wird eine kurze Geschichte
der Feste gegeben, von den religiösen und
mythischen des alten Ägyptens an, bis zur Er-
öffnung des Nordostseekanals; dann folgen
Abschnitte über die Mittel zur Festoerzierung,
die Dekoration der Gebäude, Strassen und
Plätze, die Festzüge, Trauer- und Kirchen-
dekoration. Das reiche Illustrationsmaterial
kommt überall dem geschriebenen Wort za
Hilfe; nirgends wird zur Nachahmung auf-
gefordert, sondern immer die Anwendung all-
gemein gülliger Prinzipien im speziellen Fall
gezeigt. Die Ratschläge, die das Buch enthält,
sind geradezu mustergültig zu nennen ,■ für die
Veranstalter kleiner und grosser Feste wird es
sich bald als willkommen erweisen. -ßp-
n MORRIS lit The Rnl Hont
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Vorentunirf fBr da» Velkmdilaehldfnkmal In Leipilg
DEUTSCHE DENKMALBAUTEN VON BRUNO SCHMITZ
Schon oft ist es betont worden, dass frische
Zwäge am Baume der deutschen Kunst nur
OmamritMe Frla/Oltung oom KgffhSaitrdtakmal
DEKORATIVE KVSST. HEFTS.
dann erblühen können, wenn das Schaffen der
Gegenwart sich frei an das Leben anlehnt,
ohne schematische Formen, die den Atudrack
älterer Anschauungen bilden, zu übernehmen.
In diesem Sinne ist oft die Beobachtung ge-
macht worden, dass die feste, reglementäre
Schulweisheil das Erkennen der Schönheit und
der Empfindung für neue Gebilde behindert,
eine gewisse Ursprängtichkeit aber mit eigenem
Kraftgefühl das Streben nach selbständigem
Wirken begünstigt. Seit 15 Jahren schon
rechnen wir in Deutschland mit dem Namen
Bruno Schmitz, der schon von vorneherein
uns etwas besagte, während dann Jahr am
Jahr ein neuer Erfolg ihn in die erstaunte
Welt tönte und die Kaiserdenkmalzeit ihn den
ersten Künstlern der Gegenwart einreihte.
Schmitz, geboren 1859 in Düsseldorf, hat
sich dort bei Riffarth — einem Schüler
RASCHDOBFFS — im Atelier, wie auf dem Bau
praktisch aasgebildet and besuchte daneben
mehrere Vorlesungen und Übungen in der
Akademie, die in ihm den Sinn für das
Malerische in der Architektur weckten and
nährten. — Ziemlich früh beteiligte er sich
selbst an grösseren Bauausführungen und ge-
wann in jugendlichem Alter die Museums-
konkurrenz für Linz an der Donau, welcher
nachher noch preisgekrönte oder doch her-
DEUTSCHE DENKMALBAUTEN VON BRUNO SCHMITZ
Preis davontrug (1883). Der damals erst
oierandzwanzigjäbrige Künstler überraschte
durch die Grossartigkeit seiner Auffassung,
die Sicherheit der Formen and das Markante
der Erscheinung. Während des Baues des
Museums in Lim siedelte SCHMITZ als Atelier-
genosse des verstorbenen AüGüST Hartel auf
kurze Zeit nach Leipzig über, um sich als-
dann 1886 dauernd in Berlin niederzulassen.
— Von hier aas siegte fr schon im folgenden
Jahre mit seinem Kriegerdenkmal in Indiana-
polis, das der deutschen Kunst jenseits des
grossen Wassers zu hohem Ansehen verhalf
(1887).
Am bekanntesten aber wurde er nun durch
die sieghafte Führung der deutschen Archi-
tektenschaft bei den hervorragenden Bewer-
bungen um die Kaiserdenkmäler in Berlin,
auf dem Kgffhäuser, an der Porta Wesifalica
and am Deutschen Eck, dem Zasammenftass
des Bheins und der Mosel bei Koblenz. Es
bewährte sich in allen diesen Fällen die zwin-
gende Kraft seiner Ideen, die allerdings durch
eine grossartige Manier des Vortrags sehr we-
sentlich mitunterstützt wurde. Das National-
denkmal in Berlin musste schliesslich aus
allerlei mehr persönlichen Rücksichten an
den Schöpfer des Schlossbrannens übertragen
werden, die anderen drei gewalligen Denk-
Totatamldil der Denkmalanlage am Kg/piäuicr
vorragende Entwürfe für das Reichsgericht
in Leipzig, ein Museum für Bukarest, die
Tonhalle in Zürich, das Finanzministerium
in Dresden, Museum in Darmstadt und andere
architektonische Aufgaben folgten.
Grösseres Aufsehen aber, als diese Arbeiten
erregten seine erfolgreichen Konkurrenzen auf
dem Gebiete der monumentalen Denkmäler,
wofür er bei uns heute wohl als die erste
Kraft gilt. Der erste grosse Erfolg fiel ihm
bei dem Victor Emanuel-Denkmal in Rom zu,
wobei er im Kampfe gegen die berühmtesten
Künstler Italiens und Frankreichs den ersten
Vom Suffhllusfrdtnkmal (Blitk a
r Boyenhallt in dtn BarbaroaahofJ
I9t
', Srhitovk, Kordbaiarn
Vordtrantlcbt da Kfifpiäaierdtaianali (BiHerbild aon HÜNDMESER) Karh Phol. e. Srhifuvk, Nordhauira
195 I*
DEUTSCHE DENKMALBAUTEN VON BRUNO SCHMITZ
mäkr abo" erfuhren unter Mitwirkung nam-
hafter Bildbaaer ihre künstlerische Gestaltung
durch Bruno Schmitz, der nunmehr auch
nach Ablauf zweier Konkurrenzen das nationale
Denkmal zur Erinnerung an die Vötkerschlacht
bei Leipzig im Entwürfe feriiggesteflt hat.
Alle diese Denkmäler uerdanken ihre eminente
Wirkung dem Umstand, dass der Schöpfer der-
selbender historischen Stätte, welchesiebedecken,
die Urform entlehnt; dass er sie dann durch
eine kraftnolle architektonische Bewältigung
des Gedankens zu wahren Monumenten erhebt
und dass er in oollkommen freier Erfindung
das schmückettde Beiwerk mit dem Denkmal
in die innigste geistige Beziehung bringt.
Dem Kyffhäuser, dessen Baine uon wunder-
baren Sagen umwoben ist, gab der Architekt
wie in alter Zeit wieder einen trotzigen Turm ;
auf der steilen Kuppe des Wittekindberges an
der Porta, die einst wohl einen heiligen Tempel
getragen, Hess er eine krönende Halle erstehen;
auf der Inselspitze des Rheins, durch Jahr-
tausende geweiht, breitet sich nun ^ ein fest-
licher Platz zu Füssen des unbesiegUn Be-
gründers des neuen Reiches. Die Deidtmalidee
ist immer der Umgebung abgelauscht und
dann ihr geistig angeschmiegt, so dass die
Formen der Natur sich fortsetzen, die ge-
gliederte Masse mit dem Boden verwächst und
alle Skulptur als Schmuck und veredelndes
Beiwerk aus dem Wesen heraus sich einfügt.
Nur so ist es möglich, in effektvollem Gegen-
satz zu den alten abgeleierten Denkmalformen
etwas Volkstümliches in grossem Masstabe zu
schaffen, das zugleich durch die liebevolle Be-
handlung des Ornaments in echt germanischer
Art zu dem Gemüte redet.
In demselben Geiste sind, wenn auch von
geringerem Umfang , das
kürzlich vollendete Kaiserin
Augusta-Denkmal für Koblenz
(mit sitzender Figur von
MOEST-Karlsruhe) und das
in der Vorbereitung befind-
liche Kaiser Wilhelm-Denk-
mal für Halle entworfen.
Aufgaben, denen sonstihrer
gleichen Zuieckbestimmung
nach meist eine verwandte
Lösung harrte, werden jetzt
aus den gegebenen Beding-
ungen heraus individuell aufs
schärfste charakterisiert, so
dass jede in der Durchführung
ihr eigenes Gepräge erhalten
hat, das sich jeder Anlehnung
fern hält. So war beispiels-
weise von sehr einflussreicher
Seite der Gedanke hinge-
worfen, ob es sich nicht
empfehle, bei dem Porta-
Denkmal die Hallenbogen zu
schliessen and das Standbild
des Kaisers als Bekrönung
über demselben za errichten.
Dafür aber war Schmitz
nicht zu haben, und sein
Einwand, dass bei einet
derartigen Anwendung, die
sehr stark an das Hermann-
Denkmal erinnere, die Figur
des Kaisers nur eine dekorative
Stellung, statt die eines Kunst-
werkes einnehme . schlug
durch,
caffbaiai' ^'"^ besondere Eigenart
entwickelt SCHMITZ bei der
DEUTSCHE DENKMALBAUTEN VON BRUNO SCHMITZ
Behandlung der Einze!heilen und der Orna-
mente, die immer von origineller Erfindung
sind und im grossen wie im kleinen stets den
richtigen Masslab treffen. Bei der gewaltigen
Abmessung der dafür gegebenen Flächen ist
es gewiss nicht leicht, im Hinblick auf die
Riesenmasse des Aufbaues mit einfachen
Molioen auszukommen. Aber ebenso wie hier-
für, zeigt sich auch das Gefühl für eine
fesselnde Umrisslinie in allen Fällen hoch ent-
wickelt, obschon es oft schwer sein mag, mit
der Umgebung der einzelnen Denkmäler in
Konkurrenz zu treten. Aus demselben Grunde
können bei derartigen Bauten die Kapitaler
und Basen, die Gesimse und Krönungen nicht
die gewöhnliche Gliederung erfahren und er-
fordern dann eine Mittelform zwischen der
streng architektonischen und der im einfachsten
Sinne dekoratioen.
Aus grossen , ungefügen Quadern aufge-
schichtet, muss das Werk oft auf ein reicheres
Ornament verzichten; wo es auftritt, erhält
CS sgmbolische Bedeutung and wendet sich
an das eigene Empfinden des Bescimuers.
Am Kgffhäuser sind die Wappenfelder von
Lorbeer and uon Kornblumen durchzogen,
in der Arkade des Hofes thront Barbarossa
mit lang herabwallendem Barte; die Kapi-
taler stellen Ritter dar, einen Pfaffen bezwingend,
oder Löwen einen Kriegsmann bewältigend ;
Fratzen von asiatischem Tgpus deuten auf
das alte Reich zur Zeit der Kreuzzüge. —
Bei dem Rheindenkmal in Koblenz hält unten
im breiten Felde der Aar das Otterngezücht
in den Krallen, eine Warnung den ßnstern,
gegen ihn ankämpfenden Mächten ; an den
Eckpylonen sieht man Schiffsschnäbel, Ritter-
helme und Tropltäen, zum Schmuck der Frei-
treppen und des ganzen Aufbaues so wuchtig
and riesig zwischen die Ströme hingestellt!
Die Arbeiten von Bruno Schmitz, die in
einzelnen Zügen an Ravennalische Bauten und
an die besten Monumente der Alten erinnern,
sind alle von grossem Wurf, der sich nicht nar
in den Kaiserdenkmälern, sondern auch in
den sonstigen Werken, besonders in den Archi-
tekturen und Dekorationen für die Berliner
Gewerbeausstellung aussprach. In seinem
BELGISCHE INNENDEKORATION
Schaffen spart man einen Hauch der neaen
Kunst, die aus neuem Geiste geboren wird, und
die — ohne die Schönheilen der alten deutschen
Kunst zu übersehen — den Stempel der Zeit
den uaterländischen Monumenten aufdrückt.
Im Zusammenarbeiten mit Männern wie ZVM-
BüSCH, HUNDRIBSER, VOGEL und anderen, darf
Vierzigjährigen erwarten, der, wie gesagt, eben
dabei ist, in Überarbeitung des im Sommer
in Leipzig ausgestellt gewesenen Projektes für
das Völkerschlachtdenkmal die letzte -Skizze
dafür aufzustellen. — Gerade diese Konkurrenz
um das Leipziger Denkmal hat erkennen lassen,
in welchem Grade SCHMITZ mit seiner Aaf-
man wohl noch manchen schönen, der Kunst fassung sowohl wie mit seiner Darstellungs-
förderlicben Entwurf von dem noch nicht art Schule gemacht hat. pbter WALLß
G. SERRVHIER-BOVY
BELGISCHE INNENDEKORATION
In einer Konferenz, die YAN DE Velde
uor vier Jahren in Lüttich hielt, stellte er
SERRURIER mit Recht als Vorläufer für die
belgische Innendekoration hin, eine Aner-
kennung, die beiden zur Ehre gereicht.
SERRURIER war der erste in Belgien, der
der englischen Bewegung ernsthafte Aufmerk-
samkeit schenkte; er reiste nach London,
Studierle am Platz aufmerksam, was dort in
Tapeten, Stoff'en u. s. w. gemacht wurde,
und verarbeitete zu Hause seine Eindrücke in
eigener -Weise, die sich gleich von Anfang an
von den Engländern wesentlich unterschied,
wenn er auch nicht die Quelle, aas der er
geschöpft hatte, verbergen konnte. Am deut-
lichsten zeigt sich noch heute der englische
Einfluss in seinen ornamentalen Werken, in
seinen Friesen u. s. w., in denen die mehr
oder weniger stilisierte Blume vorwiegt, doch
lässt sich auch schon hierbei eine kräftigere
Auffassung, als man sie in London findet,
nicht verkennen; seine Motive haben nicht das
angekränkelt Schmachtendeenglischer Stilislen,
sie sind möglichst so gelassen, wie die Natur
BELGISCHE INNENDEKORATION
a. SERRÜRIBR-BOVy FW«
sie gemacht hat. Freilich entsprechen sie Eleganz and Zierlichkeil darch eine originelle
weder in der Linie noch in der Farbe den und dabei solide Konstruktion ersetzt und
gesteigerten Ansprächen moderner Ornamentik, von den Stil-Reminiscenzen, die immer dem
In Mobiliar vollzog Serrurier den ent- englischen Mobiliar anhaften, frei ist. Die
scheidenden Brach mit England. Man findet hier abgebildeten Intiriears sind zum grössten
in manchen Äasserlicbkeiten des Arrangements Teil in den Besitz des HohenzoUern-Kaaf-
Anklänge an England, aber vorherrschend hauses übergegangen and haben in Berlin
bleibt im Gegensatz zu dem nie präcisen Über- berechtigtes Gefallen gefunden,
gangsslil des englischen Möbels, eine einheit- SerruriBR war der erste Mobiliarkünstler
liehe, abgeschlossene Form, die den Mangel an Belgiens and er ist im Gegensatz ia Dielen
anderen Vorläufern , die an-
bekannt bleiben, der popalärste
geworden. Darin liegt zugleich
die Grenze seiner Bedeutung.
Seine Kunst vermag sich nicht
zu der Prachtentwicklung auf-
zuschwingen, die die Gegner der
modernen Bewegung immer and
oft mit Unrecht an der modernen
Innendekoration vermissen; es
haftetibretwasvonder Nüchtern-
heit an, die an dem englischen
Intirieur so oft abschreckt. Man
könnte ihn mit VOYSEY ver-
gleichen, nur ist Voyset be-
wusster in seiner Einfachheit;
er will nicht, was SERRURIER
versagt ist. Oft hat SERRURIER
etwas Proletarierhaftes ; man
kann sich schlecht vornehme
Leute in seinen immer indi-
viduellen, aber zuweilen brutalen
Interieurs, die am meisten darch
einen angenügend entwickelten
Farbensinn leiden , vorstellen.
Man oermisst die künstlerische
Sorgfalt in den Details; nicht
in der Ausführung, die immer
gut ist, sondern im Entwurf
der Linie; es fehlt ihm die
Differenzierung, nach der sich
das verwöhnte Auge sehnt.
Serrurier's grassier Fehler
ist der, — begabtere Nachfolger
G. SERRVRiEH.BOvr ZU haben, Leute, die auf der-
BELGISCHE INNENDEKORATION
selben Bahn zu wertvolleren Resaltaten gelangt
sind. Aber es bleibt sein unbestreitbares Ver-
dienst, diese Bahn eröffnet zu haben und Jahre
lang der einzige Künstler gewesen zu sein, der in
Belgien wagte, etwas anderes zu machen als die
Pariser Mode vorschrieb; und wohlverstanden,
er ist nur von sehr wenigen übertroffen. Gegen-
über der Masse der Brüsseler, die heute in » bel-
gischem Stil* machen, bedeutet Serrurier
immer noch eine respektable Höhe.
Nach Sbrrdrier kam VAN DE Velde.
Worin VAN DE Velde and mit ihm andere
wie LemmEN, den unsere Leser bereits aus
Heft III kennen, Serrurier überlegen sind,
das ist ihre künstlerische Vorbildung. SER-
RURIER war wie HORTA Architekt and für den
ornamentalen Teil seiner Aufgabe, ja für die
ganze rein ästhetische Frage — soweit man sie
uon der handwerksmässigen trennen kann —
Dilettant. Wenn ihm diese Vorbildung technisch
nicht wenig zu statten kam, so machte sie
ihm auf der andern Seile Schwierigkeilen,
die er nicht immer zu überwinden vermochte.
Bei VAN de^Velde, Finch und Lemmen,
ebenso bei Rysselberghe , der sich diesen
anschloss, lag die Sache gerade umgekehrt; sie
waren — Rysselberghe ist es auch heute
noch — Maler, and zwar uon Rang, vor
allem ästhetisch fein geschulte Künstler; als
Laien standen sie dem gewerblich-technischen
Teil ihrer neuen Aufgaben gegenüber. Nun
ist schwer zu entscheiden, was mehr wert ist.
Sicher lässt sich nur mit der Vereinigung
beider Elemente Ersprkssliches schaffen; sie ist
ebenso notwendig wie leider bisher noch selten.
Ihr verdankt VAN DEVELDE.der sichmiteiserner
Energie die technischen Grandlagen anzu-
eignen wusste, seine glänzende Entwicklung.
Wir wollen hier nur die Arbeiten näher
betrachten, die er im Auftrage des BlNG-
schen Salons L'Art Nouueau für die Dresdener
Ausstellung vorigen Jahres gemacht hat and
auf die wir bereits im ersten Heft näher ein-
gegangen wären, wenn wir die Abbildungen
zur Verfügung gehabt hätten, die wir jetzt
erst nach vieler Mühe — infolge der unbegreif-
lichen Haltung der Ausstellungs-Kommission
— anfertigen lassen durften.
G. SBRRVRIER-BOVY
DEKORATIVE KUNST. HEFT 5.
BELGISCHE INNENDEKORATION
Ea wird da- Dresdener Ausstellung unuer-
gessen'bleiben, dass sie VAN DE Velde Gelegen-
heit zu dieser künstlerischen Äusserung ver-
schaffte, die bisher seine glänzendste, wenn
nicht gelungenste Manifestation ist, und es ist
Bing zu danken, dass er sich seines Auftrages
mit Hilfe des Künstlers entledigte, der bei weitem
am besten dazu geeignet war. Es handelt sich
ausser dem Speisesaal and einem Fumoir, zu
dem Lehmen die Stoffe und das Glasmosaik
lieferte, vor allem am den Ruhesaal, der
und zugleich konstruktiver Linien und einer
mit grösstem Geschmack gewählten Koloristik.
Gebrannte Thonkacheln decken den unleren
Teil der Wände, Kacheln, wie man sie bisher
kaum gesehen, wahre Quadern, ohne jedes
Dekor, nur reizvoll durch die Pracht des blaa-
grauen Materials, in dem BiGOT den Japanern
gleichkommt. Sie werden durch einen streng
ornamentierten Fries, ebenfalls in Gris nach
oben abgeschlossen, ein ausgezeichnetes Muster,
das ebenfalls BiGOT in einer Farbe, grün, aber
G. SERRÜRIBR-BOVr
speziell für Dresden gearbeitet worden ist. Es
sollte ein Ersatz des Raumes werden, den die
Ausstellungen bisher auf möglichst praktische
Art durch geborgte Möbel and Stoffe, die der
Reklame dienen, berzastellen pflegten. Es war
eine vornehme, nie genug zu schätzende Noblesse
der Dresdener Leitung, mit diesem traurigen
Brauche zu brechen ; hoffentlich ist er damit
ein für allemal abgeschafft. — Der Hauptreiz
des Saales besteht in einer höchst rationellen
Verwendung gediegener Materialien, in einer
fast schematischen Anordnung dekorativer
in verschiedenen Tönen — das tief eingepresste,
glänzende Ornament ist dunkler als der Rest
— ausgeführt hat. Nun kommt die zur Auf-
nahme der Lichter bestimmte Wandfläche aai.
orangenem Stoff, und daran schliesst sich
der Hauptteil der Dekoration, in dem VAN DE
Velde einen Prachtausdruck erreicht, der
bisher in der modernen Bewegung allein steht.
Das Wohlthaende dieses Schmuckes liegt,
abgesehen von dem Reichtum seiner Master,
in seiner materiellen Gediegenheit. Er ist
immer motiviert und auf denkbar natürlichste
VAN DE VELDB Chailnie aia dtr SaOt dt Aquo
BELGISCHE INNENDEKORATION
Wehe erreicht; es isl sozusagen moralischer
Luxus, der nichts, gar nichts mit der Prunk-
sucht unserer Stuckdekorateure zu thun hat,
der den prüfenden Blick des künstlerischen
Auges ausholt, nicht nur auf den ersten
Moment überrascht wie so mancher Truc
unserer modernen Dekoration, sondern Be-
stand hat.
Ober der für die Bilder bestimmten Wand-
fläche umzieht ein Fries den ganzen Raum;
dieser Fries ist in eiifin massiven Holzrahmen
eingefasst und setzt sich aus einzelnen Feldern
zusammen, die durch schön geformte Hölzer
von einander getrennt sind. Gleichzeitig laufen
diese Hölzer nach unten in messingene Halter
aus, die dieMetiiUslangen, an denen dieGemälde
mittels Schnüren befestigt werden, tragen.
Dieselben Hölzer setzen sich nach oben in
stärkeren Dimensionen fort und tragen die
schöne Rundung, die in den Plafond mündet.
Aach sie schliessen wieder die Felder eines
Erieses ein, der dem unteren ähnelt, aber den
bei derselben Breite wesentlich höheren Feldern
entsprechend modifiziert ist. Das Muster, das
unten in die Breite geht, ist oben in die Länge
gezogen ; in diesen beiden Muslern, die sich
gegenseitig unterstützen, steckt VAN DE VELDEfs
Grösse, sowohl in der Farbe, die sich aus
zwei blauen und zwei gelben Nuancen zu-
sammensetzt, wie in der wundervollen Linie.
Die tragenden Holzbogen laufen endlich in
den viereckigen Kasten, der das Oberlicht ein-
schliessl, und erscheinen auch hier wieder,
in einer Richtung als Träger der Glasfelder,
die durch ein leichtes, höchst graziöses,
schwachfarbiges Muster belebt sind.
Das Mobiliar fügt sich demselben konstruk-
tiven Gedanken organisch ein. Aus der einen
Breitseite des Raums springt der mächtige
Kamin heraus ; er ist durchaus ein architek-
: TAN DB VBIDE
BELGISCHE INNENDEKORATION
foniscbea Glied des Ganzen;
bei ihm gehl ganz natürlich
der Schmuckcharakter des
übrigen Teils der Wand in
reine Konstraktion aber; die
Hölzer, die vorhin nur un-
wesentlich beansprucht wur-
den, verstärken sichhier der er-
hShlen A ufgabeentsprechend ;
das Metall tritt stärker her-
vor; die Kachelbekleidung
erhält hier eine direkt prak-
tische Bedeutung und erhöht
mit seiner steinernen Wucht
die imposante Gediegenheit
des Baues. Die Sitzgelegen-
heit beschränkt sich auf ein
ungeheures vierteiliges Sopha
in der Mitte und ent-
sprechende Arrangements in
den abgekanteten Ecken des
Raums und bildet ebenfalls
ein Stück mit dem Ganzen.
Ein vornehmer Takt liegt in
dieser, übrigens vollkommen
Raum genug gewährenden,
Beschränkung. Die Würde
des Saales wäre verloren ge-
gangen, wenn man die strenge
Symmetrie der grossen Linien
durch bewegliche Möbel ge-
mildert hätte.
Unsere Abbildungen geben
den Saal sozusagen nackt,
ohne die Bilder, für die die Vi" ob veldb
Wände, ohne die Pflanzen-
arrangements and anderen Gegenstände, für Raum noch besser am Platz gewesen wäre,
die das Plateau des zentralen Dioans, die Ihm schwebte dabei der Restaurationsraum
vertieften Ecken, die beiden Kaminvorsprünge des South Kensington Museums vor, der in
bestimmt waren, and lassen den Raum daher seiner totalen Kachelbekleidung bisher als
wesentlich kahler erscheinen als er während Muster derartiger Intirieurs galt. Mit diesem
des Gebrauches war. Trotzdem wird er auch Saal, dessen Herstellung einen Kostenauf-
in dieser Form nicht seinen Eindruck ver- wand erforderte, an dem das bescheidene
fehlen. Diese Veranstaltung markiert einen Budget BiNG's 'nicht heranreichte, lässt sich
Schritt nicht nur in der Entwicklung VAN DE der Dresdener der ganz verschiedenen Grösse
Velde's, sondern der Innendekoration über- wegen nicht vergleichen. Sieht man aber von
haupl. Welch ein Unterschied zwischen diesem diesem Unterschiede ab, fragt man, wo die
bis ins Kleine würdigen Ensemble und den Tea- imposantere, künstlerische Wirkung liegt, so
room-Arrangements der Engländer. Hier bleibt kann die Entscheidung zu Ungunsten des
selbst Morris weit zurück, der bei allem Londoner Raums nicht zweifelhaft sein. Mit
Ernst, der ihn beseelte, nie vermocht hätte, einem Zehntel von Aufwand ist in Dresden eine
einem ähnlichen Bedürfnis eine nur annähernd Wandbekleidung geschaffen worden, vor der die
so moderne, ja, und so reiche Deckung zu geben, zudringliche Pracht mit der zum Teil planlosen
BiNG's Anteil an diesem Werk ist nicht zu Zusammenstellung archaistischer Kacheln in
unterschätzen. Er bestimmte die zu ver- dem Londoner Raum weit, weit zurücktritt,
wendenden Materialien, und es war ein glück- Nicht in allen Dingen war BiNG's; Wahl
licher Gedanke, der ihn auf BiGOT's Keramik so glücklich; z. B. schadete der grelle, gelbe
brachte, wenij diese auch in einem grösseren Ton und die höchst' anruhige Zeichnung, der
BELGISCHE INNENDEKORATION
VAN RVSSELBERCHE
Möbelbezüge, der einzigen Details, an denen
VAN DE Velde unbeteiligt ist, dem Ensemble
ausserordentlich, ein diskreter Ton ohne jede
Zeichnung wäre dankbarer gewesen. Andere
Details waren dafür um so glücklicher gelöst,
so die Einzelheilen in der Holz- and Metall-
arbeit, der ausgezeichnete Einfall, den unteren
Fries, da wo er die Thüröffnungen schneidet,
in Glasmosaik umzusetzen, and vieles andere.
Wir wissen eigentlich nicht, ob TAN DE
Velde mit seinen Arbeiten in Dresden Erfolg
gehabt hat, oder ob die Zahl der Unzu-
friedenen überwiegt; man hört so viele Ur-
teile; die einen fanden den Haaplsaal nicht
genügend gemütlich, die anderen meinten,
sie möchten nicht darin wohnen. Das sind
Tadel, die mehr den Tadelnden als dem Objekt
ihrer Unzufriedenheit zu Last fallen. Zum
Wohnen sollte die Solle de Repos VAN DE
VelDE's Oberhaupt nicht dienen ; sie war von
vorneherein zur Befriedigung jenes vagen, aber
nicht ganz unberechtigten Bedürfnisses be-
stimmt, das in grossen Ausstellungen einen
repräsentativen Saal, der ausserdem zum Aas-
raben, zum Plaudern und derlei Dingen dienen
sott, verlangt. Va^ de V^iD^s Aufgabe war
nur, einen solchen Raum würdig auszustatten,
und er hat dies glänzend weit über das Ver-
langte gelöst. Denn er hat dem unpersön-
lichen Begriff einen höchst persönlichen Aus-
druck gegeben und den Raum, der sonst der
traditionellen Langweile bestimmt ist, inter-
essant gemacht; vor allem aber bat er damit
eine känsllerische Äusserung erreicht, einen
Eindruck von Würde, wie er der Ausstellung
entsprach. Einwerfen könnte man, dass der
Kamin unnötig war, da der Raum nur zum
Sommeraufenthalt bestimmt war. Aber man
kann begreiflich ßnden, dass der Künstler
sich dieses Vorwandes bediente, um seine Auf-
gabe interessanter zu machen. Dass sich
gerade in diesem Detail der Vlaame verrät,
ist kein Fehler, ausserdem dient gerade der
Kamin dazu, die Wohnlichkeit des Raums
zu erhöhen, die für uns trotz oft wiederholter
gegenteiliger Ansicht als zweifellos feststeht.
Nur ist der Raum ebenso wenig als Wohnung
für jeden Ausstellungsbesucher geeignet, wie
glücklicherweise nicht alle modernen Kunst-
werke der durchschnittlich vorzüglichen Dres-
dener Ausstellung jedermann gefallen musslen.
Wir können uns sehr wohl ein grosses Haus
denken, in dem dieser Raum etwa als drawing-
room vortrefflich am Platz wäre. -f-
RESULTAT DES PREISAUSSCHREIBENS DES I. HEFTES
R
ESULTAT DES PREISAUS-
SCHREIBENS DES I.HEFTES
DieJurg für die in der ersten Nammer
• Zeitschrifl gestellte Preisaufgabe hat
einstimmig den I. Preis von 100 Mark Herrn
DR. E. V. Oppolzbr in Prag, den II. Preis
von 50 Mark Herrn Kunstschlosser KONRAD
GSCHWEND in Hannover, den HI. Preis von
30 Mark Herrn Architekt Victor Batteüx
in Münster i. W. bewilligt.
Das Stativ der an erster Stelle genannten
Lampe besteht wie die ganze Lampe aus
Bronze. Der untere Teil läuft in eine Schale
aus, der vordere ist, wie die Detailzeichnung
angiebt, mit grünem Leder bespannt, in das
die Ornamente mit Gold gepresst sind. Rück-
wärts ist eine glatte Bronzeplatie angeschraubt,
die oben in den Handgriff endet. Das Stativ
ist mit Blei so ausgegossen, dass eine genügende
Stabilität und gleichzeitig Gleichgewicht er-
reicht wird, wenn die Lampe am Handgriff
getragen wird. Auf der Seitenansicht ist
das Profil des Bleiklotzes mittelst einer Linie
angezeigt. Der Bleiklotz darf nur an den
Seitenkanten der rückwärtigen Metallplatte
anstossen, damit die elektrischen Zuleitungs-
drähle beim Einschieben des Leuchtarmes ge-
nügend Platz finden. Wie weit der Arm hinän-
geschoben werden kann, ist gleichfalls auf der
Seitenansicht markiert. Der verschiebbare Arm
ist dreikantig und hohl und nimmt die beiden
Zuleitangsdrähte auf. Praktischer wäre wohl,
ihn statt kantig rund za halten, wodurch es
möglich würde, die Glocke zu drehen und der
Lampe eine grössereVerwendbarkeit (als Noten-
lampe, Gemäldelampe etc.) zu geben. Jede
Kante läuft gegen den eigentlichen Leucht-
schirm wieder in zwei Kanten aus, um sich
in den oberen Konus ganz glatt zu verlieren.
Der Leuchtschirm ist aus sehr dünnem Bronze-
blech. Die Ornamente treten aus dem Email,
das dieselbe Farbe wie das Leder des Stativs
hat, nicht hervor, sondern der Schirm ist
ganz glatt und das Email füllt die Zwischen-
räume vollständig aus. Innen ist der Schirm
entweder mit weissem, plissierten Seidenstoff
bespannt, wie es bei elektrischen Leachtkörpern
oft der Brauch ist, oder mit einem sich dem
Bronieschirm ganz anschliessenden, matten
Glase versehen. Das Anbringen der Glühlampen
verursacht keine Schwierigkeiten, und es ist
genügend Raum für zwei Ißkerxige Lampen
vorhanden, die in die seitlichen Aasbuchtungen
des Schirmes auslaufen. — Die Lampe ist durch-
aus nicht über jeden Vorwurf erhaben. Der
B. 0. OPPOLZBR
DIE JUBILÄUMSAUSSTELLUNG IN LONDON
Handgriff ist nicht genügend konslriiktio
motiuierl, er fällt aas dem kompakten Rest her-
aus und wäre besser durch einen entsprechen-
den, massiv gehaltenen, ösenarlig geschlossenen
Griff ersetzt. Aach die Applikation des ge-
musterten Leders ist nicht einwandfrei. Die
Hauptsache aber ist glücklich gelöst and wir
hoffen auf eine baldige Ausführung dieses
Entwurfes.
Bei dem zweiten Preis waren die Meinungen
geleilt, es gab eine Anzahl Modelle, diegrössere
Eleganz verrieten, aber nicht so einfach and
praktisch waren. Hier wird alles von der
Ausführung, uon der Wahl der Dimensionen
abhängen und wenn der Aasführende ge-
schickt ist, wird er durch Nuancen die all-
zabiedere Einfachheit modifizieren können.
Der drille Preis sieht den anderen sehr
nahe und ist vielleicht der best gelungene,
nur erinnert er stark an BENSON'sche
Modelle. Immerhin ist das, was der Ver-
fasser dem Vorhandenen hinzufügt — und
er perdient durchaus keinen Voripurf, sich
einem Meister wie BensON anzuschliessen
— so beträchtlich, dass wir ihn nicht ganz
ohne bescheidenen Lohn lassen wollten.
Unter der kaum übersehbaren Masse des
Restes der eingelieferten Arbeiten befindet
sich nur wenig Brauchbares. Den meisten
isl der Sinn der Darlegung, die wir im
ersten Heft der Preisaufgabe voranstellten,
nicht aufgegangen. Der Zweck wird als
Nebensache behandelt, die Konstruktion ver-
schwindet anter malerischen oder skulp-
turalen Wirkungen oder unter Slilver-
suchen zweifelhaftesten Wertes. Wir er-
wähnen noch das Modell des Herrn HVGO
Leven in Düsseldorf, das zwar auch
diese Mängel zeigt — es fehlt jede Möglich-
keit, die Lampe anzufassen, und
die ungehemmte Ausstrahlung des
Lichtes ist bei einer Tischlampe
von Übel — aber in dem flotten
Arrangement ä la LOIE FVLLER
wertvollen dekorativen Sinn und
Originalität verrät.
DIE REDAKTION
DIE JUBILÄUMS-AUS-
STELLUNG IN LONDON
Wer davon überzeugt ist, dass
wir in einem Zeitalter des Wieder-
erwachens der dekorativen Künste
I. Pnif leben und wer da glaubt, dass ge-
rade in England die neue Bewegung
bereits festen Boden gefasst habe, der sollte die
Ausstellung besuchen, die im Imperial Institute
von den Jubiläumsgeschenken und Adressen der
Königin Viktoria veranstaltet ist. Welche herr-
liche Gelegenheit lag hier vor, den dekorativen
Künstler zu beschäftigen, und welche un-
geheuren Mittel wurden in Bewegung gesetzt,
einer geliebten greisen Monarchin bei einer fast
\il/r\
- /-.
G
K. eSCHWBND
DIE JUBILÄUMSAUSSTELLUNG IN LONDON
V. BATTBVS m. Frei)
einzig dastehenden Gelegenheit unlerthänige
Liebe und Verehrung zu bezeugen, welche
Kostbarkeiten wurden schliesslich auch aus
England, aus Europa, ja aus allen Teilen der
Welt zum Glänze des Festes beigesteuert! Was
man gab, waren Dinge, von denen der Natur
der Sache nach eine künstlerische Ausbildung
unzertrennlich war, goldene Gefässe, Schmuck,
Kassetten, Adressen, Slickereien, Gemälde. Die
Stellen, von denen die Gaben ausgingen, hatten
den aufrichtigen Wunsch, das beste zu geben,
was in ihren Kräften stand und die dafür
gesptndeifn Mittel spielten bei der Wahl keine
Rolle. Welcher Triumph also für die Künstler,
die, voll der herrlichsten Ideen, auf die Gelegen-
heit warten, ihnen Gestalt geben zu können,
welche einzige Gelegenheit in Anbetracht der
Grösse des Objektes!
Nun, man gehe hin und sehe sich die Sachen
an, man betrachte die Zeugen der Begeisterung
der opferbereiten Geber, die Geschenke der
Fürsten, Städte, Vereine, Finanzkönige. Selbst
wer auf ein klägliches Niveau gefasst und
sich bewusst war, dass heutzutage Kunst und
Reichtum nichts mehr miteinander gemein
haben und dass die Fürsten aufgehört haben,
ihren Ehrgeiz in ein tieferes Kunstverständnis
zu setzen, selbst er kann dort noch Über-
raschungen erleben. Eine gleiche künstlerische
Einöde ist noch nicht gesehen worden und in
keinem Zeilaller ist ein gleich niedriges Niveau
künstlerischer Leistungen überhaupt denkbar
gewesen. An den dafür berufenen Künstlern
ist die Gelegenheit spurlos vorübergegangen,
aber die Goldwaienfabrikanten, die Juweliere
DBKORATtVB KDNST. HEFT 5. 2i
and vor allem die Lithographengeschäfte haben
ihren Schnitt gemacht. Von den Auftraggebern
hat keiner auch nur daran gedacht, dass es
ausser dem ihnen im Goldwarenladen ent-
gegentretenden Geschäftsführer, ausser dem In-
haber des Papier- und Lithograpbengeschäftes,
welches ihnen die üblichen Menas liefert, noch
eine Klasse von Leuten giebt, die sich mit so
etwas, wie mit der Herstellung einer Adresse
oder einer Geldkassette beschäftigen. An den
dekorativen Künstler erinnerte sich keiner, nicht
einmal der den Au flrag annehmende Fabrikant,
der ja von seinem j> Specialzeichner* zu seiner
und seiner Kundschaft Zufriedenheit bedient
wird. Man kann daher in der Ausstellung
eine wahre Muslersammlung von künstlerisch
abschreckenden Sachen sehen, Sachen, deren
künstlerische Unzulänglichkeit umsomehr ver-
letzt, als sie in den kostbarsten Materialien
auftreten. Die Geschmacklosigkeit in prun-
kendem Gewände, das ist das schlimmste, was
es giebt. Das Gold ist tn Kilogrammen ver-
schwendet, aber es ist in Formen gebracht,
die man dem Gusseisen nicht wünschen möchte.
Der überall in auffallender Weise angebrachte
Goldstempel ist offenbar das wichtigste an
den Sachen ; ja, warum schickt man dann
HUGO LEVEN
DIE JUBILÄUMSAUSSTELLUNG IN LONDON
TH. TU. HEINE
nicht gleich die zu spendende Summe in
Handerlmarkscheinen ein? Unter der grossen
Anzahl von goldnen Kassellen and Adressen-
rollen, soweit sie europäischen Ursprungs sind,
findet sich keine einzige, die man künsllerisch
überhaupt erwähnen könnte, unter den
Schmucksachen ebensowenig. Aus der Masse
Don etwa i50 Adressen kann man die künst-
lerisch bemerkenswerten an den Fingern ab-
zählen und es bleiben noch Finger übrig.
Das andere ist alles Lithograpbenarbeit, müh-
sam gequälte unechl-golische Ornamentik des
denkbar niedrigsten Niveaus. Wirklich er-
freulich ist nur eine allereinzige, und die ist
in München gefertigt. Sie stammt von Karl
Marr und ist von den in Bagern lebenden
Engländern gesandt, ein wundervoll an-
ziehendes, poetisch empfundenes and mil feinem
künstlerischen Geschmack hingesetztes Werk.
Mehr lässt sich von den Leistungen euro-
päischer Ausführung mit dem besten Willen
nicht sagen. Die asiatischen Sachen sind
weit besser. Aas Indien sind reiche gold-
und silbergetriebene Arbeiten eingegangen, die
den Phantasie- and prankvollen, für unsere
Begriffe freilich überladenen and sicher im
Niedergang befindlichen Stil atmen, den jeder
aus den Museen zur Genüge kennt. China
schickt kostbare Porzellan- and Nephritge-
fässe, holzgeschnitzte Paneele und übrigens
recht schreiende Stickereien. Ein Stück, das
ganz und gar den Stempel eines wirklichen
Kunstwerkes trägt, edel in seinem Auftreten
und königlich in seiner Haltung, hat Japan
gesandt: Es ist ein vierteiliger Schirm mit
meisterhafter Landschafts-Darslellung eines
Flussthaies mit Stromschnellen, in Stickerei
aasgeführt. Der Stil der Stickerei mag über-
schritten sein, aber angesichts einer solchen
Wirkung mass jeder Einwand verstummen.
Man mag eine Kunstkritik gegenüber der
Thatsache verurteilen, dass die Gaben lediglich
Bezeugungen loyaler Gesinnung waren und
nicht als künstlerische Schöpfungen eingesandt
wurden. Aber hierin liegt gerade das Inter-
essante der Sache. Gerade deshalb kann
man aus der Ausstellung ein Bild darüber
gewinnen, wie weil die künstlerische Bewegung
der Neuzeit aus der kleinen Schar der
Künstler in das grosse Publikum hinaasge-
drungen ist. Eine Kunst für die Künstler be-
sitzen wir, das ist wahr, aber das Publikum
nimmt, wie man hier sehen kann, herzlich
wenig Anteil an ihr, ja es lebt in einer
künstlerischen Armut und Urteilslosigkeit,
wie sie kaum in einer anderen Zeit je ge-
herrscht hat. Und was soll man dazu sagen,
dass dieselben Behörden, die den künstlerischen
Unterricht unterstützen, sich mit solchen Auf-
trägen, wie sie hier vorgelegen haben, an
^Firmen* statt an Künstler wenden? Was
nutzen überhaupt die Kunstschalen , ufenn
kein Bedürfnis nach Kunst im Publikum
vorliegt? Was ans heute hindert, ist nicht
das Können der Künstler, nicht Mangel an
Aufopferungsfähigkeil des Schaffenden, es ist
die blöde Verständnislosigkeit des Empfangen-
den, der entnüchterle Sinn der fortgeschrittenen
Neuzeil, die künstlerische Bedürfnisse nicht
mehr empfindet und den Kunstsinn vergangener
Geschlechter von der Tagesordnung abgesetzt
hat- a. M.
DEUTSCHE PLAKATE
DEUTSCHE PLAKATE
Fast alle Richtungen der modernen Malerei
haben auch in der Plakatkunst ihre Vertreter
gefunden. Während im Ausland das Betonen
der dekorativen im Gegensatz zur bildartigen
Wirkung, and die damit uerbundene Stilisie-
rung des Figürlichen auf der einen Seite zum
Ornament, auf der anderen zur Karikatur
führten, war es dem Dresdner Hans Unger
vorbehalten, den poetischen Neuidealismus zur
Geltung zu bringen ; seine Plakate sind in
erster Linie künstlerische Lithographien, mit
dem feinen musikalischen Grandton, der auch
die Werke eines BOCKLIN, KlINGEB und
Thoma auszeichnet; dabei wird aber überall
dem besonderen Zweck durch Berücksichti-
gung der Fernwirkung und durch klare ein-
fache Farben Rechnung getragen.
Der schöne Kopf, der das Plakat der Kleine-
schen Decke ziert (S. 2tiJ, scheint ursprüng-
lich nicht dafür entworfen zu sein ; der Text
wurde erst später dem schon vorhandenen Bilde
eingefügt, und so kommt es,
dass Kunst and Reklame sich
hier nicht ganz decken ; die
goldenen Strahlen der unter-
gehenden Sonne sind etwas
in Konflikt mit den grünen
Buchstaben. Das sind kleine
Mängel, die kaum dem Künst-
ler zur Last fallen, und auch
der monumentalen Wirkung
des Ganzen wenig Abbruch
thun; es ist aber doch besser,
wenn sie vermieden werden;
das zeigen die tNicod4-Con-
ceriet und das *Keg Beer*-
Plakat. Ersteres, in einem
vornehmen grauen Ton ge-
halten, ist durch die technische
Behandlung interessant; die
weissen Wolken sind in der
Tonplatte einfach ausgespart,
der Himmel durch dunkeles
Ultramarin gegeben ; dadurch
wird eine angemein stim-
mungsvolle, starke Wirkung
erzielt.
Die geschickte Ausnutzung
des Textes als wichtiges deko-
ratives Element, hat diese Af-
fiche mit dem *Keg Beert, bei
welchem besonders die glück-
liche ornamentale Verwen-
dung der Flaschen als Rand-
leiste auffällt, gemein. Die
sämtlichen Arbeiten Unger's hans üNgbr
wurden von der bekannten Firma WiLHELU
Hoffmann in Dresden mit grosser Sorgfalt
ausgeführt. Neu ist an den Affichen ÜNGER's,
dass sie Stimmung enthalten, und da das Plakat
öffentlich ist, ist es gewiss als eine künstlerische
Thal XU bezeichnen, derartige uornehme ernste
Kunstwerke unter die Massen zu tragen, wo
sie einen grossen Einfluss auf die Geschmacks-
erziehung des Publikums ausüben müssen.
Thomas Theodor Heine, charakte-
ristisch bis zur Grausamkeit, ein Satiriker
par excellence, ist der denkbar schärfste Gegen-
satz zu dem vorhergehenden Künstler; wenige
sehen so scharf wie er, wenige beherrschen
wie er die Linie; sein Empire, nie ohne leise
Ironie, zeigt, was aus diesem eleganten Stil
hätte werden können. Er liebt grelle, schreiende
Farben ; vom Standpunkt des Plakates mass
man ihm recht geben; seine Entwürfe sind
immer originell, immer geistreich und machen
sicher gute Reklame, wenn sie auch die Grenze
des Geschmackvollen leicht überschreiten. — Das
hier reproduzierte Plakat wurde bei Fischer
.LA DfiMOCRATISATION DU LUXE.
in Berlin gedruckt. — RoLLER's Plakat fär die
SIevogt-Aasstellang bei Artin in Wien (S. 213)
zeigt eine seinem relativ kleinen Formate ent-
sprechende üigneltenartige Auffassung bei
breiter, der Flächenwirkung gut angepasster
Technik and geschickte Ausnutzung der drei
angewandten Farben. -ßp-
HAfiS ÜNGEK
..LA DfiMOCRATISATION
DU LUXE.
Vor kurzem konnte man im t Figaro*
eine Plauderei lesen, die sich im Hinblick
auf die kommende Pariser Weltausstellung
mit Deutschlands Kunstgewerbe beschäftigte.
Man kann ja nie erwarten, wenn man dies
Blatt in die Hand nimmt, ein glänzendes
Bild deutscher Verhältnisse gemalt zu selun,
aber man kann doch — und zwar nicht
selten — eine gewisse Besorgnis aas der im
Tone des Grandseigneurs gehaltenen Beur-
teilung herauslesen ; das thut dann mehr
wohl, als Worte des Lobes. — Von einer
solchen Besorgnis war in jenem Artikel
leider nichts zu spüren. *Nunr, sagte
der Autor etwa, ^da werden wir ja endlich
auch Deutschlands Gewerbe zu sehen be-
kommen; wir werden überrascht sein,
wirklich überrascht, denn es wird ans
etwas zeigen, was künstlerisch das
hübscheste Paradoxon bedeutet, das man
sich nur wünschen kann : la dimocrati-
sation du luxe*.
Wir glauben nun nicht, dass wir den.
Franzosen den Gefallen than werden,
uns gerade auf ihrer Ausstellung oon
dieser Seite zu zeigen, wir haben Talent
genug, um repräsentieren zu können, -r-
aber in dem Worte steckt eine tiefe Wahr-
heit, wenn wir es als Charakterisierung
des allgemeinen kunstgewerblichen Za-
standes nehmen, der bei ans, freilich
nicht bei uns allein, herrscht.
Die Demokratisierung desLaxas, darin
haben wir es in der That weit gebracht,
das ist's, worunter wir seufzen, das
ist die feindliche Macht, die sich einer
gesunden kunstgewerblichen Entwicke-
lang überall entgegenstemmt. Es ist ja
auch so undankbar, wenn man dafür
zu kämpfen scheint, den künstlerischen
Luxus wieder bevorzugten Klassen als
Reservatrecht zu gewinnen, and es wird
manche Leute geben, die es als stolze
Errungenschaft unserer Zeit and ihrer
gewerblichen Eniwickelung ansehen, dass
man im billigen Restaurant, im Chambre
garnie des Studenten and der guten Stube
des Schneidermeisters denselben Formen
begegnen kann, die ursprünglich für den
Fürsiensaal oder ein Prankgefäss erdacht
sein mögen. Ja, es sind vielleicht die-
selben Formen — von unverstandener
Nachahmung and Pfuschwerk wollen
wir einmal ganz schweigen, obgleich
es vorwiegt — aber was dort aus
Bronze war, ist hier aus Cuivre poli, und
was dort geschnitzt wurde, ist hier gepresst
oder gegossen, aber was dort am Abend-
mahlskelch prangte, finden wir hier an der
Lampe, und was die Thür zum Ratssaal
zierte, schmückt hier den Eingang zur Schlaf-
kammer. Das dekorative Taktgefühl, das ist
es, was in erster Linie durch die Danokrati-
.LA D^MOCRATISATION DU LUXE«
sierung des Laxus verloren gegangen ist: zu
viel Ornament, oder Ornament am fabchen
Platz, oder Ixidea.
Dats diese Erscheinung eintreten masste,
anhemmbar, wie das Wirken einer Natur-
gewalt, bedarf keiner grossen Betonung. Die
märchenhafte Entwickelung alles Maschinen-
wesens, die angeheuren technischen Errungen-
schaften der letzten Jahrzehnte, machen die
billige Reproduktion beliebiger Formen in
beliebigem Material leichter and leichter; was
Wander, wenn die Industrie sich das zu
nutze macht, und ivenn sie anfängt, für billiges
Entrie mit ihren Künsten za protzen, —
was Wunder aber auch, dass der kindliche
Zuschauer, das Publikum, verblüfft wird and
verwandert Beifall klatscht. Es mass erst
erzogen werden, um Künste pon Kanst zu
unterscheiden.
H [An allen Ecken und Enden finden wir heute
den kunstfertigen Bau eines *Orchestrionst
aufgestellt, das für einen Nickel die schönste
Musik mit komplizierterBegleitang and reichsten
Verzierungen zum besten giebt, — der arme
Kerl, der nur seine lumpige Zither zu
schlagen versteht, kann nicht dagegen auf-
kommen, man hört sein Spiel ja kaum neben
diesem Konkurrenten und er kann's nicht
einmal für einen Nickel hergetxn, sondern
mass mehr verlangen; höchstens vermag er
seine Kunst noch als Rarität auf den Markt
za bringen. Und doch giebt es Leute, welche
dieselbe Melodie auf bäurischem Instrument
and in primitivem Vortrag lieber von einem
Menschen hören, als vom vollendetsten Orche-
strion. Möchten diese Leute sich mehren und
mehren! Der Kunst des Gewerbes gegenüber
sind sie heute weit weniger zu treffen, als in
der Kunst der Musik, denn wenn das, was
wir eben vergleichend bemerkten, wörtlich
nur auf die breite Masse des grossen Pu-
blikums zutrifft, so können wir auf kunst-
gewerblichem Gebiet heute noch im Hause
des Gebildetsten das Orchestrion der Zither
vorgezogen sehen. Durch die Demokratisierung
des Luxus ist man so an den toten Prunk
der Formen gewöhnt, dass man für das schlicht-
anspruchslose Gewand kein Auge mehr hat.
Und doch zeigen sich mehr und mehr die
Sparen, dass man durch das Obermass der
Formen, welche die technische Entwickelung
unserer Zeit plötzlich in buntem Taumel um
uns aufhäuft, übersättigt ist. Der grosse
Eindruck, den das Erscheinen der englischen
Möbel mit ihren einfachen Linien and dem
bewussten Verzicht auf Schnilzwerk und
Drechslerarbeit machte, war das deutliche
Zeichen der Reaktion. Der neue Impuls, der
von dieser Erscheinung ausgeht, kann uns
zum Heile oder zum Verderben werden. —
Zum Verderben, wenn er nichts weiter bewirkt,
als dass wir nun darangehen, diese neue
Formenwelt eifrig nachzumachen: dann ge-
raten wir, um uns von der Knechtschaft der
Altvordern zu befreien, in die weit schlimmere
Knechtschaft fremdländischer Eroberer. —
Zum Heile, wenn wir an der Art, wie sich
im Nachbarlande eine gesunde Blüle entwickelte,
lernen, eine älmliche Entwickelang auch bei
uns anzubahnen.
Wir fangen jetzt erst ganz allmählich
an, über dem » Was' des Geschaffenen, das
uns blendete, nach dem > Wie« des Entstehens
zu fragen, and da sehen wir, wie ursprünglich
die künstlerische gleichbedeutend war mit einer
sozialen Bewegung. Die Empörung über die
mehr und mehr drohende Herabwürdigung
des Menschen zum Maschinensklaven, der
soziale Kampf zwischen Gewerbe und Industrie
fachte das Feuer in England zuerst an.
Ein Mann wie RUSKIN ist in erster Linie
ein Reformer aus Humanitätsgefühl, zugleich
aber erkennt er, dass die soziale und die
künstlerische Krankheit im Zeilaller der
Maschine den gleichen Ursprung hat. Und
nun setzt MORRIS, ausgerüstet mit einer zähen
und elastischen Künstlerkraft and unterstützt
von jenem Stab begeisterter Freunde, deren
Namen heute in aller Munde sind, den sozialen
Kampf in künstlerische Thal um. Der Künstler
greift wieder ein ins Gewerbe und er betreibt
es auf dem Boden des alten Handwerks, in-
dem er das Werk, das er entworfen, auch
selber bis zur Vollendung führt.
»LA DEMOCRATISATION DU LUXE<
HAAS VNGER
Das ist die Art, wie man der Demokratisie-
rung des Luxus im Gegensatz zur Industrie
den Krieg erklärt, denn es ist natürlich, dass
auf diese Weise nur ausgewählte künstlerische
Arbeit entsieht, die einem verhältnismässig
kleinen Kreise zugänglich ist. Diese exklusiiie
Art des Kampfes ist es, die selbst Männer
wie Walter Crane, der uns in seinen *For-
derungen der dekoraliuen Kunsl» ein so seltsam
unklares, sozialistisches Glaubensbekenntnis ge-
geben hat, eigentlich allein in Wort und Werk
betreiben, sowie es wirklich auf ihre künst-
lerische Thätigkeit und nicht auf ihre idea-
listische Sozialphanlastik ankommt:
Man kann nun aber einmal die Industrie
und den Massenartikel nicht mehr vom Erd-
boden verschwinden machen, und
deshalb sollte man nicht nur den
künstlerischen Kampf gegen diese
Mächt führen, sondern überall, wo
es angeht, seine Ziele auch im
Bunde mit der Industrie la er-
reichen suchen : man soUle trachten,
den mächtigen Genossen statt zur
Demokratisierung des Luxus mehr
und mehr zu einer Demokrati-
sierung des Geschmackes zu be-
natzen. Es sind verhältnismässig
bescheidene künstlerische Aufgaben,
die sich in diesem Kampfe bieten,
und bescheiden mögen auch einst-
weilen die Resultate sein, die sich
hier erzielen lassen, aber, was man
etwa erreicht, ist ein Fortschritt in
der Geschmacksbildang des Publi-
kums, und der verzinst sich in-
direkt auf dem edleren Kunst-
gewerbegebiet reichlich.
Wenn man in Leipzig zur Zeit
der Messe durch die Gänge des
städtischen Kaufhauses wandert, wo
man auf einem Punkt gesammelt
findet, was dem Handel an neuen
Mustern im Gebiet der dekorativ
' gestalteten Keramik, der Glas-
industrie, der Metall- und Leder-
arbeit jeder Art geboten wird, da
braucht man künstlerisch gar nicht
sehr sensibel beanlagt zu sein, um
voll Beschämung das Haupt zu
verhallen. Da sind lauter Sachen,
die nicht zur Not wendigkeit, sondern
zum Schmucke des Lebens dienen
sollen, und wie sieht dieser Scitmuck
aus! Selbst ein wohlwollendes Aagc
kann lange suchen, bis es etwas
findet, auf dem es, ich will gar nicht
sagen mit Wohlgefallen, sondern
nur unbeleidigt ruhen kann. Einige einfache,
aber wirklich geschmackvolle Arbeiten würden
hier erlösend wirken, aber wohlgemerkt, nicht
Arbeiten, die einen speziell individuellen künst-
lerischen Charakter tragen, sondern die eigens
zur Reproduktion im Grossen erdacht sind, die
bescheiden dem Ziele entsagen, einen künst-
lerischen Einzelwert besitzen zu wollen, sondern
lediglich zum Ziele haben, das fürchterliche
Talmi geschminkten Prunkes zu verdrängen.
Wie lange muss man heute in den Läden
herumsuchen, um in einfacher Preislage Leder-
sachen ohne eingepresste Musler, Bilderrahmen
ohne Messingschnörkel, Lampen ohne Engels-
oder Löwenköpfe, Vasen ohne Ornamentik
zu finden. Unter den staunenerregenden Re-
MODERNE KUNST IN DER FRANZÖSISCHEN ARCHITEKTUR
gimenlern buntfarbiger Thonftgurea, — wer
sie nur alle kaufen mag? — - die hier bei
jeder Messe zusammenströmen, und die meist
im Geiste Sichel's und Schweninger's auf
eine kenscli überzuckerte Sinnlichkeit rechnen,
würde ein kecker künstlerischer Warf, der
sich zu dieser wohlfeilen Veroielfälligung her-
giebt, Verheerungen anrichten; and um nur
noch Eines zu nennen : welche Unzahl so-
genannter Dedikationsgeschenke wird von
unserer Studentenschaft alljährUch verbraucht,
und auf welchen künstlerischen Schund sind
selbst Besseres Wollende angewiesen , weil
kaum jemals etwas zu finden ist, das einfach,
solid and charakteristisch genannt werden
kann.
Es ist sicher kein weltbewegender Kampf,
der sich hier bietet, aber stellen wir der Demo-
kratisierung des Luxus die Demokratisierung
des einfachen Geschmackes entgegen and lassen
nicht, wie die englischen Apostel, der Industrie
gegenüber resigniert die Hände sinken, nach-
dem wir sie vergebens zornig geballt und ge-
schüttelt haben, so wird vielleicht langsam
der Boden zu höheren Anforderungen bereitet.
Und dasselbe Ziel kann auch der Architekt '■■BomiER pfsnmr
selbst t>ei den einfachsten Aufgaben, die ihm
gestellt werden, anstreben. Echte Schnitzereien,
Haustein-Ornamente , Wandmalerei können
wir nicht überall verlangen, aber wir können
verlangen, dass das Auge nicht beleidigt wird
durch prunkende Thüraufsätze, durch ver-
schnörkelte Öfen, durch nachgeahmte Leder-
tapeten , durch billige Verläfelungen , kurz
durch jede Art schlechter Dekoration und un-
künstlerischen Ornaments, das ans, wenn wir
von der Arbeit aufschauen, verfolgt, wie etwa
ein Gassenhauer, der unaufhörlich vor unserem
Fensler gesangen wird. — Wir brauchen
darum nicht kahler zu werden in unseren
Wohnungen. Alle diese dekorativen Zuthaten
kann man ersetzen durch eine richtig gewählte
Farbe, und Farbe, dies Stiefkind anserer Zeil,
ist nie unecht and immer zu haben.
Beginnen wir also neben dem positiven
Kampf, der da strebt, durch Neues, Muster-
gültiges morsch gewordene Formen zu ver-
treiben, zugleich einen Kampf gegen den
thönernen Götzen eines billigen Luxus. Nur
wenn dieser Götze überwunden ist, nur wenn
die Leute, die es mit Entrüstung zurückweisen
würden, anechten Schmuck am Leibe :u
tragen, auch unechte Kunst nicht in ihrem
Heime dulden, wird das Verständnis für kunst-
gewerbliche Forderungen ein weiteres Publikum
finden and ohne ein Publikum nützt auch die
lebhafteste Anstrengung auf diesem Gebiete
nicht dauernd. fritz Schumacher
MODERNE KUNST IN DER FRAN-
ZÖSISCHEN ARCHITEKTUR:
II
DER ARCHITEKT LOUIS BONNIER
BONNIER nimmt unter seinen Kollegen, die
sich die Befreiung der französischen Architektur
vom allen Schema zum Ziel gesetzt haben,
einen eigenen Platz ein. Immer und übtfall
hat er in erster Linie den Nachweis zu er-
bringen gesucht, dass es sich vor allem darum
handelt, die Materie ihren Eigenschaften and
Grenzen entsprechend auszunützen. Mit
seltenem Glück hat er verstanden, seine glück-
liche Schöpfergabe in den Dienst der Vernunft
and fachmännischer Erfahrung zu stellen.
Er war Schüler der Ecole des Beaux Arts
und zwar in einem ganz besonders zurück-
gebliebenen Atelier, aas dem er glücklich ent-
rann, ohne unter dem schlimmen Einftass
seines Lehrers J. AnDR^ zu leiden und ohne
etwas von dem Geist der Schule milzubekommen,
der schon so viele Begabungen zerstört hat.
Er zeichnete sich schon frühe in verschiedenen
Konkurrenzen aas, die für den Bau des Palais
der schönen Künste in Lille, des Monument
TeSTeun, der Mairie von tssg a. s. w. aas-
geschrieben waren. Er wurde als Inspectear
des Bätiments Civils DUTEBT zugeteilt und mit
der Leitung der Arbeiten am Museum betraat.
MODERNE KUNST IN DER FRANZÖSISCHEN ARCHITEKTUR
Noch umfassender gelangt BONNlER's Per-
sönlichkeit in den ländlichen Bauten zur
Geltang, die wir in diesem Heft abbilden. In
einem der anmutigsten Winkel des Pas de
Calais, inmitten einer Kästen-Landschaft, deren
weiche Übergänge an CAZltts zarte Bilder
denken lassen, an der Bai von Ambletease,
die das Fort von Vauban beschützt, erhebt
sich eine Gruppe reizender, einfacher Häuser.
Während so mancher Strand durch die Thor-
heit, die paeado-italienische oder pseado-
maarische Villen a. dergl. an die Nordsee,
schwere normannische Bauten an das mittel-
ländische Meer setzt, hässlich gemacht wird,
hat jenes Stückchen Welt durch BONNlER's
Kunst erhöhten Reiz erfahren. Diese Villen
gehören an den Platz, für den sie gebaut sind;
sowohl in der Form, die in ganz ländlichem
Charakter auf die klimatischen Verhältnisse
grösste Rücklicht nimmt, wie in dem Material,
das lediglich den Produkten der Gegend ent-
lehnt ist.
Das Haas Fl£, das der Lage nach am
besten vor dem Wetter geschätzt ist, öffnet
sich weit gegen das Meer, dessen Stürme ihm
nichts anhaben können. Um der Aassicht
an dessen Ausschmückung er wesentlichen
Anteil hatte. In seinen letzten Arbeiten hat
sich seine Persönlichkeit zur Blüte entwickelt.
Wir haben im ersten Heft einige Ab-
bildungen des Gebäudes VArt Nouveaa ge-
bracht, das von BONNtER seine gegenwärtige
Gestalt erhalten hat. Die Aufgabe war nicht
leicht; es galt im Äusseren die Bestimmung
des Baues, als Ausstellungsraum für die moderne
Kunst zu dienen, in möglichst re-
präsentativer Weise zum Ausdruck
zu bringen, and das bei einem
Mietshaus, das ursprünglich alle
die Fehler und Banalitäten eines
Pariser Geschäftshauses aufwies.
BONNIER unterzog sich der Auf-
gabe mit grösstem Geschick. Mit
den einfachsten Mitteln hat er
dem Haas einen besonderen Reiz
verliehen, der es uon seiner Um-
gebung auf das Vorteilhafteste unter-
scheidet. Dabei half ihm Brang-
WYN, der die Friese gemalt hat,
die sich von dem vorzüglich ge-
wählten Anstrich des Hauses vor-
teilhaft abnehmen. Hier und da
unterbrechen quadralförmige ele-
gante Blattmotive, im tieferen Ton
als der Anstrich, vorteilhaft die
Flächen. Daneben sind alle De-
tails benutzt, um besondere Noten
zu geben. So die Seitenthür, die
wir in dem ersten Heft besonders
abgebildet haben, so im Innern die
schmiedeeisernen Geländer a. s. w.
Sehr glücklich ist für die Haupt-
eingangslhür und die Decke der
Haupthalle die Verwendung von
geblasenen Glaskacheln von Fal-
CONNIER, die ebenso praktisch wie
geschmackvoll sind. l. bonsier
2U
Trqiptnhata in Haiton FU
L. BOSNIER Zimmer Im Hause 'Let Dunet' und Sehla/ilmmtr In •Uabon l-V-
DSMOlUnTB KUNST. HEFT i. i
/.. BOSNIER
•Lts Dunai und •!.*> Sabtani'
MODERNE KUNST IN DER FRANZÖSISCHEN ARCHITEKTUR
noch )grösaere Ausdehnung zu geben, läuft
die Seite nach dem Meere in einen Pavillon
aas mit breiten, Lafl und Licht in Fülle
hereinlassenden Flächen and einem höchst
glücklichen Giebel ohne Dachsparren, der sich
zu einer aus der Frontmaaer herausspringenden
Galerie Öffnet, die von zwei Streben getragen
wird und ein Schirmdach für das Parterre
darstellt. Die ganze Aussendekoration wird
durch die natürlichen Farben des verwandten
Materials erzielt. Graues Gestein wechselt mit
rötlichem Ziegel und bildet mit dem grün be-
malten Holzwerk hübsche Gegensätze.
Die anderen Villen LES Sablons, les Dunes,
LES Oyats, les Algues nähern sich mehr
dem Vorgebirge, das die Bai abschliesst. Bei
ihrer Bauart war der Umstand massgebend,
dass sie mehr dem Unwetter aasgesetzt sind.
Daher sind ihre Mauern mit Zement und
glasierten Ziegeln bekleidet, deren Farbe in
horizontalen Reihen abwechselt.
Auf diese Weise hat BONNIER ein Ganzes
von vollkommener Einheit geschaffen. Diese
Harmonie beschränkt sich nicht auf die
Felham Don Templeao*
Aassenarchitektur. Man findet sie auch im
Innern dieser Villen. Auch hier tritt überall
die Zweckmässigkeit in den Vordergrand; die
konstruktive Seile wird nie verschwiegen, son-
dern im Gegenteil überall, wo es geboten er-
scheint, diskret betont. Aach hier dieselbe
Achtung vor der Natur des Materials. Die
Hölzer sind nur gebeizt; ihre verschiedene
Art giebt den einzigen wesentlichen koloristi-
schen Schmuck bei dem Gebälk, den Fenstern,
Thären, Treppen a. s. w. und bei dem Mobiliar,
das ebenfalls derselben Hand entstammt Alles
ist einfach, anspruchslos, aber es ist streng
einheitlich und dadurch, durch die Aasprägang
desselben künstlerischen Willens in jedem, auch
dem kleinsten Gegenstand, ein künstlerisches
Werk von zwingendem Reiz.
Wir bilden noch die Mairie von Templeuve
ab, weil sie zeigt, was man mit demselben
Prinzip selbst bei grösster Einfachheit fertig
zu bringen vermag. Das Budget war äusserst
gering und schien selbst bei der Billigkeit der
Handwerkerlöhne im Norden Frankreichs an-
zalänglich; Bonnier hat mit einem Aufwand
NEUES MEISSNER PORZELLAN
von 30000 Francs das Gebäude fertig gestellt.
Es enthält ein weites Vestibül, in dem des Sonn-
tags die kleinen Landkrämer ihre Waren zeigen
können, das Bureau für die Sparkasse, das
für die Armenpflege, das Kabinett des Bürger-
meisters und seines Sekretärs, Stadtoerordneten-
Saal und grossen Feslsaal. Die finanzielle Lösung
der Aufgabe war nur dadurch möglich, dass
BONNIER sich lediglich der Landesmaterialien
bediente, der Ziegel aus dem Norden, des blauen
Gesteins von Soignies, der Tanne, des Pilch-
Pin und der Eiche; die sichtbaren Holzteite
tragen alle gestrichene Eisenbeschläge, das
Dach ist aus Schiefer uon St. Amand.
An dem Hause ist nicht eine Spar von
Schmuck und doch dürfte es wenig ebenso
hübsche Rathäuser geben. Es ist dazu der
anmittelbare Ausdruck des Landes und der
Leute, für die es gemacht ist, ebenso einfach
und derb wie die Landleute, die hineingehen,
and wenn man die Details durchgeht, wird
man eine Menge Sonderheiten finden, die
trotz der Anspruchslosigkeit für diesen einen
Zweck besonders gemacht sind,
BONSIER ist zum Generalarchitekten für
die Einrichtungen der Weltausstellung des
Jahres 1900 ernannt worden. Man darf sich auf
Überraschungen gefasst machen. Welcher
Art sie aach sein mögen, sie werden immer
mit den Gesetzen des Geschmacks and der
Vernunft rechnen, die BONNlER's bestes Fun-
dament bilden. cauille gardelle
NEUES MEISSNER PORZELLAN
Die königliche Porzellan - Manufaktur zu
Meissen ist bekanntlich die älteste anter den
europäischen Porzellanfabriken. Ihrem Be-
gründer BOttger gelang, wonach damals
so viele Arkanisten strebten : die Erfindung
des Porzellans und damit die allmähliche
Emancipierang Europas von der ostasiatischen
Einfuhr. Nicht lange nach der Erfindung
trat das Meissner Porzellan in seine klassische
Periode , welche die Namen HOROLD und
Händler bezeichnen. Noch heute sind für
viele Meissner Porzellan und Rokoko ganz
unzertrennliche Begriffe geworden. Mit dem
Worte Meissner Porzellan steigt die kokette
Well der geputzten Hirten und Schäferinnen
empor, das Zeitalter graziösen Leichtsinnes,
die Gesellschaft, die im Dresdner Zwinger
noch nicht ein interessantes Denkmal der Bau-
kunst, sondern die selbstverständliche Stätte
ihrer Maskeraden, Mercerien, Caroassels und
sonstigen prunkvollen Festlichkeiten sah.
Sicherlich halte die kgl. Porzellan-Manufaktur
zu Meissen recht, wenn sie in der Zeil des
rückwärts schauenden Kunstgewerbes, als dieses
nirgends schöpferische Kraft aufwies, sondern
sich nur an der Nachahmung alter Werke
technisch schulte, mit aller Energie auf das
Rokoko zurückging, wenn sie dann in der
Zeit der Nouveauth, die da kamen und ver-
gingen wie der Märzschnee, festhielt an den
Oberlieferungen aus jener Glanzzeit, als von
Meissen aus das europäische Porzellan seinen
Triumphzug durch die Welt antrat. Denn
nie hat wohl die Anschauung der Zeil einen
so sprechenden Ausdruck in Kunst und Kunst-
gewerbe gefanden, wie das Rokokozeitalter im
Meissner Porzellan. Da die Meissner Manu-
faktur eine Erwerbsansialt sein soll, Regierung
und Landtag von ihr einen jährlichen Rein-
ertrag von mindestens 2(X}000 M. erwarten,
so unterliegt es keinem Zweifel, dass Meissen
auch künftighin die Überlieferung des Rokoko
hüten wird, denn der reiche Fremde, der ge-
wöhnt ist, die berühmten and spezifischen
Erzeugnisse jedes Landes an der Stätte ihrer
Entstehung aufzusuchen, wird wohl auch
noch lange nach Dresden and Meissen gehen,
am das vieax Saxe an Ort and Stelle zu er-
werben, und er würde enttäuscht sein, wenn
er hörte, das vieux Saxe gehöre nur noch
der Vergangenheit an. Weiter aber ist zu
bedenken, dass alljährlich so und so viele
Bestellungen zur Ergänzung alter Services in
Meissen einlaufen; und jede derartige Bestel-
lung wird auf das sorgfältigste ausgeführt;
jede Dekorationsweise, stamme sie aus der Zeit
NEUES MEISSNER PORZELLAN
BOttger's, Käxdler's, MARCOum's u. s. w.,
jedes Masler, das grüne Drachenmüsler, alles
und neues Zwiebelmusler, Orleans, Branden-
slein and wie sie alle heiasen mögen, wird in
völliger Cbereinslimmung mit den früheren
Stücken nacligeliefert. Das ist ein Vorzug,
den man sonst wahrlich nicht so leicht an-
trifft, und er muss auch in Zukunft fest-
gehalten werden.
Aber auf die Dauer durfte die kgl. Porzellan-
manufaktur zu Meissen doch nicht nur mit den
Spolien ihrer grossen Zeit sich brüsten. Es
mehrten sich die Stimmen , die da sagten,
Meissen hafte nur an den Überlieferungen
seiner Glanzzeit, ein neaer künstlerischer Geist
sei nicht in den Räumen der altberühmten
Manufaktur zu finden. Diese Stimmen hatten
recht und sie halten unrecht. Sie übersahen,
dass im letzten Jahrzehnt die Technik in
Meissen in geradezu staunenerregender Weise
weiter und weiter ausgebildet wurde, dass
man sich z. B. das sog. Päte-sar-päte (die
Massemalerei) zu eigen machte, dass die Reihe
der Scharffeuerfarben in bedeutender Weise
vervollständigt wurde u. s. w. Durch zahl-
reiche derartige Errungenschaften aber, ver-
möge deren Meissen in der That an der
Spitze der gleichartigen keramischen Anstalten
steht, wurde auch eine künstlerische Reform
angebahnt und ermöglicht.
Diese technischen Fortschritte haben jetzt
dazu geführt, dass die Meissner Manufaktur
mit einem Teile ihrer Erzeugnisse neue Bahnen
beschreiten und dass sie der mit Recht ge-
priesenen Kopenhagener Manufaktur auf deren
eigenstem Gebiete bereits im ersten Anlauf
. ebenbärtig werden konnte. Diese hat ja das
grosse Verdienst, zuerst die Blaamalerei, die
sonst nur für gewöhnliche Gebrauchsware
angewendet wurde, auf künstlerische Ziele
gewiesen und dabei einige andere Unterglasur-
farben in geeigneter Weise verwendet zu haben.
Aach hat sie zuerst die sog. flowing coloar,
die sich allmählich verflüchtigende oder ver-
fliessende Farbe in technisch vollendeter and
künstlerisch reizvoller Weise vertvendet: dies
Blau wird von der tiefsten Stelle an immer
blasser and verliert sich allmählich in das
Weiss des Grundes. (Hervorgerufen wird
diese malerisch wirksame Dekoration durch
eine CItlorverbindung, welche die Farbe stufen-
weise zerstört.)
Die Erzeugnisse der Kopenbagener Manu-
faktur sind nun für die Meissner Manufaktur
der Anlass geworden , nicht dass man in
Meissen die Kopenhagener Erzeugnisse nach-
ahmte, sondern dass man die in Meissen schon
seit mehr als einem Jahrzehnt geübte Masse-
malerei und die Scharffeuertechnik noch weiter
vervollkommnete und ausbaute. Zur Erläu-
ferang diene folgendes: Man unterscheidet
bekanntlich Hart- and Weichporzellan ; jenes
ist, wie der Name andeutet, weit härter, weil
es im Scharffeaer von 1600 Grad Celsius ge-
brannt wird, wobei die Masse mehr versintert
und beim Erkalten dichter wird. Weich-
porzellan wird dagegen nur bei 1200 — 1500
Grad Celsius gebrannt. Viele Fabriken sindzum
Weicbporzellan übergegangen, weil man da-
mit mannigfaltigere and lebhaftere Farben-
wirkungen erzielen kann. Die Meissner Manu-
faktur aber setzt , im Hinblick auf ihre
Geschichte und auf die Erfindung des ersten
Hariporzellans durch BOTTGER, ihren Stolz
NEUES MEISSNER PORZELLAN
darein, gerade am Hartporzellan festzuhallen
und diesem trotz seiner Sprödigkeil gegen
känalleriache Behandlung dach künstlerische
Reize abzageivinnen. Es sind dabei für die
Bemalung zwei Wege möglich: man mass
entweder das Porzellan über der Glasur be-
malen oder man mass neae Scharffeuerfarben
herstellen. Meissen hat beide Wege einge-
schlagen. Bei der Überglasarmalerei wird
zunächst die grauweisse lehmartig bildsame
Masse gar gebrannt, es entsteht dadurch so-
genanntes {mattes, unglasiertes) Biscait-
porzellan, dann wird es in die Glasur getaucht
and mit dem Glasurüberzug glatt gebrannt,
weiter wird es über dieser so gewonnenen
glänzenden Glasur bemalt und in der Muffel
(Kapsel von feuerfestem Thon) bei gelinderem
Feuer in einmaligem oder mehrmaligem Brand
fertig gebrannt. Hierbei ist die vollständige
Farbenpalette verwendbar. Anders bei der
Unterglasurmalerei. Hier wird das Porzellan
nach dem ersten, dem Garbrande, bemalt und
erst über die Malerei kommt die durchsichtige
Glasur, so dass dann Glasur and Malerei auf
einmal im Scharffeuer von 1600 Grad ge-
brannt werden. Früher kannte man nun als
Unterglasurfarben fast nur blau (KobaltoxgdJ,
da alle übrigen Porzellanfarben (farbige
Gläser) im Scharffeuer entweder gänzlich ver-
zehrt oder doch bis zur Unbraachbarkeit ver-
ändert wurden. Meissen ist aber im letzten
Jahrzehnt in der Gewinnung dieser unzerstör-
baren Scharffeuerfarben erfolgreich vorwärts
gegangen. Zu der blauen Unterglasurfarbe
sind, wie die neuen Erzeugnisse ausweisen,
grün, gelb and braunrot mit allen Schat-
tierungen hinzugekommen, nur kupferrot fehlt
noch; doch ist nicht ausgeschlossen, dass die
erfahrenen Chemiker der kgl. Manufaktur in
Meissen auch hiefür noch Rat schaffen werden.
Dieses Streben nach Scharffeuerfarben ist
überaas berechtigt; denn nur die Unterglasur-
malerei ist der dem Porzellan eigene, aus seiner
Herstellung stechnik hervorgegangene und
darum stilistische Schmuck des Porzellans,
soweit die Malerei in Frage kommt, während
die Cberglasur maierei mehr etwas Zufälliges,
von aussen zum Porzellan Kommendes ist,
das auch bei vielen anderen Stoffen sich an-
wenden lässt. Stilgerecht ist die Unterglasur-
malerei natürlich ebensowohl beim Weich-
porzellan wie beim Hartporzellan, welch
letzteres die Meissner Manufaktur bis jetzt
allein herstellt; sollte diese aber einmal teil-
weise zum Weichporzellan übergehen, wie es
z. B. die kgl. preussische Porzellan-Manufaktur
in Berlin fabriziert, so hat sie wohl kaum von
irgend welcher Seite Tadel zu gewärtigen.
Denn für vielerlei Kunstgegenstände ist auch
das Weichporzellan als zulässig zu bezeichnen.
Die neuen Erzeugnisse der Meissner Manu-
faktur nun sind derartig modern, dass von dem,
was man anter vieax Saxe versteht, auch
nicht eine Spur mehr übrig ist. Sie sind
modern im besten Sinne des Wortes. Die
Gefässe sind einfach und gross in den Formen,
der Schmutk ist nicht äusserlich hinzugefügt,
sondern aus der Technik entwickelt, also stil-
gerecht, die Malerei ist nicht kleinlich und
zierlich, sondern geht fest auf künstlerische und
grosse Wirkung aus. Natürlich ist nicht gerade
jedes Stück im gleichen Masse geglückt. Aber
es finden sich unter den neuen Erzeugnissen,
die jetzt in Dresden grosses Aufsehen erregen
NEUES MEISSNER PORZELLAN
uerheissend genannt werden müssen. Ein
wahres Prachtstück ist z. B. die grosse Vase
mit dem bacchantischen Frühlingsreigen. Die
Gruppe der tanzenden Jünglinge and Jang-
fraaen ist ebenso anmutig komponiert wie
sicher gezeichnet; die Farben sind harmonisch
zusammengestellt, in den Lokaltönen klar and
leuchtend, in den Übergängen weich and
fein. Die dankelgrünen Cgpressen, die bell-
grünen Wiesen, der leichtbewölkte Himmel,
die lichten, schimmernden Gewänder der Tan'
senden : alles ist mit feinem Sinn zusammen-
gestimmt; das Ganze wirkt geschlossen and
prächtig. Weiter fesselt uns eine prächtige
Magnolienuase ; auf dem symbolistisch an-
gehaachten Bilde sehen wir weisse and bräun-
liche Magnolienblüten wirksam mit dunkel-
grünem Laube zusammengestellt, dazwischen
schaut ein braunlockiger Mädchenkopf mit
halbgeöffneten Augen hindurch. Das Ganze
ist auf hellblauen Grund gesetzt. Bedenkt
man, dass alle diese Farben unter der Glasar
liegen, dass das Ganze in einem einzigen
Scharffeuerbrande hergestellt ist, so begreift
man, dass hier nach mehr als einer Richtung
and vor den sonst leeren Schaufenstern der
Niederlage so grossen Zudrang veranlassen,
schon jetzt Kunstwerke von vollendeter Schön-
heit, and sicherlich ist man auf dem rich-
tigen Wege, indem man die technischen Er-
rungenschaften der letzten Jahre — Masse-
malerei and Scharffeaertechnik — weiter aas-
baut and künstlerisch verwertet. Die Masse-
malerei (päte-sar-päte) besteht darin, dass man
anstatt der gewöhnlichen Farben Porzellan-
masse malend auf den Grund aufträgt und
darüber die Glasur setzt. Früher verwendete
man dabei nur weisse Porzellanmasse auf
gebrochenen Farbtönen. Die kameenartige
Wirkung der reizvollen Technik war erreicht,
aber die stumpfen Töne gaben dem Ganzen
oft nur eine matte Wirkung. Jetzt ist man
weiter gekommen. Prachtvoll wirkt z. B. die
weisse Massemalerei auf dem berühmten
Meissner tiefdunklen Königsblau. Alsdann
aber verwendet man zum Malen auch ver-
schiedenartig gefärbte Porzellanmassen und
anderseits ist man auch zu farbigen Gla-
suren übergegangen : bedeutsame Fortschritte,
deren erste Ergebnisse ermutigend and viel-
NEUES MEISSNER PORZELLAN
hin MeiMtentäcke vorliegen, denen keine andere
Manafaktar etivaa keramisch gleich Bedeul-
sames an die Seile zu stellen uermag.
Gleiches gilt von den Gefässen in der
neugewonnenen prächtigen Scbildpallglasar
in prächtigem Braun — einer kleinen orien-
talischen Vase und einer grösseren Schale mit
einer ausgesparten Pfauenfeder — sowie einem
Schälchen iii blauer Scharffeuerfarbe mit Slief-
mäfterchen, wobei die Staubgefässe ausgespart
sind, und einer Federhalterschale mit einem
flach aufgesetzten Frosch auf ooll-
blaaem Grund. Dabei ist wohl die
Bemerkung nicht zu unterdrücken,
dass der Keramiker vom Fach sich
an einzelnen Stücken begeistert,
welche den Kunstfreund an sich
kühler lassen; für letzteren kommen
beider rein ästhetischen Würdigung
die grossen Schwierigkeiten nicht
in Betracht, die bei der Technik zu
überwinden waren. Dieses Gefühl
des Keramiken ähnelt der Mutter-
liebe, die der Lehrer nicht oder
nicht im vollen Masse zu teilen
vermag. Indes sind solche Stücke,
wie die Schale mit der Pfauen-
feder, in verschwindender Minder-
zahl unter den neaen Stücken vor-
handen. Ganz köstlich flnden wir
dagegen wiederum eine Decketvase
mit Vogel und Blutenzweigen —
japanische Dekoralionsweise, aber
ganz deutsch empfunden^ dannein
Seestäck mit dahinsegelnden Booten,
eine Landschaft mit einem Haus
zwischen Weiden und Schwänen,
die auf dem blauen Weiher dahin-
ziehen. Weiter seien genannt zwei runde
Teller, einer mit blauem Grund, vollständig
von einem Spinnennetz überspannt, in dessen
Mitte spinnengleich eine nackte Jungfrau sitzt,
die auf den Fang der flüchtigen Falter und
Mücken aasgeht, ein zweiter mit einer Venus,
za deren Füssen Schwäne schwimmen, während
ihre Gestalt sich vom Himmel abhebt. Alle
diese Bilder sind in vollen kühlen Farben
kraftvoll und breit gemalt, und es ist damit
eine bedeutende dekorative Wirkung erzielt.
Es unterliegt keinem Zweifel, dass Meissen
damit den ähnlichen Erzeugnissen der Kopen-
hagener Manufaktur Ebenbürtiges an die
Seite gestellt, ja diese mit den besten Stücken
wenigstens technisch übertroffen hat. Wäh-
rend aber Kopenhagen meist naturalistisch ver-
fährt und das japanische Vorbild oft allzutren
in die Erscheinung tritt, wird in Meissen auch
von der Stilisierung der Blumen mit Erfolg
DBKOUATIVB KUNST. HEFTS. 'ii
Gebrauch gemacht; ihm weit voran aber ist
Meissen in der reichen Mannigfaltigkeil ge-
färbter Massen, mit denen in der kgl. Manu-
faktur in ähnlicher Weise gearbeilet wird,
wie Gall6 mit seinen bunten Glasmassen
verfährt.
Wir können nach allem der königlichen
Porzellan-Manufaktur zu Meissen nur Glück
wünschen zu ihrem energischen Vorgehen auf
neuen Wegen. Die Zeiten sind endgültig vor-
bei, da man sich im Gewerbe nur auf
die Vergangenheit und die 'alten guten Vor-
bilder« verlassen durfte. Der Erfolg aber,
den die neuen Meissner Erzeugnisse schon
jetzt errungen haben, zeigt am besten, wie
sehr die Neuerung einem wirklichen Bedürfnis
unserer Zeit entspricht. ''^t''- schvuasn
KORRESPONDENZEN
MÜNCHEN — Zu dem Zwecke, das
neue Kunstkandwerk wirksam zu
fördern, hat der Ausschuss, der t>ereits
im verflossenen Jahre eine Ausstellung er-
lesener Erzeugnisse der neueren Richtung
(unter dem Namen ^Kleinkunst") im Glas-
palast zu München veranstaltet hat, sich
unter dem Namen 'Ausschuss für Kunst im
Handwerk* in München enger zusanimenge-
MÜNCHEN
scbäftsführer des Ausschusses, Herrn Maler
F. A. 0. Krüger, geleitete Auskunftei, Mäncben-
Gern, Kratzerstrasae 1. Wir begrässen die
Bestrebungen des Ausschusses auf das wärmste
and hoffen, dass seine Arbeit auf dem be-
schrittenen Wege dem neuen deutschen Kanst-
handwerk zum Segen gereichen wirdt
Aaigtführl m
i R. KIRSCH, München
schlössen und zu seinen bisher uer folgten
Zielen : das neuere Kunsthandwerk durch
Anregungen zu künstlerischen Arbeiten und
deren Ausstellung, insbesondere auch durch
seine würdige Vertretung in Paris 1900 zu
fördern, — noch die Errichtung einer Auskunftei
in Manchen aber alle in das Gebiet gehörigen
Fragen, sowie die Gründung einer Gesellschaft
771. b. H. beschlossen, die künstlerische Ent-
würfe ankauft, anfertigen lässt und sie so in
Handel bringt, dass bei Ausschluss aller Ge-
schäftsgefahr der Hauptanteil des Gewinnstes
dem ausführenden Künstler zu gute kommt.
Beide Einrichtungen seien hiermit dem Publi-
kum auf das wärmste empfohlen: sie be-
zeichnen einen wirksamen Schritt nach vor-
wärts, und es steht zu hoffen, dass bei all-
seitiger Unterstützung auch seitens des kauf-
kräftigen, für ein deutsches Kunsthandwerk
empfänglichen Publikums der deutsche Kunst-
markt auch in dieser yBfziehung im stände
sein wird, dem Auslande die Spitze zu bieten.
Jedenfalls giebt das Ihatkräftige Vorgehen des
Ausschusses einen Beweis dafür, dass man
hoffen darf, ein Gebiet für deutsche Kunst
im Handwerk wieder zu gewinnen, das dank
unserer Sorglosigkeit leider schon zum Teil
an die Fremden uerloren gegangen ist. Um
Missdeutungen oorzubeugen, heben wir her-
vor, dass der Ausschass sich keineswegs als
eine Art 'Secesstom des bayerischen Kunst-
gewerbe-Vereins betrachtet wissen möchte;
vielmehr wird er nach wie uor diesem hoch-
verdienstlichen Vereine seine Mitwirkung auf
dem Gebiete des neueren Kunsthandojerks zu-
wenden und unter Zusammenfassung seiner
Kräfte auf dieses eine Gebiet im übrigen Hand
in Hand mit den allgemeineren Bestrebungen
des bayerischen Kunstgewerbe-Vereins gehen.
Alle Anfragen beantwortet die von dem Ge-
Wir freuen uns, dem belgischen Mobiliar,
das wir in diesem Heft publizieren, zwei ein-
heimische Stücke zur Seite stellen zu können,
die auch in dieser Nachbarschaft bestehen
können. Das Pult Endell's hat seine Be-
deutung; nicht nur weil es das erste Möbel dieses
Künstlers ist, sondern weil es überhaupt eines
der ersten reinen Gebrauchsmöbel darstellt, das
in Deutschland mit modernen Slilelementen ge-
macht worden ist. Und dieses Stück ist erstaun-
lich gut. Unsere Leser kennen bereits eine ganze
Anzahl ENDELL'scher ornamentaler Sachen.
Mancher wird bei aller Anerkennung des
darin enthaltenen Talentes leise gezweifelt
haben, ob diese manchmal bis zur Zer-
brechlichkeit zartlinige, fein gegliederte Or-
namentik fähig ist, sich dem Nutzding an-
zupassen. Die Überraschung kann nicht
glänzender sein, als wie sie dieses Pult hervor-
rufen muss, das vollkommen die Eigenart
ENDELL'scher Linien besitzt and dabei ge-
A..ENDBLL Äatgtfahrl von K KIRSCH, UüniAm
MÜNCHEN — BERLIN
sund und rationell aufgebaut ist, wie es der
Architekt nicht besser verlangen kann. Nach
dem Tintenfass, das wir in Nr. 2 brachten,
lag die Gefahr vor, dass Endell sich von
seinen kapriziösen Linienkombinationen zu
Extravaganzen oerleilen lassen würde. Davon
ist kaum eine Spur in diesem Möbel zu ent-
decken. Man wird ausser der Umrahmung
des Glaseinlasses für die Tinte, die hier bei
der grossen Fläche motiviert und kaum hinder-
lich ist, keine Linie entdecken, die nicht ihrem
Zweck entspricht. Am glänzendsten tritt das
in den Seilenflächen hervor, wo die individuelle
Schmucktinie die prakUscIie Ausbuchtung des
übersiehenden Pultteils bestimmt. Denselben
PETER BEHRENS
Linienrhgihmus findet man in den eingekerbten
Linien (eine sehr glückliche Idee!), die der
Schreibfläche des Pultes, den Schubladen, den
Füssen eine naISrIiche Bewegung verleihen,
wie in der sehr geschickten Art, wie die untere,
zum Teil offene Rückwand abgesägt ist und die
Fächer des Aufsatzes profiliert sind. Überall
ist der Charakter des Materials — Holz —
erhalten, dessen schöne Maserung der Eleganz
des Möbels nicht wenig zufügt. Der Haupt-
reiz aber und zugleich das bindende Element
liegt in der wohlgelroffenen Wahl der Ver-
hältnisse, die bei einem Anfänger geradezu
i'erbififp.
Der Bücherschrank Endell's (S. 227)
weist ähnliche Vorzüge feinen Verständnisses
and Geschmackes auf. Der leichte, gefällige
Aufbau, die weiche, flüssige Linie and Zeich-
nung der Konturen und Beschläge ist vor-
züglich gelangen. Die schlanken Säulen geben
eine graziöse und glückliche Lösung, um das
kräftige Vorspringen des Kranzes zu ermög-
lichen. Die vier Spitzen an ihrem Schaft, die
gleich abgeschnittenen Ästen emporstehen, rufen
aber eine unruhige Wirkung hervor und wären
auch als Staubfänger besser fortgeblieben. Das
Ornament zeigt viele — vielleicht zu viele —
Anklänge an phantastisches Seegelier oder an
wundersame Orchideen. Nur ein so vornehmer
Geschmack wie der Endell's
vermag so bizarre Formen zu
meislern; aber dennoch haben
sie wenigstens für uns Binnen-
länder, die sich einer gewissen
Scheu vor allen Wassertieren
nicht erwehren können, etwas
Antipalhisches. Wie dem auch
sei, wir begrüssen auf das
freudigste das energische, ziel-
bewusste Vorgehen Endell's.
Die hier gegebenen Proben
berechtigen zu den grössten
Erwartungen. An der ge-
diegenen Ausfährang dieser
Möbel haben die Schreinerei
von Wenzel Till und für
die Beschläge die Schlosserei
Don R. Kirsch in München
ihren wohlgemessenen Anteil.
Ein interessantes Problem
hat sich Peter Behrens ge-
stellt, indem er versuchte, die
Formen und die Sgmbolik des
Auges und der Thräne auf
einen Schmuck anzuwenden,
dessen Entwurf wir neben-
stehend bringen. Es ist ein
feierlicher Ernst und etwas sphgnxartig Ge-
heimnisvolles, das hier zum Ausdruck kommt,
verstärkt durch die Wirkung des Materials:
oxydiertes Silber mit Perlen und Blutsleinen.
Nicht jeder Dame mag solcher Schmuck passen
— diejenige, die ihn tragen wird, wird aber
sicher eine geschmackvolle und interessante
Frau sein. -vß-
B ERLIN — Der Publikation der Schüler-
leistungen ist im Königlichen Kunst-
gewerbe-Museum eine Ausstellung von
Lehrerarbeilen gefolgt. F.s sind nur sechs
Lehrer vertreten : die Maler 0. ECKMANN und
Fraiientthinutk (Entwarf)
A. ENDBLL, Stthpalt HoharbtU ran W. TILL, BttthlOge oon R. KIRSCH In UBnchtn
0. ECKMANN
GaeMleh getchaUi dunA dU Hmleller : J. ZIUMERSIANN A Co., HOnchen
M. Seligeh, der Ciseleur 0. RoH-
LOFF, die Architekten B. SCHAEDE
und 0. RiETH und die Leiterin der
Klasse für Stickerei, Frau Dern-
BURG. Das meiste Interesse er-
wecken die Arbeiten von Eckmann
and Seliger, den Lehrern der
beiden Malklassen. Man spärl hier
einen Prinzipienkampf. Die EcK-
MANN'sche Klasse war bisher, die
Unterstufe für die von Professor
M. KOCH auf Seliger über-
gegangene Aktklasse. Wird das
ferner noch möglich sein ? Die
Scharen der jungen Studierenden
laufen ziemlich ratlos von den
'neuen Formen* zu den alten, lieb-
gewordenen Dekorationseffekten.
Und dann, wie soll der Kansl-
gewerbler, der am Tage bei ECK-
MANN studiert, sich zurechtfinden, wenn er am MANN nun doch nicht. Wo er auf fesler Basis
Abend bei einem alten Barockprofessor den steht, da ist es der in Jahrbunderlen ge-
Akanlbus ah das allein Wahre preisen hört, wonnene Boden sicherer Schmuckregeln. Da-
Gar so revolutionär, wie es scheint, ist Eck- rüber hinaus ihm zu folgen, ist nicht rätlich.
Der Wandteppich, der den poeti-
schen Titel: ^Mondnacht am
Weihen fährt and dessen Motiv
dem Vordergrunde eines früheren
Bildes ungefähr entspricht, kann
nicht ernst genommen werden.
Von den Fussteppichen ist allein
der mit dem leichten Quittenmoliu
gut und brauchbar. Die Be-
leuchlangsgegenstände zeigen- viele
Feinheiten in der Nutzbarmachung
botanischer Zierlich keilen für elek-
trische Lichtwirkang und für die
Monlierung der Leacbtkorper. Es
fehlt ihnen aber die konstraktioe
Einfachheit; man reisst sieb an
diesen scharfen Metaügräsern die
Hände wund. Die farbig sehr sub-
tilen Vorsatzpapiere, in der Manier
wie die Stabenmaler zu *mar-
morierent pflegen, gleichen Stein-
nacbabmungen auf ein Haar; die
dam it eingebundenen Bücher wirken
wie Marmor- und Granitproben.
Wunderschön und immer wieder
erfreulich sind die bekannten Holz-
schnitte der Schwäne, woüonDrack-
slöcke ausgestellt sind. Die Zeich-
nungen sind ungleich. Die Buch-
staben eines verzierten Alphabetes
werden von dem Beiwerk etwas in
der Scbriftdeatlichkeit betinfiusst.
0. ECKUANN Zuweilen führt ECKMANN seine
af$thuch gaiMiM durch dit HtntiUtr : JOS. ziuuBRMANS * Co., Müneiua pflanzlichen Formen SU neuartiger
230
Ornamenitcbönheit hinauf; zuweilen stört
eine Originaliiäf, die nicht von innen kommt.
Ein Fries z. B. giebt die momentane Kampf-
stellung zweier Vögel in vielen Wiederholungen.
Wie kann man das Augenblickliche einer
jähen Handlung ornamental darstellen (wenn
man es nicht im Linienrhylhmus auflöst)
und gar im Fries endlos wiederkehren
lassen. Alle Zeichnungen haben mehr oder
minder Vigneltencharakter ; es sind witzige*
Epigramme. Das grosse, fliessende Ornament
fehlt durchaus. Das ist nicht zufällig; die
Teppiche zeigen, dass hier eine Lücke in
ECKMANN's Kunst ist. Die stilisierte Einzel-
form der Pflanze kann ein Ornament nur in
seltenen Fällen geben; das Aneinanderreihen
ist noch keine organische Folge. Der sichere
Blick für die oon der Umgebung losgelöste
Form ist dem Künstler nicht so nötig, wie
die anschauliche Fähigkeit, die ein mannig-
0. ECKUASN
GatMIch gadtattl durch dlt HtriUUtr: JOS. ZIMMER-
UANN A CO., Münchtn
0. ECKMANN
GaeliUcbgachatit durch dlt Hmleller: JOS. ZIMMER-
MANN * CO., Manchen
faches Ganzes in der Stimmung erfasst and
diese dann überzeugend im Flächenornament
zum Ausdruck bringt. Dann mag im Ein-
zelnen gerne etwas Konvention stecken bleiben.
Im oberen Stockwerke des Museums hängt
der schöne, zweifarbige Stoff mit dem Kastanien-
motiü Don Morris, der viele von diesen
Stimmungsqualitäten hat. Man würde diese
Bedenken vor der starken Entwicklungsfähig-
keit Eckmann's unterdrücken können, wenn
er nicht als Lehrer ausgestellt hätte. Wirk-
lich revolutionär ist es, dass er als Lehrer
an einer Malklasse des Berliner Institutes
fertige Leuchter, Teppiche und Vorsatzpapiere
ausstellen darf. Das ist ein Anfang. Auch
M. Seliger ist in seiner Art modern ; die
Engländer haben manches für ihn gethdn.
Er arbeitet nach der Dekorationsweise, mit der
M. Koch einst Berlin beglückte, die eine Menge
von *Köchem gezüchtet und den Brei gründ-
lich verdorben hat. Seliger's technische
Fähigkeit ist unanfechtbar, aber — fr&lier
war es das Barock und Rokoko, jetzt ist es
eine malerisch beleuchtete englisch-italienische
Renaissance. An den Wandschirmen, die
Seliger zusammen mit Frau DernbüRG ge-
arbeitet hat, ist nur die respektable Stick-
und Applikationstechnik zu loben. 0. RiETH,
bekannt als Mitarbeiter Wallot's, ist ebenfalls
Maler and nur nebenbei Architekt; eigentlich
BERLIN
Theatermaler — , allerdings einer mit glänzender
Phantasie, grossem Formenreichtum und
starkem, künstlerischem Eigenwillen, Seine
Ornamentik ist üppig wie die LepaüjRE's
und zuweilen den Architekturphantastereien
wohl eingefugt. Aber was soll das alles?
Vom Architekten muss man unter allen Um-
ständen die sichere Besonnenheit des statischen
Formgefuhls verlangen, die man beim Maler
nur wünscht. Von den Architekten erwarten wir
immer sehnlicher die Formen einer modernen
Baukunst und damit dann die Fährerschaft
über die schon zersplitternden Talente des
neuen Kunstgewerbes, Was soll man sagen,
wenn eine so reiche Natur sich ganz der
indisziplinierten Phantasie uberlässt? — Von
B, SCHAEDE sind dann noch einige saubere
Naturstudien ausgestellt und von 0, Rohloff
ziselierte Wandteller, Rohloff glaubt noch
immer an die glatte Mittelmässigkeit der
SEDER*schen Pflanzenstilisierereien, die so
lange schon das Evangelium der Bibliothek-
plunderer sind. — Das ist alles. Es ist ge-
wiss viel Anregendes in dieser Ausstellung;
instruktiv und vorbildlich ist sie jedoch
nicht Bei GURLITT ist eine Anzahl der
TiFFANY'schen Ziergläser zu sehen. Es ist
schon viel über diese Arbeiten gesagt worden.
Die durchwegs nicht einwandfreien Formen
der Vasen, Flaschen und Schalen sind wieder-
holt getadelt worden. Man kann jedoch nicht
genug seine Bewunderung aussprechen über
die prachtvolle Handwerksleistung. Wie mit
dem strähnigen Fluss des während des Blasens
aufgetragenen farbigen Überfangglases orna-
mentiert ist, wie bei einem zweiten und dritten
Überfangen immer nur mit diesen selbst-
herrlichen Eigenschaften des Materials ge-
zeichnet ist, das ist die schönste Verbindung
von Kunst und Handwerk, die man sich
denken kann. Man ist dem Kunstler für
jede zufällige Wirkung des schön gefärbten
Glasflusses dankbar, weil nur die souveräne
Beherrschung der Technik und der äugen-,
blickliche Dekorationentschluss während der
Herstellung solche Vollendung möglich machen.
Die Gläser, selbst die für den Gebrauch un-
praktischen, sind von bleibendem Wert. Hoffent-
lich lassen die, die es angeht, sich diese An-
regungen nicht entgehen. — Von einem
Fräulein Th. Onasch sind Entwürfe für
Bucheinbände und Stoffe ausgelegt. Sie sind
mit der wilden Lust alles zu schmucken,
ausgeführt, die für die japanisch-englischen
Nachahmer charakteristisch ist. # In der neuen
Kunsthandlung von KELLER & REINER, wo
man am schönsten die Äusserungen des
modernen Kunstgewerbes vereinigt findet, sind
keramische Arbeiten von HEIDER-Mänchen
zu sehen, die in der ^Dekorativen Kunst € bei
früherer Gelegenheit besprochen wurden. FlNCH-
Brussel und DAMMOilSE-Sivres haben eben-
falls mehr oder minder künstlerische Töpfer-
waren geschickt. Die Sachen des Franzosen
fallen angenehm auf durch einfache, gute
Formen, die Schalen und Töpfe des Belgiers
sind wertvoll durch den Reiz des mit virtuoser
Primitivität ausgeführten Farbenflusses. —
Von A. Klinger war dort ein Plakat für
einen Bazar, dem trotz geschickter Ausfährung
die weithin sichtbare, jähe Silhouettenwirkung
fehlte. Daneben hing ein Plakat von Steinlen,
mit dem zehnten Teile der Arbeit hergestellt
und vollkommen in der plötzlichen Auf-
dringlichkeit. Sehr erwähnenswert ist die
Unart der neueren Künstler, jede Art von
Schrift so unleserlich wie möglich hinzumalen ;
diesen Unsinn hatte Kltnger. in grosser
Vollendung angewandt. — LEMMEN-Brüssel
ist mit einigen seiner Teppiche vertreten. Es
sind die besten modernen Teppicharbeiten, die
Berlin bisher gesehen hat. Da die schönen,
farbigen und ornamentalen Vorzüge durchaas
auf breiter Handwerksgrundlage erreicht sind,
nämlich auf dem üblichen grossmaschigen
Netze für Knüpfteppiche, und da jeder un-
selbständige Zeichner diese einfachen Motive
zu variieren vermag, so dürfen wir vielleicht
hoffen, dass einige Berliner Fabrikanten die
billigen Anregungen ausnützen und dass wir
im nächsten Jahr mit guten, wohlfeilen
Teppichen von dem Graus der gegenwärtigen
Mode befreit werden. k. sch.
Der nebenstehende Toilette-Tisch und Stahl
von Ch. Plumet ist, wie schon im vorigen
Hefte erwähnt, von dem Kunstgewerbe-Museum
als ein tüchtiges Vorbild angekauft worden.
Unsere Möbelzeichner können vieles daran
lernen, denn Stuhl wie Tisch sind von graziöser,
wohlverstandener Konstruktion. Geschickt ist
die Biegungsfähigkeit des Holzes verwertet
und dadurch jene gefällige Leichtigkeit des
Möbels erreicht, die seiner Festigkeit doch
keinen Eintrag thut. Die Profilierung der
Tischbeine führt die Hauptlinien durch und
vereinigt sie in kurzer Biegung zum leichten
einfachen Fasse. Überall sind spitze Ecken
und scharfe Kanten vermieden. Eine graziöse
vornehme Einfachheit ist die Signatur des
Ganzen — auch in jeder Einzelheit, wie bei
den Beschlägen.
Wir verweisen auf den Pariser Brief, in
welchem von den neuesten Arbeiten des
Künstlers die Rede ist. -ß-
232
CH. PLÜMET, TniMUHiith aas Niiubaamholi
a dini Hohtmolitrn-Kaaßaiat (H. HIRSCHV/ALD), Btrlln
LEIPZIG^ Auf der Gewerbe- and Indusirie-
Ausstellüng fiel ein kleiner Bau in
■^ die Aagen durch die selbständige
Eigenart, mit der er auflrat, und die sichere
Konsequenz, mit der er durchgeführt war.
Es war weiter nichts, als eine *Wara1bude',
aber gerade das Alltägliche des Vorwurfs lässt
das Geschick schätzen, mit dem hier eine
gewisse eindrucksoolle Monumentalität einem
launigen Charakter verbunden isl. Mit richtigem
Stilgefühl hat der Schöpfer empfanden, dass
die künstlerischen Gedanken , die er ent-
wickelt, nur dann zum eigentlichen Zweck
seiner Aufgabe nicht im lächerlichen Kon-
trast stehen, wenn er sie gleichsam selber
persifliert. Diese Mischung von künstleri-
schem Ernst und Witz macht das Gebäude
interessant, denn anter dem Mangel an
Taktgefühl in der Wahl der zum jeweiligen
Zweck passenden Stilsprache hat man
nirgends mehr zu leiden, als auf unseren
Ausstellungen.
DEKORATIVE KUNST. HEFT 5.
235
LEIPZIG — WIEN
den Eindruck uölliger Abklärung erreichen,
so wird man diesem Streben künstlerische
Energie nicht absprechen können.
p. mObivs
Die malerisch bewegte Disposition der Halle
bringt den praktischen Zweck der Anlage
voll zum Ausdruck; es handelte sich darum,
in einem der Flügel die Maschinen zur Warst-
bereitung, im mittleren Teil die Thätigkeit
des Schlächters und im anderen Flügel die
fertige Ware zum Verkauf an das Publikum
zur Geltung zu bringen. Diese verschiedenen
Zwecke sind durch die Einteilung scharf ge-
sondert, trotzdem die völlig geöffnete Front
überall den Einblick und Durchblick gestattet,
so dass schon der Passant alles za sehen be-
kommt, was ausgestellt werden soll. Zugleich
illustrieren die hermenartig gebildeten Pfeiler
zwischen den Bogen die jeweilige Bestimmung
der Abteilung in charakteristischen, vomArchi-
tekten selbst entworfenen Gestalten. Der Zweck
des Ganzen wird durch den Dachaufbaa, der
etwa den » Tanz der Menschheit am das gol-
dene Schwein* karikiert, zur Anschauung ge-
bracht.
Sowohl an diesem Werke des Architekten
Paul MObivs, wie an anderen Arbeiten, an
die er in Leipzig Hand gelegt hat, finden
wir das beinahe neroöse Bestreben, allen alt-
gewohnten Profilformen aus dem Wege zu
gehen; seine Linien wollen hart sein, seine
Formen mahnen oft an die Natur des Eisens.
Mag er darin manchmal noch nicht ganz
WIEN — Die Weihnachtsaasstellang
im österreichischen Museum brachte
einige Überraschungen. Ausser den
Ladenhütern, die unsere Kunstgewerbetreiben-
den Jahr für Jahr zur Ausstellung bringen, hat
der neue Direktor eine Sammlung von Kopien
alter und moderner Möbel aasgestellt und
zum Verkauf gebracht. Das letztere wird ihm
Don einigen Firmen sehr übel oermerkt, denn
es kann allerdings nicht im Interesse gerade
dieser Firmen gelegen sein, wenn das Museum
dem Publikum die Augen öffnet und zeigt,
was in den letzten zehn Jahren da draussen
geleistet wurde. Diese Weihnachtsaasstellung
hat sie im Schlafe gestört und das Schlafen
ist eben weniger anstrengend als das Sachen
nach neuen Pfaden. Die Kopien, die grössten-
teils aus dem South Kensington Museum
stammen, wurden unter anderen auch von
kleinen Meistern in Wien und in der Provinz
hergestellt. Die Sachen wurden zum grossen
Teil vom Hofe und von unserem Hochadel
angekauft and dem Kleingewerbetreibenden
auf diese Weise Gelegenheit geboten, für diese
NIETZSCHMÄNirKht Wuntbude a. d. ladiulrlt-Auultnang In Lilpilg
Kreise direkt zu arbeiten. Eine solche Aktion,
bei welcher das Museum den ehrlichen Makler
zwischen Kleingewerbe und gut zahlendem
Publikum bildet, ist mit Freuden zu begr&ssen,
und man wird sich hoffentlich durch die
Gegnerschaft nicht beirren lassen, die leider
in einem deutschnalionalen Blatte in der an-
saubersten Weise gegen die neuen Bestrebungen
arbeilet. Maler Heinrich Lefler und
Architekt Josef UrbaS hatten ein Damen-
zimmer ausgestellt, das, bizarr and gesucht,
nur teilweise Erfreuliches bot. Einzelne
reizende Stücke konnten das Ensemble nicht
reiten. Man sah ihm das *Justamentanders<
zu sehr an. # Die Kunsthandlung Artaria
brachte eine Kollektivausstellung von Alphons
MüCHA. Vor diesem Unternehmen wurde er
nur MCSCHA ausgesprochen. Nun sagt man
wieder Mvcha, denn der Künstler hat sich
dem über diesen Zuwachs freudig erregten
Wien als entfernter Landsmann vorgestellt.
Seinen Geburtsort Eibenschätz (Mähren) hatte
Mvcha nämlich als nationaler Tscheche
stets mit Ivancia bezeichnet, welchen Ort
man eher in den Pgrenäen oder in Serbien
zu suchen geneigt ist. Unser MUCHA aus
Eibenschätz! Wie das klingt! Was Wunder,
dass die gesamte Wiener Presse aus einem
macha (tschechisch, zu deutsch : Fliege) einen
Elefanten machte. 9 Gegenwärtig stehen wir
im Zeichen Stuck's. Sowohl bei MiETHKE
als auch bei PlSKO and NeümAKN sind
Franz SruCK'sche Bilder zu sehen. Sie er-
regen die ihnen gebührende Aufmerksamkeit.
DeakaialMtnlararf
STOCKHOLM
STOCKHOLM — Ferdinand Boberg.
Bei einem Besuch auf dem Kupferslich-
kabinett in Stockholm fand ich zu meiner
Überraschung unter den Radierungen schwedi-
scher Künstler auch Motive aus Stockholm.
Ausserhalb uon Paris und London ist man
immer überrascht, wenn sich Künstler der
Darstellung der Stadt zuwenden, in der sie
leben. Als ich nach dem Namen fragte, hiess
es: »Ein junger Architekt machte sie früher,
als er nichts zu thun hatte, Herr Boberg.
Jetzt wird er ein berühmter Mann.*
Ein Architekt, der mit Künstleraugen seine
Vaterstadt ansah, und der seine Eindrücke
nicht als Architekt, sondern als Maler fest-
hielt und es nicht bloss zum leidlichen Dileitan-
Fma A. BOBERG-SCHOLANDER
tismus, sondern zur Kunst brachte, das war
etwas Neues. Denn diese Radierungen waren
wirklich nicht übel.
Bei uns haben Architekten leider nur
ausnahmsweise Interesse an der lebenden
Kunst, und was sie schaffen, pflegt ja um-
gekehrt den Künstlern meist gleichgültig zu
sein, und das Publikum ist oft überrascht,
wenn ihm gesagt wird, dass der Architekt
eigentlich auch zu den Künstlern gehört. In
einem norddeutschen Kunstverein, der in seinem
Vorstand eine festgesetzte Anzahl von Künstlern
haben muss, wurde vor nicht langer Zeit von
einem Mitglied, das sich nicht sicher fühlte,
in der Generalversammlung die Frage gestellt,
ob auch die Architekten Künstler wären. Es
war kein böswilliger »Moderner*, sondern
ein Herr aas der alten Schale, and er erhielt
die Auskunft, dass allerdings seit alter Zeit
die Architekten zu den Künstlern gerechnet
würden.
Es wird wohl bis vor kurzem in Stock-
holm nicht viel anders gewesen sein als bei
uns. Aber seit der Ausstellung in Chicago
hat sich die Situation geändert.
Bis dahin hatten die schwedischen Archi-
tekten gleich den ansern die historischen Stile
kultiviert, and ihr höchstes Ziel war die
Korrektheit der Fassade gewesen. Wer am
meisten gelernt, d. h. wer am meisten fremde
Ideen in sich aufgenommen halte, galt als
der grösste und reichste Künstler.
Das ist nun anders geworden. Von Chicago
kamen einige junge Leute, und als begabtester
unter ihnen BOBERG, mit neuen Ideen zurück.
Die Architektur war ihnen kein Wissen mehr,
sondern ein Können. Nicht der am meisten
gelernt hatte, der Gemästetste, wenn man will,
sondern der Muskelkräftigste, der seine eigene
Natur mit der grösseren Energie entwickelt
hatte, erschien ihnen nun als der eigentliche
Künstler.
Die grosse Bauperiode, in der sich Stock-
holm befindet, gab ihnen mannigfache Ge-
legenheit, ihre Kraft zu messen, und in der
Jubelausstellung fand namentlich BOBERG eine
Fülle von Aufgaben. Überall entfaltete er
eine Sicherheit und Mannigfaltigkeit der Er-
findung, und er stellte, was einem Architekten
doch wohl besonders hoch angerechnet werden
muss, die Lösung des jedesmal vorliegenden
Bedürfnisses so ernsthaft in den Vordergrund,
dass man beim ersten orientierenden Gang
durch die Ausstellungsbauten sich nicht genug
über die Zahl eigenartiger Kräfte wundern
konnte, die Stockholm zur Verfügung hatte.
Bis man dann auf die Frage nach dem Ur-
heber bei fast allen Bauten, die einen inter-
F. BOBERG Portal da Eltktrlxiiaiuotrka Sloekholm
STOCKHOLM - PARIS
DALPATBAT aad IBSBROS
essierten, den Namen BOBERG hörie. Sie waren
unter sich so verschieden, dass man jedesmal
einen neuen Menschen oermutefe. Beispiele
seiner Kunst brachte das erste Heft in den
Details aas dem Palast der schönen Künste
und der Dekoration der Ausstellung eines Berg-
werkes.
Nunmehr dürfte für den begabten Künstler
in seiner Vaterstadt die Bahn auf den Monu-
mentalbau offen stehen, die ihm und seinen
gleichstrebenden Genossen bisher versperrt war,
denn die jüngsten Monumentalbauten wie das
Opernhaus und die Akademie sind durchaus
akademisch.
Doch findet sich in der Regierangsslrasse
bereits ein Baa von BOBERG, das Verwaltungs-
gebäude der Elektrizitätswerke. Die Strasse
ist schmal, eine mächtige Fassadenentwicklung
verbietet sich von selbst, weil sie nicht über-
schaut werden kann. BOBBRG hat deshalb
zu dem alten, auch in Deutschland bis zum
Rokoko in Geltang stehenden Kunstmiltel zu-
rückgegriffen, den künstlerischen Schmuck
auf die Stelle zu konzentrieren, die dem Auge
erreichbar bleibt, das Portal. Und da die
Strasse sehr eng ist, hat er nicht üppige and
mächtige Formen angewandt, sondern liebens-
würdige und zierliche, die fast an den Möbel-
stil streifen. Mit Fug und Recht.
Die Ornamente hat der Künstler dem Reich
entnommen, dem der Bau dient, der ange-
wandten Elektrizität. Es sind die Birnen der
Beleuchtungskörper and der zu Spiralen auf-
gerollte Draht, und als Schmack des kleinen
Giebelfeldes die Quelle von Licht und Wärme
in all ihren Formen, die Sonne. Die Wirkung
des Portals ist an Ort und Stelle überaus
anmutig.
BOBERG's Gemahlin, Frau BOBERG-SCHO-
LANDER , einer Künstlerfamilie fenfsprossen,
gehört zu den selbständigsten Talenten auf
dem Gebiete der dekorativen Künste. Keramik
und Textilindustrie nach ihren Entwürfen
fielen auf der Ausstellung sehr vorteilhaft
auf. L.
PARIS — Bei GEORGES PETIT ist der
Lachen AL' sehen Keramik, die herzlich
wenig interessierte, eine sehr imposante
Aasstellung der geflammten Gris von DaL-
PAYRÄT and Frau Lesbros gefolgt, die eine
Menge neuer origineller Formen in der be-
kannten koloristischen dunkelprächtigen Be-
handlung gefunden haben ■ Wir bilden drei der
neuesten Modelle ab. 9 Auf Veranlassung
BlachetTE's hat der Conseil Municipal be-
schlossen, die drei Häuser der neuen rae Riaa-
mur, die im Jahre 1900 die drei besten
Fassaden tragen, von den Droits de vöirie
zu befreien, was einer Prämie von mehreren
tausend Francs gleichkommt. Ausserdem wird
von 1898 an jährlich eine Jury von den in
dem Jahre gebauten Häusern die sechs, die
die besten Fassaden tragen, von der Hälfte
der Droits de voirie befreien und ausserdem dem
Architekten 1000 Frs. Prämie verleihen, -y-
BERICHTIGUNGEN — ANZEIGEN
e. SBRRURlBR-BOVr
BERICHTIGUNGEN
Wir möchten nicht verfehlen, einige Irr-
tümer, die uns in früheren Heften unter-
gelaufen sind, hier richtig zu stellen. — Der
in Heft 3, Seite 101, abgebildete Teppich von
0. Eckmann, ist nicht, wie angegeben, in
Scherrebek gewebt, sondern von der Firma
JOH. KneüSELS & Co. in Krefeld hergestellt. Wir
gedenken auf die Erzeugnisse dieser Firma,
welche sich redlich Mühe giebl, moderne Muster
für ihre Teppiche zu finden, noch zurückzu-
kommen. — Die in demselben Hefte unter Vor-
satzpapicre abgebildete Leiste von KONGSTAD
RASUUSSENisl nicht, wiedortimText,Seitel27,
angegeben, als eine Falzleiste von Broschüren
gedacht, sondern ihatsächlich als Vorsatz-
papier, bei welchem der übrige Teil des
Blatte weiss bleibt, so dasa die Zierleiste je-
weils auf die beiden Bandseilen des Voraatz-
papieres zu stehen kommt. Die hübsche Wir-
kung, welche dadurch erreicht wird, werden
einige weitere Proben zeigen, welche wir heute
wegen Platzmangels leider nicht veröffent-
lichen können. — In ' dem Artikel C. Nyrop's
über die kgl. Porzellanfabrik in Kopenhagen,
Heft i, Seile 152, ist durch ein unliebsames
Verseben gesagt, die dänische Kunstindusirie
beschränke sich auf zwei Gebiete, die Keramik
und das Bachhandwerk. Dieser Passus ist
in dem Manuskript des Herrn C. Nyrop nicht
enthalten, und beruht auf einem Missverständ-
nis, da dort nur gesagt ist, dass diese beiden
Kunstrichtungen in Dänemark am höchsten
entwickelt sind. die Redaktion
Vtrlagianilall
ANZEIGEN
Z«r r«rlwirlcl)tigM OlUdtrgabe voi
6eiiiälden,Zeicbiiunflenetc.
(■pfleMt ikrt Kun$tan$talt fOr
Pbotograpbie, Pbo<»0rapBre,
CicMdrack, f arbenlicMdrack,
Bucb' und Kupferdnick m
^,..«, gerlag$an$talt
T*Bruckinannn.-0.
miinCbCn, KaalkMDMrMM ii-
•M Itlnt« ■>(! PMHiiiM« tMm ait
Vaumtn t* DleulM. •••^•••••«••ii
KglPorzollai-laniilaetgriiiliiism
Gegrilndet 1710.
A/ittIa PanttlaafabHt la Smr^m.
KHaats*ceBSUlB«ei aplafal, Uhmi, Vmhd, Kran-, Wand-
und atandlmcbter (auch fOr clckuiiebu Licht), TafelaufaltH,
KOrbc, Oruppcn. Flcumi (auch biicuit) u. i. w.
OebraaebueseBat&Bde 1 8«vl» fOr Tafal, KaRM, Thta,
Deaa«rt, ^»ilalta u. daril. iQ cipfachA« wie rcickiü Aiu-
MBl«rel«B kDVDhl oach dfenaD KatwQrfaD alt nach nauan
uDd alun HalaUro, towEe Wandmalanlea mii FlicBU aui
HaitpojxeUau.
P«r««llBacerKt« nb- pfayaHuaiacbe, chemlacha imd t«h-
nlache Zwacke.
Por«ell>Bf*rb«B fn EmiilliafeuB.
Krrtc AMiclfftaaagm tob <m taaatktea laaalcUaBcM.
(Beunderc AufmerliluilieiE inteii NachalimuiigeD auprotalea.}
VerkaifsaicdtriagcD in Meiun, Dresden nd bilpzii
und
I»ilHltitll|tr li iikrtni Miiltriii IlMln.
Wahl t«r 1
I. Neuer AuMclinTu, Blaue Scharfl'eaa' Blumen (Cobali) . 6e 1
1. DeuiD-GcKhim. da. da. da. . n '
3. Neuer AuuclmiR, Purput~Mi1eni A xa .
Ahfaht ätnitbta «airaf/ Ar Ytrral nlcbt.
MmiUr kirrvim wirdn anfWaaitli /ra^io Mnr Abi/M gtim>
MI Kl nimm- an tdeiieici
Daa Werk ist bahnbrechend für die
BeBtrebiingen der neuen fteien Kunst.
VtRLAG VON Bruno Kessling
n BSSEX i CO., London
C. F. A. VOYSEY
Das moderne Gewerbe ist aus England ge-
kommen; hier hatte sich schon im vorigen
Jahrbanderl eine auf Einfachheit, auf Kon-
struktion hinzielende Tradition gebildet, die
der Neuzeit förderlich werden konnte. Diese
Tradition wurde in England weniger schroff
unterbrochen als auf dem Kontinent, wo man
anter allen Stilmoden vergass, dass auch
hier ein bürgerlicher Stil bestanden hatte —
bei uns in der Biedermeierzeit am glänzendsten
— der für das moderne Gewerbe nicht weniger
wertvolle Elemente besass, als sie die Eng-
länder sich aus der Queen Anne Epoche
holten. England machte die ersten modernen
Innendekorationen and hatte den in unserer
Zeit alleinstehenden universalen Erfolg, der
im Handumdrehen in Ländern wie Deutsch-
land eine neue Möbelindustrie schuf and selbst
in Ländern wie Frankreich über festeinge-
wurzelte, ganz entgegengesetzte Traditionen
triumphierte. Mehrere Decennien sind seit
diesem Impuls, den England gab, verflossen
und der moderne Aasstellungsbummler, der,
seitdem die Arls and Grafts existieren, zu
jeder Ausstellung dieser berühmten Gesellschaft
nach London reist, kann sich nicht der
Wahmehmang verschliessen, dass England
langsam von der aktiven Thätigkeit, mit der
es im Anfang befruchtete, zurücktritt. Es
bleibt damit nur seiner Rolle treu, die es seit
länger als einem Jahrhundert in der Kunst
und auf anderen Gebieten gespielt hat: der
Befruchter zu sein, der die Verarbeitung und
Vertiefung seiner Impulse anderen äberlässt.
Es gab den ersten Anstoss zu der modernen
Landschaft, die sich die kontinentale Malerei
dauernd eroberte, es hatte den ersten modernen
Koloristen, der in Frankreich eine ruhmreiche
Nachfolgerschaft fand, in England selbst ohne
Nachahmer blieb, es war das erste Land, das
Japan entdeckte, hatte die ersten modernen
Stilisten and wenn man will, kann man sogar
verfolgen, dass es auch auf dem Gebiete des
Handels, der Industrie, der technischen Wissen-
schaften ähnlich ist
Seitdem England erfolgreiche Nachfolger ge-
fanden, und seitdem sich der überwältigenden
Neuheit der modernen gewerblichen Schöpf-
ungen gegenüber eine ernsthafte Kritik zu
regen beginnt, fängt das Prestige Englands
an, zu erbleichen. Das ist gut, soweit dies
Prestige unberechtigt war, soweit man glaubte,
dass alles Heil nur von drüben komme, dass
die Gesetze und Entwickelungen, die England
zu gute kamen, auch in anderen Ländern
Gesetz and nötig wären; so lange es sich um
das reine Mode - Prestige handelte, das ans
mit massigen englischen Marktmöbeln und
noch massigeren deutschen Imitationen dieser
nicht einwandfreien Modelle überschwemmte
und bei uns und überall eine Herde von un-
begabten Stilisten-Dilettanten englischer Her-
kunft grosszog. Zweifellos ist England über-
schätzt worden, und es ist falsch geschätzt
worden. Man hat bei uns Namen für treibende
Kräfte genommen, die in England im zuKiten
Glied marschierten und hat Nuancen für wesent-
liche Richtungen angesehen. Eine höchst disku-
table Künstlerschaft wie die Crane's wurde
als Vorbild direkt verderblich; zwingend be-
deutungsvolle Menschen dagegen, wie William
Morris, sind heute noch in Deutschland grosse
Unbekannte und nur berühmt, weil sie ge-
storben sind.
DBKOIUTIVB KUNST. BBFT 6.
C. F. A. VOYSEY
Hana In Hatltmtrt (Surren) P^r ^- >f- Ü- STEDUAN, Big.
Aber man ist auch geneigt, England jetzt
plötzlich zu unterschätzen. Cl>er dem Um-
stand, dass es in vielen Fragen immer noch
den Anfang verrät, vergisst man, dass es
, (/lesen Anfang, schliesslich die Hauptsache,
gemacht hat; über der verzweifelten An-
hänglichkeit englischer Ornamentiker an Japan
und Florenz verliert man die Geduld, die
Differenziertheit anzuerkennen, mit der sich
dieser Eklektizismus, dieser Archaismus and
Exotismus entwickelt haben, dass hier aus
dem Alten neue Konvenienzen entstanden sind,
innerhalb derer gar manche Persönlichkeit
eine nuancenreiche Eigenheit offenbart. Eins
aber lässl sich vor allem England nicht ab-
erkennen, and das ist vielleicht die Haupt-
sache: das relativ hohe populäre Niveau der
gewerblichen Bewegung. Wir betonen populär ;
es wäre vielleicht nicht schwer, aus anderen
Ländern Potenzen zusammenzubringen, die
in England ihresgleichen entbehren; aber
der Durchschnitt der Leistungen von Gross
und Klein ist in England unvergleich-
lich höher als irgendwo anders, vor allem
stabiler, es ist überhaupt ein Darchschnilt
vorhanden.
Vielleicht und wahrscheinlich sind diese
Worte bald nicht mehr wahr; Belgien und
Holland entwickeln sich so rapide und in
so absolut vorgezeichneter Richtung, der Fort-
schrill steigt hier so sichtbar hinan, dass
damit verglichen England schon fast wie
auf dem toten Punkt erscheint; nur darf
man nie vergessen, wie unendlich viele Kräfte
in England beute beteiligt sind und auf ver-
hältnismässig wie wenigen in anderen, fort-
geschritteneren Ländern die Hoffnung der
Bewegung beruht.
Diese Erwägungen sind für die Betrachtung
dieses Heffes, das sich mit einem Künstler
allein befasst, nicht unwesentlich. Nicht die
Achtung vor der historischen Entwickelang
allein bewog uns, das erste Separatheft einem
Engländer zu geben. Es lag uns daran,
das heute noch wesentlichste, gewerbliche
Niveau darzustellen, den Masstab, den wir
bisher für die Enlwickelung der neuen Nalz-
kunsl haben. Eine selbstverständliche Ge-
rechtigkeit hätte an Stelle VOYSEY's den Namen
WiLLlA» Morris setzen müssen. Rein äusser-
liche aber zwingende Gründe haben das nicht
zugelassen, niclit zuletzt die Publikation des
VallanCe' sehen Werkes über MORRIS, dessen
deutsche Übersetzung hoffentlich zu stände
kommt, in dem der grosse Bahnbrecher in
weit grösserem Masslabe als unseren Kräften
möglich wäre, gewürdigt worden ist. Wir
wollen bei unserer Wahl VOYSEY's von vorne-
herein jeden rein qualitatioen Beweggrund
aasschliessen. Wir wollten einen Engländer
zeigen, ein typisches Beispiel dieser Kunst,
einen tüchtigen Künstler dieser Art, oor allem
einen , in dem die moderne Note in aacli
ausserhalb Englands gültigem Sinne mög-
lichst ausgebildet ist, ohne der Popularität
im eigenen Lande :u entbehren.
Dazu ist im Gegensatz zu CranE und
anderen VOYSEY ausserhalb seines Vaterlandes
noch wenig bekannt. In England selbst
haben sich nur wenige Zeitschriften ober-
flächlich mit ihm beschäftigt; eine Anzahl
seiner Werke sind in tThe Studio*, in *The
C. F. A. VOYSEY
afür,
1 Küiatltr stlbtt
Artist*, vieles in Facbblätlern, namentlich
tThe British Architect* erschienen; nie ist
nur annähernd der Versach gemacht worden,
VOYSBys Gesamtschaffen übersichtlich za-
sammenzustellen, wie wir es an der Hand zum
grössten Teil ganz unveröffentlichter und zu-
gleich bester Werke des Künstlers versucht
haben.
VOYSEY vermag eine solche eingehende
Kritik auszuhalten, aber es liegt ans ferne,
ihn zu überschätzen. Wir werden nicht mit
unseren Einwürfen zurückhalten und werden
keine Gelegenheit finden, ihn auch nur in
Einzelheiten in den Himmel zu heben. Der
begeisterte Applaus ist hier nicht am Platz.
Aber dieser ist überhaupt selten Künstlern
der Nutzkunst gegenüber gerechtfertigt, wenn
man nicht persönliche Momente hinzuzieht,
die bei Betrachtung eines MORRIS z. B. so
viel Begeisterung entfachen.
Unsere Kunstkritik hat sich bei Beurteilung
von Malern oder Bildhauern an starke Aus-
drücke gewöhnt; entweder ist es ein Genie
oder ein Dammkopf, es giebt kein Mittelding.
Was bei der reinen Kunst entscheidet, ist die
Originalität, das Individuelle. Sehr oft ver-
leitet dies, Künstler zu überschätzen, denen
wichtige handwerksmässige Elemente empfind-
lich abgehen — gerade wir Deutsche sind
immer in dieser Gefahr. Bei dem Gewerbe-
künstler aber rettet unter Umständen die
schärfste Individualität nicht das Werk vor
bedingungsloser Ablehnung, und anderenteils
stellt die sichere Beherrschung gewerblicher
Elementargrundsätze in unserer verfahrenen
Zeit schon einen solchen Fundus von Quali-
täten dar, dass ein relativ geringer Indivi-
dualilälswert genügt, am voll zu befriedigen.
VOYSEY ist einer jener Sicheren unserer
Zeit, die wir fast nötiger brauchen als grosse
Genies; wenn er nicht mit fortreisst, so wird
er auch nie enttäuschen ; er ist vor eine grosse
Anzahl von Aufgaben gestellt worden"^und
ihrer Herr geworden ; man kann sagen, aller, -
die es in unserer Aussen- and Innendekoration
giebt. Diese kühle Konstatierung enthält viel.
In dem grossen England giebt es keinen
einzigen Lebenden, dem man das gleiche nacli-
sagen kann, und selbst, wenn man den grossen
Toten Morris dazunimmt und nur das rechnet,
was er mit seinem eigenen, künstlerischenWillen
geschaffen hat, wird man nicht dieses weit-
greifende künstlerische Gebiet finden, das
VOYSEY mit einheitlicher Schöpfangskraft
ganz allein bisher durchdrungen }tial. Es
giebt viele, die im einzelnen Glänzenderes ge-
leistet haben, unsere Zeit drängt auf Arbeits-
teilung, auf Specialisierung jeder Gattung und
jeder Kraft. Sie hat recht, wenn das einzelne
sich dem ganzen einfügt, wenn wirklich ein
Ganzes sich teilt; aber wenn sich das Ensemble
aus ihrer Art nach entgegengesetzten Teilen
bilden soll, hat sie unrecht. Und so treibt
es heute die gewerbliche Kunst. MORRIS ver-
langte, dass jedes Gebiet des Gewerbes künst-
lerischem Willen unterliege, dass jeder Gegen-
stand des Hauses künstlerisches Gepräge trage.
Er vergass den Zusatz, dass dieses Gepräge
einer Art sein muss, dass in einem rechten
Hause nur ein künstlerischer Wille herrschen
darf Selbst durch seine berühmte Gründang
Morris & Co. vermochte er dieses Prinzip
nicht durchzuführen; seineFreunde beherrschte
eine Liebe zum Schönen, aber sie hatten nicht
nur verschiedene Hände, sondern auch ver-
schiedene künstlerische Ziele; sie waren alle
ästhetisch empfindende Leute, aber auch
'Künstler«, d. h. unterworfen dem Gesetz
ihrer Zunft, das Eigenart, gerade das verlangt,
was eine Idealgründung im Morris' sehen
I
Haus in Colivall (Worcrstrnhirtj für J. IV. WILSON. £17-, U. P.
Landhaiittr In Elmalhorpt bei Lti,altr flir LonI LOVELACE
C- F. A. VOYSEY
Sinne unierdrücken mässte. Ihre EigenaH
beschränkte sich nicht nur auf Nuancen,
sondern brachte solche Differenzen hervor, wie
sie z. B. die Möbel Webb's, dem dieses Gebiet
oblag, in mit MORRIS'schen Tapeten ge-
schmückten Zimmern darstellen; Differenzen,
die zuweilen groben Stilwidrigkeiten gleich-
kamen, da der Archaismus, dem sie alle unter-
lagen, nicht bei allen auf dieselbe alte Quelle
zurückging.
Alles das erklart sich durch die in erster
Linie agitatorische Persönlichkeit MORRIS'.
Für das Lebenswerk, das er sich vorge-
nommen, hätte ein VOYSEY nie genügt; um
den Funken zu zünden, der von England
durch alle Länder drang, war ein Mann von
imponierender Erscheinung mit der litterari-
schen Bedeutung nötig, die der MORRlS*schen
Propaganda nicht wenig zu gute kam. Aber
ebenso nötig waren nach Morris Leute wie
VOYSEY, die in ruhiger Arbeit die Bahn er-
weiterten und genauer bestimmten und vor
allem eine Einheitlichkeit herstellten, die am
Anfang nicht vorhanden war.
Die Einheitlichkeit des Hauses in allen
seinen Teilen: hier liegt das Heil unserer
neuen, dem Hause dienenden Kunst. Gerade
England war der Schauplatz der Zersplitte-
rung, die so viel Unheil angerichtet hat. Da
gab es Leute, die wunderbare Glasfenster
machten, andere fertigten Kupferbeschläge,
wie man sie nirgends besser finden konnte,
wieder andere die herrlichsten Bucheinbände :
bezeichnend ist, dass man sich zuerst an die
weniger wesentlichsten Gebiete heranmachte;
die Hauptsache: Architektur und Mobiliar
kamen zu kurz. In dem einzelnen brachte
man es zu eminenten Resultaten; aber wenn
einer auf den Gedanken kam, diese Einzel-
heiten zu vereinen, in einem Hause all die
mit zum Teil grossem Raffinement gemachten
Specialdinge zusammenzustellen, erreichte er
vielleicht ein Kuriosum, aber nie ein Haus,
das als Muster gelten konnte.
An dieser unorganischen Entwickelung wird
England noch schwer zu tragen haben; sie
ist es, die dem heutigen modernen Gewerbe in
allen Ländern den Stempel aufdrückt. Bei der
ausserordentlich geringen Menge von Künst-
lern, die durch eine in die Breite gehende
Veranlagung geeignet sind, zu helfen, wächst
die Bedeutung eines VOYSEY ins Grosse. Er
war der erste, der alle notwendigsten Be-
standteile des häuslichen Milieus selbst her-
stellte und ist unseres Wissens noch heute der
einzige Engländer, der gleichzeitig die Archi-
tektur und alle Zweige der Innendekoration
und des Mobiliars beherrscht, also im stände
ist, ein Haus so zu bauen und einzurichten,
dass es mit allen seinen Teilen im Einklang
steht.
Man darf von der Tiefe einer solchen
Wirksamkeit nicht dieselbe Dimension ver-
langen, die sie in der Breite besitzt. Und
doch hat VOYSEY verstanden, allen, auch
seinen kleinsten Werken einen persönlichen
Ton zu geben, der ihm allein gehört. Nie
— das ist VOYSEY^s glänzendstes Verdienst —
schadet die künstlerische Originalität dem
Gebrauchswert seiner Schöpfungen. Immer
hat er die berufsmässige Tüchtigkeit des
Gegenstandes allen anderen Erwägungen
vorangestellt, und wenn die ästhetische Seile
manchmal dabei zu dürftig weggekommen
zu sein scheint, so ist in der Regel die Achtung
vor praktischer Einfachheit daran schuld
gewesen.
Gegenüber der Gesamtheit der modernen
englischen Nutzkunst nimmt Voysey den
Titel in Anspruch, in den Grundlagen seiner
Kunst der Modernste zu sein. Keiner hat so
entschieden jede entbehrliche Verbindung mit
der Vergangenheit abgelehnt; das ganze
Schaffen VOYSEY*s beherrscht das Prinzip,
lieber bescheiden, lieber arm zu sein, aber
nur sich selbst zu verdanken. Mon verre
est'petit, mais je bois dans mon verre; kein
Klassizismus, keine Gotik haben ihn geleitet,
er ist self-mademan im besten Sinne des Wortes.
Voysey ist ursprünglich Architekt. Sein
Lebenslauf ist bald erzählt. Er ist 1857 als
Sohn eines Geistlichen geboren; wurde am
Dulwich College erzogen und trat 187i bei
seinem Lehrer, dem Architekten J. P. Seddon
ein. Zu der Zeit stand der Kampf zwischen
den Alten, die damals Klassizisten waren, und
den Neuen, den Gotikern, in Blüte. Seddos
war Gotiker reinsten Wassers; aber für ihn
war, wie für die meisten seiner Art, die Gotik
weniger ein archaistischer Stilbegriff als eine
musterhafte Konstruktionsmethode, die im
Gegensatz zu dem vorsintflutlichen Klassi-
zismus wieder Vernunft und Gesetzmässigkeit
in die Bauart einführte. Er hat seinem
Schüler wenig geholfen, aber er hat ihm zum
mindesten nicht geschadet.
Voysey Hess gar bald sowohl in wesent-
lichen wie unwesentlichen Fragen jede Er-
innerung an irgend eine alte Stilform bei
Seite. Man wird vergeblich in den Häusern,
die wir hier abbilden, nach einer Spur jener
Gotik suchen, die heute in England noch
unvermeidlich erscheint.
Aber was ist der Stil dieser Häuser?
Es giebt noch heute Leute, die in dem Stil
eines Hauses die künstlerische Form sehen,
247
C. F. A. VOTSET
EnCuiurf rinn Hautn fOr den Kaatlhr »ellnl
die sich in den Schmuckelementen der Fassade
äussert. Sie bestimmen nach der Art der
bewassten Pyramiden oder der gezackten
Türmchen, der Karyatiden, der Schnörkel etc.,
ob ein Haas der Renaissance, der Gotik oder
dem Barock angehört. Für die wird Voysey's
Architektur wohl überhaupt des^ Stils ent-
behren, denn all jene Erkennungszeichen fallen
hier fort. VOYSEY verwendet überhaupt keinen
Schmuck; er findet, dass eine Karyatide ent-
behrlich ist, sobald sie überflüssig erscheint,
und dass sie, sobald sie konstruktiv notwendig
ist, besser durch einen Balken oder eine
Strebe, durch Mittel, die dem Zweck, den eine
Karyatide heuchelt, wirklich entsprechen, er-
setzt wird. Er hält es für einen Nonsens,
nackte Männer oder Frauen als konstruktiDe
Mittel zu verwenden und leugnet den Schmuck-
wert, der in einer Verhüllung der Konstruktion
stecken soll. Er leugnet den Schmuckwert
aller überflüssigen Dinge an einem bürgerlichen
Hause, zieht dem aufgeklebten Gipsornament
das glatte, natürliche Material vor and lässt
als neues Schmuckelement nur die Farbe zu.
Abgesehen davon ist das Äussere VOYSEy-
scher Häuser ganz schmucklos, und doch
wird man jede seiner Bauten sofort als sein
Werk erkennen. Es mass also wohl eine
Originalität geben, die sich auch ohne Stuck-
oerzierangen äussern kann. Und diese be-
steht in sehr viel wesentlicheren Äusserungen,
in der Architektur selbst, nicht den Zathaten,
in den wesentlichen Linien des Gebäudes, den
Grössenverhältnissen des Daches zu der Höhe
and anderen Dimensionen des Hauses, in
der Art, wie der Winkel des Daches ge-
wählt ist, wie das Dach durch Vorsprünge
von Giebeln u. s. w. unterbrochen wird, wie
die Fenster und Tbüren sitzen, ihre Grösse,
wie die Fläche des Hauses durch Vorbauten
oder Anbauten bewegt wird- - — man sieht,
das sind ungefähr die wichtigsten rein archi-
tektonischen Fragen, in denen sich frei die
^Kunstt äussert. Und diese künstlerische
Wirkung scheint der unmittelbare Ausdruck
des Zweckmässigen. Es ist nicht schwer, amü-
sante Fassaden zu machen, aber es ist zuweilen
Genie erforderlich, um bei ungünstigen Ptatz-
verhältnissen , bei grösster Ausnutzung des
Raumes, bei striktem Gehorsam gegen alle
Vorschriften einer rationellen Anordnung und
last not least der möglichsten Annäherung
an die stets unmöglichen Wünsche der Be-
steller, originelle und ästhetische Umrisse and
Fassaden zu gewinnen. Man erstaunt im
Innern der Häuser oft über die glückliche
Widerspiegelung der Eigentümlichkeiten der
Fassade, die sich hier in zugleich originellen
und so praktischen Dispositionen wiederfinden,
dass man den Eindruck hat, als ob z. B. die
Verteilung der Fenster, die der Fassade so zu
gute kommt, nur des Innern wegen so ge-
macht sei. Und das ist das Gesunde an
Voysey's Architektur. Die Räume sind immer
niedrig, für deutsche Begriffe viel zu niedrig;
aber während deutsche Wohnungen infolge
ihrer Höhe fast immer kalt lassen, selbst bei
gelungener Einrichtung, wirken VOYSEYs
C. F. A. VOYSEY
Häuser ivohnlich, auch ivenn sie noch
gar keine Möbels enthalten. Die Räame
sind immer hell and das fällt bei den
kleinen Fenslern, die gar keinen Ver-
gleich' mit den unsrigea aushallen,
doppelt auf. Sie sind eben so plaziert,
dass der Raum das günstigste' Licht
erhält. Sehr oft sitzen sie deshalb
sehr hoch and dann verleitet zugleich
die relativ grosse Entfernung des
Fenslers vom Boden das Auge, die
Höhe des ganzen Raumes zu ver-
grössern. In der rein praktischen
Anordnung leislet Voysey Erstaun-
liches. Es ist oft unbegreiflich, was er
alles in so einem kleinen Häuschen
unterbringt und wie es ihm dabei
gelingt, die Bedürfnisse des Haas- ,
herrn and der Hausfrau zu be-
friedigen. Seine Villen sind wahre
Pappenhäuser im Vergleich zu unseren
Grosatadtpaläslen und doch machen
sie sellea den Eindruck von Enge,
so gal sind die Verhältnisse gewählt.
Denn es ist klar, dass ein Raum
üon 20 m enger wirken kann als
einer, der nur die Hälfte Fläche
umfasst, aber besser disponiert ist.
Es bedarf kaum der Erwähnung,
dass Voysey kein Monumentalbau-
meister ist, er erfüllt so ausgezeichnet
die Sphäre, in der er sich bisher be-
Ihätigt hat, dass man zweifeln kann,
ob er fähig wäre, einen Prachtbau
zu vollbringen. Er ist noch nie vor
solche Aufgaben gestellt worden, und
sicher, die Aufgaben, denen er bisher
dient, sind dringender, wichtiger, trotz
ihres bescheidenen Umfangs. Denn
ein unserer Zeit eigener und würdiger
Monamentalbau, den wir noch nicht
einmal in Ansätzen heulebesitzen, kann
sich nur aus unserer bürgerlichen
Architektur entwickeln . nicht um-
gekehrt.
VOYSBYs Bauten sind zum weit-
aas grössten Teil Landhäuser.
Viele Don ihnen stehen noch in dem
. Stadtbezirk Londons, aber in jenen
neuen Teilen , die eigentlich nicht
als Villenviertel, sondern schlechtweg
zum Lande gerechnet werden müssen.
Man ■ mass . diese Bestimmung vor
allem im Auge behalten, am sie zu
würdigen. Sie gehören zum Lande,
nicht zu der Stadt, sie sollen sich der
englischen Landschaft anschmiegen,
sie erhöhen ihren Reiz mit ihrer nie in
DFKORATIVE KVNST. HEFT G.
C. F. A. VOYSEY
X
K7^
1
SlaUiinaen In dir Saht non Gulldford für JULIAS STOHGIS, Big.
die Höhe sondern immer in die Breite gehenden,
fast möchte man sagen, gewollten Silhouette,
sie haben etwas vom Landmann, nichts, gar
nichts von dem bedenklichen Begriff der
'Villa*, vielmehr von dem des Bauernhauses ;
die gute Tradition des englischen Bauern-
hauses ist die einzige, die Voi'SEY benützt hat.
Nicht wenig kam ihm dabei ein Zwang zu
Hilfe, der ihn unter anderen Umständen hätte
schwer hindern können : er war immer auf
äusserst beschränkte Mittel angewiesen. Die
Billigkeil seiner Häuser ist oft erstaunlich.
Für 10000 M. baut er so ein Häuschen hin
mit allem inneren Komfort. Man hat ihm
aus dieser Billigkeit einen Vorwurf zu machen
gesucht und behauptet, dass darin allein seine
Eigentümlichkeit bestehe. — Zum mindesten
wäre diese Eigentümlichkeit nicht unberechtigt.
Aber sie wäre freilich nicht der Rede wert,
wenn sich nicht mit ihr eine künstlerische
Äusserung verbände. Und künstlerisch ist
diese Geschicklichkeit, die mit den kleinsten
Mitteln ästhetischen Reiz erzielt; ein Reiz, der
anhält, weil er natürlich ist. Nie hat man
dabei den Eindruck von Wollen — und —
Nichtkönnen, der sich so oft mit dem Billigen,
das Ansprüche erhebt, verbindet. Nie wirkt
diese Einfachheit gesacht; sie hat immer
etwas Würdiges, Gesundes. Man wird sich
nie des Charmes, der aus den Elmesthorpe
Cottages spricht, erwehren können (s. S. 2i6)
^M^i— lÖ
und er beruht in einem Nichts, soweit der
Kostenpunkt in Frage kommt, einfach in dem
geschmackvollen Ausschnitt des Strohdachs,
wodurch sich eine elegante, grosse Linie er-
giebt. Man beobachte, wie er in *Perrg Croftf
(s. S. 2i-6) u. a. die schmalen Kaminflächen
bis zum Boden hinab vortreten lässt, so dass
sie wie Pendants zu den Stützen des Hauses
erscheinen. Man betrachte die Form dieser
Kamine — oder auf Seite 2ii die reizende grän-
weisse Fach werkverkleidung des oberen Stock-
werks, während das untere zwischen den
kräftigen Stützen mit glattem weissen Grunde
zurücktritt, — es sind nur Nuancen, aber sie
sind so glücklich, dass sie in Verbindung mit
dem übrigen zur besten Wirkung kommen.
Mit Vorliebe verwendet VovSEY für die
Bekleidung der Mauern den weissen Rapp-
putz, dessen starkrauhe Oberfläche höchst
vorteilhaft die bei uns beliebten Verputzarten
ersetzt und dabei nicht nur solider ist als
der glatte Putz, sondern auch gediegener,
wetterfester aussieht. Dazu die grünen Hölzer
mit schwarzen, geschmackvoll gezeichneten
Eisenteiien — die Koloristik kann nicht ein-
facher sein, aber sie ist gelungen.
Und darauf kommt es zunächst heutzutage
an. Zeigen, was mit geringen Mitteln ge-
schmackvoll gemacht werden kann; dass der
gering Bemittelte nicht nötig hat, die Roheit
der schlechten, en masse vervielfältigten, alten
Enlioarf tinn Hautet in Sludland Bay far W. »ARGETSON. Ei«.
250
C. F. A. VOYSEY
Entwurf eines Hauses in Douercoitrt für Ä. J, W. WARD, Esq.
Ornamenlfragmente zu dulden, dass es eine
• Schönheit giebi, die jenseits der kostspieligen
Verzierung bleibt, die richtiger, wertvotier,
morallsctxer Ist als alle ScImörkeL
Nicht ohne Anfeindung, nur mit grösster
Anstrengung hat sich VOYSEY In seiner Arcln-
tektur diesen Weg gebahnt, ohne jede Hilfe ;
noch lieute hat er kein ^ Bureau^, wie sonst
'eder seiner Londoner Kollegen, und sein
ganzes Personal besteht aus einem jungen
Sekretär. Eine gewisse Förderung liat er
nach seiner Aussage durch seinen älteren
Kollegen HOWARD Gaye erfahren, der sich
durcli archltektonlsclie Aquarelle heruorthut —
von Ulm stammen die meisten perspektivischen
Ansichten nacli VOYSEY' sehen Zelclwungen — ;
diese Förderung Ist aber mehr allgemeiner,
moralischer Art.
Ganz anders wirkt VOYSEY als Dekorateur,
Wenn er In der Architektur selbst so einfach
wie möglich bleibt, sucht er die Fläche seiner
Wände mit um so grösserem Reichtum zu
schmucken; und das Ist wieder ein Iwchst
gesundes Prinzip. Seine glückliche Erfindungs-
gabe bewirkte, dass er viel schneller als De-
korateur bekannt wurde, während der Archi-
tekt ohne Beachtung blieb. Seine Tapeten
fanden enormen Beifall; namentlich das
Haus EssEX & Co. In London bediente slcM
seiner Zeichnungen und verdankte Ihm seinen.
Ruf Ebenso ging es iVmi mit seinen Teppichen
und Stoffen; AfORRlS hatte das Terrain ge-
bahnt, es gab bereits, als VOYSEY auftrat,
genug Industrielle, die den Vorteil verstanden,
der aus diesen modernen Vorlagen zu ziehen
war.
Auch In seiner Dekoration Ist VoYSEY Eng-
länder; nicht ganz ohne die Fehler seiner
Generation und seines Landes, aber auch mit
glänzenden Vorzügen, die Ihm allein gehören.
Und es Ist vor allem derselbe Kunstler, der
die Häuser baut und der die Dekoration
dafür scixafft. Seine Tapeten werden Immer
gefallen, aber nirgends wirken sie so ge-
winnend wie In seinen Häusern, In denen sie
wie ein Stuck des Ganzen erscheinen. Auch
hier dieselbe rationelle Anschauung, dieselbe
Elnfachlielt, dieselbe Gesundheit. Er trat
allezeit energisch für das Ornament In der
Innendekoration ein, aber er glaubte zuweilen,
diesem Ornament einen stofflichen Inhalt
geben zu müssen, der Um abhielt, die Linie
so frei zu entwickeln, als er es bestimmt ver-
mag. Solclien Ideen sind Vorlagen wie die
auf Seite 27A mit den an sich reizenden figür-
lichen Darstellungen entsprungen; sie sind
bei weitem In der Minderzahl. Bei allen Ist
der Ausgangspunkt, wie bei allen Engländern,
die Natur, und zwar das Studium der Pflanze.
Wir geben auf Seite 279 eine Studie nach
der Natur und daneben das persönliche
Resultat des Künstlers aus der Studie. Die
Gestaltungskraft Voysey*s tritt dabei am
deutlichsten zu Tage. Sie Ist Immer streng
persönlich, trotzdem sie nie ganz die Ver-
bindung mit der Natur verliert. Man sieht
In den Tapeten auf Seite 271 und 273, zu
welchem Reichtum sie sich aufzuschwingen
vermag. In diesen besten Mustern Ist die
Ornamentik rein schematisch. Es sind keine
Blumen, keine Blätter mehr, sondern Linien,
die keinen anderen Zweck haben, als rhyth-
mlscli zu schwingen, zu schmucken; in
manchen wie den beiden auf Seite 270 ist
nur noch mit einiger Mühe der natürliche
Ursprung der Arabesken zu erkennen. In
dem Vogelfrles auf Seite 2i1 Ist der Ausdruck
der gewellten Linie, die das Motiv beseelt, so
stark, dass man trotz der unverkennbaren
Deutlichkeit des Details nicht Im entferntesten
naturalistisch berührt wird. In solchen Vor-
lagen ist Voysey gross. Man beobachte
seine Vertellungsart der Schwerpunkte In den
Ornamenten, wie er den Eindruck seiner
Bewegungen erreicht. Das Stoffmuster auf
Seite 265 ist ein gutes Beispiel dafür. Das
Muster Ist sehr gedrängt und trotzdem wirkt
es ruhig ; sowohl in der Biegung des Baum-
stammes wie der Plazierung der Blätter, wie
In der Stellung der, an sich höchst diskutier-
baren, beiden Enten kommt in reicher Mannig-
faltigkeit die Richtung zur Geltung, die durch
die Stellung der runden Früchte markiert
wird. Man kann sich fragen, warum eine
so eminent begabte Hand nicht die letzte
Konsequenz zieht und den Linieneffekt, dessen
sie sich so scharf bewusst Ist, nicht ohne
Enten, ohne Baumstamm, ohne Blätter fertig
bringt, nachdem sie sich überzeugt hat, dass
nlclit diese Dinge ll\r das Wesentliche sind.
252
C. F. A. VOYSEY
1. SÜTRO, Etq.
sondern die Schwingung, die Verivendung,
die sie ihnen giebl. Es wäre nicht schwer,
aas VorsEVa Mustern das rein lineare Element
ohne jede naturalistische Bedeutung auszu-
scheiden, und dann würden diese ^fuster
noch schöner, noch rationeller, noch moderner
sein. Al}er die Hauptsache ist, dass dieses
wichtigste Element, sei es min versteckt oder
offen, überhaupt bei ihm vorhanden ist. Man
vergleiche mit seinen Mustern, was der Durch-
schnitt der englischen Slilislen ans der Blume
macht, diesen malten Dilettantismus, der sich
immer und ewig gleich bleibt und die \'aiur,
der er zu dienen oorgiebt, schändet. VovSF.v
ist der männlichste unter seinen Landsleuten;
er ist oft naiv, aber dieses Naive ist nie ge-
zwungen; und es hindert ihn nicht, seiner
Deicoration eine gewisse Fülle, ja Reichtum
zu geben, der bei der Einfachheit seiner Archi-
tektur doppelt angenehm wirkt, ja nötig ist.
Nicht wenig trägt die Koloristik dazu bei,
die sich in seinen Stoffen und Tapeten äussert.
Sie steht nicht immer auf der Höhe der besten
MORRls'schen Werke, sie hat selten etwas
überzeugend Vornehmes, aber sie ist immer
warm, frank; man kann sagen, dass sie
die Farbe giebf, die zu dieser Zeichnung
gehört.
Die Innenarchitektur VoYSEY's ist das kon-
gruente Gegenbild seiner Aussenarchitektar.
Hier möchte man manchmal grössere Mannig-
faltigkeit wünschen. Seine Treppengeländer,
Thüren und andere Hohteile sind immer
sauber und hübsch proportioniert, aber hier
sacht das Auge zuweilen eine grössere Ab-
wechselung, namentlich da, wo es nicht
durch reiche Tapeten gesättigt wird. VOYSEY
steht auf dem Standpunkt, dass Tapeten und
Stoffe allein die natürlichen Schmuckträger
sind. Auch in den einzigen, ganz städtischen
Häusern, die er bisher gemacht hat, den
Zwillingsgebäuden auf dem Hans Road in
Chelsea, die für immerhin ausreichende Mittel
bestimmt sind, vertritt er dieses Prinzip und
hier kann man sich nicht ganz dem Eindruck
einer zu weit getriebenen Einfachheit ver-
schliessen, der beiden Landhäusern natürlicher-
weise weniger hervortritt. Dasselbe gilt von
dem Mobiliar, das er bisher gemacht hat und
das bei ihm zum mindesten quantitativ bis Jetzt
noch die geringste Bedeutung im Vergleich
zu den übrigen Gebieten einnimmt. Auch hier
fühlt man den Architekten aus Jedem Stück
heraus. Das rein Konstruktive ist immer
brillant gelöst, die Möbel sind praktisch, immer
auf den Zweck hin, dem sie dienen, gearbeitet,
stets in guten Verhältnissen — aber zweifellos,
hier bleibt VOYSEY noch gar viel nachzuholen.
Es genügt nicht, sich nur durch den Mangel
von Fehlern auszuzeichnen und eine Sache
nicht schlecht zu machen. Hier fehlt es an
Erfindung, freilich hat auch dem Künstler
die Gelegenheit gefehlt.
Die meisten Möbelstücke, die wir abbilden,
entstammen der Wohnung ihres Autors und
entsprechen seinem auf Einfachheit gerichteten
C. P. A. VOYSEY
Geschmack und seinen Mitteln. Der Tadel
bat also nur beschränkte Berechtigung. Gerade
Linien sind immer billig; freilich hat man
den Eindruck, als ob die Vermeidung jeder
gebogenen Form nicht nur materiellen Er-
wägungen entsprungen, sondern Prinzip ist.
Und die Lücken dieses Prinzips können nicht
durch die Begründung ausgefüllt werden, dass
oor den geschwungenen Linien der Tapeten
und Stoffe die geraden Konturen der Möbel
geboten erscheinen. Und schliesslich ist es
nicht diese Härte der Linie allein, die den Mangel
ausmacht, sondern vor allem die geringe
Ensemblewirkung. Man vermisst die intensioe
Beziehung dieser Möbels zum Raum und zu
einander, sie haben nicht das wohnliche,
komfortable der VOYSEY'schen Häuser; er hat
dasselbe Gesetz auf sie angewandt, aber Möbel
sind keine Häuser und das Gefühl für Archi-
tektur allein genügt eben doch nicht zur
Schöpfung vorbildlichen Mobiliars. Auch
VoYSEY vermeidet nicht ganz den Fehler
aller englischen Architekten, da Säalchen mit
Kapitälchen zu verwenden, wo sie ganz un-
nötig sind.
Um durch den Schmuck der Fläche zu
ersetzen, was der Form abgeht, sucht er sich
mit dem bewussten, englischen Mittel, mit
Beschlägen u. dergl. zu helfen. Die einfachen
Beschläge, die er verwendet und die W. B. ftEY-
NOLDS nach seinen Zeichnungen ausführt,
sina ausgezeichnet. Wo er aber bildliche
:ingang ilrr Hamtrji a. 16. Hart Rood, London, ßr A. GROVE, Etq.. U. P.
255
Darstellungen damit verbindet, wie
an dem hübschen Sekretär auf
Seile 262, oder den Kaminsäulen
auf Seite 256, wirkt das Mittel
leicht spielerisch. Von seinen In-
tarsien und Bemalungen (s. S. 260,
26i ü. 267), die ähnlichen Zwecken
dienen, gilt dasselbe in noch weit
höherem Masse. Sie erscheinen wie
Bauernarbeiten aus der ersten Hälfte
des Jahrhunderts. Es ist be-
zeichnend, dass ein so rationell,
so modern empfindender Künstler
in extremen Archaismus verfällt,
sobald ihm der Nutzzweck seiner
Arbeil verloren geht. Solche ernst
veranlagten Leute können nicht
spielen. Wir haben diese Arbeiten,
durch die VOYSEY nicht gewinnt,
dennoch wiedergegeben, weil sie zur
Bestimmung seines Gesamtbildes
nicht unwesentlich sind. Andere
Nuancen erhöhen seinen Werl. Er
hat einige buchgewerbliche Arbeiten
gemacht, die sich durch hübsche
C. F. A. VOYSEY
Zeichnung und vorlre/fliche Sclirifl aus-
zeichnen ; ;. B. die Entwürfe für einen Einband
des iSladio*, für eine Broschüre der -Kyrie
Pamphlels^, mit ganz reizender, figürlicher
Rahmenzeichnang u. a. In der Tapete auf
Seite 276 — einer Queen Era-Tapete ! — kommt
dieselbe Gabe, nur hier an fakcher Stelle,
zur Gellung.
Man wird einer Persönlichkeil, wie wir sie
hier flächlig skizziert haben, nicht die An-
erkennung versagen; die Fehler, die ihr an-
Kaniin für Mr. T. EI.SI.EY
haften, gehören zu ihr, wie ihre Vorzüge,
und wir hoffen, gezeigt zu haben, dass die
Lichtseiten liier bei weitem überwiegen. Man
darf l>ei ihrer Scliälzang das Milieu nichl
vergessen, aus dem sie entsprossen sind.
Dies England, das materiell dem jungen Nulz-
künsller so grosse Vorteile bietet, wird von
grossen Irrtümern niedergehallen , die wie
Geburtsfehler erscheinen, so dauerhaft sind
sie. VovsFV ist der erste, der ein klares liild
der pnsiliven gewerblichen Kräfte in einer
Person darstellt, die in England enthalten
sind: es wäre unnatürlich und i'iellricht
kaum wünschenswert, wenn er den Boden
verleugnete, aus dem er entstanden ist. Die Be-
wegung mag über ihn hinweggehen, er wird
immer einen Platz in ihr behaupten, and
wenn es einmal eine Geschichte dieser Bewegung
giebt, so wird er für England nach Morris
den ersten Ruhmestitel erlangen. Denn mögen
andere künstiischere Anregungengegeben haben
und in der abstrakten Kunstschätzung eine
unvergleichlich höhere Stellung einnehmen :
er hat zum erstenmal eine breite gewerbliche
Basis markiert, gezeigt, was man
heute schon in England aus einem
Hause machen kann, und er ist
der erste in der Bewegung über-
haupt, der sämtliche Mittel zum
Bau and zur Ausstattung des
Hauses mit eigener Hände Arbeit
geschaffen hat. Dies Haus ist
nicht gross. Nicht alle werden
sich in ihm wohl fühlen; man
meint zuweilen, die Spur einer Ab-
stammung VoYSEY's von einem
Geistlichen wiederzufinden, etwas
Pastorenhaftes, das vielleicht nicht
jedermann sympathisch ist. Wer
aber durch diese äussere Schale
durchdringt, wird in ihm einen
Menschen finden, der nicht mit den
Begriffen der Gattung gemessen
werden kann, sondern Persönlich-
keit ist, and er wird in seinem
Heim Eigenschaften entdecken, die
es einem wert zu machen ver-
mögen.
Im übrigen ist VOYSEY heute
iO Jahre alt, man kann also noch
etwas von ihm erwarten. Gerade
für das Gebiet des Mobiliars, in
dem er sich bisher nar wenig
auszeichnen konnte, stehen uns
vielleicht noch Überraschungen
bevor. Er hat gerade jetzt zum
erstenmal den Auftrag erhalten,
ein Haus, das er baut, mit Mobi-
liar fertig einzurichten. Wir werden also wohl
noch manchmal von ihm zu reden haben, -y-
narkr für E.SSK.V A CO.. (jii
EMPFINDUNG IN DER ANGEWANDTEN KUNST
zu empfänglichen Ohren sprechen f Und am
diese wirksamste Sprache versagt, da dürfte
auch der vorausgeschickte Ausrufer anver-
standen bleiben.
Die Neigung zu übereifriger Betonung des
Empfindens, die sich in der Art äussert, wie
das Werk in Scene tritt, macht sich aber hier
and da auch in diesem selbst geltend. Die
Mehrzahl derer, auf denen die Hoffnung der
neu heraufkommenden dekorativen Kunst be-
ruht, ist von ihrer vornehmen Schwester, der
hohen Kunst, aasgegangen. Häufig wird ab-
wechselnd der Blick bald auf die eine, bald
auf die andere gerichtet, die Seele träumt wohl
noch in den Regionen des Gefühls, während
Auge und Hand an dem Gebilde thätig sind,
das dem Bedürfnis des Alltags dienen soll.
Und so verschiebt sich unbemerkt das Ziel.
Statt dass Phantasie und Feinsinn das Wunder
der adelnden Umschaffung des Nutzgerätes zu
einem organischen Kunstwerk vollziehen, wird
ihnen die Aufgabe zum Vorwand, sich selbst
direkt zum Ausdruck zu bringen. Das Gerät
steht da und will dem Zweck dienen, der auf-
gewandte Schmuck verkündet deutlich, dass
hier die Kunst selbst vorübergegangen, und
doch lässl der klaffende Spalt sich nicht ver-
hallen. Der Schmuck ist nicht Diener and
Waiehlltdi mil Panetl, gen
. WALTER CAVB
EMPFINDUNG IN DER ANGE-
WANDTEN KUNST
Es berührt uns kaum mehr fremdartig,
a}enn das gesteigerte, ästhetische Empfmden,
dessen wir uns in der angewandten Kunst so
lebhaft erfreuen, sich schon in der Bezeichnung
gellend macht, mit denen die Neuheiten vor
uns hintreten. Wir sind an poefisch klingende
Namen für Tapeten und Stoffe gewöhnt, Namen,
welche mit Zärtlichkeit an das Naturbild er-
innern, das dem Künstler die Anregung zu
dem Dekorationsmotiv gab. Was ursprünglich
der ungesuchte Ausdruck echter Feinfühligkeit
war, wird zur Gewohnheit, welchedurch Häufig-
keit der Wiederkehr fast die Bedeutung verliert.
Ein Gleiches gilt von den poetischen Begleit-
worten, die man lyrischen Dichtern entleiht,
am sie so einem Zierstäck mit auf den Weg
zu geben. Wenn man es recht bedenkt, eine
entbehrliche Sitte > Sollte so hoher künst-
lerischer Wert, wie durch die festliche An-
preisung aus Dichtermund verkündet werden
soll, nicht kraft der eigenen Tugend laut genug
DEKORATIVE KVSST. HEFT d. gfl
I.- /ür Schrrib- und MalattnitUen
EMPFINDUNG IN DER ANGEWANDTEN KUNST
Helfer geworden, er hat die Verbindung ge-
scheut, ah sei sie eine unebenbürtige, und hat
sich vornehm auf ein besonderes Gebiet zurück-
gezogen, um er nur dem eigenen Ziele nach-
geht, eine freie und von der praktischen Auf-
gabe nicht beeinflasste Empfindung zum Aus-
druck zu bringen. Hier vollzieht sich die
Rückwandlung aus der angewandten zur hohen
Kunst. Der Bundesgenosse Zweck, dem die
Mitwirkung uerheissen war, steht vernacli-
lässigt zur Seite, jeder von beiden geht
seinen eigenen Weg. Manchmal geschieht
diese Lostrennung sogar so rücksichtslos,
dass in der Hast die Gebielsteilung nicht
gerecht durchgeführt wird, und die Kunst
sich an den Platz stellt, der dem Zweck ge-
bührt.
Oft sind es feine und geistreiche Arbeiten, die
zu solchen Ausstellungen Veranlassung geben.
Sie drängten sich auf, als Fix-Masseau einen
Leuchter formte. Die freundliche Flamme ver-
scheucht mit dem menschenfeindlichen Dunkel
trübe Ahnungen und bange Sorgen. Zu ihr
flüchtet, wer in schlafloser Nacht mit dem
Grauen ringt. Aber leicht täuscht gerade ihr
unruhiges Flimmern den aufgeregten Nerven
schreckhafte Erscheinungen vor, so dass das
Auge sich vor dem trügerischen Licht wieder
in das Dunkel flüchtet. Diese grundlose Angst
und ihre dämonische Macht verbildlicht der
Künstler in einer unheimlicli vermummten,
fremdartigen Gestalt (er nennt sie den schlimmen
Gast der Nacht), die unmittelbar unter der
Stütze des Lichtes kauert. Man hat mit Recht
getadelt, dass diese Figur nichts mit dem Gerät
zu than hat, an dem sie erscheint. Sie wird
sogar hinderlich, da sie die Stelle einnimmt,
wo man nach einer bequemen Handhabe sucht.
Wir erkennen es deutlich, hier hat nicht der
ornamentale Plan gewallet, dem sich die Ab-
sicht ungewollt in eine Zierform umsetzte,
sondern hier war das erste die willkürlich
schweifende Künstlerphantasie, der es nur um
restlosen Ausdruck ihrer Gesichte zu ihun war.
Darum konnte sie sich nicht mit spielender
Andeutung des Gedankenmotivs begnügen, die
sich der praktischen Aufgabe dienstbar ge-
macht hätte.
ll
ii
kg
1'^
11
EMPFINDUNG IN DER ANGEWANDTEN KUNST
Weniger auffällig für den ersten Blick, aber
aaf die Dauer noch empfindlicher, macht sich
das Vorwiegen phantasieooll- gedankenreicher
Einflüsse bei einem deutschen Werk bemerkbar,
das im übrigen besonders durch seine vornehm
zurückhaltende Farbenwirkung, wie durch die
weise Diskretion der Materialuerweriung höchst
angenehm auffiel. Ich spreche von JosEF
Engelh ART" s Wandschirm von der Ausstellung
im' Glaspalast Die durchbrochenen dunkeln
Bronzereliefs auf dem bräunlichen Leder waren
sehr wirkungsvoll nur als oberer Abschlass
Bnimlla VhrgehOair
der vier rechteckigen Flächen angebracht. Die
Inschriften waren sehr geschmackvoll orna-
mental verwertet und brachten durch die Gold-
bronze eine reizvolle Abwechslung in den
Farbenzusammenklang. Aber man konnte
nicht umhin, diese Inschriften zu lesen, und
noch weniger entzog sich die symbolische Be-
deutung der Relieffigaren der Beobachtung.
Da waren die tiefsten, bedeutungsvollsten Töne
des Menschenlebens angeschlagen. » Erwachen,
Verlangen, Entsagen, Entschlafen.* Eine
ganze Philosophie in ihren Grundzügen I Und
man soll das täglich im Zimmer um sich
haben 9 Es treibt einen zum Verzweifeln, oder
es wird trivial. Ornament soll eben Ornament
bleiben, und wo die menschliche Figur zur
Dekoration verwendet wird, da füge auch sie
sich den Gesetzen des Stils.
Hier lag gar kein innerer Grand für die
Wahl eines solchen Gegenstandes vor. Keine
Beziehung, die Material oder Zweck an die
Hand gegeben hätte. Der Künstler hat ein-
fach einen ihm teuren Empfindungsaccord
rein ästhetisch ausklingen lassen, und er hat
sein Werk dann als einen fremden Bestand-
teil dem Nutzgerät aufgeheftet. Wie heimats-
los diese Kompositionen ihrem inneren Wesen
nach sind, spricht sich auch darin aus, dass
wir einer von ihnen ein anderes Mal als Zier-
stück auf einem Blatte des *Pan* begegnen,
wofür sie übrigens hei weitem geeigneter er-
scheinen wollte.
Im übrigen muss im Gegensatz zu dem erst-
angeführten Beispiel noch darauf hingewiesen
werden, dass die Einwendungen gegen Engel-
HABts Arbeil nur nach der ästhetischen Seite
hin liegen, während sich ihr nach der prak-
tischen Richtung gewiss alle Vorzüge nach-
rühmen lassen.
Die Neigung, die menschliche Gestalt in der
angewandten Kunst nicht nur rein ornamental,
sondern auch als Ausdruck einer bestimmten
Empfindung zu verwenden, ist bei den Klein-
künstlern äbrigenssehr verbreitet. Man braucht
nur Namen wie Charpentier. Vallgren,
DUBOIS zu [nennen. Was aber bei diesen
meistens die Vermittlerrolle spielt, ist die im-
pressionistische Behundlungsweise, welche den
Gefühlsinhalt nur schwach, gedämpft, wie
eine leise musikalische Begleitung neben der
Hauptabsicht als Werte der Dekoration zur
Geltung kommen lässt. alp
&
KORRESPONDENZEN
MÜNCHEN — Aus der Kunstgewerb-
lichen Vereinigung, deren Gründung
und Ziele unter dem Namen * Kunst
im Handwerk'! wir im vorigen Hefte bereits
anzeigten, wird binnen kurzem unter der
Firmu 'Vereinigte Werkstätten t eine Gesell-
schaft mit beschränkter Haftung erstehen,
die zunächst mit einem Kapitale von 100 000 \t.
(das zum grössten Teile schon gezeichnet ist)
MÜNCHEN
Be$d>lag ,
sich die praktische Verfolgung der Wege und
Ziele zur Aufgabe setzt, lye/c/ic unsere Zeit-
schrift durch Wort und Bild zu vertreten
sucht: die Vermiltlung zwischen den gewerb-
lichen Bestrebungen tüchtiger, dekorativ ver-
anlagter Künsller, geschickten Fabrikanten
und einem kunstsinnigen Publikum. Indem
die Gesellschaft geeignete Entwürfe von den
Künstlern zur Ausführung käuflich erwirbt
oder ihnen Aufträge zuweist, vertritt sie zu-
nächst die Interessen der Künsller, welche
bisher seilen Lust und Geld hallen, solche
Entwürfe für eigene Rechnung und eigenes
Risiko ausführen zu lassen. Indem sie diese
ArbeiUUschtheii
Entwürfe (wobei alle Gebiete .
des Kunsthandwerkes gepflegt
werden sollen) tüchtigen Werk-
stälten zur Anfertigung über-
weist, unterstützt sie das Hand-
werk und bietet namentlich
dem kleineren Meister, dem es
nicht an Geschick, wohl aber
an der Möglichkeit fehlt, sich
selbst andere Entwürfe zu ver-
schaffen alsseine Vorlagewerke
enthalten, die Gelegenheit vor-
wärts zu kommen, indem ersieh
neuen, höheren Aufgaben zuwendet. Zugleich
aber erbalten Künstler in diesen Werkställen die
notwendige Gelegenheit, die erforderliche
Kenntnis der Technik zu erwerben. Indem
die Gesellschaft endlich durch Veranstaltung
von Aasstellungen in allen grösseren Städten
dii Resultate dieser neuen Bestrebungen vor
Augen führt, wirkt sie bildend auf das
grössere Publikum, das sich nicht durch
Worte, sondern nur durch Werke belehren
lässl, und fördert damit den Absatz ihrer Er-
zeugnisse. Nach allen diesen Richtungen hin
sind vielversprechende Beziehungenangeknüpft,
und es haben massgebende Persönlichkeiten
aller Orten der Gesellschaft ihre Unterstützung,
die meisten Künstler ihre Mitarbeiterschaft
zugesichert. Die Gesellschaft wird aber auch
eine Zentralstelle für Auskünfte und Vor-
schläge über moderne Ausstattungen jeder
Art errichten, durch welche einem grösseren
Kreise Gelegenheit geboten wird, gegen geringes
Entgelt Entwürfe für Einrichtungen u. dgl.
zu erhalten. Es ist kein Zweifel, dass bei
so geschickten, künstlerischen Händen, wie
sie in dem Ausschusse vertreten sind, diese
Thätigkeit die segensreichste Wirkung üben
kann. Wir möchten daher unsere Leser auf-
fordern, direkt oder indirekt an den Be-
strebungen dieser Gesellschaft teilzunehmen
und sind gerne bereit, zu vermitteln.
Auch im Kunstoerein hat die ^ Angewandte
Kunst' in diesen Tagen ihren Einzug ge-
halten. H. E. V. Berlepsch hatte eine
Anzahl Entwürfe für Bucheinbände aus-
gestellt, die allgemein Beifall fanden, was
um so mehr sagen will, da sie denselben
auch vollauf verdienen, nicht immer deckt
sich das in jenen schönen Hallen. Wir be-
schränken uns hier, auf diese Arbeilen hin-
zuweisen, da wir in kurzem an der Hand
einer Anzahl Abbildungen diese in Bezug
auf Flächenausnulzung , Formgebung und
Farbwirkung höchst erfreulichen Entwürfe
ausführlicher besprechen werden. -ß-
BERLIN — Welches sind die Aufgaben
der modernen Baukansl? Die Ant-
utorten würden die allgemeine Unsicher-
heit des Urteils von Werken der Architektur,
die ganze Verworrenheil der empiriscli ge-
wonnenen Stilbegriffe offenbaren. Es feilten
ausserdem der Baukunst alle Vergleicbs-
möglichkeiten mit Notarformen, wie bei den
andern bildenden Künsten, womit Forderungen
präcisiert werden könnten. Die Architektur
rechnet allein mit Kräften, mit Massen und
mit dem in Zahleng rossen sich krystalli-
sierenden Geheimnis der tVerhällnisse*. Man
verlangt von modernen Häusern eine gewisse
Sichtbarkeit des kausalen Kräfteausgleiches,
ohne sich doch zu der herben Ästhetik dieses
Programms entschliessen zu können. Eine
Eisenbahnbrücke oder eine Dynamomaschine
schön zu finden, sträubt sich das an aus-
gebildete, reichgeschmückte Baustile gewöhnte
Aage. Die historischen Stile,
meist nur als ornamentale Um-
kleidungen der antiken Kon-
struktionsgedanken begriffen,
sind dem modernen Architekten
überall im Wege. Und doch liegt
beispielsweise in dem eisernen
Gebälke einer Bogenbrücke die-
selbe logische Stilkraft, wie in
den antiken Urformen, aus denen
sich die Säulenordnungen ent-
wickelten. Diese Stilkraft kann
nur dann in Schönheit um-
gesetzt werden, wenn ein reines
Material überall erkennbar und
seinen Funktionen gemäss sicht-
bar getrennt ist. Wenn ein
persönlich empfindender Archi-
tekt die alte Erfahrung, dass
der Keim der architektonischen Btsch.
Schönheil in der Statik liegt, auf Bedürf-
nisse unserer Zeit anwendet and ruhig
wartet, bis der dieser Kunst eigentümliche
Schmuck sich organisch heranbildet, so ist
er auf dem Wege zu einem Baustil der Zu-
kunft. Man hat die Pflicht, lebhaft auf
solche Versuche hinzuweisen and das ihnen
noch anhaftende konventionelle Scbmucktam
abzubahnen. — Ein Werk so gemischt aus
Neuem und Altem, mit grossem Zuge eine
sicher empfundene Zweckschönheit zum Aus-
druck bringend, ist das von Professor Messel
auf der Leipziger Strasse erbaute Warenhaus
von Wertheim. Ich habe hier neulich über
das Äussere dieses Hauses einige Worte ge-
sagt; jetzt ist auch das Innere vollendet und
man bat einen Gesamtblick über das Ge-
wollte und Erreichte. Ebenso klar wie der
Gedanke der Fassade, ist der Plan des Inneren.
Im Zentrum befindet sich ein sehr grosser recht-
eckiger Licbl-
hof, um den
sich, wie of-
fene, mit Mes-
singgeländern
nach der Tiefe
abgeschlossene
Galerien , die
drei sichtba-
ren Stockiver-
ke ringsherum-
ziehen. Obenist
der Raum ge-
deckt mit einer
Glas Wölbung,
an deren Eisen-
garlen drei
Doppelreihen'}
von Glühlam-
pen, dieHaupt-
HohrMaar für riiit ftij.frrtosrt« lichfguelle für
die Abendbe-
leuchtung, angebracht sind. Die Stockwerke
haben in den grossen Pfeilern des Lichl-
hofes einerseits, in den Umfassungsmauern
anderseits ihre Stülipunkte; untereinander
werden sie gebalten von freistehenden Säulen.
Durch diese Anordnung ist es möglich geworden,
auf jede Mauer im Innern des Hauses zu ver-
zichten und dadurch eine Freiheil des Über-
blickes zu gewinnen, die es erlaubt, von jedem
Punkte aus das bunte BUd der leicht und ent-
sprechend verteilten Verkaufsstände zu über-
sehen. Es giebt in dem weiten Räume keine
dunkle Stelle, weil eine Fülle von Licht un-
gehindert von aussen und Innen zugleich ein-
dringt. Die sofort offenbare einfache Kühnheit
der Anlage giebt dem Ganzen, trotz der mäch-
tigen Dimensionen, einen eleganten Schwung,
eine sichere Leichtigkeit und eine klare Grösse,
die von den tausend Einzelheiten der aus-
gelegten Waren nicht beeinträchtigt wird. Es
geht sich angenehm auf diesen hängenden
Etagenböden, unmerklich fast steigt man über
die wohlgeratenen Treppen zu den Höhen
hinauf. Vom äussersten Punkte sieht man,
quer durch den Raum, draussen das Toben
der Strasse vorbeiziehen, während unlen die
Maschinen, die ^Lungen des Hausest, wie der
Erbauer sagt, sichtbar arbeilen. Das Gebäude
scheint die Strasse durch die seilhin gereihten
Verkaufsläden hindarchzulassen. — In dem
Grundrissgedanken und in seiner konsequenten
Durchführung liegt manches Nene und Vor-
bildliche. ViellAchl, Übersichllichkeil, schneller
Verkehr (es sind ausser den Treppen noch
sechs sichtbare Fahrstuhle vorhanden) sind
gewonnen. Dafür ist der Raum geopfert.
den der Lichthof den oberen Etagen nimmt.
Aber der Wert des vorhandenen Platzes ist .
verdoppelt durch seine Nutzungsmöglichkeit.
Dieser konstruktiven Architektur sollte sich
nun die starke Prachlwirkung gesellen , die
in solchen Bazaren für unerlässlich gehalten
wird. Dadurch hat im einzelnen manche
traditionelle Schmuckform aushelfen müssen.
Aber selbst da, wo, wie im Vorräume, Darock-
und Renaissancemotive angewandt sind, ist
es mit vielem känsllerischen Takt geschehen.
Das Material ist sichtbar geschieden. Holz,
Metall und Stuck stossen überall ohneläuschende
Verkleidung aneinander. Im Lichthofe stört
der imitierte Marmor der grossen Pfeiler. Die
Stackfüllangen wären einwandfrei, wenn sie
aas gleichem Material herausgearbeitet wären.
Aber Gips und falscher Marmor: das ist eine
böse Verbindung. Die Bekleidung der eisernen
Säulen mit Holz oder Palz ist nötig wegen
der Gefahren, die das leicht springende Eisen
bei ausbrechendem Feuer verursachen kann.
Auch dagegen, dass die Tragkraft des ver-
deckten Eisens durch Kapitale und konsol-
ariige Ornamente illustriert wird, ist nichts
einzuwenden; umsoweniger, als diese Auf-
gaben besonders feinsinnig gelöst sind. Wo
der Architekt für das Kunstgewerbe verant-
wortlich zeichnet, fügt es sich der Bauweise
gleichwertig ein. Die Messinggitter des Vesti-
bules and der Treppen sind kleine Wunder-
werke der Erfindung nnd Ausfährang. Es
mag dem Erbauer, der sich tagelang in den
Ateliers und Werkstätten der Kunsthandwerker
gemüht hat, nicht leicht geworden sein, unseren
deutschen Handwerkern diese Leichtigkeit der
Wanilltppich, htrgntellt uon Äl.BX. MORTON Je Co.. Ihzrotl (Sdiollland)
DEKORATIVE KUNST. HEFT G. 265
BERLIN
Metallbehandlung beizubringen. Auch die
Beleuchtungskörper zeigen eine oornehme
Originalität, vor allem die des Teppichraumes.
Hier sind mit Schnuren umwickelte Leitungs-
drähte zu lampenartiger Wirkung sehr gluck-
lich arrangiert. Die dekorative Decenz der
weichen Holzschnitzbehandlung und der kontur-
artig ciselierten Wandbekleidungen im Vor-
räume ist ebenfalls dem Architekten zu danken,
der die Neigung jedes Kunsthandwerkers, ge-
rade seine Thätigkeit auffallend zur Geltung
zu bringen, für höhere Zwecke discipliniert
hat Wo die Kunsthandwerker freieren Spiel-
raum hatten, spürt man den charakteristischen
Mangel an architektonischem Empfinden;
vor allem bei der Malerei. Die Glasmalereien
von Lechter bringen in den Raum, dem sie
Licht geben, ein ganz neues Dekorations-
motiv; das ist nicht die Aufgabe der Glas-
1^
t
I ,
fr
Gewebe Oiis 'Seiße u. Wolle u. ALEX. MORTON Sz CO., Daroel (Schottland)
maierei. Die Treppenhausfenster von TiPPEL,
gut durch die Zusammenstellung von durch-
sichtigem und undurchsichtigem, farblosem
Glase, mit schwarzer Zeichnung, denke ich
mir für eine Badestube passend, aber nicht
für einen Durchgangsraum, Von TiPPEL
rühren auch die Skizzen für die Reliefdar-
stellungen auf den grossen Pfeilern des Licht-
hofes her. Ausgeführt sind die pflanzlich
umrahmten Märchengeschichten von den
Bildhauern Vogel, Manzel und Geiger.
Wenn man sich ein ruhiges Plätzchen erobern
kann zur Betrachtung, so entdeckt man viele
reizvolle Dinge; aber nur mühsam. Die
einzigsten Dekorationsmalereien sind zwei
Wandbilder von M. KoCH und Fr. Gehrke,
ein Ti^ alter Hafens und ein i^ neuer Hafens.
Das Motiv des modernen Lebens gab bessere
Gelegenheit für malerische Wirkungen. Dann
sind noch zwei Beleuchtungs-
figuren von Klimsch und eine
Kolossalstatue von Manzel da.
Diese den Lichthof beherrschende
Figur stellt, glaube ich, die Arbeit
dar; die Königin Mode, die LECHTER
auf seine Glasfenster gemalt hat,
wäre hier besser am Platze gewesen.
Die Mode kann sich hier mit gutem
Rechte Bildsäulen errichten lassen
in diesem y^ Paradies der Damen <ü.
Aber die Arbeits Es ist ein witziger
Zufäll, dass in dem Hause, wo
ein Kunst und Handwerk zer-
störendes wirtschaftliches Prinzip
seinen, höchsten Ausdruck findet,
zum erstenmale von Architekten
die brachliegenden Kräfte des
Kunsthandwerkes zu gründlicherer
Thätigkeit gesammelt sind. Oder
ist es mehr als ein Zufall, ist es
eine Art Selbstentzündung 9 Die
von dem Architekten ASHBEE ge-
leitete » Guild and School of Handi-
craft^ hat bei KELLER & REINER
Möbel und Metallarbeiten ausge-
stellt. Es ist anzunehmen, dass
die Leistungen nicht ein ideales
Bild von der Thätigkeit der Hand-
werkerschule geben, sondern dass
sie den Ruf, der ihnen vorausgeht,
geschäftlich ausnutzen sollen. Denn
eine hohe Meinung von praktischer
Kunstanwendung im englischen
Handwerke können diese zierlichen
Schularbeiten nicht geben. Hand-
liche Gebrauchsgegenstände, wie
jeder Hausstandsie nötig hat, fehlen
ganz; kein Stück erregtden Wunsch,
'4
4
•■ i
1
266
BERLIN — KREFELD
es za besitzen. Die geschmiedeten, gehämmerten,
getrieltenen und ciselierten Teller, Schalen,
Becher, Leuchter u. s. w. sind mehr künst-
lich als künstlerisch geformt and sehr reich-
lich geschmückt. Schularbeiten haben ja stets
durch das Bestreben, alle Mannigfaltigkeiten
der Technik in wenigen Objekten za erstreben,
eine unpraktische Schmuckfülle. In dieser
Schale soll doch aber, wenn ich recht weiss,
ein praktisches Prinzip allein herrschen. Es
ist mir sehr zweifelhaft, ob die Verfertiger
dieser Metallgegenstände gute, einfache Haas-
geräte herstellen können. Für die Schmuck-
sachen, meist in Silber geschmiedet mit Ver-
wendung einfacher Steine, sind Pflamen-
details and wohl übersetzte Renaissanceformen
glücklich uerwandt.
Es fehlt ihnen jedoch J
das Wichtigste: der '
reiche Kleinodien-
schimmer, ohne den
selbst ein billiger i
Schmuck (die Preise
bewegen sich zwischen '
50 and 150 Mark)
seinen Hauptreiz oer-
liert. Die wenigen
Möbelstücke sind so-
lider als englische Fa-
brikate za sein pflegen,
dafür aber sehr teuer.
Modelleigenschaften
sucht man in allen die-
sen Gegenständen ver-
gebens; es ist eine Aas-
stellung von Geburts-
tagsgeschenken.
Von Ch&ret, Vernier
and Charpentier sind
geprägte goldene
Schmuckmedaillen za
sehen; von CHARPEN-
TIER ausserdem sehr
zart gepressles Leder
and Papier and eine
Anzahl seiner schönen
Plaquetten. Die Sachen
machen lebhafteFreade,
haben aber mit dem
Kunstgewerbe nichts be-
sonderes zu than. Auch
GALLß ist ein feiner
Künstler; ob aber die
Technik seiner geschnit-
tenen Gläser praktischen
■■ Kern genug hat, um
anregend auf weitere
Gebiete der Glasindustrie
zu wirken, ist sehr zweifelhaft. Die Tischchen
mit Blantendekorationen von eingelegten Natur-
hölzern desselben Künstlers sind das zierlichste,
was man sehen kann. Schade, dass so viel
Können und Arbeit an künstlerische Spielereien
verschaxndet wird. Die Franzosen, scheint
es, suchen im modernen Kunstgewerbe nur
einen Tummelplatz für die Sportübungen ihrer
raffinierten Technik. K. SCH.
KREFELD — Die erste Ausstellung des
Kaiser Wilhelm-Museums, die neben
Gemälden und plastischen Werken
auch die neuzeitige Keramik umfasste, hat
ein recht günstiges Endergebnis gehabt. Es
wurden Kunstwerke verkauft tum Gesamt-
;iu.'ii.iü.aiiiu
KREFELD — PARIS
EnliDurf für Taptit oder Sloff
werte von 5i 500 M., wovon 2i 500 M. auf
die Erwerbungen des Museums entfielen. Aus
der keramischen Abteilung kaufte das Museum
Kopenhagener und Berliner Porzellane, ferner
Fayencen und glasierte Sleinzeugarbeiten von
J. F. WiLLUMSEN, DE MORGAN, BiGOT,
Dalpayrat, Dammouse and Schmuz-
BaVDISS. Dazu kamen Gläser von EMILE
GAl.Lf. und Mosaikuerglasungen oon Karl
Engelbrecht, m Die bisher erzielten Erfolge
der Teppichknäpferei 'J. Knevsels & Co.",
hier, haben die Inhaber der Firma und die
Freunde der Sache ermutigt, den Betrieb auf
breitere Basis zu stellen. Das Unter-
nehmen ist umgewandeil in eine
Aktiengesellschaft mit namhaftem
Kapital anter der Firma « Krefelder
Teppich- und Möbelstoff - Fabrik
A.-G.f^ Auch in Zukunft soll das
Hauptziel der Fabrik sein, Teppiche
in Knüpftechnik herzustellen, deren
Musler von berufenen Künstlern ent-
worfen sind. Bekanntlich verdankt
die Fabrik ihr Gedeihen wesentlich
den ausgezeichneten Arbeiten, die sie
nach Entwürfen OTTO ECKlUANN's
ausgeführt hat.
PARIS ~ In der »Galerie des
Artistes Modernes* der rue
Caumartin tagt gegenwärtig
die zweite Ausstellung der Künstler
Felix Aubert, A. Charpentier.
Jean DAMPT, E. MOREAV-N&LATON, EMmurf fOr Taptit odtr Stoff
268
Ch. Plumet und Tony Selmershelv. Es ist
die Elite der gewerblich thätigen Künstler-
schaft von Paris. In der Vorrede des hübschen
von Aubert gezeichneten Kataloges erläutern
sie ihren Standpunkt: >ils nient toate dislinc-
lion entre ce que ceux-ci appellent Fort et ce
qae ceux-lä appellent la dScoration. Ils ne
sont pas des artistes dicorateurs ; ils reslent
des artistes plastiques*. Dieser Standpunkt
scheint uns mehr als zweifelhaft; glücklicher-
weise ist ihre Praxis präciser. Man kann
bei allen einen Fortschritt gegen die Ausstellung
im letzten Jahre am selben Platz nicht ver-
kennen. In allen Arbeiten bemerkt man eine
sehr glückliche Verschärfung des Gebrauchs-
wertes, ein intimeres Eingehen auf die kon-
struktive Seite und die Materialfrage. Plümet
hat die Bizarrerien, die ihm teils aus bel-
gischen Einflüssen, teils aus Erinnerungen
an Louis XV. angeflogen waren, immer mehr
abgestreift. Die Ausstellung enthielt neben
seinen neuesten Möbeln auch seine früheren
Modelle ; der Unterschied springt in die Augen ;
wo früher sich z. B. an seinem Bett eine
umständliche und prätentiöse Schnitzerei breit
machte, da findet man jetzt einfache Linien,
Formen, deren Schönheit nur in der Eleganz
des Natürlichen und Zweckentsprechenden be-
stehen. Er hat das Mobiliar eines Arbeits-
immers aasgestellt in glattem Eschenholz,
'nen Herrenschreiblisch, eine Bibliothek und
ganz hervorragendes Stublmodell, das
beste Stück der ganzen Ausstellung. Ausser-
dem eine hübsche Etagere und verschiedene
andere kleine Sachen. — Charpentier bat
mit Aubert zusammen die Wanddekoration
eines Bades ausgestellt, in Fayence mit einem
Utdracklir .Saniiiirt, htrgaUlH von G. P. * J. BAKEH. La
Relieffries reizender kleiner nackter Figuren,
die er modelliert hat; Ai'BERT hat den unteren
rein malerischen Teil — Wasser mit stili-
sierten Blumen — dazu gemacht. Von Char-
PENTIER ausserdem reizende Ledersachen, Porte-
feuilles, Zigarettenlaschen etc. und verschiedene
kostbare Silbergriffe, von AuBERT eine Anzahl
Stoffe, Tapeten und Teppiche, unter denen
manches zum mindesten interessante Stück
ist. Auch Tony Selmersheim ist viel, viel
besser geworden ; er bat sich auf Metallsachen
geworfen und namentlich an verschiedene
Lichtträger gemacht, die sich durch elegante
Linienführung auszeichnen. Jean Dampt hat
ein paar Silber- und Goldsachen ausgestellt.
Der bekannte Mäcen Baron VlTTA hat
sich in seiner Villa in Evian am Genfer-
see einen Billardsaal von drei berühmten
Pariser Künstlern bauen lassen ; Ch&RET,
der bekannte Plakatkänstler, hat die Wand-
maiereien gemacht, A. ChaRPENTIER die
Hauptsache, das Billard und das übrige Mo-
biliar, der alte BraQüemond, der eigentlich
ROT als Radierer bekannt and im Verborgenen
Dielleicht der Künstler ist, der zuerst in Frank-
reich sich wieder gewerblichen Aufgaben wid-
mete, hat die Täfelung und die elektrischen
Beleuchtungskörper gefertigt. Wir werden auf
dies Werk, an dem mehrere Jahre gearbeitet
worden ist und das in der französischen
Nutzkanst bisher allein steht, eingehend mit
Illustrationen zurückkommen. tL'Image*,
die von der Corporation frangaise des Gra-
veurs sur bois herausgegebene, bei Floury
in Paris erscheinende Zeitschrift hat nunmehr
ihren ersten und letzten Jahrgang hinter sich,
und das interessante Experiment, eine illu-
strierte Zeilschrift nur mit Holzschnitten aus-
zustatten, lässt sich an den vorliegenden Heften
beurteilen. Die Idee war an sich ausgezeichnet,
dem heruntergekommenen Geschmack einmal
zu zeigen, worin eine des vornehmen Baches
würdige Reproduktion besteht, den Unterschied
ins Gedächtnis zurückzurufen, der zwischen
mechanischen and künstlerischen Verfahren
bleibt. Aber wie gewöhnlich schoss man Ober
das Ziel. Man hat in *L'Imaget einen ähn-
lichen Eindruck wie in den grossen Aus-
stellungen mancher Fabriken, die bei dieser
Gelegenheit zeigen wollen, was man alles aus
Schokolade oder Seife oder aas Eisen machen
kann. Jene machen alles mit dem Holzschnitt,
auch Dinge, die sich der Technik direkt
widersetzen. Es ist verkehrt, eine Lithographie
durch den Holzschnitt wiederzugeben oder das
Taptle, hergalelll i
n ESSEX t CO.. London
1/
Tapiti, htrfauat vi
I BSSEX Jt CO., London
gleiche mit Radierungen zu versuchen. Schon
bei der Wiedergabe von Zeichnungen oder Ge-
mälden ist die Sache zweifelhaft; wir haben
heute kostbare mechanische Verfahren, die von
Tusch-, Kreide-, Strichzeichnungen absolut
Facsimile geben. Das kann der Holzschnitt
nie, er bringt ein neues Element in die Sache,
das an sich künstlerisch ist, aber sich deshalb
durchaus nicht dem Charakter des Originals
förderlich zu erweisen braucht. Das drängt
sich bei den Arbeiten nach den Vorbildern
von Guys, Ch&ret, Carri^re a. a. auf, die
durchaus nicht durch die Umformung
gewinnen, FANTIN Latour wäre
besser durch Lithographie, RiBOT
besser durch Radierung, PüVtS DE
«"' Chavännes besser durch — Photo-
\ Ij graphie wiederzugeben u. s. w. Frei-
Yi lieh, die Leute wollen zeigen, was
\' der Holzschnitt kann, and das haben
sie in geradezu einziger Art er-
reicht; für die Geschichte des Holz-
schnittes sind diese zwölf Hefte ein
kostbares anentbehrliches Material.
Zu bedauern ist nur, dass das wahre
Feld des Holzschnittes, wie es etwa
durch VallottON, durch LVCIEN
Pissarro repräsentiert wird, der
Strich, unter der Masse der repro-
duktiven Künsteleien zu sehr zurück-
tritt. Und noch mehr, dass die
Stelle, die MORRIS dem Holzschnitt
wieder zuerleilte, als rein ornamen-
tales Element zu dienen, fast ganz
ausgeblieben ist. Die massenhaften
—'S',!!
vi
' Mi
Crrlonni. bereatelll bob G. P. * J. BAKER, Lantlon
' Illustrationen^ des Textes stehen ivenig über
dem Genre unserer älteren Familienjour-
nale, von denen sich noch heute manche den
Holzschnitt leisten. Man fmdet in dem ganzen
ersten Jahrgang keine einzige, rein ornamen-
tale Leiste, für die der Holzschnitt geboren
ist, dafür eine Unmenge geschmackloser, halb
realistischer, halb stilisierter Interpretationen,
deren Werl nicht durch die künstlerische Aas-
führung erhöht wird. — Trotzdem kann man
den Herausgebern dankbar sein, denn unter
den Reproduktionen findet man manches aus-
gezeichnete Blatt, unter den Aufsätzen manche
vollkommene Belehrung. Die Wiedergabe der
DEGAS'schen Bilder des Luxembourg, die das
letzte Heft gebracht hat, ist schon des Gegen-
standes wegen eine dankenswerte Thal. Das-
selbe gilt von den RODIN'schen Skizzen and
vielem anderen. Und eins kann man dem Unter-
nehmen, das man mit grösslem Bedauern schei-
den sieht, nicht nehmen, die künstlerische Auf-
richtigkeit, der zu Liebe man auch die Fehler
verzeiht. # Bei BoussoD, Valadon & CiE.,
oder Dielmehr, wie jetzt die Firma tautet,
BoussoD, Valadon, Manzi, Joyant &. Cie.
(nachdem der durch seine Japanschätze
NANCY
und Gemäldesammlungen bekannte
Manzi und sein aU Kenner ge-
schätzter Kollege JoYANT das Haus
gekauft haben), ist vor kurzem
eine Mappe mit einer grossen
Anzahl von Reproduktionen nach
Zeichnungen and Skizzen des Bild-
hauers RoDiN erschienen, die den
Kenner des vornehmen Künstlers
interessieren wird, freilich nur für
zugleich wohlhabende Leute zu-
gänglich ist (Preis 500 Frs.). Noch
kostspieliger, aber auch unver-
gleichlich kostbarer und inter-
essanter ist eine soeben in dem-
selben Verlag erschienene Mappe mit
20 anuergleichlichen Reproduk-
tionen der interessantesten Studien
von DegaS. Das Werk, das der
Personaloeränderang in der Lei-
tung der Firma, den beiden Herren
Manzi und Joyant, die die Re-
produktionen persönlich überwacht
haben, sein Dasein verdankt, dürfte
der glänzendste Triumph sein, den
bisher die Reproduktionstechnik
davongetragen hat. Die Platten
sind von den Originalen buch-
stäblich nicht zu unterscheiden.
Dazu sind diese so geschmackvoll
gewählt — man hat sich nur an
Studien gehalten und aus allen
Perioden des Künstlers das Beste genommen
— dass das Werk auch künstlerisch einen
seltenen Höhepunkt darstellt. Freilich kostet
es 1000 Frs. -t-
NANCY — Die Ausstellung der »Amis
des Artst hat, wie alljährlich, vor
einigen Wochen eine Anzahl Gemälde
und Werke der dekorativen Kunst vereint,
die Interesse verdienen. Nancy ist eine der
sehr wenigen Städte Frankreichs, die sich
rühmen dürfen, eine von dem grossen Paris
unabhängige Künstlerschaft zu besitzen. Wenn
man in die Geschichte zurückgeht, findet man
leicht den Ursprung dieser lothringischen Ori-
ginalität. Seit las und schon früher gab
es in Nancy berühmte Glasfabriken, die sich
in der Folge immer kräftiger entwickeilen
und so berühmt wurden, dass im Jahre 1560
Philipp IL von Spanien aus Nancy Gläser
kommen Hess und dast im Jahre 1568
Nancyer Glaskünstler nach England berufen
wurden. Bekannt ist die glänzende Ent-
wickelung Nancys im 18. Jahrhundert unter
der Regierung des kunstsinnigen Dilettanten
Stanislavs Leczinski. Kurz, die neue Be-
wegang, du ata hatte in Xancg
fasdt, entspringt einem an Tradi-
tionen reichen, känsllerischat Boden.
Bevor aiir die Werke der Exposifion
der Amis des Arti näher betrachten,
müssen wir einer Lacke unter den
Aasstellern gedenken. Eis fehlt EülLE
GäLL£, der Mäster der neaen Schale,
der Aasgangspunkt aller neuen Be-
slrebangen \ancys. Die meisten
Künstler der lothringischen Stadt,
die sich aaf unserem Gebiete aus-
zeichnen, sind darch ihn mehr
oder weniger beänpusst; die einen
arie Provt^, Martis, Hestaux,
GBVBER haben persönlich GalL^'s
Belehrung empfangen, andere wie
Majorelle oder Dach sind aaf
seine Ideen and die Art seines
Schaffi:ns direkt eingegangen, immer
mit dem Besirel>en, dabri ihre per-
sönliche Art za beuMxhren. Was an
Sancy besonders interessant and es
von anderen Kanstzenlren anter-
scheidet, ist, dass seine Künstler sich
in allen Gebieten bethätigen. Während
in Limoges z. B. nar die Keramik im
Schwünge und in Ehren ist, erscheint
\ancg wie ein kleines Athen mit seinen Malern,
Bildhauern, Glaskünstlern, seiner Keramik und
Lederarbät, seinem Mobiliar u. s. w. Man
darf dieser Mannigfaltigkät gegenüber nicht
Taprtt. ktrgnttHI (•
I ESSEI t CO.. iMdon
Entwurf für rint TaptU
mit einer Beschränkung zarückhalten. So
erfreulich diese bestgeamllten Beslrdjungen
sind, es fehlt ihnen noch oiel, am ihnen den
geuKrbhchen Wert zu geben, nach dem äe
streben. Der künstlerischen Tra-
dition Nancys fehlt als notwendiger
Regulator noch die stramme ge-
werbliche Disziplin, wie man sie
etwa in Brüssel findet. Die Werke,
die man macht, sind zum grössten
Teil noch — nicht immer einarand-
freier — Luxas. Es steht za hoffen,
dass \ancy sich dieses wichtigsten
Faktors bewusst wird and lernt,
seine Kunst dem Leben unterzu-
ordnen. — Der Bedeutendste in der
Ausstellung des Saals Poirel, der
lebendigste undkräftigste ist VICTOR
pRQVTt, bekannt aas seinen Aus-
stellungen im Champs de Mars,
aus seinen Fresken, die öffentliche
Bauten in Paris schmücken, der
sich aller stets zar lothringischen
Fahne bekennt. Provt6 hat in
seiner Thätigkeil etwas von der Art
der miltelallerlichen Künstler and
der Florentiner. Wie sie, äussert
er sich in allen Zweigen der Kunst.
Mit bewunderangswerter Energie
ist er gleichzeitig Maler, Bildhaaer,
NANCY
Lederarbeiter und Ciseleur. Werke, wie
sein Denkmal für Carnot in Nancy oder
seiner dekorativen Panneaux im Nancyer
Rathaus sind Zeugnisse dieser verschieden^
artigen Begabung, Dieses Jahr hat er '
ausser Porträts namentlich Bucheinbände
und Schmucksachen ausgestellt. Seinen
früheren Einbänden konnte man vielleicht
ein Cbermass von Kraft vorwerfen. Die
vorliegenden sind ruhiger, man möchte
sagen klassischer geworden. Rein tech-
nisch gesprochen ist das Relief geringer
als in den früheren, was auf eine sichere
Hand und auf ein nuancenreicheres
Empfinden schliessen lassen dürfte. Die
Einbände dienen Albums und hier wäre
in der That die leidenschaftliche Linie,
die den Einbänden von Salambö, von
den CORBEAUX und den AVEUGLES eigen
ist, nicht am Platz. PROUVi hat mit
Recht hier einen sanfteren, mehr idylli-
schen Vorwurf gewählt, der an Frauen-
gestalten WALTER Crane's erinnert. Wie
viele unserer jüngeren Künstler befleissigt
sich auch ProuyA der Goldschmiedekunst; er und
hat diesmal ein Diadem und mehrere Broschen »Le
■'■;
\
» m
4
\
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A
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-.'/
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xi/
4
xi^
Tapete, hergestetlt von JEFFREY Je CO., London
Tapete, hergestellt oon ESSEX & CO., London
Gürtelschlösser ausgestellt. Das Diadem,
Jour€ betitelt, ist trotz der angewandten
Kunst verfehlt; es ist viel zu schwer
und mächtig, um getragen zu
werden ; dagegen sind die Broschen
^Crepuscule<^ und^Aurore«^ brauch-
bar und in ihrer Art gelungene
Stücke, obwohl auch sie deutlich
die skulpturale Abstammung ver-
raten. # Neben ProvvA tritt An-
TONIN Daum höchst vorteilhaft
hervor. DAUM scheint jedes Jahr
neue Fortschritte zu machen, so-
wohl in der Farbengebunß seiner
Vasen wie in ihren Formen, Das
zeigt sich besonders in dem Stück
^Algues et Poissons<i, in dem man
ihn übrigens noch stark unter dem
Einfluss Japans findet, dem über-
haupt viele Nancyer Künstler, Ma-
JORELLE z. B., der diesmal fehlt,
1^ ^1 unterliegen. # C AMILLE MARTIN, der
Nj sich bisher durch ausgezeichnete
V- Lederarbeiten hervorgethan hat,
findet man diesmal mit Erstaunen
als Keramiker, und zwar mit einigen
höchst einfach geformten und de-
korierten aber darum nicht weniger
interessanten Vasen. L. Hestaux,
der Lieblingsschüler Gall^'s, hat
einen breit behandelten Spiegel aus-
gestellt, dessen Motiv durch zwei
Bäume in einfachen Linien dar-
gestellt ist. Derselbe Naturalismus
vi
275
NANCY - ROTTERDAM — KOPENHAGEN
entscheidet auch gegen JACQUES GrVBER, der
das Motiu seines Spiegels der Form einer Orchidee
entlehnt hat. Wie man an diesen Werken sieht,
haben die Nancyer Künstler tldeem, die
ihnen Ehre machen, nur gilt es, diese Ideen
ein wenig zu disziplinieren. Kein Zweifel,
dass viele der Nancyer Künstler uns noch
Werke geben werden , die nach unserem
Standpunkt wertvoller, interessanter, dauernder
sind. H. p.
ROTTERDAM — Jan Toorop veran-
staltete hier im Januar eine interessante
- und reichhaltige Ausstellung seiner
Gemälde und Zeichnungen.
Taptit, hergtattlU von ESSEX A CO,, London
KOPENHAGEN — Der durch seine
dekorativen Holzschnittgemälde und
seine keramischen Versuche bekannte,
sehr begabte Maler Willumsen hat die künst-
lerische Leitung der Porzellanfabrik BING
& Groendahl hier übernommen. Die Fabrik,
die sich bisher in ihren Erzeugnissen im wesent-
lichen an die Porzellanmanufaktur anlehnte,
dürfte dadurch einer interessanten Entwicklung
entgegengehen. 9 Der Maler 0. Matthiesen
scheint eine unverwüstliche Freskentechnik
gefunden zu haben. Der Ätzkalk oder das
Kalkhydrat wird durch Zufuhr von Kohlen-
säure neutralisiert und in kohlensauren Kalk
umgestaltet. Der kohlensaure Kalk hat keine
ätzenden Eigenschaften. Der gewöhnliche
Kalkmörtel härtet sich ausserordentlich lang-
sam an der Luft ab, weil diese nur Oßi^o
Kohlensäure enthält. Selbst wenn der Mörtel
trocken und anscheinend hart ist, kommt
doch das Kalkhydrat in demselben als
nicht an die Sandkörner gebunden vor, weil
das Kalkhydrat in Wasser auflöslich ist,
es kann also von der Feuchtigkeit oder von
dem Regen ganz von den Sandkörnern gelöst
werden. Ist jedoch das Kalkhydrat in kohlen-
sauren Kalk umgewandelt, so wird das Ver-
hältnis ein ganz anderes, denn der kohlensaure
Kalk bindet die Sandkörner zusammen und ist
nicht auflöslich in Wasser. Wir haben es also
hier nicht nur mit einer Neutralisierung des
Ätzkalkes zu thun, sondern auch zugleich mit
einem äusserst bedeutungsvollen Bindeprozess.
Das nämliche Mittel aber, welches die Sand-
körner im Mörtel zusammenbindet, wird zu-
gleich das Bindemittel in der Farbe. Die
Farben, von denen man selbstverständlich nur
die in Wasser nicht auflöslichen, also nicht
aniline oder dergleichen, sondern Erd- und
andere Mineralfarben anwendet, werden in
Kalkwasser geschlemmt, welches ja auch ein
Kalkhydrat ist und auf den nassen Putz ge-
malt. Wenn das Bild fertig ist, wird ein Strom
von Kohlensäure über dasselbe hingeleitet und
die Verwandlung des Kalkbgdrates in kohlen-
sauren Kalk beginnt unverzüglich. Jedes ein-
zelne kleine Farbenpigment, jedes Farben-
kÖrnchen wird dann mit allen seinen Nachbarn
nach allen Seiten hin mit dem kohlensauren
Kalk verbunden, man könnte sagen, in ein
kleines kohlensaures Kalkkrystall eingekapselt.
Dieser Binde- and Neutralisierungs- Prozess
setzt sich durch die ganze Masse hinein fort;
wenn diese erst durchgehärtet ist, sind alle
ihre Teile gleichartig mit einander verbunden
und es findet sich dann in dem Mörtel nicht
das geringste, das die Farben zerstören kann
oder sich in Wasser auflösen lässf.
NEUE BÜCHER
NEUE BÜCHER —ß« AR-
MAND Colin & Cm. ist vor
kurzem das Werk L'EvaN-
GILE DE L'ENFÄNCE DE N. S. J. C.
erschienen, dessen Text Catulle
MENDkS im Dominikanerkloster
zu St. Wolfgang im Salzkammer-
gut entdeckt und mit ausgezeich-
netem Geschmack ins moderne
Französisch übertragen hat. Uns
interessiert hier die Ausstattung des
Buches. Carloz Schwabe hat
jede Seite des Buches mit Tusch-
zeichnungen geschmückt, die auf
mechanischem Wege farbig wieder-
gegeben sind. Der Schmuck besteht
teils in Rahmen um den ganzen
Schriftspiegel herum, teils — soll
er in Vollbildern bestehen, die die
einzelnen Kapitel >illustrierent. Es
ist nicht leicht, den Ton der köst-
lichen Einfalt zu treffen, die den
Reiz des Textes macht, schwerer Taptlr, hergrsMIl mn ESSEX & ca.. London
noch aber ist, es schlechter als
Schwabe za machen, der den Text nur dazu sind nicht religiös, und sentimentale Albern-
benutzt hat, um wieder einmal seinen seichten heilen geben nicht die Einfalt, sondern sind
Symbolismus unterzubringen, und dadurch ein fällig. Vom *Buchmässigen' aber ist auch
den Sinn des Werkes direkt entstellt. Natura- nicht eine Idee vorhanden. Man hätte nicht
listisch gemachte Puppen, die sich in patho- nur den Text nehmen, sondern sich auch an-
logischen Verzückungen die Glieder verrenken, sehen sollen, wie er im Original geschrieben
f und verziert ist. Man hat etwas
* Modernes' geben wollen und da-
runter versteht man noch immer
in Paris im Buchgewerbe das
Gegenteil von dem, was die Alten
für gut befunden haben. Sehr mit
unrecht. Die gewerblichen Ge-
setze lassen sich nicht umstossen,
sondern nur modifizieren und der
gewerbliche Fortschritt kann sich
nicht aus einem unbedingten Bruch
mit der Vergangenheit ergeben, die
im Buchgewerbe uns glänzende
Muster hinterlassen hat, sondern
besieht in den neuen, mit unserer
Zeit übereinstimmenden Formen,
die das, was an den Alten alt ist,
durch neue Elemente ersetzt, aber
nicht das einfach umstösst, was
wir nicht besser machen können.
C. Schwabe oerfährt so, als ob
die Alten überhaupt nicht gelebt
hätten; das macht ihn im vor-
liegenden Fall nicht nur geschmack-
los, sondern, man möchte fast
sagen, pietätlos; pietätlos in dem
religiösen Sinne, dem das Buch
Tapttt, htrvaidu von ESSEX * CO., London eigentlich dienen wollte oder sollte.
277
NEUE BÜCHER
Tapete, hergestellt von KNOWLES & CO., London
In demselben Verlag erschien »SckKES ET^PI-
SODES DE L'HlSTOIRE D'ALLEMAGNE^. Die
Illustrationen von Rochegrosse und A. Mucha,
der höchst belanglose Text von C. Seignobos.
Wir erwähnen das Werk, das nichts als eine
jener vielen spekulativen Weihnachtsunter-
nehmungen ist, nur Muchas wegen — Roche-
grosse ist längst gerichtet, Mucha hat sich
binnen kurzem in Paris mit seinen Affichen
Boden erobert, und die Reklame wagt, seine
faden, farblosen und jeder zeichnerischen Quali-
tät baren Kompositionen im * Stile Sarah Bern-
hardt^ gegen Kunstler von Rang wie Chiret,
Lautrec u. s. w, auszuspielen. Man sollte sich
dieses Buch ansehen, wo man die Art Muchas
genauer verfolgen kann. Er passt zu Roche-
grosse*s pathetischer Anekdotenmalerei wie
ein Zwilling zum andern. Die Kunst fängt
auf einem höheren Niveau an, und was für
Buchillustrationen man aus unseren alten
deutschen Geschichten ziehen kann, sollten
diese Leute von unserem Satiler lernen, der
neben diesen Banalitäten wie ein Genie er-
scheint. — Zu demselben Genre gehört y>MA
Petite Villen von Jean Lorrain, bei Henry
May, Paris, nur dass es sich hier um eine
Luxusausgabe in 300 Exemplaren auf Butten-
papier handelt, dass der Illustrator Orazi
heisst und die Bilder statt auf mechanischem
Wege durch farbige Radierung wiedergegeben
sind. — Ein sehr interessantes Werk hat
Hachette herausgebracht : ^La DANSE<^ von
G. VuiLLIER. An der Hand der Kunstwerke,
die den Tanz darstellen, wird *la danse ä
travers les arts<ii und »ä travers les siec/es«
verfolgt; vom altgriechischen Tanz an, wie
man ihn auf antiken Vasen findet, bis zum
modernen Kotillon, wie ihn unsere eleganten
heutigen Gesellschaftszeichner schildern. Kaum
einer der französischen Maler des vorigen und
unseres Jahrhunderts, die sich mit dem Thema
beschäftigt haben, ist weggelassen; nur der
grösste fehlt, der eine neue künstlerische Welt
mit seinen Ballettscenen geschaffen hat, Degas.
Aus dem übrigens musterhaft und durchaus
im Charakter der Sache ausgestatteten Text
und den vielen guten Reproduktionen lässt
sich mancherlei lernen. Es ist ein zeitge-
mässer Gedanke, der dies Werk geschaffen
hat; es trägt der Tendenz Rechnung, die dem
Tanz in unserer Zeit seine Stelle in der Reihe
der dekorativen Künste zurückzugeben sucht
und Leute wie die Loie Füller, die gegenwärtig
in den Folies Bergires Paris entzückt, nicht
zu den * Artisten^, sondern zu den Kunstlern
rechnet.
Von Nutzbächern sei i>La Peinture Fran-
^AISE DU IX. SlkCLE A LA FIN DU XV/.« VOR
Paul Mantz erwähnt, bei der SociiTt, Fran-
(;aise D'iDiTlONS D'ART, Paris, Die Geschichte
beginnt bei Karl dem Grossen und endigt bei
Freminet. Eine ausfuhrliche Einleitung, die
Olivier Merson dazu geschrieben hat, sucht
den Anfang noch weiter zurückzuschieben
bis in die vorchristliche Zeit. Der Wert des
Buches, das im gewöhnlichen Romanformat
erschienen ist, liegt in der leichtfasslichen
Art, mit der namentlich die, bei uns wenig
bekannten, fran-
zösischen, dekora-
tiven Kirchenmale-
reien des 9. bis
12. Jahrhunderts
besprochen und mit
zahlreichen Abbil-
dungen erläutert
werden, vor allem
in dem billigen
Preis des Buches,
der auch dem min-
der Begüterten ge-
stattet, die Schätze
zu gemessen, die
bisher nur in kost-
baren Fachwerken
enthalten waren.
Da Kenner nur
wenig Neues in dem
Buche finden — na-
mentlich bei Fouc-
quet, dem französi-
schen Malgenie des 5,.,,,,^^,^ Meerespßanze
15. Jahrhunderts, (MeentrandM- Mannestren)
278
NEUE BÜCHER
oermissl man inlimere Behandlung — umso
besser, wenn solche Gebiete populär werden.
— Von deutschen Büchern liegen uns zwei
Lieferungswerke über Architektur vor : »ARCHI-
TEKTONISCHE ENTWCRFE und AUFNAHMEN'
i>on A. L. C. Anger, bei A. Köhler, Dresden.
Aus der ersten Lieferung lassen sich nur auf-
richtiger Fleiss und massvolle Beherrschung
der überlieferten Formen erkennen. — In der
ersten Lieferung der "SKIZZEN ÜBER HOLZ-
ARCHITEKTUR* von H. OTTO im selben Ver-
lag steckt manches Originelle, und es ist an
sich schon ein moderner Gedanke, der archi-
tektonischen Verwendung des Hohes ein Werk
zu widmen. Namenilich unserer Villen- und Aus-
stellungsarchiteklur dürfte es zugute kommen.
— Die dritte Auflage der 'Kunst-Stil-Untbr-
SCHEIDUNG' von SCHMID, bei H.
LVKASCHIK in München, beweist,
dass sich dieser Stilführer in der
Westentasche einzubürgern beginnt.
Wunderlich und amüsant ist die
Tafel mit den Abbildungen des
*neuen englischen Stils* und die
der 'neuesten deutschen Stilrich-
tung *. Da müssen wir denn doch
protestieren. — Bei W. Heinemann,
London, ist ein prachtoolles Bilder-
buch »An ALPHABET" von W.
Nicholson erschienen, dem jungen
Holzschneider, der eigentlich erst
durch das famose Porträt der
Königin, das während den Krö-
nungsfeierlichkeiten in verschie-
denen Londoner Läden zu sehen
war, bekannt geworden ist. Jeder
Buchstabe des Alphabets ist durch
eine lustige Mannes- oder Frauen-
flgur dargestellt in den kräftigen
schwarzbraunen Tönen, die Nichol-
son liebt und einer lediglich auf malerische
Wirkung berechneten Zeichnung, die zu-
weilen an alle Spanier erinnert. Übrigens
ist Nicholson einer der beiden Künstler, die
unter dem Pseudonym Beggarstaff (angeblich
als Brüder) eine Anzahl der besten eng-
lischen Plakate gemacht haben. Der andere
Beggarstaff ist der Maler J. Pryde. -y-
In dem interessanten Hefte, das der 'ARCHI-
TEKT* (Wien,A. SCHROLL&Co.) Arbeitender
Wiener 'WaGNERSCHULE' widmet, treten uns
eine ganze Reihe phantasievoller und eigen-
artiger junger Künstler entgegen; trotzdem
tragen die Arbeiten einen starken gemeinsamen
Zug; wenn aber unter zweifellos individuellen
Schöpfungen solch eine Gemeinsamkeit hervor-
tritt, kann man billig von einem »Stil* reden.
der ihnen innewohnt. — OTTO Wagner weiss
seiner Behandlung antiker Formenelemente ein
so freies, neuartiges Gepräge zu geben, daas
man in der Thal in seinen Werken und in
seiner Schule einer fest ausgeprägten Kunst-
sprache gegenübersteht; sie hat nicht das ge-
priesene Heil in einem gewaltthätigen Bruch
mit historischen Überlieferungen gesehen, das
künstlerische Empfinden und die dekorative
Ausdrucks weise des Emp iregesch m a ckes schaut,
ins Monumentale übersetzt, überall aus diesen
Schöpfungen heraus, aber diese Ausdracks-
weise ist weitergebildet, ist mit modernen
Forderungen in modernem Geiste in Einklang
gebracht, bat aus dem Nährboden einer reichen
Künstlerphantasie neue Kombinationen und
originelle Formen entwickelt.
T Usrapßan
: (Meentraniit.Maaaalreu)
Charakteristisch ist das fast völlige Fehlen
des Kreisbogens in dieser Architektur, er be-
gegnet uns höchstens als Segment, sonst
durchweg gerade Linien; charakteristisch ist
das Dominieren des linearen Charakters im
Ornament gegenüber dem Pflanzlichen, das
mit einer gewissen Absichtlichkeit konuentionell
behandelt bleibt; charakteristisch ist ein zum ■
Teil gerade durch diese Züge erzielter Anklang
an Eisencharakter, der sich darin beweist,
dass in vielen dieser Entwürfe Stein und
Eisen in unauffälliger, wenigstens in der
Zeichnung organisch wirkender Verbindung
auftreten. Alles das giebl diesen Arbeiten für
die Lösung moderner architektonischer Forde-
rungen einen hohen Wert, und doch wäre
es uns lieber gewesen, wenn wir in der Ein-
leitung, die dem Hefte von einem der be-
NEUE BÜCHER — GEDANKEN
Einband Hner Preltlitlr für BLANK A CO., Barnim
teiligten Künstler mitgegeben isl, nicht hätten
lesen müssen, dass »der Wagnerschule das
Verdienst gebührt, im Anschlüsse an die ana-
logen modernen KunstsirÖmungen .... aber
auf selbständiger individaeller Basis weiter-
bildend, eine neue Epoche der Architektur ins
Leben gerufen zu haben.'
Dies eilige Vorwegnehmen des Urteilsrechtes
kommender Geschlechter, das neuerdings bei
jeder frischen Arbeit im unentbehrlichen Ge-
folge zu sein scheint, wirkt doch neben so
reifen Leistungen doppelt kindlich.
Eine gewisse Verwandtschaft lässt sich heute
überall da erkennen, wo in der Architektur
frei nach den Anforderungen moderner Auf-
gaben mit den Schätzen ihrer Kunstsprache
geschaltet wird. Sie beruht ästhetisch oiel-
leichi aor allem in der Bevorzugung gerader
oder diskret geschwungener Linien, und in
einem Streben nach Fläche gegenüber zu-
sammengefasstem, meist flachem Ornament;
im Vergleich zu den Leistungen dieser Art,
wie sie in Deutschland etwa so verschiedene
Naturen wie Schmitz und Bieth repräsen-
tieren, muss man der Wagnerschule einen
Zug ins Frostige nachsagen: viel Phantasie,
viel Geschmack, sehr viel Können, aber wenig
Gemüt. Es liegt ein unausrottbarer repräsen-
tativer Zug in all diesen Arbeiten, der aller-
dings bis zu einer bewundernswerten Höhe
künstlerisch ausgebildet ist. — Dieser Zug
äussert sich auch in der raffinierten Dar-
stellung der Entwürfe, die an Eleganz, Technik
und dekorativem Geschmack wohl kaum zu
übertreffen ist, — manche Grundrisse selbst
wirken wie ein schwungvolles Ornament ; kurz
viele lebendige Reize wird man in diesen Blättern
finden, aber das, was man *iniim«. nennt,
darf man nicht in ihnen suchen. Da ist
die Grenze. F- s.
MODELLI D'ARTE DECORATIVA ITALIANA,
ausgewählt von Alfred Melani aus den
Zeichnungen der kgl. Vfpzien in Florenz,
Verlag von Ü. HOEPLI, Milano, Preis M. 20.
Auf 50 Licbtdrucktafeln werden uns Wieder-
gaben von dekorativen und ornamentalen Ent-
warfen aus der Hochrenaissance and dem
Barock geboten. Es sind darunter Patten,
Karyatiden, Masken, Vasen, Wappen, Zeich-
nungen für dekoratioe Malerei, Fontänen und
dergleichen. Wenn diese auch für unsere an-
gewandte Kunst keinen Gebrauchswert haben,
so sind sie doch gerade jetzt von grossem
historisthen Interesse, denn sie zeigen, wie
allgemein sich damals alle Künstler, nament-
lich jene Toscanas, die hier hauptsächlich
vertreten sind, mit dekorativen Arbeiten und
Entwürfen beschäftigten. Möge auch uns
eine solche Zeit wiederkehren. Die in diesem
Werke uereinigte Auswahl ist gut, die Repro-
duktion originalgetreu. -ß-
GEDANKEN
FORMKUNST: Es giebt eine Kunst,
von der noch niemand zu wissen
scheint: Formkunst, die der Menschen
Seelen aufwählt allein durch Formen, die
nichts Bekannten gleichen, die nichts dar-
stellen und nichts symbolisieren, die durch
frei gefundene Formen wirkt, wie die Musik
durch freie TÖne. Aber die Menschen wollen
noch nichts davon wissen, sie können nicht
gemessen, was ihr Verstand nicht begreift,
und so erfanden sie Programmusik, die etwas
bedeutet, und Programmdekoration, die an
etwas erinnert, um ihre Existenzberechtigung
zu erweisen. Und doch kommt die Zeit, da
in Parken and auf öffentlichen Plätzen sich
Denkmale erheben werden, die weder Menschen
noch Tiere darstellen, Phantasieformen, die
der Menschen Herz zu rauschender Be-
geisterung and ungeahntem Entzücken fort-
reissen werden. •*■ s.